Grünes Wachstum gibt es nicht

Klimakrise Es ist unmöglich, das derzeitige Niveau der Wirtschaft beizubehalten, ohne die Umwelt zu zerstören. Nur mit weniger von allem ist eine Katastrophe abzuwenden
Grünes Wachstum gibt es nicht
Wenn wir unsere Lebensgrundlage erhalten wollen, müssen wir weniger von fast allem tun

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Es gibt einen Kasten mit der Aufschrift „Klima“, in dem Politiker:innen die Klimakrise diskutieren, und einen anderen namens „Biodiversität“, in dem sie über die Bedrohung der Biodiversität sprechen. Umweltverschmutzung, Entwaldung, Überfischung und Bodenerosion heißen weitere Kästen, die im Fundbüro unseres Planeten Staub ansetzen. Dabei enthalten sie alle Aspekte einer Krise, die wir in einzelne Bereiche unterteilt haben, um sie verständlich zu machen. Die Kategorien, die das menschliche Gehirn schafft, um seiner Umgebung Sinn zu verleihen, sind – wie der Philosoph Immanuel Kant beobachtete – nicht das „Ding an sich”. Sie beschreiben eher die Produkte unserer Wahrnehmung als die Welt.

Die Natur kennt keine solchen Unterscheidungen. Da die Ökosysteme der Erde von verschiedenen Seiten gleichzeitig angegriffen werden, verstärkt jede Stressquelle noch die anderen.

Nehmen wir die Lage des nordatlantischen Glattwals, dessen gefährdete Population ein wenig zunehmen konnte, als der Walfang gestoppt wurde. Jetzt geht die Zahl wieder zurück: Insgesamt bleiben weniger als 95 Weibchen im gebärfähigen Alter. Die konkreten Ursachen für diesen Rückgang sind vor allem Todesfälle und Verletzungen, die sich Wale zuziehen, wenn sie mit Schiffen zusammenstoßen oder sich in Fischernetzen verfangen.

Aber dafür sind sie anfälliger geworden, weil sie entlang der Ostküste Nordamerikas in belebtere Gewässer abwandern mussten. Ihre Hauptnahrungsquelle, ein kleines, schwimmendes Krustentier namens Ruderfußkrebs (lat. Calanus finmarchicus) zieht nämlich wegen der Meereserwärmung jedes Jahr acht Kilometer weiter nach Norden. Gleichzeitig hat sich eine kommerzielle Fischereiindustrie entwickelt, die Ruderfußkrebse für die Herstellung von Fischölergänzungsmitteln nutzen, von denen fälschlicherweise verbreitet wird, sie seien gut für unsere Gesundheit. Bisher gab es keinen Versuch, die möglichen Auswirkungen der Calanus-Fischerei zu untersuchen. Wir wissen auch nicht, wie sich die Versauerung der Meere, die ebenfalls durch den Anstieg des Kohlendioxidgehalts verursacht wird, auf diese und viele andere wichtige Arten auswirkt.

Eine allgemeine Krise

Während die Sterberate des Nordatlantischen Glattwals steigt, sinkt die Geburtenrate bei dieser Walart. Mögliche Gründe dafür? Vielleicht sind es die Schadstoffe, die sich in ihrem Körper ansammeln und von denen einige vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Oder es ist der Lärm im Ozean durch Schiffsmotoren, Ultraschall oder Öl- und Gasgewinnung, der die Tiere in Stress versetzt und ihre Kommunikation unterbrechen könnte. Man könnte den Rückgang des Glattwalbestands also als Symptom eines Schifffahrtsproblems oder Fischfangproblems oder Klimaproblems oder Versauerungsproblems oder der Umweltverschmutzung oder eines Lärmproblems interpretieren. Aber tatsächlich kommt alles zusammen: eine allgemeine, durch menschliche Aktivitäten hervorgerufene Krise.

Oder nehmen wir die Nachtfalter in Großbritannien. Wir wissen, dass ihnen Pestizide schaden. Aber die Wirkung dieser Gifte auf Nachtfalter wurde, soweit ich das recherchieren kann, nur einzeln untersucht. Studien zu Bienen zeigen aber, dass die Wirkung von Pestiziden, wenn sie kombiniert werden, synergetisch ist. Mit anderen Worten: der Schaden, den jedes einzelne zufügt, wird nicht zusammengerechnet, sondern vervielfältigt sich. Werden Pestizide mit Fungiziden und Herbiziden kombiniert, wird die Wirkung ebenfalls multipliziert.

Gleichzeitig gehen den Falterraupen wegen des Düngereinsatzes und der Zerstörung ihres Lebensraums die Nahrungspflanzen verloren. Wegen des sich verändernden Klimas passt auch ihr Reproduktionszyklus nicht mehr zur Blütezeit jener Blumen, von denen die ausgewachsenen Tiere abhängen. Zudem wurde entdeckt, dass Lichtverschmutzung eine verheerende Auswirkung auf ihren Bruterfolg hat. Die Umstellung von orangefarbenen Natriumdampf-Straßenlaternen auf weiße LED-Lampen spart zwar Energie, doch für Insekten erweist sich ihr breiteres Farbspektrum als fatal. Dabei breitet sich die Lichtverschmutzung rasch aus, sogar in Naturschutzgebieten, und beeinträchtigt die Tiere fast überall. Kombinierte Auswirkungen zerstören ganze Ökosysteme. Wenn Korallenriffe durch die Fischfangindustrie, die Umweltverschmutzung und das Ausbleichen dank globaler Erwärmung geschwächt sind, schwindet ihre Fähigkeit, extremen Klimaereignissen wie tropischen Zyklonen zu trotzen, die aufgrund unserer Treibstoffemissionen ebenfalls häufiger vorkommen. Wenn Regenwälder durch Abholzung und Rinderzucht durchschnitten und durch importierte Baumkrankheiten zerstört werden, sind sie anfälliger für die von der Klimaerwärmung verursachten Dürren und Feuer.

Drei Prozent der Erdoberfläche sind „ökologisch intakt“

Was würden wir sehen, wenn wir die konzeptionellen Mauern in unseren Köpfen einreißen würden? Wir würden einen Angriff auf die lebende Welt auf allen Ebenen erkennen. Es gibt heute kaum noch einen Ort, der vor diesem anhaltenden Angriff sicher ist. Laut einem jüngeren wissenschaftlichen Aufsatz können geschätzt nur noch drei Prozent der Erdoberfläche als „ökologisch intakt“ betrachtet werden.

Die verschiedenen Auswirkungen haben eine gemeinsame Ursache und die ist schlicht das Volumen bestehender wirtschaftlicher Aktivität. Wir machen von fast allem zu viel, und die Ökosysteme der Welt halten das nicht aus. Aber unser Unvermögen, das Ganze zu erfassen, führt dazu, dass wir diese Krise nicht systematisch und effektiv angehen.

Wenn wir das Dilemma in verschiedene Schubladen packen, verschärfen unsere Bemühungen, einen Aspekt der Krise zu lösen, häufig einen anderen. Würden wir etwa genügend Direct-Air-Capture-Anlagen zur direkten Filterung von Kohlendioxid aus der Luft bauen, um die Kohlenstoffkonzentration in der Atmosphäre deutlich zu verringern, müssten massiv mehr Rohstoffe für die Herstellung von Stahl und Beton abgebaut werden. Dabei strahlen die Auswirkungen solcher Bauprojekte in die ganze Welt hinein. Um nur eine Komponente herauszugreifen: Der Abbau von Sand zur Herstellung von Beton vernichtet hunderte von wichtigen Lebensräumen. Besonders verheerend ist dies für Flüsse, deren Sand im Baugewerbe sehr gefragt ist. Die Flüsse leiden schon jetzt unter Dürre, dem Rückgang von Eis und Schnee in den Bergen, der Wasserentnahme durch den Menschen und der Verschmutzung durch Landwirtschaft, Abwässer und Industrie. Zu diesen Belastungen hinzukommende Sandbaggerungen könnten ein letzter, tödlicher Schlag sein.

Oder betrachten wir die Materialien, die wir für die digitale Revoluion brauchen, die uns vor der Klimakatastrophe retten soll. Schon jetzt werden durch den Abbau und die Verarbeitung der für Magnete und Batterien benötigten Rohstoffe Lebensräume zerstört und neue Umweltkrisen verursacht. Wie Jonathan Watts’ erschreckender Artikel im Guardian diese Woche aufzeigt, nutzen Unternehmen die Klimakrise als Rechtfertigung für die Gewinnung von Rohstoffen aus der Tiefsee, lange bevor wir wissen, welche Auswirkungen das haben könnte.
Das ist an sich kein Argument gegen Direct Air Capture-Anlagen oder andere „grüne“ Technologien. Aber wenn sie mit einem immer weiter wachsenden Volumen an ökonomischer Aktivität Schritt halten sollen und das Wachstum dieser Aktivität durch die Existenz der Maschinen gerechtfertigt wird, kommt dabei unterm Strich ein immer größerer Schaden für die lebende Welt heraus.

Überall streben Regierungen danach, die Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Sie sprechen davon, „unser Potenzial freizusetzen“ und „unsere Wirtschaft anzukurbeln“. Der britische Premierminister Boris Johnson betont, dass „eine globale Erholung von der Pandemie auf grünem Wachstum basieren muss“. Aber so etwas wie grünes Wachstum gibt es nicht. Wachstum zerstört das Grün auf der Erde.

Es besteht keine Hoffnung, aus dieser allumfassenden Krise herauszukommen, ohne die ökonomische Aktivität drastisch zu reduzieren. Reichtum muss umverteilt werden – eine eingeschränkte Welt kann sich die Reichen nicht leisten –, aber er muss auch reduziert werden. Unsere Lebensgrundlagen erhalten würde bedeuten, von fast allem weniger zu tun. Doch dieser Grundsatz – der im Mittelpunkt einer neuen Umweltethik stehen sollte – gilt als weltliche Gotteslästerung.

George Monbiot ist Guardian-Kolumnist

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 01.10.2021
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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