Grün, grüner, Gawker

Online-Journalismus Was geschieht, wenn allein der Geschmack des Lesers die Themen bestimmt? Gawker erreicht online damit so viele User wie die New York Times. Um welchen Preis?

Vor fünfzehn Jahren veröffentlichte der angesehene amerikanische Journalist James Fallows unter dem Titel Breaking the News: How the Media Undermine American Democracy eine bemerkenswerte Studie über die negativen Auswirkungen der Fernsehenberichterstattung auf die Demokratie.

Darin untersuchte er unter anderem die fortschreitende Trivialisierung die damit einhergeht, dass politische Inhalte in griffige Formeln verpackt werden, die sich gut in den Nachrichten machen, indem darauf beharrt wird dass jedes noch so komplexe Thema nur zwei Seiten hat und über politische Kontroversen oder Wahlen berichtet wird, als handele es sich um Fußballspiele oder Pferderennen.


Nebenbei wies Fallows auch auf einen anderen verstörenden Trend hin: Die marktorientierte Berichterstattung, die nicht mehr von der professionellen Beurteilung der Bedeutung und Relevanz einer Nachricht bestimmt wird, sondern von Untersuchungen darüber, was den Konsumenten gefällt und worauf sie anspringen. Grob gesagt führt dies zu einer Vernachlässigung von Politik- und Wirtschaftsthemen zu Gunsten von Geschichten über Verbrechen, Promis und Sport. News-U-Like – Nachrichten nach Wunsch sozusagen.

Anfang dieses Monats beschloss Fallows nun auch die modernen Onlinemedien in dieser Hinsicht unter die Lupe zu nehmen. Seine Ergebnisse hat er in der amerikanischen Zeitschrift The Atlantic in einen ernüchternden Artikel mit dem Titel Learning to Love the (Shallow, Divisive, Unreliable) New Media zusammengefasst. Hierfür besuchte er den in den USA lebenden Briten Nick Denton, Gründer und CEO des Medienunternehmens Gawker Media. Fasziniert erzählt Fallows von diesem „Fleet-Street-Rüpel [Denton ist in London geboren und hat in Oxford studiert], der entschlossen war, den miefigen amerikanischen Newsroom aufzurütteln und mit etwas ganz Neuem aufzupeppen: Den präzisesten Werkzeugen, die je geschaffen wurden, um ganz genau sagen zu können, was das Publikum sehen und lesen will, statt sich auf irgendjemandes Meinung darüber zu verlassen, was es wissen „müsse“.“

Anders ausgedrückt sei Gawker „die Essenz“ des Modells, dem die Entwicklung des Nachrichtengeschäfts entgegenstrebe, schreibt Fallows. Dann nimmt er den Leser mit in das Gawker-Großraumbüro in New York. Dieses wird, so erfahren wir, von einem riesigen Bildschirm beherrscht, dessen oberer Teil ständig Echtzeitansichten der wichtigsten Gawkerseiten zeigt. Diese werden monatlich von insgesamt 32 Millionen Unique Visitors besucht – haben also in etwa so viele Besucher wie die New York Times. Außerdem wird der Datenverkehr jeder Seite angezeigt. Auf dem unteren Bereich des Bildschirms sind einzelne Beiträge von Gawker-Seiten aufgeführt, sortiert danach, wie viele Leute diese aktuell aufgerufen haben. Diese Stories wechselten ständig die Positionen, schreibt Fallows, und seien, je nachdem, ob sie im Auf- oder Abwärtstrend lägen, mit einem grünen oder roten Pfeil versehen.


„Als ich ankam, führte eine Story mit dem Titel Ihr Horoskop könnte jetzt anders aussehen die Liste an, war aber am Absinken, während Das furchtbare Leben eines Disneyangestellten sich auf dem zweiten Platz befand, jedoch mit aufsteigender Tendenz.“ Auf die Frage, wie er bei der Themensuche vorgehe, antwortete ein Gawker-Journalist: „Ich überlege, was auf einer Party wohl ein beliebtes Gesprächsthema wäre.“

An dieser Stelle wird jeder, der in einer Online-Redaktion arbeitet, das Gesicht verziehen, denn auch in seinem oder ihrem schicken Großraumbüro wird irgendwo jemand sitzen, der die sekündlichen Besucherzahlen jeder Page des Onlineauftritts im Auge hat und der weiß, was „klickt“. Tut ein Artikel das nicht, kann das – je nach Redaktionskultur – schon mal für Missmut bei den Chefs sorgen. All das geschieht mittels derselben Technik, die beim Onlinemarketing den Anzeigenleitern sofortige Einsicht darüber erlaubt, was bei den Kunden ankommt.

Den Druck, dem Onlinejournalisten heutzutage ausgesetzt sind, verdeutlicht eine an die Öffentlichkeit gelangte Seite aus einer AOL-Präsentation, die der Medienkommentator Frédéric Filloux in der vergangenen Woche auf seine Internetseite gestellt hat. Unter der Überschrift Wie Sie sich für ein Thema entscheiden werden dort vier Faktoren aufgeführt, die gegeneinander abzuwägen sind: Das Traffic-Potential („Wie viele Seitenabrufe wird dieser Content bringen?“); der Erlös/Profit („Wie hoch ist der TKM [der Tausend-Kontakt-Preis, ein Maßstab für die Effektivität von Onlinewerbung], der mit diesem Thema zu erzielen ist?“); die Produktionszeit („Wie groß ist der Zeitaufwand?“) und zu guter Letzt die redaktionelle Integrität („Erfüllt der Content die redaktionellen Standards von AOL?“). In dieser Reihenfolge.

Der Pionier folgt seiner Leserschaft

Die jeweilige Wichtigkeit, die den einzelnen Faktoren beigemessen wird, wird je nach Redaktionskultur der verschiedenen Onlinemedien variieren. Angesichts des harten Wettbewerbs wirkt sich die technische Möglichkeit, solche Effektivitätsmessungen anzustellen zu können, jedoch immens auf die Atmosphäre aus, in der Journalismus stattfindet.

Der Erfolg von Gawker zeigt, dass ein Weg zur Profitabilität in der ständigen Beachtung der Neigungen und Launen der Internetleserschaft besteht. Nick Denton ist ein Pionier, weil er seiner Leserschaft folgt.

Sollten Sie nun daran denken, sich die Domain newsulike.com zu sichern, vergessen Sie's. Die ist schon vergeben.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

16:45 18.04.2011
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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