Gurken zu Universitäten

Ausverkauf London privatisiert sich zu Tode, bald gehört die letzte zitternde Luftblase den Investoren. Und dann? Kommen wir
Ian Martin | Ausgabe 11/2015 5

Wie wird diese Stadt in 100 Jahren aussehen? Vielleicht der Natur überlassen, eine monströse, verwilderte Version jener albernen Gartenbrücke über die Themse, die unsere Bauschnösel gerade aushecken. Im Jahr 2115 laufen die Laborkreaturen aus dem Dino-Zoo im Regent’s Park frei herum. Ein Diplodocus grast im überwucherten Einkaufszentrum, ein Stegosaurus schläft in den Ruinen des Buckingham Palace. Hoch über den Wipfeln kreist ein Archeopteryx, wo einst eine Hundertschaft Drohnen Feuerwerke auf YouTube übertrug.

Vielleicht werden Historiker dann über das London des frühen 21. Jahrhunderts forschen, werden analysieren, wie die ärmeren Bewohner hinausgedrängt wurden und warum sich die Steuerzahler den gigantischen Transfer öffentlichen Wohlstands an Aktionäre gefallen ließen. Vielleicht stoßen sie dabei auf die berühmten Wandmosaike von Eduardo Paolozzi in der U-Bahn-Station Tottenham Court Road.

2015 kochte kurz eine Debatte hoch, nachdem einige dieser Mosaike – öffentliches Eigentum – stillschweigend zerstört worden waren, im Rahmen der 400 Millionen Pfund teuren Erweiterung des Bahnhofs für eine neue Expressstrecke. „Debatte“ sage ich, aber eigentlich war es nur beiläufiges konfrontatives Gegeifer, wie man es heute kennt. Klicke hier, wenn du die Mosaike toll findest, versus: Schlagt sie kaputt, wen kümmern ein paar hässliche Muster an der Wand? Aber es ging nicht um Ästhetik. Drei Jahrzehnte lang waren Paolozzis Mosaike nicht bloß optimistisches Schmuckwerk, sondern 1.000 Quadratmeter Widerstand gegen den Kommerz. Auf Kunst kann man keine Werbung machen. Man kann keine stumpfsinnigen Minifilme darauf werfen, die eine Fünf-Sekunden-Story über Kapitalanlagen, Vitamine oder Haarpflege erzählen. Die Mosaike entstanden, unmittelbar bevor die Privatisierung als schmutzige Bombe über dem öffentlichen Raum platzte.

Berauschend rußig

Als sie 1982 enthüllt wurden, galt einige Jahre schon das „Recht auf Kauf“. British Petrol und British Aerospace waren bereits privatisiert. Und die anderen farblosen Monopolykarten? British Telecommunications, Häfen, British Steel, Gas, Strom, Wasser, Eisenbahnen. Nein, die kann man nicht privatisieren, die dienen der öffentlichen Versorgung, wie der Name schon sagt … oh, zu spät. Der freie Markt war entfesselt. Alles, was uns gehört hatte, wurde an Fieslinge in Nadelstreifen vertickt.

„Uns“ sage ich, dabei war der größte Trick des Thatcherismus seine Umdeutung des „Wir und die“. Plötzlich gab es Torywähler in der eigenen Familie. Rupert Murdoch schärfte uns ein, dass die Feuerwehrleute und Müllmänner unsere Feinde seien. Dass Gewerkschaften eine dem Untergang geweihte Schmarotzerkaste verträten. Die Regierung drangsalierte die Kommunalverwaltungen und predigte, die Regierung selbst sei unser Feind. Wandte man ein: „Moment, ihr seid doch die Regierung …“, schrien sie: „O Gott! Die Falkland-Inseln!“, und privatisierten weiter. Auf den sonnigen Höhen von Blairvana brachte dann ausgerechnet eine Labour-Regierung die Totalprivatisierung auf den Weg: „Public Finance Initiative“ (PFI) lautete die Zauberformel. Eine Politik, die ihren Schnurrbart zwirbelte und feixte: „Oh, ein Krankenhaus wollen Sie? Erlauben Sie mir, es Ihnen zu bauen. Das kostet Sie keinen Penny. Sie mieten es dann einfach von mir für, sagen wir, 50 Jahre, plus Betriebskosten. Genau, Herr Minister, seien Sie unbesorgt: Bald schon sitzen Sie ja nicht mehr im Kabinett, sondern bei uns im Aufsichtsrat. Kellner! Die Dessertkarte, bitte.“ Nun schulden unsere Kinder den PFI-Aktionären Milliarden, und es ist kein Trost, dass es unseren Enkeln genauso gehen wird.

Ian Martin ist Drehbuchautor der gefeierten Comedy-Serien Veep und The Thick of It

Übersetzung: Michael Ebmeyer

Es gab eine Zeit, als „wir“ die Gewinner zu sein schienen. Also „wir“ im alten, kollektiven Sinn. Nämlich vor der Privatisierung von Luft und Raum. Als Popmusik und der Optimismus des kollektiven Raums in der berauschend rußigen Londoner Luft des Jahres 1967 eins waren. Das Lied jenes Sommers war Waterloo Sunset von den Kinks: Die Nostalgie einer untergehenden Nachkriegswelt verknüpft mit freudiger Erwartung eines neuen, postindustriellen Zeitalters. Terry und Julie, das Paar aus dem Song, furchtlos schauen sie in die Zukunft. Wohin man auch ging, überall erklang die Melodie aus irgendeinem Transistorradio.

Wären Sie Terry und Julie gewesen und hätten im Sommer 67 an der Waterloo Station in den Sonnenuntergang gestarrt, so hätten Sie die Hayward Gallery im Bau gesehen – als Teil einer South Bank für die Menschen, deren Anfang 1951 die Royal Festival Hall gemacht hatte und die ihre Vollendung in den 70ern mit dem National Theatre finden sollte. Da starrten wir und dachten: Das sind wir. Das sind wir, die etwas Großartiges bauen – für uns. Berühmte Architekten waren an der South Bank tätig, aber die Oberaufsicht lag bei der Architekturbehörde des Greater London Council. Stellt euch das vor: eine Zeit, als die meisten Architekten im öffentlichen Dienst arbeiteten und eine Welt der öffentlichen Räume und kollektiven Hoffnungen gestalteten, mit bezahlbaren Wohnungen in gesetzlich festgelegter Mindestgröße. Eine Zeit, als Reklametafeln an der Westmauer des Nationaltheaters undenkbar waren.

Doch dann wurde die Architektur, wie alles andere auch, privatisiert. Nicht nur auf den Finanzmärkten, auch in den Berufen waren die 80er die Zeit der Deregulierung. Budgeteinschnitte ließen die Zahl der Kommunalarchitekten zusammenschrumpfen, die letzten von ihnen wurden im Rezessionswinter 1990 wegrationalisiert. Von nun an oblag es der Privatwirtschaft, Raum und Luft zu gestalten. Architektur wurde neu definiert: nicht mehr gefrorene Musik, sondern versteinerter Thatcherismus. Was der Kunde verlangte, war so viel Profit wie möglich aus einer Baufläche zu ziehen, und das Modell dafür hieß Broadgate: die schultergepolsterte Yuppiefestung in Ostlondon, die am Anfang der Immobilienpreisexplosion stand. Inzwischen ist das Schnöselquartier auch schon 30 Jahre alt und selbst historisch, doch es wächst immer noch weiter, immer mehr Büros werden aufgepfropft und immer noch werden damit irgendwo Vermögen gemacht, von sonnengebräunten Menschen mit streitbaren Anwälten. Nur wenige erinnern sich, was dort vorher war: der Bahnhof Broad Street und seine Umgebung. Architektonisch nichts Besonderes, aber 13 Hektar öffentlicher Raum, den wir als Teil einer staatseigenen Industrie alle nutzen konnten.

Städte haben keine Gästeliste

Je mehr von dem, was „uns“ gehört hatte, an „sie“ überging, desto unstillbarer wurde ihr Hunger nach preisverdächtigem Design und Themse-Blick. Kein Bauland mehr übrig? Gut, dann macht man eben Luft zu Geld. Dieses Prinzip führte der Architekt Terry Farrell ein. Ein Kunde, der einen großen Entwurf in Auftrag gibt, kann dafür die Luftrechte über Charing Cross erwerben und dem wehrlosen alten Bahnhof einen riesigen Büroklotz aufs Dach setzen lassen. Man muss sich nur Londons privatisierte Skyline ansehen. Zum Totlachen, wäre es nicht so furchtbar. Sieht das nicht wie eine Nespresso-Maschine aus? Und das da, eine Zigarre? Eine Kartoffel? Eine volle Windel? Die endgültige Kapitulation der Londoner Stadtplanung vor dem Geld schlägt sich in einem kindisch-willkürlichen Sammelsurium von Sexspielzeugen nieder, die hirnlos in die privatisierte Luft rammeln.

Es gibt Leute, die sagen, es sei egal, dass die beschlagnahmte Luft denen und nicht uns gehört – die Eigentumsverhältnisse ändern doch nichts daran, wie die Welt aussieht. Ach nein? Ich jedenfalls möchte lieber das Wir sein, das die South Bank gebaut hat, als das Die, das den gigantischen Stinkefinger namens The Shard zu verantworten hat. Seine Banalität ekelt mich an, seine strunzdumme Anything-goes-Übergröße ist ein Hohn gegen uns alle. Architekt Renzo Piano nennt die „Ultra-prime“-Etage ganz oben in der Stinkefingerspitze eine „vertikale Stadt“. Aha? Zur Stadt gehört Öffentlichkeit. Die Menschen im Shard kommen entweder mit Tischreservierung oder mit Namensschild an der Brust. Städte haben aber keine Gästeliste.

Vielleicht ist das Leben in London bald tatsächlich nicht mehr auszuhalten: spätestens wenn ein Freund von König Charles III. die letzte zitternde Luftblase kauft. Dann gehört alles den Lehnsherren der Stadt, Milliardären aus Katar, Saudi-Arabien, Russland, Indien und China sowie britischen Hedgefonds, die nach Shakespeare-Figuren benannt sind. Alle Luft wird ihre Luft sein. Und dann, wer weiß? Wenn London restlos in Milliarden von börsengeführten Luftparzellen aufgepixelt ist, ändert sich vielleicht die Welt. Die Weltwirtschaft schmiert mal wieder ab, bloß dass diesmal nicht die Armen, sondern die Reichen bestraft werden. London zerbricht das Joch der Privatisierung und bekommt ein neues Management: unseres. Stellt euch die Skyline als kollektive Landschaft vor – dann folgt die Form zwar trotzdem nicht der Funktion, aber ein neuer Zweck kann Schönheit bringen. Wenn dann ein Kind auf den Shard zeigt, und fragt, was das ist, müsst Ihr nicht mehr erklären, dass da Widerlinge „Geschäfte machen“, sondern könnt sagen, das sind subventionierte Wohnungen für Krankenschwestern, Lehrer und Feuerwehrleute. Verwandelt sich der Stinkefinger damit magisch in „architektonische Schönheit“? Ja, das tut er. Dann zeigt das Kind auf Norman Fosters „Gurke“, und ihr sagt: „Das ist eine Universität.“

Was für eine schöne Welt das wäre. Fangen wir an. Lasst uns die Luft wieder verstaatlichen.

06:00 25.03.2015
Geschrieben von

Ian Martin | The Guardian

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