Leidmotiv

Porträt Thomas Vinterberg wurde mit dem Missbrauchsdrama „Das Fest“ weltberühmt. Sein neuer Film erzählt von einem falschen Pädophilie-Verdacht, der alles zerstört
Xan Brooks | Ausgabe 13/2013 2
Leidmotiv
Vinterberg braucht die Freiheit und will herumrennen, vielleicht auch nackt. Auf dem Cannes-Festival 2012 hat er sich dann doch etwas angezogen

Foto: ANNE-CHRISTINE/ AFP/ Getty Images

In den Siebzigern, lange bevor er ein Filmemacher wurde und die Welt bereiste, war Thomas Vinterberg bloß ein kleiner Junge in einer dänischen Kommune, ein nacktes Kind inmitten nackter Erwachsener. Genüsslich malt er die Szenerie von damals aus. Genitalien hier, Genitalien da; Kinder, die auf nackte Schöße klettern; überall Freizügigkeit und Liebe. Als die Kinder in der dritten Klasse Sexualunterricht forderten, kam ihr Lehrer Olin – „halb besoffen, ein großartiger Kerl“ – dem Wunsch nach, indem er die Hosen herunterließ. „Heute würde er dafür 15 Jahre in den Knast wandern“, sagt Vinterberg und wirkt erstaunt. „Er würde nie wieder in seinem Job arbeiten.“

Der Regisseur – mittlerweile ein gestandener Mann von 43 Jahren – macht keinen Hehl daraus, dass er Sehnsucht nach dieser Kommune hat. In der modernen Welt mit ihren Beschränkungen fühlt er sich aus dem Paradies verstoßen – und verlassen. Man kann seine Karriere als Suche nach der Unverdorbenheit begreifen, die er in seiner Jugend erfahren hat. Als ich ihn treffe, geht er in einem Konferenzzimmer in London auf und ab. Der fensterlose Raum könnte sich überall befinden. „Ich muss den ganzen Nachmittag hier bleiben“, schimpft Vinterberg. Ausziehen darf er sich hier ganz bestimmt nicht.

Guter Bürger oder Paria

Vinterberg hat einen Film gedreht, den er als „Anti-These zu Das Fest“ bezeichnet – jenem Werk, mit dem ihm in den späten Neunzigern der Durchbruch gelang. Beide Filme thematisieren Pädophilie und den Verlust der Unschuld, nähern sich den Themen aber aus unterschiedlichen Blickrichtungen. Ging es in Das Fest ausschließlich um die schockierende Wahrheit – ein Sohn bezichtigt seinen Vater des Kindesmissbrauchs –, konzentriert sich Die Jagd auf die schockierende Lüge. Und auf deren elektrisierende Wirkung auf die Einwohner eines dänischen Städtchens. In einem Moment ist Lucas, gespielt von Mads Mikkelsen, ein anständiger und angesehener Bürger, der mit seinen Kumpels in den Wäldern vor der Stadt jagen geht. Im nächsten ist er ein Paria. Steine fliegen gegen ein Fenster seiner Wohnung, er wird auf der Straße geschlagen. Am Ende scheint es, als bleibe ihm nur noch sein Hund.

Die Jagd ist ein mitreißendes, aufwühlendes Drama. Als ich den Film zum ersten Mal sah, hielt ich ihn für eine Aktualisierung von Arthur Millers Hexenjagd. Vinterberg hingegen versteht ihn eher im Sinne eines Märchens von Hans Christian Andersen. „Es ist ein Film über das Böse, das von draußen kommt, über den Glassplitter, der in eine Gemeinschaft eindringt und alles traurig und beängstigend macht.“

Die Idee zu der Geschichte sei schon vor Jahren in ihm aufgekeimt, als ein Kinderpsychologe ihm eine Reihe von Notizen gegeben habe, erzählt Vinterberg. Die zentrale Verhörszene des Films sei die überarbeitete Version einer echten Mitschrift. Daraus ist nun ein Film über die Opfer einer Hexenjagd – eine Geschichte, die eine neue Art der Bösartigkeit erkennen lässt – entstanden. Vinterberg sagt: „Natürlich gibt es Missbrauch. Darüber habe ich bereits einen Film gemacht. Aber ich denke, es existiert da auch diese andere Gefahr, die nach neuen Opfern verlangt. Diese Opfer sind nicht nur die Männer – und manchmal Frauen –, denen etwas vorgeworfen wird, was sie nicht getan haben, sondern auch die Kinder, die in dem Glauben aufwachsen, sie seien Opfer, ihnen sei etwas Schlechtes widerfahren. Sie wachsen mit ähnlichen Erfahrungen auf wie solche Kinder, denen wirklich etwas zugestoßen ist.“ Er holt tief Luft. „Das ist wirklich scheußliches Terrain.“

Die Jagd feierte im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Cannes Premiere, dort gewann Mikkelsen die Goldene Palme für den Besten Darsteller. Viel mehr noch aber wurde der Film als Comeback Vinterbergs gelobt, mit dem der ehemalige Goldjunge sich zurückgemeldet habe.

Es war Vinterbergs Schicksal, seinen Durchbruch in einem Alter zu erleben, in dem andere Filmemacher noch dabei sind, Erfahrungen zu sammeln und Fuß zu fassen. Aus der Kommune ging er direkt auf die dänische Filmhochschule und gewann Preise für seinen Kurzfilm Last Round. Dort lernte er auch den koboldhaften, talentierten Lars von Trier kennen. Gemeinsam hoben sie die Dogma-95-Bewegung aus der Taufe und warben für eine reinere, freiere Form des Filmemachens mit Handkameras und ohne künstliches Licht. Das Fest machte Vinterberg zu einem Arthouse-Star. Ingmar Bergman rief an und nannte ihn ein Genie. Er erhielt Angebote aus Hollywood. Es schien keine Grenzen mehr zu geben. Dann kam der Absturz.

Vinterberg grinst, er kennt ja seine Geschichte. „Ich habe früh angefangen und hatte viel Erfolg. Filmhochschule, Dogma, außerdem habe ich sehr jung geheiratet. Aber dann erreichte ich mit Das Fest einen Punkt in meinem Leben, von dem aus ich nicht mehr weitergehen konnte. Es war, als ginge ich eine Straße entlang, an deren Ende immer Das Fest steht. Es war das ultimative Ich. Also musste ich anderes Terrain erkunden. So kam es zu ein paar fantastischen, abenteuerlichen Jahren, gleichzeitig aber auch zu vielen schmerzhaften, enttäuschenden Augenblicken.“

2002 ging er in die USA, um It‘s all about Love zu drehen, einen immensen Irrsinn mit Zuckerguss. Joaquín Phoenix stolpert darin in einem apokalyptischen Manhattan über Leichen, während Sean Penn im Flugzeug sitzt und mürrisch aus dem Fenster blickt. Der Film hatte seine Momente, war insgesamt aber vermurkst und konnte nicht überzeugen. Auch Vinterberg blieb nicht unbeschadet. „Es war eine sehr besondere Zeit“, sagt er reumütig. „Alles zerbrach, meine Ehe, meine finanzielle Sicherheit. Es war im Grunde eine mehrere Jahre andauernde Midlifecrisis. Mir war klar, dass ich mein Leben ändern musste.“

Mehr Mode als Revolte

Das Problem sei gewesen, dass der Erfolg ihn vorsichtig und gehemmt gemacht habe. Er musste zu den Wurzeln zurück, wieder lernen, wie man den Idioten spielt. Deswegen halte er auch grundsätzlich an den Dogma-Regeln fest, weil es damals um die Suche nach kreativer Freiheit gegangen sei und weil sie als Regisseure die menschliche Fragilität feierten. „Das ist es, was wir mit Dogma versucht haben. Am Ende war es aber nur noch eine Mode. Mit Dogma war es in der Nacht aus, in der Das Fest 1998 in die Kinos kam. Von da an war es nicht mehr gefährlich, nicht mehr unschuldig, keine Revolte mehr. Es wurde zu einem Style. Aber das war nie die Idee. Es war der ehrliche Versuch, etwas Reines zu machen.“

Als ich ihn frage, ob er noch immer mit seinem alten Komplizen von Trier befreundet ist, verzieht er das Gesicht. „Wir hatten im Laufe der Jahre unsere Streits. Ich bin ein bisschen vorsichtig mit dem Wort Freund. Ich weiß nicht, wie man mit Lars überhaupt befreundet sein kann und ob er mit mir befreundet sein kann. Er spielt zu viele gemeine Spielchen. Aber wir unterhalten uns und sind dabei freundlich zueinander, lassen Sie es mich so sagen.“

Vinterberg denkt über die Erfahrung nach, die von Trier 2011 in Cannes gemacht hat, als er zum Spaß sagte, er sei ein Nazi, und daraufhin von einem Festival ausgeschlossen wurde, das ihm zu Füßen gelegen hatte. „Die Sache mit Lars ist die, dass er ständig versucht, die Leute auf den Arm zu nehmen und dabei immer weiter geht. Bis zu jenem Tag hatte noch nie jemand zu ihm Nein gesagt. Vielleicht sieht er das völlig anders, vielleicht werden wir uns deswegen wieder streiten. Aber ich denke, dass es gut für ihn war. Er ist gegen eine Mauer gelaufen, in Cannes stand sie direkt vor ihm.“

Vinterberg hat heute seine Krise überwunden. Er ist wieder glücklich verheiratet, hat eine neue Familie und auch künstlerisch etwas Neues angefangen. Er hat ein Arrangement mit einem Theater in Wien, welches es ihm ermöglicht, sein Material auf der Bühne mit seinen Schauspielern einem Praxistest zu unterziehen, um zu sehen, ob etwas funktioniert oder nicht. Es sei großartig, sagt er darüber. Gerade erst hat er ein Stück über Alkohol geschrieben: „Es handelt von vier betrunkenen älteren Damen; eine Hommage an das Trinken.“

Und er führt Gespräche über eine Adaption des Romans Am Grünen Rand der Welt. Außerdem plant er, irgendwann einen Film über die Kommune drehen, in der er einst aufgewachsen ist. Nostalgie scheint seine Triebfeder zu sein, sage ich – er gibt mir bereitwillig recht.

Thomas Vinterberg mag den Suff, die Nacktheit, die Freiheit des Ausdrucks. Er verachtet die Regeln und Beschränkungen einer gut geordneten Gesellschaft. „Die mittelmäßige, rationale Welt ist mein Feind“, sagt er. „Gut angepasst ist das, was ich hasse. Gut angepasst bedeutet: ängstlich und feige. Einige meiner besten Freunde sind verrückt. Sie scheren sich einen Dreck darum, was andere Menschen von ihnen halten.“

Als er das sagt, steht er von seinem Stuhl auf und geht wieder im Zimmer umher. Er schwenkt die Arme in der Luft, um zu zeigen, wie diese verrückten Menschen Funken sprühen, wie sie explodieren: „Peng!“, ruft er. „Dort ist das Leben! Peng!“ Er will frei herumrennen, er will nackt sein. Ich wette, der Konferenzraum hält ihn nicht mehr lange.

Dogma-Wunderkind und Theatermacher

Thomas Vinterberg wurde 1969 in Kopenhagen geboren und wuchs als Hippiekind in einer Kommune auf. Er studierte an der nationalen dänischen Filmhochschule, sein Abschlussfilm Last Call wurde 1994 für den Oscar nominiert. Ein Jahr später rief er mit dem Regisseur Lars von Trier „Dogma 95“ ins Leben, ein filmisches Reinheitsgebot. Sein erster Film nach den strengen Dogma-Regeln wurde Das Fest, ein Missbrauchs­drama, das ihn weltberühmt machte.

1997 erhielt der Film mehrere Preise, unter anderem den Spezialpreis der Jury in Cannes und den „New York Film Critics Award“ als bester ausländischer Film. 2008 wurde die Dogma-Bewegung um Vinterberg und von Trier mit dem Europäischen Filmpreis in der Kategorie Beste europäische Leistung im Weltkino bedacht.

Es folgten von Vinterberg die Filme D-Dag, It‘s all about Love, Dear Wendy und Submarino. Neben dem Kino machte er auch einige Fernseh- und Videoarbeiten. Er schrieb etwa Drehbücher für die dänische Polit-Serie Borgen.

In seinem neuen Film Die Jagd, der am 28. März anläuft, geht es um einen zu Unrecht der Pädophilie verdächtigten Kindergärtner und die aus diesem Verdacht resultierende Verfolgung. Zudem hat Vinterberg am Wiener Burgtheater seine Stücke Das Begräbnis und Die Kommune inszeniert. ML

Xan Brooks ist Filmredakteur des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
01:00 11.04.2013
Geschrieben von

Xan Brooks | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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