Gute Frage, nächste Frage

Lost in Showbiz Wenn Promis den Job von Journalisten übernehmen, wird aus Interviews mit Politikern schnell ein nettes Geplauder. Dank Naomi Campbell wissen wir nun: Putin schwimmt viel

Die Bescheidenheit verbietet es der Kolumne Lost in Showbiz zu behaupten, sie übe einen gewaltigen und unerschütterlichen Einfluss auf die Welt der Medien aus, und Redakteure würden jedes einzelne unserer Worte akribisch verfolgen, um es sogleich in die Tat umzusetzen. Stattdessen begnügen wir uns damit, ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Ereignisse zu lenken, die sich seit unserer Behauptung zugetragen haben, dass man einen Promi mit einer Aufgabe betrauen sollte, wenn man will, dass sie fachgerecht ausgeführt wird.

Wir sind stolz, dass einige der Autoren, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenkten, einen durchweg positiven Weg genommen haben. Ein Blick auf den Twitter-Account des Filmregisseurs, Produzenten und Guardian-Autors Michael Winner zeigt, dass er nach wie vor unerschrocken dafür kämpft, den Lesern der Sunday Times die Art brühwarme Exklusivberichte zukommen zu lassen, von denen weniger bemittelte Schmierfinken nur träumen können. Während seine Leser immer noch vor Aufregung und Empörung zittern, weil Nigel Whittaker unsachgemäße Installationen an seinem Swimming Pool vorgenommen hat, hat Winner nun die großen sozialen Netzwerke im Visier, weil er 12 Stunden lang nicht twittern konnte.

Ein Hoch auf recycelte Flugasche

Vermutlich, um die spontanen Proteste und Unruhen in den Straßen in Grenzen zu halten, gab Winner schnell bekannt, er selbst werde der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen: „Egal, wer Twitter betreibt, ich werde es herausfinden und die Namen in der Sunday Times nennen – diese Wichser.“

Lost in Showbiz hat schon lange dafür gebetet, es möge einmal einer kommen, der die Mauer der Geheimhaltung einreißt, hinter der diese Meister der Verkleidung sich verstecken. Sie tarnen sich mit dem rätselhaften Firmennamen Twitter Inc und erlauben Journalisten den Zutritt zu ihren 63.000 Quadratmeter großen Büroräumen in San Fransisco nur, wenn dort Kayne West oder Snoop Dogg auftreten, damit diese ausgiebige Profile ihrer Firmengründer und Geschäftsführer und detailliert Berichte über ihre Inneneinrichtung schreiben, ohne dabei zu vergessen, anzugeben, wieviel recycelte Flugasche in dem Konferenztisch aus Beton enthalten ist (40 Prozent).

Warum Schmetterling, Herr Putin?

Andernorts beobachtet Lost in Showbiz mit großem Vergnügen, dass seine Kampagne, bis ins Jahr 2016 alle Journalisten durch Promis zu ersetzen, an Fahrt aufnimmt und immer mehr Unterstützung erhält. Liebe Freunde, begrüßen Sie mit mir die international führende Reporterin für internationale Angelegenheiten: Naomi Campbell. Nein, Sie sollen nicht so spöttisch dreinschauen, sonst haut Ihnen noch jemand in einem Anfall unkontrollierbarer Wut einen Blackberry über den Kopf. Lenken Sie Ihren Blick stattdessen lieber auf Campbells jüngstes Interview mit Russlands Premier Wladimir Putin, der ja gewissermaßen selbst eine Art Model ist, wie jeder, der ihn oben ohne beim Pferdefüttern gesehen hat, bestätigen wird.

Lost in Showbiz ist der Ansicht, dass der Blick, mit dem er die Kamera fixiert, das ist, was Tyra Banks in America’s Next Top Model "leidenschaftliche Augen" nennen würde. Vielleicht ist es das, was Naomi Campbell ermöglicht, nicht an all die Putin-kritischen russischen Journalisten zu denken, die auf geheimnisvolle Weise ermordet wurden, um die Frage zu stellen, die sich bislang noch niemand zu stellen gewagt hat – ihm, dem Mann, der mehrfach der Vetternwirtschaft und Korruption in bislang unbekanntem Maße beschuldigt wurde, und der einen Staat führt, der nach Meinung von Analysten grundsätzlich undemokratisch ist und in dem politische Attentate auf der Tagesordnung stehen, politische Gegner ins Gefängnis gesteckt und ermordet werden, der mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet und so weiter: "Wie schaffen Sie es, sich so fit zu halten?"

Nachdem es ihr unfreiwillig gelungen ist, zu beweisen, dass Putin selbst dann bedrohlich klingen kann, wenn er über sein Fitnessprogramm Auskunft gibt ("Ich schwimme täglich und hin und wieder treffe ich mich mit Freunden und mache außerplanmäßige Dinge."), geht das Verhör so gnadenlos weiter, dass selbst der härteste Geheimdienstmann zurückgeschreckt wäre: Warum schwimmt er am liebsten Schmetterling?

Es dürfte nachvollziehbar sein, dass der Panzer, journalistisch so in die Zange genommen, Risse bekommt und verwirrende Tatsachen ans Licht kommen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss allerdings gesagt werden, dass Putin nicht die erste Person des öffentlichen Lebens ist, die sich auch für Bare-Knuckle-Boxen interessiert, wohl aber der erste, der sich auch für die Sportart interessiert, wenn Frauen sie ausführen. Es seien nicht dicke Frauen, die ihn interessierten, stellt Putin vorauseilend klar, damit keiner auf die Idee kommt, er genieße es, übergewichtigen Damen dabei zuzusehen, wie sie mit den Fäusten aufeinander losgehen. Ihn interessieren „nur starke Frauen.“

Ein Topmodel in den Iran

Durch Campbells Antwort auf sein Eingeständnis bereits etwas angeschlagen – „Das würde ich gerne sehen“ – ertappte Lost im Showbiz sich dabei, dass unsere Gedanken zu der Vorstellung abschweiften, wie der britische Premierminister sein Interesse für weibliches Bare-Knuckle-Boxing bekundet. Dann verloren wir das Bewusstsein. Als wir wieder zu uns kamen, erwogen wir die Möglichkeiten, die dieses unglaubliche Programm, Journalisten gegen Prominente auszutauschen, für die Zukunft verspricht: Man könnte das britische Topmodel Agyness Deyn in den Iran schicken, um zu sehen, ob sie Ahmadinedschad nicht ein paar Einzelheiten über dessen Fitnessprogramm entlocken kann! Oder lassen Sie uns IT-Girl Alexa Chung ein Ticket nach Nordkorea buchen! Jetzt!

Übersetzung: Holger Hutt

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16:40 08.02.2011
Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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