Alan Rusbridger
04.04.2011 | 08:00

Gutenberg für alle

Medien Das Netz ist keine Bedrohung, sondern eine große Chance für den Journalismus – wenn man seine Möglichkeiten zu nutzen weiß

Es galt seit jeher als selbstverständlich, dass der Journalismus kein Geschäft ist wie jedes andere. Seine Aufgabe ist zu bedeutend. Deshalb wird er manchmal auch als vierte Gewalt bezeichnet – ein Teil der Gesellschaft, der so wichtig ist wie die Regierung, die Gerichte oder die Kirche. Einige würden sogar behaupten, er sei noch wichtiger.

Nahezu jeder Erwachsene über 30 Jahren ist mit der Vorstellung groß geworden, dass die vierte Gewalt aus lediglich zwei Bereichen besteht: Presse und Rundfunk. Beide werden unterschiedlich finanziert und reguliert. Das hat zu sehr unterschiedlichen Vorstellungen darüber geführt, was Journalismus ist.

Jetzt aber gibt es einen neuen Player auf dem Platz. Wenn man so will ein dritter Flügel der vierten Gewalt. Man könnte sogar argumentieren, dass es zwei neue Player gibt: das ursprüngliche World Wide Web, das im Grunde ja nur eine andere Form der Informationsübertragung ist, und das Web 2.0 – also die neuen sogenannten sozialen Medien. Die Erkundung dieses digitalen Raumes führt zu einer völlig neuen Vorstellung von dem, was Journalismus ist. Für manche stellt sich inzwischen sogar die Frage, ob es so etwas wie „Journalismus“ als abgrenzbare Einheit überhaupt noch gibt.

Denn diese doppelte Revolution innerhalb eines Zeitraums von nur 20 Jahren hat dramatische Auswirkungen auf die Normen und Kategorisierungen von Information. Wir werden Zeugen der Zersplitterung der vierten Gewalt. Der digitale Raum gehört niemandem und wird von niemandem reguliert. Darin unterscheidet er sich von den traditionellen Medien Print und Rundfunk. Er entwickelt sich so schnell, dass wir oft vergessen, wie neu all dies ist.

Es ist völlig verständlich, dass diejenigen von uns, die zumindest noch mit einem Bein in den traditionellen Medien stehen, ungeduldig nach dem Geschäftsmodell fragen, das es uns auf Weise ermöglichen würde, uns in digitale Unternehmen zu verwandeln und als solche weiterhin die Einnahmen zu erzielen, derer sich die Verlage vor der Erfindung des Internet regelmäßig erfreut haben.

Zunächst einmal müssen wir aber verstehen, womit wir es zu tun haben. Es erstaunt mich immer wieder, wie schwer sich einflussreiche Medienleute damit tun, über den Tellerrand ihres eigenen Mediums hinauszublicken und sich anzusehen, was dieses Tier namens soziale oder offene Medien so treibt. Wie es sich gegenwärtig verhält. Wozu es in Zukunft in der Lage sein wird.

Welt im Umbruch

Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor. Und dieser revolutionäre Umbruch ereignete sich während eines Wimpernschlages.

Einerseits ist sicherlich die Geschwindigkeit dieser Revolution ein Problem. Andererseits tun wir Journalisten uns schwer damit, diese Entwicklungen um uns herum wahrzunehmen und vor allem mit den Dingen in Verbindung zu bringen, die wir bislang gemacht haben. Kein Wunder: Die meisten dieser Internet-Startups sehen erst einmal nicht aus wie Medienunternehmen. Ebay? Es kauft und verkauft Zeug. Amazon? Ebenso. Facebook? Das ist doch die Webseite, auf der Teenager das Zeug posten, das später einmal dazu führen wird, dass sie keinen Job kriegen.

Wenn das alles sein sollte, was wir sehen, wenn wir online gehen, dann verpassen wir etwas ganz Wesentliches. Ich habe schon sehr früh alle Guardian-Redakteure dazu gedrängt, sich auf Facebook anzumelden. Sie sollten verstehen, wie diese neue Art von Kreativität und Vernetzung funktioniert. Von Ebay können wir lernen, wie man mit Fragen von Identität oder Reputation umgehen sollte. Denn das sind Fragen, die sich uns Journalisten auch im Umgang mit den Lesern stellen. Noch ein anderes Beispiel: Anhand der Webseite TripAdvisor kann man das Potenzial erfassen, das Peer-Reviews entfalten können.

Ich weiß nicht, wie viele Leute – einschließlich einer überraschend großen Anzahl an Kollegen in anderen Medienunternehmen – die Augen verdrehen, wenn das Wort Twitter erwähnt wird. „Für so etwas hab ich keine Zeit“, sagen sie. „Belangloses Zeug. Irgendwelche Trottel erzählen, was sie gerade gefrühstückt haben. Mit dem Nachrichtengeschäft hat das nichts zu tun.“ Nun ja – ja und nein. Sicher ist vieles belanglos. Wenn man aber glaubt, der Kurzmitteilungsdienst Twitter habe nichts mit dem Nachrichtengeschäft zu tun, liegt man so falsch wie nur irgend möglich.

Ich verwende Twitter einfach als ein Beispiel für die Macht und Möglichkeiten der sozialen Medien. Vielleicht wird Twitter das gleiche Schicksal beschieden sein wie anderen, heute längst vergessenen digitalen Eintagsfliegen. Der große Nachteil von Twitter besteht ja darin, dass das ganze Gewicht einer Nachricht, die internationales Aufmerksehen erregt, möglicherweise auf eine einzige ungesicherte Information zurückgeht. Aber eines ist dennoch sicher: Der Antrieb und die Motivation, die hinter diesen Formen von offenen Medien stecken, werden nicht verschwinden. Wir würden einen ernsten Fehler begehen, wenn wir ihre Möglichkeiten ignorieren würden – sowohl in journalistischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Heute können wir wesentlich besser erfassen, wie weit der Kulturwissenschaftler Raymond Williams seiner Zeit voraus war, als er vor gut 60 Jahren beschrieb, was wahre Kommunikation für ihn bedeutete: Er nannte es „aktive Rezeption und lebendige Reaktion“. Um diese zu ermöglichen, brauche man eine „effektive Erfahrungsgemeinschaft“ und eine „Anerkennung praktischer Gleichheit“. Williams war im Prinzip der Überzeugung, dass eine gemeinsame Kultur ohne solche Mechanismen nicht überleben könne.

Unterwegs im Netz

Natürlich sind social media allein nicht genug. Ich möchte sie in keiner Weise gegenüber den traditionellen Medien bevorzugen. Wir sollten nicht verärgert darüber sein, dass Twitter in gewisser Weise parasitär ist. Im Gegenteil: Viele der Verweise und Links führen von Twitter zu Webseiten von Verlagen, die nach wie vor in originäre Berichterstattung investieren, nach wie vor die Autoritäten herausfordern, Dinge herausfinden, Kontexte vermitteln und Zusammenhänge erklären.

Ich bin überzeugt, dass wir unermüdlich alles uns Mögliche darüber lernen sollten, wie die Menschen die Post-Gutenberg-Möglichkeiten im Netz nutzen und diese Lehren in unsere Arbeit als Journalisten und Verleger einfließen lassen. Es geht dabei nicht darum, dass alle so schnell wie möglich auf Twitter unterwegs sein müssen. Aber wir sollten unsere eigenen Medien öffnen und auf Kooperation mit anderen ausrichten.

Beim Guardian und unserer Sonntagszeitung Observer sind mehr als 450 Leute auf Twitter angemeldet, zusammen mit 70 verschiedenen monothematischen Sites wie etwa der Tech Blog oder Feeds für Teilbereiche. Unsere Journalisten sind auf diese Weise draußen in der Netzwelt unterwegs, suchen nach Hilfe, Ideen, Feeedback, beteiligen sich an alltäglichen Gesprächen. Reporter benutzen open media als Mittel, um Quellen, Communities und Leser zu finden.

Auch die Wahrnehmung einer Geschichte – mit einem schönen Ein- und Ausstieg – ist dabei, sich zu verändern. Liveblogging kann bei bestimmten Ereignissen ein Millionenpublikum anziehen. Wir nutzen die Leser für unsere Vor-Ort-Recherche, egal, ob es um das Aufspüren von Steuerhinterziehern geht, oder darum, Leute zu finden, die auf einer Demonstration Polizeiübergriffe erlebt haben oder ob 27.000 Leser dabei mitmachen, 400.000 Berichte über die Ausgaben von Abgeordneten durchzusehen.

Die Leser lieben es jedenfalls, beteiligt zu werden. Sie sind auch gerne als Kritiker, Kommentatoren und Fotografen aktiv. Sie lieben es, zu helfen und gefragt zu werden, ihr persönliches Wissen mit anderen zu teilen, ihre Erfahrungen einzubringen. Sie haben das Gefühl, einiges von dem Zeug, das sie produzieren, sei nicht relevant genug? Da stimme ich ihnen zu. Lassen Sie uns von Ebay etwas über Reputation, Ranking und Identität lernen.

Wir experimentieren mit open data, um unseren Content dorthin zu bringen, wo unsere Leser sind – übrigens am liebsten zusammen mit Werbung. Einige der radikaleren Ideen werden funktionieren, einige nicht. Das ist ein Risiko. Aber es ist noch gefährlicher gar nicht zu experimentieren.

Diese offene und kollaborative Zukunft des Journalismus – ich benutze dafür gerne das Wort „mutualised“ – auf Gegenseitigkeit orientiert – um das neue Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten zu beschreiben – sieht bereits jetzt anders aus als der bisherige Journalismus. Je mehr wir andere miteinbeziehen können, desto eher werden sie engagierte User anstatt nur Beobachter sein, oder, noch schlimmer, ehemalige Leser.

Die Suche nach Einnahmen

Und ja, wir werden für einen Teil unseres Angebot auch Geld verlangen – wie wir dies auch in der Vergangenheit für die Zeitung getan haben. Aber wir werden den Großteil unserer Inhalte weiter frei zugänglich für alle halten. Meine Kollegen, die sich beim Guardian um die wirtschaftlichen Dinge kümmern, sind der festen Überzeugung, dass unser auf Gegenseitigkeit beruhender Ansatz neue Möglichkeiten bietet, Geld zu verdienen.

Ich kritisiere niemanden, der einen anderen Weg zu beschreiten versucht, wie etwa die britische Times, die Rupert Murdoch gehört und ihren Inhalt im Netz nur gegen Bezahlung zugänglich macht. Man kann nicht Pluralität predigen und dann für ein ganz bestimmtes Journalismus-Modell argumentieren oder sich gegen die Versuche anderer Verlage aussprechen, die alternative Finanzierungsmöglichkeiten suchen. Im Gegenteil, es ist gut, dass verschiedene Medienunternehmen derzeit verschiedene Wege in die Zukunft ausprobieren. Und die Modelle, die gegenwärtig diskutiert oder ausprobiert werden, unterscheiden sich sehr stark.

Unser Web-Traffic liegt durchschnittlich bei ungefähr zwei Millionen Unique User am Tag. Ein unabhängiges Unternehmen hat kürzlich die Netz-Leserschaft der Times gemessen und kam zu dem Ergebnis, dass deren Traffic – die Ipad-Apps nicht mit eingerechnet – hinter der neu eingerichteten Paywall um 98 Prozent geringer war als davor. Analysten haben errechnet, dass der Content hinter der Paywall weltweit ein Gesamtpublikum von ungefähr 54.000 Lesern pro Monat erreicht, von denen 28.000 für die Netzinhalte bezahlen (der Rest sind Print-Abonnenten, die über einen kostenlosen Zugang verfügen.)

Das soll keine Kritik an der Times sein: Dieser Weg könnte für die Art und Weise, wie man dort die Zukunft sieht, durchaus Sinn ergeben. Eine Beurteilung, welche Finanzierungsmodelle für verschiedene Ansätze von Bedeutung sind, muss noch eine Weile warten. Aber diese vergleichenden Zahlen verweisen auf vollkommen verschiedene Vorstellungen des angelegten Maßstabs, der Verbreitung, des Publikums, Engagements und der Zielsetzung – und von Journalismus selbst.

Was das Internet angeht, gehöre ich zu den Utopisten und ich bin mir völlig bewusst, dass manche dies als Schimpfwort verwenden. Um einen Blogger zu zitieren: Beim Social Web geht es nicht um ein Ende dessen, was zuvor war, sondern um den Ausgangspunkt für das, was als nächstes kommt: eine reichere und komplexere Gesellschaft.

Alan Rusbridger ist Chefredakteur des Guardian. Der Artikel ist eine bearbeitete Version seiner Andrew Olle-Lecture, die er in Sydney gehalten hat. In dieser Form ist er in der Beilage zum Medienkongress 2011 Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt von taz und Freitag in der Freitag Nr. 13 erschienen.

Der Medienkongress findet am 8. und 9. April im Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. Zum Programm des Kongresses gelangen Sie, wenn Sie auf den Medienkongress-Button klicken.

Übersetzung: Holger Hutt