Hai und Hummer

Fisch-Piraterie Sie raubt ­einigen der verwundbarsten Regionen die Nahrung

Illegales, nicht dokumentiertes Fischen stellt eine der ernsthaftesten Bedrohungen für die Zukunft der weltweiten Fischfanggebiete dar. Es tritt mittlerweile in allen Fischerei-Gründen auf, von Küstengewässern bis zu Ozeanen. Es ist davon auszugehen, dass den Entwicklungsländern dadurch ein jährlicher Schaden bis zu 15 Milliarden Dollar entsteht“, hieß es 2009 im Bericht der Environmental Justice Foundation (EJF), einer britischen Stiftung, die mit ihrem Report eine dreijährige Untersuchung zusammenfasst.

Worum geht es? Skrupellose Unternehmen aus China, Europa und Lateinamerika fischen unter Billigflaggen in Gewässern, in denen sie nicht unterwegs sein dürften. Sie melden ihre Fänge keiner Behörde und „waschen“ den Fang noch auf hoher See durch Umladung auf „legale“ Schiffe. Danach wird es unmöglich, die Herkunft der Ausbeute zu identifizieren. In den Gewässern vor West- und Ostafrika hat derartige Raubfischerei die Fangquote lokaler Fischer inzwischen um 30 Prozent schrumpfen lassen. „Die Raubfischer ruinieren das Leben der Küstenbevölkerung in Ländern wie Somalia, Guinea, der Elfenbeinküste oder Angola. Diesen Staaten fehlt eine Flotte, um ihre Gewässer zu überwachen“, heißt es im EJF-Bericht weiter. Luftbildaufnahmen der Hoheitsgewässer Guineas erbrachten das Ergebnis: Zwei Drittel der 2.313 dort zwischen 2005 und 2008 kreuzenden Schiffe verstießen gegen Rechte des Anrainer-Staates. Ähnliches geschah vor der somalischen Küste, wo im gleichen Zeitraum geschätzte 700 Trawler die vom Aussterben bedrohten Arten Thunfisch, Hai und Hummer abfischten.

Hilflos ausgeliefert

Abgesehen von den sozialen Folgen für afrikanische Küstenstaaten, verursacht die Raubfischerei längst Umweltschäden in Größenordnungen, indem sie das Artensterben enorm beschleunigt. Bis zu 75 Prozent der weltweiten Fischbestände sind nach Angaben der Vereinten Nationen vollständig ausgebeutet oder durch Überfischung bereits vernichtet. Arme Länder können sich dagegen nicht wehren. Im Gegenteil, sie sind der gegen sie ausgeübten Gewalt der Raubflotten hilflos ausgeliefert. So wurden nach Angaben der Environmental Justice Foundation Schiffe der angolanischen Fischereibehörde von illegalen Trawlern des öfteren gerammt. Versuchte jemand, bei einem Raubfischer an Bord zu gehen, wurde er mit kochendem Wasser übergossen. Wenigstens zwei Inspektoren aus Angola kamen ums Leben, als sie Schiffe betraten, um diese zu kontrollieren.

Las Palmas auf den Kanarischen Inseln gilt als Zentrum des illegalen Fischerei­wesens im Atlantik. Raubfischer können hier anlegen, ihre illegalen Fänge umladen, sich verproviantieren und Kurs auf Le Havre, Rotterdam oder Hamburg nehmen.

In einer anderen Studie vermerkt die unabhängige Meeresschutzorganisation Oceana, dass die europäischen Meere am stärksten durch Überfischung beschädigt seien. Wörtlich heißt: „Nach Angaben der EU-Kommission sind 88 Prozent unserer Fischbestände überfischt, von denen wiederum 69 Prozent Gefahr laufen zu kollabieren. In Europa werden zudem jeden Tag 55.000 Tonnen Öl sowie andere Schadstoffe ins Meer geleitet, zugleich 350.000 Hektar Meeresgrund durch Schleppnetzfischer belastet und 20.000 Tonnen Fisch entnommen. Von dieser Menge werden im Schnitt bis zu 3.000 Tonnen versehentlich gefangen und zurück ins Meer geworfen. Dieser ‚Beifang‘ kann in manchen Regionen bis zu 90 Prozent des gesamten Fischzuges ausmachen.“


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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

John Vidal | The Guardian

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