Hamidullah kehrte nie zurück

USA Am 10. Jahrestag der Eröffnung des US-Camps Guantánamo muss auch an Tausende von Gefangenen erinnert werden, die in Afghanistan oder anderswo festgehalten werden

Es dauerte nicht lange, bis eines der Mittel bekannt wurde, mit dem die Taliban an den Verhandlungstisch bugsiert werden sollen: Vor einer Woche berichtete der Guardian über Pläne der USA, mehrere hochrangige Taliban-Führer aus Guantánamo Bay zu entlassen, unter ihnen der ehemalige Innenminister Mullah Khair Khowa und Noorullah Noori, Ex-Gouverneur in Nordafghanistan. Möglicherweise wird sich ein drittes Land wie etwa Katar ihrer annehmen. Der ehemalige Armeekommandant Mullah Fazl Akhung könnte ebenso auf freien Fuß gesetzt werden.

Damit wäre ein unvermeidlicher Schritt in die richtige Richtung getan, der an erste zögerliche Annäherungen im nordirischen Friedensprozess erinnert. Zudem böte sich eine zweckdienliche, wenn auch nur teilweise Lösung für den Status der 171 Personen, die noch immer in diesem berüchtigten US-Gefängnis in der Karibik sitzen und den USA juristische Kopfschmerz bereiten.

Guantánamo lenkt die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf andere beschämende Fragen über die Führung des „Krieges gegen den Terror“, dem – wie selbst die US-Behörden einräumen – oftmals unschuldige Männer, Frauen und Kinder ausgeliefert waren, die noch immer in Gefängnissen auf der ganzen Welt festsitzen. Hamidullah Khan etwa war gerade 13 Jahre alt, als er aus dem pakistanischen Südwaziristan verschwand. Ich habe seinen Vater Wakeel Khan kürzlich in Islamabad getroffen. Stolz erzählte er, sein Sohn, von dem er mir Bilder zeigte, sei „sehr gut aussehend“. Manchmal sei er mit den Gedanken etwas abwesend, in der Schule aber mit vollem Eifer dabei gewesen: Sein Traum war, Arzt zu werden. In den Sommerferien 2008 schickte der Vater Hamidullah zum Haus der Familie in Südwaziristan, um dort einige Habseligkeiten abzuholen. Weil er arbeiten musste, konnte Wakeel die Reise nicht selbst antreten. Hamidullah kehrte nie zurück.

Der ehemalige Soldat Wakeel versuchte daraufhin, die Spuren seines Sohns zurückzuverfolgen. Er fuhr mit dem Bus in die Provinz und fragte überall nach: Bei Verwandten, alten Armeekontakten, den lokalen Taliban. Niemand wusste etwas. Er spielte auch mit dem Gedanken, zur Polizei zu gehen. Da die aber schon für die Ausstellung eines Ausweises 300 Rupien Schmiergeld verlangte, fragte er sich: „Wie viel würden sie verlangen, einen Menschen zu suchen?“

Eine Geschichte unter vielen

Nach einem Jahr machte das Rote Kreuz Hamidullah schließlich ausfindig und übermittelte seiner Familie einen Brief, in dem stand, dass der Junge im Bagram-Gefängnis in Afghanistan festgehalten würde. Trotz der Zusicherungen der Amerikaner, die Gefangenen würden gut behandelt, wurde am vergangenen Wochenende einmal mehr der Vorwurf laut, es komme dort zu Misshandlungen. Bislang gibt es keine Erklärung dafür, warum ein Junge diesen Alters festgenommen und Hunderte Kilometer weit weg gebracht wurde, warum es nie eine Anklage gab, und warum er immer noch nicht freigelassen wurde.

Als Hamidulla verschwand, begann seine Mutter zu fasten. Drei Jahre lang hielt sie durch, bis ihr Sohn sie in einem Brief überzeugte, nur noch an einem Tag in der Woche nichts zu essen. Inzwischen ist sie Diabetikerin und größtenteils ihr Augenlicht verloren. Diese Geschichte ist nur eine von von anderen, wie der Fall Abdul Haleem Saifullah zeigt. Der Junge war 18, als er in Karatschi verschwand, nachdem er seinen Vater für eine Nierenbehandlung vor einem Hospital abgesetzt hatte. Er wolle nur noch „ein paar Besorgungen“ machen und sei dann „gleich zurück“, hatte er noch gesagt. Es verging immer mehr Zeit, die Sorgen der Familie wuchsen, aus Furcht vor Ärger wandte sie sich aber nicht an die Polizei. Erst nach einem Jahr erfur sie, dass auch ihr Sohn in Bagram festgehalten wurde.

Saifullahs Onkel sagt, es sei undenkbar, dass sich sein Neffe mit „schlechten Leuten“ eingelassen habe: Er musste von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang arbeiten. Saifullahs Mutter fragt bis heute jeden Tag, wann ihr Sohn zurückkommt. Es gibt eindeutige Beweise dafür, dass die US- und pakistanischen Behörden im Zusammenhang mit Saifullahs Verhaftung wiederholt die Wahrheit verzerrt – oder, um es genau zu sagen – gelogen haben. Das pakistanische Außenministerium behauptete, erst im Oktober 2010 herausgefunden zu haben, dass der junge Mann in Bagram sei und laut Angaben der Amerikaner im Mai 2009 in der afghanischen Provinz Zabul festgenommen wurde. Dabei ist seine Familie im Besitz von Briefen, die sie bereits September des Jahres 2005 von ihm aus Bagram erhalten hat.

18 mal mehr

Dieses Muster, Verwirrung stiften und vorsätzlich täuschen, wiederholt sich bei vielen Verschwundenen, deren Spur später nach Bagram zurückverfolgt werden konnte. Eindeutigkeit herrscht in der Sache hingegen in Bezug auf die Gesetzeslage. Ein Berufungsgericht hat der britischen Regierung jüngst eine Deadline bis zum 18. Januar gesetzt, um die Entlassung eines anderen Bagram-Insassen zu erwirken. Yunus Rahmatallah wurde 2005 im Irak von britischen Soldaten festgenommen. Sollte er nicht bis zum 18. Januar entlassen werden, begeht Großbritannien nach Auffassung der Richter – auch wegen der Auslieferung des Gefangenen an die Amerikaner – einen Bruch der Genfer Konventionen. Ob Letztere davon irgendeine Notiz nehmen werden, bleibt abzuwarten. Immerhin aber ist das Urteil ein Schritt vorwärts. Eine andere Hürde wird darin bestehen, Pakistan und viele andere Länder weltweit davon zu überzeugen, die von ihnen verratenen und dann im Stich gelassenen Bürger wieder aufzunehmen. Die Menschenrechtsorganisation Repriev hat im Namen zahlreicher dieser Häftlinge Gesuche bei Gerichten eingereicht.

Doch so wie die Dinge liegen, gibt es am zehnten Jahrestag der Eröffnung von Guantánamo tausende Fälle, die denen von Hamidullah, Saifullah und Yunus gleichen. Jüngsten Schätzungen zufolge liegt die Zahl der in Bagram Inhaftierten bei 3.000. Das sind grob gerechnet 18 mal mehr als in Guantánamo Bay.
Während also die aufkeimenden Friedensverhandlungen mit den Taliban Schlagzeilen machen und zu prominenten Entlassungen aus Guantánamo führen, warten junge Männer wie Hamidullah weiter. „Ich möchte immer noch Arzt werden“, schreibt er in einem Brief an seinen Vater. „Es bricht mir das Herz, dass Gott mir die Erfüllung dieses einen Wunsches verweigert.“

Übersetzung: Zilla Hofman
15:05 11.01.2012
Geschrieben von

Mary Fitzgerald | The Guardian

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