Happy Filesharing

Netzfreiheit Es ist erstaunlich, dass die BitTorrent-Plattform Pirate Bay auch nach zehn Jahren noch existiert. Inzwischen ist sie zu einem Symbol der Webfreiheit geworden
Happy Filesharing
Der erste Pirate Bay Server, welcher 2006 von der Polizei während einer Razzia konfisziert wurde, steht heute im Stockholmer Technikmuseum
Foto: Jessica Gow/ AFP/ Getty Images

Ein Internet-Meilenstein ist erreicht: Die je nach Standpunkt ikonische oder berüchtigte Seite The Pirate Bay ist zehn Jahre alt geworden. Gefeiert wurde dieses Jubiläum am Samstag mit einer Party in der Nähe von Stockholm. Wer weiß, vielleicht weinten die Bosse der Entertainment-Industrie ja gleichzeitig in ihre Champagnergläser und schmiedeten neue Pläne gegen ihren Lieblingsfeind. Pirate Bay ist die wohl bekannteste Dateitausch-Plattform. Sie bietet den Zugang zu Torrent-Dateien und Magnet-Links an und ermöglicht so den Austausch von Dateien von Nutzer zu Nutzer. Falls Ihnen das nichts sagt: Es funktioniert ungefähr so, als könnten sie ihre Kassetten mit Mitschnitten aus dem Radio mit jedem auf der Welt tauschen.

Die Dilemmata, die das Filesharing mit sich bringt, sind natürlich nicht vollkommen neu. Dennoch ist Pirate Bay zum Sinnbild der zwei Seiten der Debatte geworden, die im 21. Jahrhundert um das Filesharing tobt. Einfach ausgedrückt, prallen zwei gegensätzliche Ideologien aneinander. Die Verfechter des geistigen Eigentums gehen davon aus, durch die Beschränkung des Zugangs zu Informationen entstünden Erträge und kultureller Wert. In den Augen der Fürstreiter der Internetfreiheit hingegen werden Erträge und kultureller Wert durch die Öffnung des Zugangs zu Informationen geschaffen. Konflikte sind da vorprogrammiert.

Ganz zu schweigen davon, dass zehn Jahre in Internetzeitrechnung geradezu eine Ewigkeit sind, ist angesichts der Copyright-Kriege des vergangenen Jahrzehnts umso erstaunlicher, dass Pirate Bay überhaupt überlebt hat. Im Kampf um die Kontrolle um den Informationsfluss war die Seite Sperrungen, Gerichtsprozessen, dramatischen, internationalen Personenfahndungen und Medienkontroversen ausgesetzt.

Als es 2006 zu einer Razzia und Beschlagnahmung der schwedischen Pirate Bay-Server kam, war dies ein „Stonewall“-Moment für Digital-Rights-Aktivisten – der Staat war zu weit gegangen, nun war Gegenwehr angesagt. Die wichtigste Erkenntnis dieser Ereignisse lautete, dass das Internet nicht getrennt von der Gesellschaft existiert. Und das zur Verteidigung grundlegender Freiheiten politisches Handeln nötig ist.

Laut, rebellisch und störrisch

Gleichsam ist auch Pirate Bay nicht unabhängig von seinem kulturellen Kontext, der digitalen Hacktivisten- und Dissidenten-Szene, zu denken. Pirate Bay steht für die Punkmusik des 21. Jahrhunderts: Während der Pop nur noch zuckriges Talentshowfutter zu bieten hat, ist die Online-Gegenkultur laut, rebellisch und störrisch. Die coolen Kids schreiben keine Texte, sondern Codes. Deshalb ist Pirate Bay so langlebig. Es geht nicht nicht mehr nur um die Dienstleitung – für viele ist Pirate Bay zum Symbol der Webfreiheit geworden.

Das versteht auch die Entertainment-Industrie – damit habe ich bereits persönlich Erfahrung gemacht. Als der britische Branchenverband BPI (British Phonographic Industrie) im vergangenen Jahr die von der britischen Piratenpartei betriebene Pirate Bay-Proxi-Seite sperren lasen wollte, wusste das Branchenblatt MusikWeek davon, bevor ich als Vorsitzender der britischen Piraten den entsprechenden Brief von der BPI erhalten hatte.

In meinen Augen zeigt das, wie hohl der Kampf gegen Pirate Bay geworden ist. Die in Großbritannien verhängte Sperrung von P2P-Seiten konnte diese nur wenig Tage beeinträchtigen. Auf politischer Ebene wird deutlich, dass die Regierungen immer weniger gewillt sind, ihre Netzpolitik von beschränkten Unternehmensinteressen vereinnahmen zu lassen. In Frankreich wird derzeit das kostspielige Dreistufenverfahren Hadopi abgewickelt und auch in Großbritannien sollen die im Digital Economy Act vorgesehenen Seitensperrungen wieder abgeschafft werden.

Damit sei aber nicht gesagt, dass die Rechte der Internetnutzer nicht erheblichen Herausforderungen gegenüber stünden. Netzaktivisten haben früh gewarnt, mit der Ausspähung des Downloadverhaltens werde der Massenüberwachung Legitimität verliehen. Ebenso haben sie darauf hingewiesen, man gebe Regierungen ein gefährliches Instrument in die Hand, wenn man ihnen erlaube, Internetseiten zu sperren. Und darauf, dass die Löschung von Suchbegriffen, die sich auf die Piraten beziehen, auch weitergehender Filterung Tür und Tor öffnet. Ein passendes Andenken an diesen zehnten Geburtstag wäre ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Wir haben es euch doch gesagt“.

Das ermüdende Piratennarrativ zurücklassen

Diejenigen von uns, die gestärkt aus dem Kampf gegen Pirate Bay hervorgegangen sind, haben neue Gefilde beschritten und fokussieren sich nun auf den größeren Kontext – auf Internetüberwachung, Zensur und die Überbrückung der digitalen Kluft. Pirate Bay-Mitbegründer Peter Sunde hat gefordert, die Seite solle geschlossen werden, damit etwas Neues entstehen könne. Wenn wir uns weiterentwickeln können, können andere das auch. Es ist an der Zeit, dass die Unterhaltungslobby ihre Versuche einstellt, gegen technologische Fortschritte vorzugehen und das ermüdende Piratennarrativ hinter sich lässt.

Ob man es einem gefällt oder nicht – Pirate Bay ist zu einem wesentlichen Bestandteil der Geschichte des Internet geworden. Stimmen wir also ein “Happy Birthday“-Ständchen an. Bloß, Moment mal, das Lied unterliegt dem Urheberschutz, gerade wird vor Gericht darum gestritten...   

Laurence „Loz“ Kaye ist seit 2010 Vorsitzender der britischen Piratenpartei (PPUK)

14:50 13.08.2013
Geschrieben von

Loz Kaye | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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