Hardcore-Wissenschaft

Pornografie Die erste Fachzeitschrift über Pornografie erregt großen Widerstand. Manche sprechen sogar von einem akademischen Porno-Krieg
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„Love is a Battlefield“ heißt die Arbeit des Berliner Künstlers William Minke

Foto: William Minke

Seit Feona Attwood und Clarissa Smith ankündigten, eine wissenschaftliche Zeitschrift mit dem Titel Porn Studies herauszugeben – die erste akademische Fachpublikation zum Thema –, müssen sie mit dämlichen Kommentaren leben. "Klingt für mich wie ein Wichsmagazin mit Niveau", steht etwa unter einem Zeitungsartikel über das Projekt. Ergänzt durch den Zusatz: "Ich freue mich darauf."

Was bei all den Sprüchen schnell in den Hintergrund gedrängt wird, ist, dass bereits die Ankündigung einen erbitterten Kampf um Stellenwert und Charakter der Pornografieforschung in der akademischen Welt befeuert hat. Denn eigentlich schien gerade der Moment gekommen, auf den Pornogegner in Großbritannien lange gewartet hatten. Anfang Juni brachten Aktivisten, die das Gesetz gegen Extrempornografie um ein Verbot der Darstellungen von Vergewaltigungen ergänzen wollen, Premierminister David Cameron so weit, dass er Google aufrief, gegen Websites vorzugehen, die „das Internet verschmutzen“. Kurz darauf verlangten Labour-Abgeordnete, Suchmaschinen müssten ihre Filter ändern, um bestimmte Pornografie auszuschließen. Schon lange wurde nicht mehr so lebhaft über Pornos diskutiert.

Warum also sollte es nicht an der Zeit sein, ein wissenschaftliches Journal zum Thema zu lancieren? Feona Attwood ist Kulturwissenschaftlerin an der Londoner Middlesex University; Clarissa Smith unterrichtet als Dozentin für Sexualität und Kultur an der in der Nähe von Newcastle gelegenen Universität Sunderland. Als Herausgeberinnen wollen sie mit der neuen Zeitschrift, die kommendes Jahr erstmals erscheinen soll, der gesamten aktuellen Pornografieforschung ein Forum bieten. Denn mit der steigenden Verbreitung von Pornos im Netz wachse auch die Zahl der Wissenschaftler, die sich damit befassten. „Wir stellten fest, dass mehr und mehr Akademiker über diese Dinge schreiben“, sagt Attwood.

Ein offenes Forum?

Schätzungen zufolge werden 30 Prozent der gesamten Internetkapazität für den Austausch von Pornos genutzt. Monat für Monat zählen Pornoseiten mehr Besucher als Amazon, Twitter und Netflix zusammen (siehe Kasten). Dennoch, sagt Attwood, würden die Pornoseiten von der Kulturwissenschaft weitgehend ignoriert. "Fernsehen, Film oder Illustrierte sind aus jedem Blickwinkel erforscht worden. Die BBC wurde längst zu Tode analysiert, ihre Geschichte, die Arbeitsbedingungen, von den Buchhaltern bis zu den Filmteams. Aber nichts dergleichen wurde im Bereich Porno gemacht." Ein Auslöser für die Idee einer eigenen Zeitschrift war ein Gespräch mit einem BWL-Dozenten, der Attwood sagte: "Ich forsche über Pornos als Geschäftsmodell, aber ich kann mit meinen Kollegen nicht darüber reden. Wo soll ich das publizieren?"

Ein Großteil der bisherigen Forschung drehe sich im Kreis, kritisiert Attwood: „Immer wieder dieselben Fragen: Ist Pornografie schädlich? Hängt sie mit anderen Themen zusammen? Aber es wird dann gar nicht definiert, was Pornografie ist. Und wo Zusammenhänge gefunden werden, erhellen sie kaum etwas. Viel wird geschrieben, aber wir wissen dennoch wenig.“

In die Pornodebatte mischen sich auch immer wieder besorgte Eltern, die wegen der Verbreitung zunehmend brutalerer Pornos alarmiert sind. Attwood und Smith aber finden nicht, dass als eine Folge des Medienwandels und der Rolle des Internets die Filme gewalttätiger werden. Smith zieht Parallelen zu früheren Fällen von „Moralpanik“: „Es stimmt nicht unbedingt, dass Grenzen weiter hinausgeschoben werden, denn zugleich werden sie auch wieder enger gezogen. Es gibt keine eindeutige Tendenz zu größerer Freizügigkeit.“

Diese Haltung strittig zu nennen, wäre stark untertrieben. Sie ist einer der Gründe, warum eine Online-Petition, die der geplanten Zeitschrift Einseitigkeit und mangelnde Seriosität vorwirft, 880 Unterzeichner aus der akademischen Welt fand. Sie verlangen von dem renommierten Verlag Routledge eine Stellungnahme zu Inhalt und zur wohl „einheitlich pro-pornografischen Redaktion“. Hinter der Petition steht das Aktionsbündnis Stop Porn Culture, das sich selbst als eine Gruppe von Hochschullehrern, Aktivisten, Experten für Gewaltprävention und Pädagogen beschreibt. Sie stimmen zu, dass die Pornokultur mehr kritische Aufmerksamkeit erfordert. Die Zeitschrift aber täusche Neutralität vor, obwohl sie eindeutig pornofreundlich ausgerichtet sei und „die Normalisierung von Pornografie“ fördert.

Überrascht der Aufruf Attwood und Smith? „Wir wussten, dass wir auf Widerstand stoßen würden, es ist ja ein umstrittenes Feld“, sagt Smith. „Doch ich hätte mit noch größeren Kontroversen gerechnet. Vor allem freut es mich, wie wenig Anfeindungen aus den Unis kamen.“

So wenig nun allerdings auch wieder nicht. Gail Dines, Professorin für Soziologie am Bostoner Wheelock College und führende Pornografieforscherin, Autorin der Studie Pornland und Mitbegründerin von Stop Porn Culture, vergleicht Attwood und Smith mit Leugnern des Klimawandels: "Sie reihen eine haltlose These an die andere. Es ist nötig, die Pornoindustrie zu erforschen, die Pornokultur, die Wirkung von Porno auf sexuelle Identitäten, weil das zu einem wichtigen Teil unseres Lebens geworden ist. Aber diese Herausgeberinnen kommen aus einem Pro-Porno-Umfeld und verleugnen die große Menge an Forschungsergebnissen über die negativen Effekte von Pornos. Sie sind Cheerleader der Pornoindustrie. Dass sie sich nun als neutrale Instanz anbieten, ist lächerlich."

Eine eigene Zeitschrift sei durchaus sinnvoll, aber in der Redaktion müsse es unterschiedliche Stimmen geben. "Es gibt so viele Studien, die zeigen, dass Pornos immer brutaler werden und dass, je mehr Pornos die Jungs schauen, sie umso sexistischere Haltungen gegen Frauen einnehmen. Und diese Herausgeberinnen sagen, es gebe dazu keine Forschung. Doch, es gibt sie!"

Es fällt auf, wie vehement beide Seiten auf ihren Ansichten beharren. "Auf unserem Gebiet gibt es zwei sehr verschiedene Strömungen", sagt Attwood. Ihr Verlag Routledge nimmt sie gegen die Angriffe in Schutz: "Das Konzept für Porn Studies wurde von sechs Fachleuten begutachtet. Und wir sind überzeugt, dass die Herausgeberinnen und die Redaktion voll zu unseren Werten stehen." Attwood und Smith betonen, es sei nicht korrekt, sie als "Pro-Porno" zu bezeichnen. „Porno kann für die Leute alles Mögliche bedeuten, aber wenn Sie ehrliche Antworten haben wollen, warum jemand Pornos schaut, müssen Sie bereit sein zuzuhören“, sagt Smith.

Herauszufinden, warum den Leuten Pornografie Spaß macht, halten die beiden Wissenschaftlerinnen für essenziell. Das Problem sei, sagt Attwood, dass „vieles als Gewissheit gilt, obwohl es keine Belege dafür gibt. Alle glauben, die Mädchen rasieren sich die Schamhaare weg, weil sie Pornos gesehen haben. Pornos werden immer brutaler gegen Frauen, jeder Unter-Zehnjährige hat heute schon welche gesehen. Für all das gibt es kaum haltbare Belege, aber es gilt als gesichertes Wissen.“

Gail Dines muss nach Luft schnappen, wenn man sie auf diese Aussagen anspricht: „Das ist kompletter Unfug. Warum rasieren sich die Mädchen die Schamhaare ab? Wir wissen, dass es an den Pornos liegt. Weil die Jungs es nicht ausstehen können. Die Frauenzeitschriften sagen ihnen jede Woche, sie sollen sich da unten säubern. Und ich höre von Uni-Tutoren, dass auf dem Campus heute anale Vergewaltigungen fast so häufig sind wie vaginale. Woher soll das kommen? Es gibt jede Menge Beweise für die Wirkung von Pornos. Wir wissen auch, dass sie brutaler werden. Die maßgebliche Studie von 2010, die die 50 beliebtesten Websites und DVDs untersuchte, ergab, dass 90 Prozent der Filme physische oder verbale Gewalt gegen Frauen enthalten. Das ist empirische Forschung. Was diese Herausgeberinnen machen, basiert dagegen nicht auf Fakten.“

„Draußen in der Wirklichkeit“

Man könnte dies als akademische Scharmützel abtun, doch Fiona Elvines von der Hilfsorganisation Rape Crisis South London sagt, Äußerungen wie die von Attwood und Smith seien für "Frauen und Männer draußen in der Wirklichkeit" ein Schlag ins Gesicht. Mit dem akademischen Porno-Krieg hat sie ihre eigenen Erfahrungen gemacht: „Ich war auf Konferenzen, wo Attwood und Smith meine Worte angezweifelt haben. Wir sind jeden Tag mit den Schäden konfrontiert, die Pornografie anrichtet. Und sie sagen, das belege die Forschung nicht. Das belegt aber die praktische Erfahrung. Frauen berichten uns, wie sie vergewaltigt und dabei gefilmt wurden, um ihr Schweigen zu erpressen. Man sagt ihnen: Wenn du zur Polizei gehst, kommt der Film ins Netz. Wir beobachten auch, dass Männer, die Kinder missbrauchen, sie mit Pornos abrichten. Aber bis das seinen Weg in die Forschung findet, wird es wohl noch dauern.“

Mit Attwood und Smith im kultivierten Rahmen der Universität Middlesex über Pornos zu reden, ist eine Sache – sich Pornoseiten im Internet anzuschauen eine andere. Websites, die echte Vergewaltigungen oder Kindesmissbrauch zeigen, sind nach heutiger Rechtslage in Großbritannien verboten, und pornografische „Abbildungen von Vergewaltigungen“ zu publizieren ist seit 1959 illegal – nicht jedoch, wenn die Bilder im Ausland hochgeladen werden. Und, fügt Fiona Elvines hinzu, Bilder von Kindesmissbrauch zu besitzen, sei illegal, „nicht jedoch, eine schmächtige 18-Jährige ein Schulkind spielen zu lassen und zu zeigen, wie sie verschleppt und auf einem Parkplatz vergewaltigt wird“.

Ein Internet-Gipfel mit den großen Firmen wurde einberufen, um über freiwillige Maßnahmen zu diskutieren. Ohne härtere Gesetze werde es aber nicht gehen, sagt Elvines. Die Leute machten sich nicht klar, wie viel Pornografie heute gewalttätig sei. Mitarbeiter von Rape Crisis South London führten dazu eine simple Studie durch: Sie gaben „Rape Porn“ bei Google ein und werteten die Ergebnisse aus. 86 Prozent der angezeigten Seiten warben für Videos von Vergewaltigungen Minderjähriger, bei 75 Prozent kamen Waffen zum Einsatz, 43 Prozent zeigten Frauen unter Drogen.

Es sind oft wacklige Handykamera-Aufnahmen, zum Beispiel ein Film von einer betrunkenen japanischen Teenagerin. Sie wird durch eine Bahnstation und in einen Zug hinein verfolgt. Sie bricht in einer Ecke zusammen, und Mister Handykamera manövriert sie in die Toilette, wo er und sein Freund sie vergewaltigen. Wenn das gestellt ist, spielt das Mädchen besser eine Betrunkene als jede Hollywoodschauspielerin. Einmal „Rape Porn“ getippt, zwei Mausklicks, und da ist es. Es verbirgt sich nicht in irgendeiner dunklen Nische des Internets, sondern steht auf den bekanntesten Pornoseiten bereit.

Nicht Schritt gehalten

Und doch wissen viele Internetnutzer nichts davon, vielleicht ist es auch ein Nicht-wissen-Wollen. Es herrscht eine kollektive Ignoranz gegenüber der Pornografie. Ihre Machart, Verfügbarkeit und Verbreitung haben sich so schnell gewandelt, dass viele von uns damit nicht Schritt gehalten haben.

Die akademische Pornodebatte wird weiter poltern. Und Attwood und Smith haben recht, dass sie weit über die Frage hinausgehen muss, ob Pornos verboten gehören oder nicht. Pornografie ist vielfältig, weil Menschen vielfältig sind. Sie ist aber auch einer der Lebensbereiche, in denen die Technologie sich schneller entwickelt hat als unsere Fähigkeit, damit umzugehen.

Carole Cadwalladr arbeitet als Reporterin für den Guardian.

Die Debatte um Gewaltpornos

Pornografie hat sich schon immer schnell neue Medien erschlossen – und deren Entwicklung vorangetrieben. So war es zu Beginn mit dem Film, und so ist es nun auch mit der Digitalisierung. Heute macht der Austausch pornografischer Bilder 30 Prozent des gesamten Onlineverkehrs aus. Die Mainstream-Pornoseiten zählen jeden Monat 450 Millionen Besucher. Laut mehrerer Studien sind etwa 70 Prozent der Online-Pornokonsumenten Männer, 30 Prozent Frauen.

Eine Auswertung der Zeitschrift Violence against Women zeigt, dass bei den 50 populärsten Pornoseiten im Netz die Mehrheit der Videos verbale oder körperliche Gewalt gegen Frauen beinhaltet. In Deutschland sind neben Kinder- und Tierpornografie auch Gewaltpornos, also explizite Darstellungen von Vergewaltigungen, verboten. Dennoch lässt sich „Rape Porn“ nur schwer aus dem restlichen Angebot herausfiltern. In Großbritannien haben zwei Mordfälle die Debatte um „Rape Porn“ verschärft. Beide Täter hatten sich zuvor Gewaltpornos angeschaut. Parlamentarier drängen nun darauf, nicht nur die Verbreitung, sondern auch den Besitz von solchen Videos hart zu bestrafen. jap

Übersetzung: Michael Ebmeyer
09:45 08.07.2013
Geschrieben von

Carole Cadwalladr | The Guardian

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