Hart am Nerv

Porträt Margaret Atwood ist ein Kind des Krieges. Ihre Bestseller und die Verfilmungen leben davon. Dass jetzt alle entsetzt über Donald Trump sind, kann sie nicht verstehen

Im März vergangenen Jahres krönte sie der New Yorker zur „Prophetin der Dystopie“. Die Adaptionen fürs Fernsehen von Der Report der Magd (The Handmaid’s Tale) und Alias Grace haben ihr zu internationaler Berühmtheit verholfen, die Romanautoren sonst selten zuteilwird. Margaret Atwood war bei beiden Produktionen beratend tätig, bald wird sie in Toronto am Set sein, wieder als Beraterin. „Manchmal tue ich so, als wäre ich eine unheimliche alte Dame“, bekennt sie über einer Tasse Kaffee, mit lang gezogener mechanischer Stimme. Es sei reiner Zufall, dass ihre in der nahen Zukunft angesiedelte Dystopie und ihr historischer Roman, der von einem realen Mord im 19. Jahrhundert inspiriert wurde, zur selben Zeit auf die Bildschirme kommen. Aber sie haben etwas gemeinsam: Hauben. So viele Hauben.

Alles dreht sich um Macht

„Ich bin keine Prophetin“, sagt sie. „Lassen Sie uns diese Vorstellung gleich einmal aus der Welt schaffen. Prophezeiungen erzählen in Wirklichkeit von heute. In der Science-Fiction geht es immer ums Jetzt. Worum könnte es sonst gehen? Es gibt nicht die eine Zukunft. Es gibt viele Möglichkeiten, aber wir wissen nicht, welche wir erleben werden.“ Sie bedauert aber, dass die heutige Realität ihren Roman so aktuell erscheinen lässt. Mit ihrer hohen Stirn und ihrem lockenumkränzten Gesicht hat Atwood etwas Jenseitiges an sich. Sie trägt einen der bestickten Schals, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind, und eine Halskette aus kleinen Totenköpfen – so gibt sie vor dem Café in Piccadilly, in dem wir uns treffen, eine markante Figur ab. Wir reden über hermaphroditischen Baramundi-Fisch und Game of Thrones. Sie ist voller vogelgleicher Neugier und tödlicher intellektueller Agilität: Elster und Falke (sie ist eine begeisterte Ornithologin). Atwood spricht mit einer markanten, leisen und monotonen Stimme und neigt zu zweifelnden rhetorischen Fragen wie: „Und warum ist das so?“

Der Report der Magd wurde 1984 in West-Berlin geschrieben. Nach der Trump-Wahl ist der Roman wieder auf den Bestsellerlisten. Plakate mit der Aufschrift Make Atwood fiction again – „Atwood soll wieder Literatur werden“ – tauchen auf den Straßen auf und Frauen haben die roten Gewänder aus der Serie in stillem Protest gegen das drohende Abtreibungsverbot übernommen. Die Serie traf einen Nerv. Die Netflix-Produktion von Alias Grace, einer Meditation über Wahrheit, Erinnerung und Mitschuld und die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Aussage einer Frau, wurde ausgestrahlt, als die Vorwürfe gegen Weinstein gerade öffentlich geworden waren.

Dunkle Helden, Moden und Geld

Sie hat George Orwell „meinen Helden“ genannt. Dessen Roman Animal Farm habe sie verschlungen und als literarisches Vorbild genutzt. Margaret Atwood hat ihre Kindheit in Ottawa und Quebec verbracht. Sie studierte in Harvard englische Sprache und Literatur und lehrte als Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten.

Daneben veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Gedichte, Kinderbücher und Romane. Bekannt geworden ist sie mit Der Report der Magd (The Handmaid’s Tale), entstanden während eines Stipendiums in West-Berlin und einer Reise in den Ostblock (1984). Darin beschreibt sie ein theokratisches, patriarchales System, in dem die noch verbliebenen fruchtbaren Frauen als Gebärmaschinen an die Herrschenden vermietet werden. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft wird in ihren Romanen oft in Form von dystopischen Science-Fiction-Erzählungen thematisiert. Bereits 1990 hatte Volker Schlöndorff ihren Roman Die Geschichte der Dienerin verfilmt. Die Adaption des amerikanischen Streamingdienstes Hulu wurde bei den Golden Globes 2018 als Beste Dramaserie ausgezeichnet (in Deutschland läuft sie auf EntertainTV). Für ihre Rolle als Magd Desfred erhielt die Hauptdarstellerin Elisabeth Moss den Emmy. Die 2. Staffel der Serie wird ab Ende April ausgestrahlt.
Im Jahr 2008, inmitten der Finanzkrise, erschien Payback. Darin durchstreift Atwood die Ideen- und Literaturgeschichte von der Antike bis heute. Nicht Liebe, sondern Geld scheint demnach das Hauptmotiv der Erzählungen zu sein. Die kulturhistorische Betrachtung von Schuld(en) und Wohlstand steigert sich bis hin zu apokalyptischen Szenarien und einer ökologischen Weltkrise. Mit bissigen Seitenhieben auf den Literaturbetrieb wird auch in Hexensaat (2016), einer zeitgenössischen Umschreibung von Shakespeares Der Sturm, nicht gespart.

Von Eva Menasse als „boshaft kichernde, weise Frau“ bezeichnet, schaffe sie es stets, die Macht totalitärer Systeme literarisch greifbar zu machen und politische Moral ironisch auszudrücken. Margaret Atwood erhielt 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Sogar Payback, das Buch aus dem Jahr 2008, in Eile geschrieben (siehe Kasten), erschien rechtzeitig zum Finanzcrash: „Alle dachten, ich würde etwas wissen. Dabei dachte ich, ich schreibe ein Buch über den viktorianischen Roman.“ Ihre gewonnene Berühmtheit (Sie sei gern in London, sagt sie, denn hier werde sie nicht so oft angehalten, um Selfies zu machen) habe sich völlig ohne ihr eigenes Zutun eingestellt, erzählt sie. „Das war nicht wirklich mein Verdienst, sondern das all der anderen Leute, die die Folgen gespielt, sie entworfen und geschrieben haben.“

Sie sei beeindruckt gewesen, wie vollständig die Schauspielerinnen am Set in ihre nahezu unerträgliche Welt eingetaucht seien. „Sie machten die ganze Sache ohne Make-up. Alle. Das ist wahre Hingabe!“ Warmherzig spricht Atwood auch über Sarah Polley, die Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin des fast ausschließlich aus Frauen bestehenden Teams hinter Alias Grace. Polley war gerade mal 17, als sie Atwood zum ersten Mal schrieb und fragte, ob sie den Roman adaptieren dürfe. Es dauerte 20 Jahre – während derer Polley zwei Kinder bekam –, bis sie so weit war, den Film zu machen. „Das wird ihr Durchbruch“, prophezeite die Autorin. Während sie Gilead – so der Name des Staates, in dem Der Report der Magd spielt, in eine wiedererkennbare Gegenwart verfrachtete („1985 trank man in Nordamerika noch keinen Latte macchiato“), beherzigt die Serie Atwoods Regel, nichts zu verwenden, was nicht schon irgendwann einmal in der Welt passiert ist; die Ergänzung durch die modernen Schrecken macht die Geschichte noch erschreckend plausibler. Weibliche Genitalverstümmelung habe es zwar bereits gegeben, „aber wenn ich das 1985 eingebaut hätte, hätten die Menschen wahrscheinlich nicht gewusst, wovon ich rede. Heute wissen sie es.“

Im Gegensatz zu anderen Dystopien ist die aus der Serie gespenstisch schön: die Üppigkeit, die Stille (schallgedämpfte Autos, gruselig verstärktes Vogelzwitschern), die satte Farbe des Lichts. Sieht es so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte? „Es kommt dem sehr nahe. Natürlich kann ich mich nicht genau an das Bild erinnern, das ich hatte. Aber ich wusste, wie der Ort aussah, denn es war ein realer Ort: Cambridge Massachusetts. Er hat sich seitdem etwas verändert, aber im Wesentlichen sehen diese Wohnstraßen noch immer gleich aus.“ Eine andere Frage hinter dem Roman lautete: „Jetzt, wo die Büchse geöffnet wurde und die Schmetterlinge umherfliegen“, könnte man Frauen da immer noch dazu bringen, an Heim und Herd zurückzukehren, was manche von der christlichen Rechten in den Achtzigern forderten? Mit welcher Methode? Ihre Antwort: reproduktive Sklaverei. Das unvermeidliche F-Wort in Atwoods Gegenwart auszusprechen, kann gefährlich werden. „Es ist immer die Frage, was man darunter versteht. Zum Beispiel waren manche historischen Feministinnen gegen Lippenstift und wollten Transgender-Frauen nicht in die Waschräume für Frauen lassen. Mit diesen Positionen stimme ich nicht überein.“

Am vergangenen Wochenende provozierte Atwood einen Twitter-Sturm mit einem Kommentar in der kanadischen Globe and Mail (Überschrift „Bin ich eine schlechte Feministin?“), in dem sie die #metoo-Bewegung als Symptom eines kaputten Systems bezeichnet. Weiter heißt es dort: „Man hat die Wahl: das System zu reparieren, es zu umgehen oder es niederzubrennen und durch etwas völlig anderes zu ersetzen. In Ländern mit einem geringeren Wohlstandsgefälle gibt es weniger sexuelle Übergriffe. Also warum fangen wir nicht da an?“ Und sie redet schnell weiter: „Frauen Informationen über Verhütung, Reproduktionsrechte, einen Lohn, der zum Leben reicht, sowie Schwangerschaftsvorsorge und Mütterbetreuung vorzuenthalten – wie einige Bundesstaaten der USA dies tun wollen –, kommt praktisch einem Todesurteil gleich und stellt einen Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte dar. Doch Gilead ist totalitär und respektiert keine universellen Menschenrechte.“

Das große Thema in Atwoods Literatur ist Macht, Machtungleichheit oder -missbrauch Frauen oder anderen Gruppen gegenüber. „Ich fürchte, bei vielen Menschen dreht sich alles um Macht“, sagt sie. „Aber das entsteht nicht aus dem Wunsch nach Macht, sondern aus Angst, nicht derjenige zu sein, den es trifft. Denken Sie an Julia in George Orwells 1984: ,Tut es Julia an! Nicht mir!‘ “ Bei sozialem Mobbing auf Twitter geht es darum, „auf der Seite derjenigen zu stehen, die es machen, um nicht auf der Seite derer zu sein, mit denen es gemacht wird“. Ihr Roman Katzenauge von 1988 ist eine äußerst realistische Geschichte über das Mobbing unter Schülerinnen. Die Machtstrukturen unter Jungs seien „recht einfach und offenkundig hierarchisch und stabil“, sagt Atwood heute. Bei Mädchen sei es hingegen „mehr wie in der Serie Wolf Hall: kompliziert, verdeckt. Man versteht nie ganz, warum eine Person beliebt ist und dann plötzlich wieder nicht.“

Dunkle, tiefe Psyche? Pah!

Auch wenn Katzenauge eindeutig auf die Erfahrungen zurückgreift, die Atwood bei ihrem Umzug aus der kanadischen Wildnis nach Toronto machte, wo sie die Schule besuchte, haben Memoiren sie nie gereizt. „Mich beschäftigt mehr, was in der Welt vor sich geht. Ich interessiere mich nicht besonders für meine tiefe, dunkle Psyche, so faszinierend sie auch sein mag.“ Sie sei keine Perfektionistin, und es sei ihr auch egal, wann oder wo sie schreibe. „Ich bin eine Abfahrtsskiläuferin. Ich komme unten an. Wenn ich einmal am Ende angekommen bin, schreibe ich viel um. Ich fange sogar schon vorne an umzuschreiben, während ich hinten noch gar nicht fertig bin, nur um mich zu erinnern, was ich geschrieben habe.“ Das lässt den Prozess spontaner klingen, als er ist: Tatsächlich erstellt sie für jeden Charakter Diagramme, von dem Jahr an, in dem sie geboren sind. „Ich will genau wissen, wie alt die Figuren sind – so bringe ich da nichts durcheinander.“

Margaret Atwood wurde 1939 geboren, in einer dunklen Zeit, die sie grundlegend geprägt hat, „keine Frage!“. Von all den Bezügen, die den Report der Magd inspiriert haben, stelle Nazi-Deutschland den verfaulten Kern dar: die Vorstellung, dass die Stabilität über Nacht über den Haufen geworfen werden kann. Die Demokratie in den USA sei noch nie so sehr herausgefordert gewesen wie heute. „Aber warum sind die Leute denn so schockiert von all dem?“, fragt sie. „Sehen Sie sich doch die Geschichte der USA an. Der eigentliche Grund, warum die Leute in der Neuzeit so viel von Amerika erwarten, besteht darin, dass es anfänglich für das gelobte Land gehalten wurde. Das hat nicht lange gedauert. Als die Menschen nach Amerika kamen, haben sie als Erstes ein Schafott und ein Gefängnis gebaut.“ Es sei im Moment vielleicht beängstigend, aber „können wir uns mal für eine Minute an den Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnern? Und in den Fünfzigern dachten wir alle, wir würden von Atombomben in die Luft gesprengt. Es gibt also verschiedene Formen von ‚beängstigend‘.“

Als engagierte Umweltschützerin sieht Atwood im Zustand des Planeten einen Grund für „soziale Unruhen, Kriege und Revolutionen. Dazu kommt es, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihnen das Holz ausgeht.“

Lisa Allardice ist Redakteurin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 28.03.2018
Geschrieben von

Lisa Allardice | The Guardian

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