Härter als im Irak

NATO-Tagung Die NATO-Verteidigungsminister tagen in Krakau und sind alarmiert über die kritische Lage in Afghanistan und die Ergebnisse der ersten Holbrooke-Mission in der Region

„Die Situation hier wird mit jedem Tag gefährlicher“, hatte Admiral Mike Mullen, der Vorsitzende der American Joint Chief of Staff, in dem die Oberbefehlshaber der US-Teilstreitkräfte zusammengeführt sind, Anfang Februar die Lage in Afghanistan beschrieben. Barack Obamas Sonderbotschafter Holbrooke ging während seiner ersten Mission am Hindukusch noch weiter: „Das hier ist härter als der Irak.“ Der britische Außenminister David Miliband nahm gar das Wort „Patt“ in den Mund, um das Verhältnis zwischen den Taliban und dem ausländischen Truppenkorps zu beschreiben.

Die afghanischen Streitkräfte vor Ort sind noch immer weit davon entfernt, es ohne Unterstützung der 73.000 Mann starken NATO-Truppen mit den Aufständischen aufnehmen zu können. Auf der pakistanischen Seite der Grenze scheinen die Behörden trotz andauernder Militäroperationen nicht in der Lage zu sein, die militanten Islamisten in die Defensive zu drängen. Und irgendwo mittendrin ist al Qaida – wo genau, kann allerdings niemand sagen. Das ist die Lage, überlagert durch Spannungen zwischen Afghanistan, Pakistan und Indien. Die zwei letztgenannten Länder liegen im Clinch, seit sie sich nach der Unabhängigkeit von Großbritannien voneinander trennten. In Kabul und Delhi kann man sich schon eher füreinander erwärmen – Ursache und zugleich Folge der gemeinsamen Abneigung gegenüber Islamabad. „Sowohl Indien als auch Pakistan würden ihr Engagement in Afghanistan wohl als Abschreckungsmittel gegen den jeweils anderen rechtfertigen“, sagt Chietigi Bajpaee, der für die private Krisenberatungsfirma Control Risks als Südasien-Experte tätig ist.

Kein zentralasiatisches Walhalla

Zu guter Letzt ist auch die globale Situation zu berücksichtigen. „AfPak“, wie das von paschtunischen Stämmen beherrschte Grenzgebiet genannt wird, funktioniert in den Augen vieler Geheimdienste wie eine „Grand Central Station“ des islamischen Terrorismus. Auch junge Leute aus westlichen Ländern reisen hierher, um in den Camps von al Qaida zu lernen, wie man Züge oder Brücken in die Luft sprengt. Dieses Knäuel sollte Richard Holbrooke bei seiner ersten Afghanistan-Mission nun entwirren, sekundiert von General David Petraeus, der neben seiner Irak-Mission nun zusätzlich für Afghanistan verantwortlich zeichnet. Der hat zu verstehen gegeben, essentieller Teil seiner Strategie sei der Versuch, mehr Einfluss auf die paschtunischen Stämme zu nehmen, von denen die entscheidende Unterstützung für die Aufständischen kommt.

Nur ein Indiz dafür, dass es eine „Neubewertung“ der Ziele gibt, wie britische Diplomaten formulieren. Die Amerikaner sprechen es direkter aus. US-Verteidigungsminister Gates sagt, ein „zentralasiatisches Walhalla“ sei nicht das Ziel. Die Errichtung eines liberalen, demokratischen und prosperierenden Afghanistan ist bis auf weiteres aufgeschoben. Priorität hat die Stabilisierung des Landes. „Man hat erkannt, dass man erst einmal den Boden bereiten muss, bevor man sich ans Nation-Building machen kann.“, sagt Said Jones vom US-Think-Tank Rand Group. Dem stimmt auch Waliullah Rahmani vom Zentrum für Strategische Studien in Kabul zu: „Solange Afghanistan nicht stabilisiert ist, kann es keine gute Regierungsführung, keine Entwicklung oder Demokratie geben.“

Doch hängt das nicht minder von der Haltung Pakistans ab, der Frage also, ob das pakistanische Verteidigungsestablishment die Taliban unterstützt. Von indischer Seite zumindest wird dieser Vorwurf immer wieder erhoben. „Da man in Pakistan davon ausgeht, dass die USA sich an irgendeinem Punkt zurückziehen werden, will man den Taliban nicht völlig freie Hand lassen“, erklärt der ehemalige indische Diplomat MK Bhadrakumar. In Islamabad streitet man das ab und beschuldigt wiederum Delhi, gemeinsame Sache mit Kabul zu machen, um Gewalt zwischen den Separatisten in der südwestlichen pakistanischen Provinz Belutschistan zu schüren.

Richard Holbrooke wollte während seiner ersten Mission nicht darauf verzichten, die unbeugsamen paschtunischen Stammesgebiete, darunter Waziristan, das Epizentrum des Extremismus, zu besuchen, um sich einen Überblick über das wilde und abgelegene Territorium zu verschaffen. Erst vor wenigen Tagen hat ein von einer amerikanischen Drohne abgefeuertes Geschoss dort ein Haus zerstört und mindestens 20 Taliban-Kämpfer getötet. Es war der letzte in einer ganzen Reihe von höchst umstrittenen Anschlägen. Nach diesem Lokaltermin flog Holbrooke in das von Schnee und Eis bedeckte Kabul. Das ungemütliche, depressiv-graue Wetter entsprach der Stimmung dieser Visite. Nicht nur herrscht inzwischen die Auffassung vor, das „afghanische Projekt“ stecke in tiefen Schwierigkeiten, das Obama-Team glaubt auch, Präsident Karzai sei zumindest teilweise hierfür verantwortlich. Die Beziehungen haben sich extrem verschlechtert. Barack Obama, so hießt es, halte Karzai für unzuverlässig und wenig effizient. Hillary Clinton hat Karzais Afghanistan unlängst als „Narco-State“ bezeichnet. Holbrooke verpasste dem Präsidenten eine diplomatische Ohrfeige, schließlich traf er sich mit Karzai erst am dritten Tag seines Aufenthaltes in Kabul.

30.000 Soldaten als Druckverband

Der US-Präsident will bis zum Frühjahr 30.000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan schicken, allerdings „im Rahmen einer umfassenden Revision des amerikanischen Vorgehens“, wie es aus dem Weißen Haus heißt. „Damit muss die Blutung gestoppt werden. Die 30.000 Soldaten sind der Druckverband, aber mehr haben wir einfach nicht“, sagt John Nagl, Forscher am Center for New American Security in Washington. Er glaubt, diese Zahl könne bis auf 100.000 Mann steigen. „Wenn Obama zwei Amtszeiten lang Präsident sein sollte, dann wird es am Ende seiner Amtszeit möglicherweise nur noch ein paar Marines im Irak geben, die die Botschaft bewachen. In Afghanistan werden dagegen immer noch Zehntausende US-Soldaten sein.“

Das hängt wohl auch mit der Erwartung der Strategen im Weißen Haus zusammen, dass die internationale Unterstützung für die Afghanistan-Mission in den USA sehr viel größer sein wird, als für den Irakkrieg. Es dürfte in den westlichen Hauptstädten nicht besonders schwer zu vermitteln sein, welche Gefahren von einer Region ausgehen, in der sich Tausende militante Islamisten aufhalten, die Nuklearwaffen beherbergt und in der das Attentat von 11. September ausgeheckt wurde.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 20.02.2009
Geschrieben von

Jason Burke, Yama Omid, Paul Harris, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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