Haste mal ’ne PIN?

Devisen Schweden ist auf dem Weg in die komplette Bargeldlosigkeit. Sogar Obdachlose tragen dort nun Lesegeräte für Kreditkarten
Helen Russell | Ausgabe 48/2014 29
Haste mal ’ne PIN?
59 Prozent Verkaufsplus: das Obdachlosenmagazin „Situation Stockholm“
Foto: Jonas Ekstromer/AFP/Getty Images

Die Verkäufer der Obdachlosenmagazine in den Straßen von Stockholm fragen Passanten in diesem Winter nicht mehr, ob sie ein bisschen Kleingeld übrig haben. Dafür tragen sie nun Lesegeräte für EC- und Kreditkarten bei sich. „Immer mehr unserer Verkäufer sagten uns, die Leute wollten die Zeitschrift, hätten aber kein Bargeld dabei“, sagt Pia Stolt vom Magazin Situation Stockholm.

„Wir mussten uns etwas überlegen, also haben wir mit iZettle, einer Firma für elektronischen Zahlungsverkehr, die Möglichkeit geschaffen, die Zeitschrift mit Karte zu bezahlen.“ Zunächst hätten sie bezweifelt, dass das klappen würde, dass Menschen bereit wären, vor einem Obdachlosen ihre Geheimzahlen einzutippen. „Aber es war ein voller Erfolg. Unsere Verkaufszahlen sind um 59 Prozent angestiegen. Die meisten Schweden sind wenig misstrauisch und ziemlich technikbegeistert, es ist die perfekte Lösung. Für uns ist die Kampagne ‚Schweden ohne Bargeld‘ ein Segen.“

Prominentester Vorkämpfer dieser Kampagne ist Björn Ulvaeus, der einst mit der Popgruppe ABBA berühmt wurde. Zum Evangelisten der Bargeldlos-Bewegung entwickelte er sich, nachdem sein Sohn ausgeraubt worden war. Scheine und Münzen, so predigt er, seien der Hauptgrund für Kriminalität: „Die ganze Schattenwirtschaft läuft nur über Bargeld.“ Der Mann, der in den 70ern den Welthit Money, Money, Money geschrieben hat, lebt selbst seit über einem Jahr bargeldlos und sagt, das Einzige, was ihm manchmal fehle, sei „eine Münze für den Einkaufswagen“. Auch das ABBA-Museum in Stockholm funktioniert ganz ohne Cash, und Ulvaeus fordert, Schweden „könnte und sollte die erste bargeldfreie Gesellschaft der Welt sein“.

Die Banken danken

Tatsächlich werden in Schweden schon heute vier von fünf Käufen elektronisch abgewickelt, sagt Niklas Arvidsson, Dozent für industrielle Dynamik an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm. Die komplette Bargeldlosigkeit sei der nächste Schritt: „In den 90ern haben Banken und Gewerbetreibende massiv in Kartenzahlsysteme investiert, und längst sind die Verbraucher daran gewöhnt.“ Längst ist im öffentlichen Nahverkehr von Stockholm die Barzahlung abgeschafft, um Busfahrer vor Überfällen zu schützen.

„Weil es immer wieder Wellen von Bankrauben gab, leiteten auch die Banken vor vier Jahren ihren Abschied vom Bargeld ein“, erklärt Arvidsson. „Heute arbeiten fünf der sechs großen Geldinstitute Schwedens – alle außer der Handelsbanken – weitgehend bargeldlos.“ Laut dem schwedischen Bankiersverband spart der Finanzsektor des Landes damit deutlich an Kosten. Zudem sei die Zahl der bewaffneten Banküberfälle inzwischen auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren gesunken. „In Schweden haben die Menschen vergleichsweise großes Vertrauen ineinander, in die Regierung und in die Banken“, sagt Arvidsson. „Weil es bei uns fast keine Korruption gibt, müssen wir Geld nicht in den Händen halten, um uns dessen sicher zu fühlen.“

Gefördert wird das Projekt der bargeldlosen Gesellschaft auch vom Kapitalentwicklungsfonds der UNO, unter dessen Dach sich unter anderem die Bill-&-Melinda Gates-Stiftung und die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa zu einer Better Than Cash Alliance zusammengeschlossen haben. Schweden weist dabei den Weg.

„Im bargeldlosen Handel sind wir weltweit führend“, bestätigt Bengt Nilervall vom Unternehmerverband Svensk Handel. „Zum einen ist es sicherer, zum anderen sparsamer, denn Aufbewahrung und Transport von Bargeld sind teuer. Die Kartenindustrie hat umfassende Schutzmechanismen eingerichtet, sodass wir in Schweden beim elektronischen Zahlungsverkehr nicht misstrauisch sein müssen.“

Etwas schwierig ist es allerdings für die rund 1,8 Millionen Rentnerinnen und Rentner im Land. Sie stellen fast ein Fünftel der Bevölkerung. „Viele ältere Menschen fühlen sich ausgegrenzt, wenn sie eine Karte oder ein Smartphone brauchen, um Bus zu fahren oder eine öffentliche Toilette zu benutzen“, sagt Johanna Hållén von der Pensionärernas Riksorganisation, dem größten schwedischen Pensionärsverband. „Nur 50 Prozent unserer Mitglieder zahlen überall mit Karte, sieben Prozent tun es gar nicht.“

Auch für Touristen ist die bargeldlose Revolution eine Herausforderung. Wer als Besucher in Stockholm den Bus nehmen will, braucht entweder eine schon vorab bezahlte Fahrkarte oder ein in Schweden registriertes Mobiltelefon. Zu einem gewissen Chaos kam es im vergangenen Sommer beim Bråvalla, einem der ersten bargeldlosen Musikfestivals. Das Bezahlsystem stürzte ab, man musste sich mit dem altmodischen Modell Schuldschein behelfen.

Snowden vergessen

„Zudem wächst die Sorge über elektronische Betrügereien“, sagt der Sicherheitsexperte Björn Ericsson. „Zahlen des Nationalbüros für Verbrechensprävention belegen, dass sich entsprechende Fälle im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt haben.“ Auch im Licht der NSA-Enthüllungen sei manchen unwohl zumute. Die Vorstellung, dass Großkonzerne jeden ihrer elektronischen Fußabdrücke verfolgen könnten, gefalle nicht allen Bürgern. „Aber die meisten Schweden verlassen sich auf ‚das System‘“, sagt Ericsson. „Ich höre nur selten jemanden über Edward Snowden reden.“

Allenfalls die Rührung, mit der die Schweden auf ihre Münzen und Scheine blicken, bremst die Fahrt in die bargeldlose Zukunft noch etwas. Der Stockholmer Dynamikforscher Arvidsson sagt: „Zwei Drittel der Schweden betrachten es als ein Menschenrecht, Bargeld bei sich zu haben. Dass Schweden seine eigene Währung, die Krone, hat, ist außerdem ein Teil unserer Identität.“ 2015 wird das Land sogar neue Banknoten ausgeben. Arvidsson: „Die Leute mögen einfach das Gefühl, dass ihnen ihr Geld griffbereit zur Verfügung steht – auch wenn sie es dann nicht benutzen.“

Helen Russell schreibt für den Guardian, Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 02.12.2014
Geschrieben von

Helen Russell | The Guardian

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