Havanna, nicht Guantánamo

50 Jahre Kuba Ein Besuch Obamas auf Kuba wäre von großem symbolischen Wert, nicht nur für die afrokubanische Bevölkerung. Richard Gott blickt auf 50 Jahre kubanische Revolution zurück

Die kubanische Revolution begann vor 50 Jahren, als ich gerade mit meinem zweiten Studienemester anfing. Wir Geschichtsstudenten waren besessen vom spanischen Bürgerkrieg, einer Auseinandersetzung, die gerade einmal vor zwei Jahrzehnten ihr Ende gefunden hatte, und ebenso fasziniert waren wir vom noch andauernden Kampf der Revolutionskräfte in Algerien. Und dann walzte die wundervolle kubanische Revolution daher mit ihren charismatischen bärtigen Führern, die aus den Bergen herabstiegen, jungen Männern in ihren Zwanzigern, die Gewehre schwenkten, die Städte einnahmen und eine Reform des Bodenrechts forderten.

In einer Welt, die von alternden konservativen Politikern bestimmt war, deren Aufstieg zur Macht sich im Zweiten Weltkrieg oder schon früher vollzogen hatte – Macmillan, Eisenhower, De Gaulle, Adenauer, Chruschtschow, Salazar, Franco –, machten die radikalen, jugendlichen Guerilleros – allen voran Fidel Castro und Che Guevara – Kuba zu einer festen Größe bei Studenten der ganzen Welt, und Lateinamerika, der unbekannte Kontinent, trat plötzlich ans Tageslicht. Wir schnitten Zeitungsartikel aus, folgten begierig den Tagesereignissen und ergriffen Partei, als Castro seinen endlosen Streit mit den USA begann – von der amerikanischen Abschaffung der Zuckerimporte über die ersten Lieferungen sowjetischen Öls, den Invasionsversuch der CIA mit der Landung in der Schweinebucht bis zur Kubakrise von 1962.

Wie Hunderte anderer konnte ich es kaum erwarten, dorthin zu fahren, und kam 1963 im gelobten Land an. Revolutionen sind bekannt dafür, dass sie ihre Gunst freigiebig verschenken und jeden begeistert willkommen heißen, der die Reise zu ihnen auf sich nimmt, und schon bald hatte ich die ganze Insel durchreist, war Mitglied im örtlichen Straßenkomitee „zur Verteidigung der Revolution“ geworden, war allen großen Anführern begegnet, einschließlich Che Guevaras, und hatte Fidel bei einer seiner poetischen und hypnotischen Reden auf der Plaza de la Revolución zugehört.

Was mich vor allem beeindruckte war, dass ich eine Insel voller farbiger Menschen vorfand. Die revolutionäre Führung selbst hätte schwerlich noch weißer sein können. Ja, es hieß, die Fidelista-Partisanen, die 1953 die Moncada-Kasernen in Santiago de Cuba eroberten, seien fast alle Kinder spanischer Einwanderer der ersten Generation gewesen, darunter auch Fidel selbst. Und doch bestand die Bevölkerung Kubas mindestens zur Hälfte aus Schwarzen. Man konnte sie in den reichen Vororten Havannas antreffen, wo sie sich in den erst kürzlich geräumten Luxusvillen jener Revolutionsgegner vergnügten, die überstürzt nach Miami abgereist waren, in der Vorstellung, sie würden ja bald zurück sein.

Die Angst der alten Eliten

Fünfzig Jahre später warten sie noch immer auf ihre Rückkehr, während auf ihren ehemaligen Wohnsitzen schwarze Familien noch immer die Wäsche im Garten aufhängen und abends auf der Veranda sitzen, um die Sonne im karibischen Meer versinken zu sehen. Sie werden nicht überstürzt ausziehen. Sie sind es, die der Revolution den stärksten Rückhalt geben.

Dass Fidel sich der Unterstützung der schwarzen Bevölkerung versicherte, war sein geschicktester Schachzug und fand ein Echo sowohl in den USA (wo er sich bei einem Besuch bei den Vereinten Nationen in Harlem einquartierte) als auch andernorts in einer noch immer kolonialen Welt – und doch brachte er ihm Ärger mit den Weißen zu Hause ein. Die einzige politische Bewegung auf Kuba, die Schwarze in ihre Partei und in ihren Gewerkschaftszweig aufnahm, war die Kommunistische Partei, und Fidel hatte die Hilfe der heimischen Kommunisten gesucht (lange bevor er sich der Sowjetunion zuwandte), um die arme und schwarze städtische Bevölkerung besser erreichen zu können. Die weißen rassistischen Elemente in der kubanischen Gesellschaft hatten einen farbigen Präsidenten wie Fulgencio Batista toleriert, der die schwarze Bevölkerung unter Kontrolle gehalten hatte; aber ein Weißer wie Fidel, der die Schwarzen gegen sie zu mobilisieren schien, löste große Beunruhigung aus.

Fidels Werben um die schwarze Bevölkerung zahlte sich aus, als sich seine außenpolitischen Ambitionen auf Afrika richteten, mit massiven militärischen Interventionen in Angola während der Siebziger- und Achtzigerjahre, die die Linksregierung Agostinho Netos stabilisierten und eine Rolle beim Sturz des Apartheidsregimes in Südafrika spielten. Die Urgroßeltern mancher kubanischen Soldaten waren im 19. Jahrhundert aus Angola nach Kuba gekommen – als Sklaven.

Viele Kubabegeisterte meiner Generation, besonders auf dem europäischen Kontinent, waren desillusioniert, als Fidel sich der Sowjetunion zuwandte. Ich erinnere mich, seine Rede im August 1968 gehört zu haben, in der er den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei verteidigte. Wir hatten erwartet, dass er Alexander Dubcek unterstützen würde. Che Guevara hätte das jedenfalls sicher getan, meinten wir. Aber Guevara war ein schlechterer Stratege als Fidel und hatte im vergangenen Jahr den Preis für seine politischen Fehler bezahlt, als er von Regierungssoldaten in Bolivien umgebracht wurde. Er hatte gehofft, dort eine Guerillaarmee aufstellen und zur Befreiung seines Vaterlandes Argentinien führen zu können. Seine außergewöhnliche Geschichte wird noch einmal in zwei langen Filmen von Steven Soderbergh erzählt, von denen der erste im heutigen London beginnt. # Vorschlag Redaktion: Wenn kürzen, dann diesen Satz zuerst!

Kuba in Aspik

Angesichts der unerbittlichen Feindschaft der Vereinigten Staaten sah Fidel keine Alternative zu einem Bündnis mit den Sowjets. In den 1970er Jahren trat er in den Sold der Sowjetunion, kopierte ihr Vorbild und richtete Kubas Wirtschaft und Politik nach sowjetischer Betriebsanleitung ein. Nur in der Außenpolitik hielt er an einer unabhängigen Linie fest. Viele Kubaner waren zufrieden mit dieser Entscheidung und erinnern sich gern an „die Breschnew-Jahre“ als eine Zeit des Wohlstands, wie sie ihn zuvor nie erlebt hatten und seitdem nie wieder erlebten. Ausländische Beobachter waren weniger angetan, und ich fuhr erst in den späten 90er Jahren wieder nach Havanna, um mich umzusehen und um eine Geschichte Kubas zu schreiben.

Ich fand ein Kuba vor wie in Aspik: Nichts schien sich verändert zu haben – eine der einzigartigen und oft vernachlässigten charmanten Seiten des Kommunismus. Eine intelligente, gesunde, gebildete Bevölkerung, jünger als die Revolution selbst, fristete ihr Dasein in vom Zahn der Zeit zerfressenen Wohnhäusern, mit Lebensmittelzuteilungen, die kaum ausreichten, mit einem Verkehrssystem, das ihren Bedürfnissen nicht Rechnung trug. Die Menschen hatten jeden erdenklichen Grund zur Klage, aber die Revolution oder ihre Führung mochten sie dennoch nicht gern angreifen.

Verglichen mit den Erfahrungen Lateinamerikas war das halbe Jahrhundert der kubanischen Revolution eine friedliche Angelegenheit. In jenen Jahren fiel Lateinamerika, oft über Jahrzehnte hinweg, in die Hand bösartiger Diktatoren, unter denen die Menschen eingekerkert und gefoltert wurden oder „verschwanden“. Nichts Vergleichbares geschah auf Kuba. Im Laufe der Zeit etablierten sich wieder Zivilregierungen in Lateinamerika und fanden zurück zur Freundschaft mit Kuba. Fidel wurde als die größte lateinamerikanische Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts anerkannt, als ein emblematischer Anführer, der jedem Vergleich mit den Heroen der Unabhängigkeitskämpfe im 19. Jahrhundert standhielt.

Jetzt ist es an Barack Obama, den Lateinamerikanern auf diesem Wege zu folgen und die verfehlte US-Politik des letzten halben Jahrhunderts (und des Jahrhunderts davor) ad acta zu legen. Die exilkubanische Lobby in den USA hat ihre politische Schlagkraft eingebüßt, und es gibt heute keinen innenpolitischen Grund mehr, der einen amerikanischen Präsidenten daran hindern würde, die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Kuba wieder aufzunehmen. Für die schwarze Bevölkerung wäre ein Besuch Obamas in Havanna ein besonders magischer Augenblick, ein Ereignis, das ebenso spektakulär wäre wie jener Augenblick vor 50 Jahren, als Fidel und Guevara die Ovationen der Menge entgegennahmen: der Aufschein einer Hoffnung.

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19:15 14.01.2009
Geschrieben von

Richard Gott, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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