Heftig ineinander verkeilt

Venezuela Die Erben von Hugo Chávez sind in eine innenpolitische Kraftprobe geraten, die zur Zerreißprobe werden kann

Petare, ein armes Viertel im westlichen Teil von Caracas, ist nicht eben als Brutstätte von Anti-Regierungs-Stimmung bekannt. Seine Einwohner haben profitiert von den Gesundheits-, Wohn- und Bildungskampagnen der Bolivarischen Revolution, die dazu geführt hat, dass in Venezuela die soziale Ungleichheit abgenommen hat wie in keinem anderen Land der Welt. Und doch wird seit Wochen heftig demonstriert. Auch in Petare gehen die Leute auf die Straße, um gegen eine schwindelerregende Inflation, alarmierende Mordraten in ihrem Distrikt und den Mangel an lebensnotwendigen Gütern zu protestieren.

Jorge Farias – Fahrer eines Motorradtaxis und überzeugter Kleinunternehmer – hat den im Vorjahr verstorbenen Hugo Chávez stets gewählt, tendiert nun aber zur Opposition. „Dieses Land kann nicht so bleiben, wie es ist. Es liegt nicht daran, dass Nahrungsmittel fehlen. Es ist die Angst, ausgeraubt oder ermordet zu werden, sobald man aus der Tür tritt. Ich würde gern eines Morgens ohne diesen Albtraum aufwachen, aber der wird immer schlimmer. Wir verlieren den Glauben, dass sich das irgendwann aufhalten lässt.“ Ya esta bueno ya! – dieser Ausspruch ist in diesen Tagen häufig zu hören. Grob übersetzt heißt das so viel wie – Jetzt ist es genug! – er spiegelt Unbehagen und Ungewissheit über die Zukunft des Landes.

Stöcke und Steine

Öffentliche Plätze in Caracas, Valencia, Maracaibo, Puerto Ordaz oder San Cristóbal bieten inzwischen einen Anblick der Zerstörung, wenn nicht Verwüstung. Vor Wochenfrist hat die Nationalgarde landesweit Demonstranten mit Tränengas und Gummigeschossen vertrieben. Derart aggressiv und entschlossen hat die Regierung von Präsident Nicolás Maduro bisher noch nie reagiert. Das Zentrum der nördlichen Indus-triestadt Valencia, der drittgrößten Kommune Venezuelas, stand teilweise in Flammen, während Demonstranten die Straßen verbarrikadiert hatten. Es wird erzählt, in der Stadt Puerto Ordaz (Bundesstaat Bolívar) gab es ebenfalls den Einsatz von Tränengas gegen Studenten, die sich in einem Protestcamp verschanzt hatten. Die Polizei habe zugesehen, wie etwa 60 Regierungsanhänger auf Motorrädern die Studenten beschossen. „Es gab mehrere Verletzte“, sagt Ines Duran, die ihren Kommilitonen Lebensmittel und Wasser bringt. „Die haben Waffen, wir nur Stöcke und Steine.“ Auch wenn das persönliche Risiko steige, sei sie gewillt, nicht aufzugeben. „Ich habe Angst, aber die habe ich sowieso jeden Tag.“ Mehrfach schon sei sie Opfer von Raubüberfällen geworden. Wen wundere das noch?

In Caracas konzentrieren sich die Unruhen auf das wohlhabende Viertel Chacao, wo Nacht für Nacht Bürger wie wild auf Pfannen und Töpfe schlagen, um zu zeigen, wie sehr sie bestimmte, vor allem hochwertige Konsumgüter entbehren und sich einer unheilvollen Straßenkriminalität erwehren müssen, die in den zurückliegenden 30 Jahren annähernd 100.000 Menschen das Leben gekostet hat. Staatschef Maduro und seine Partei Movimiento Quinta República (MVR) gewannen die Kommunalwahlen Ende 2013 mit dem Versprechen, dem überbordenden Gangstertum das Handwerk zu legen. Bisher bleiben sie Resultate schuldig.

Das Wahlmandat im Rücken, bezeichnet die Regierung die Proteste als Teil eines von den Vereinigten Staaten gestützten Coups. Dessen Galionsfigur sei der Oppositionsführer und Unruhestifter Leopoldo López, der gerade – nachdem er sich selbst gestellt hat – in einem Militärgefängnis eine Anklage wegen Anstiftung zur Gewalt erwartet. Maduro geht sogar so weit, die Eruption des Aufruhrs einen „faschistischen Plan“ zu nennen. Er schwört, das zu beenden, was man „wie eine Infektion“ bekämpfen müsse. Doch auch seine Gegner sind mit ihrer Rhetorik nicht zimperlich: Maduro und seine Gefolgschaft, das seien „Marionetten“ oder „nützliche Idioten“ Havannas – auf nichts sonst bedacht als die „Kubanisierung“ Venezuelas. In dieser Weise geschmäht, lassen sich Zehntausende von Maduro-Anhänger nicht lumpen, gehen gleichfalls auf die Straße und erklären voller Leidenschaft, das zu verteidigen, was für ärmere Bevölkerungsteile unter und mit Hugo Chávez erreicht wurde. Venezolaner, die sich keiner der beiden Seiten zugehörig fühlen, drohen zwischen die Fronten zu geraten und zerrieben zu werden.

William Briceño konnte gerade noch aus seinem Arbeitszimmer in einem Regierungsgebäude im Caracas-Bezirk Chacao fliehen, bevor das Haus von Anti-Maduro-Demonstranten geschleift wurde. „Als ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, waren mein Computer, Teile des Mobiliars und einige persönliche Dinge gestohlen“, erzählt er durch ein zerschmettertes Bürofenster. „Die Proteste sind keine Lösung. Die Studenten sagen, sie wollten lediglich einen Dialog. Aber sie zerstören alles um sich herum.“ Im Inneren des Büros arbeiten Briceños Kollegen an improvisierten Schreib- oder Küchentischen, weil nichts sonst nach dem Raubzug der Straße erhalten blieb. Draußen fehlt das Eingangsschild – an seiner Stelle findet sich jetzt ein Graffito mit den Worten SOS Venezuela.

Umso mehr stellt sich in dieser Situation die Frage, ob in Venezuela ein Chávismo ohne Chávez möglich ist. Fehlt der Antreiber, der mit seinen Ideen und seinem Charisma die eigenen Sympathisanten mobilisiert. Präsident Maduro entbehrt jenes Sendungsbewusstsein, wie es der im März 2013 verstorbene Comandante besaß. Dessen Grundmodell einer sozialen Umverteilung der Öleinnahmen bleibt bestehen. Doch sind die in den vergangenen Monaten durch rapiden Preisverfall auf dem Weltmarkt erheblich geschrumpft, was sich (noch) nicht auf die Sozialprogramme auswirkt, aber als Preisschub für Konsumgüter die Mittelschichten belastet, um deren Wohl sich die Regierung weniger kümmert. Für jenen Teil der Gesellschaft fühlt sich Oppositionsführer Henrique Capriles zuständig, der nach seiner knappen Niederlage (49, 1 Prozent bei der Präsidentenwahl im April 2013 begriffen hat, sich mehr ins Zentrum bewegen zu müssen, mehr Anwalt als Provokateur zu sein, dem Wohlfahrtsstaat der Chávisten den Sozialstaat des bürgerlichen, nicht neoliberalen Reformers entgegenzusetzen. Die Gefahren für das politische Überleben der Chávez-Erben und die innere Stabilität des Landes hängen derzeit weniger vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ ab, wie er Hugo Chávez vorschwebte, als vom Krisenmanagement eines Nicolás Maduro, das Konzessionen nicht ausschließt.

Fehlt der Antreiber?

„Eine Dialog wäre der beste Ausweg. Aber die Regierung verweigert sich. Trotzdem kann ich die Gewalt der Straße nicht gutheißen. Mir ist vollkommen schleierhaft, wo das hinführen soll“, meint William Briceño. Elizabeth Rodríguez hat sich bisher von Oppositionsmärschen ferngehalten. Sie fürchtet, ein jäher Sturz der Regierung werde mehr schaden als nutzen. „Inzwischen habe ich leider das Gefühl: Nicolás Maduro weiß nicht recht, wie er aus diesem Teufelskreis herauskommt.“ Den Luxus, bis zur nächsten Wahl zu warten, könne sie sich nicht leisten. Rodríguez leidet unter Leukämie und hat noch vor einem Jahr auf Hilfe des Staates bei der Behandlung rechnen können. Nun aber stehen die benötigten Import-Medikamente nicht mehr zur Verfügung. „Die Krise muss ein Ende haben. Nicht meinetwegen, sondern im Interesse des Landes.“

Juan Garcia, ein Medizintechniker, meint: „Die Dinge werden sich ändern. Aber zuvor wird es Repressionen geben. Die beiden Lager haben sich mit den Hörnern verkeilt. Aber die Menschen haben genug – auch von den Protesten.“ Der Gärtner Juan Tavare pendelt täglich aus dem armen Viertel Palo Verde ins wohlsituierte Altamira im Bezirk Chacao. Vor einer Woche, als sich Demonstranten auf dem zentralen Platz des Quartiers versammelt hatten, verließ er seine Arbeit früher als sonst und musste schließlich Straßenblockaden aus brennenden Reifen und loderndem Müll umgehen. Zwei Stunden brauchte er für den Rückweg nach Hause. „Dort war es endlich ruhiger. Aber was hilft es? Man weiß trotzdem nicht, wo man Lebensmittel kaufen kann oder ob irgendwo Schläger herumstehen, denen man nicht entkommen kann.“

Virginia Lopez und Jonathan Watts sind Korrespondenten des Guardian in Lateinamerika

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Virginia Lopez, Jonathan Watts | The Guardian

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