Heikle Fragen

Haiti Ist Wyclef Jean der nächste Präsident oder nur ein Sänger, der falsche Hoffnungen schürt in einem Land, das nicht mehr viel zu verlieren hat?

Wyclef Jean hat sich in seinem Tonstudio in New Jersey vergraben, um die letzten Tracks für sein neues Album Haitian Experience aufzunehmen. „One more time“, sagt er zu seinem Produzenten, dann führt er das Mikro an die Lippen und singt: „Wyclef, the Haitian president!“ Sichtlich angetan von der Thematik, legt er los: „To all my DJs around the world, all hands on deck! The Haitian president: Wyclef!“ Nun, da alle Welt weiß, dass Wyclef Jean – ehemals Sänger der mit Platin ausgezeichneten Band The Fugees und heute Solo-Star – für die Präsidentschaft auf Haiti kandidiert, bleibt nur noch die Frage: Warum?

Jean beantwortet diese Frage sehr ausschweifend. Er erzählt von einem Besuch auf Haiti kurz vor Weihnachten mit seiner vierjährigen Tochter Angelina. Als ein Mann großer Gesten entschied Jean, unter den Kindern von Cité Soleil, einem armen Slum in der Hauptstadt Port-au-Prince, ein wenig Freude zu verbreiten: „Ich wollte Santa Claus in die Slums bringen, also habe ich einen Helikopter genommen und bin mit meiner Tochter und einem Weihnachtsmann mitten in Cité Soleil gelandet.“ Wie immer, wenn er auf Haiti war, stieg er im Hotel Montana ab. Drei Wochen später, genauer gesagt am 12. Januar, war von dem Gebäude nur noch ein Schutthaufen übrig.

„Wir sind dem Tod um wenige Wochen entkommen. Deshalb kandidiere ich als Präsident. Vielleicht hätte ich noch zehn Jahre damit warten können, aber jetzt drängt es. Es reicht nicht aus, über Politik zu singen. Ich habe erlebt, wie Musiker ihr Leben lang nichts anderes getan haben, als einfach nur darüber zu singen. Ich dagegen will für das, worüber ich singe, etwas tun und sehen, ob wir dieses Land innerhalb von fünf Jahren nicht auf einen besseren Weg führen können.“ Seine Kandidatur wird einen gewaltigen Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen am 28. November haben. Für haitianische Verhältnisse ist es ungewöhnlich, dass das Rennen im Moment noch vollkommen offen ist, bislang gibt es keinen offensichtlichen Spitzenkandidaten. Der amtierende Präsident René Preval kann nicht erneut antreten, da er seine zweite Amtszeit bereits hinter sich hat.

Elektrisierende Wirkung

In diese Situation platzt nun Wyclef Jean hinein, der berühmteste Sohn des Inselstaats. Er verließ das Land, als er neun Jahre alt war, lebte zunächst in Brooklyn, dann im Norden New Jerseys, wo er mit seinem Cousin Pras Michel und der Sängerin Lauryn Hill die Fugees gründete. Ihr zweites Album The Score verkaufte sich weltweit über 18 Millionen Mal und gewann zwei Grammys. Keiner zweifelt daran, dass Jean im Wahlkampf eine elektrisierende Wirkung entfalten wird. Zweifel bestehen eher daran, weshalb irgendjemand auf Haiti in diesem düsteren Moment seiner Geschichte einen Popstar zum Präsidenten wählen sollte. „Die Leute können sagen: 'Clef, was weißt du schon über Politik und darüber, wie man ein Land regiert. Das klingt ziemlich geisteskrank, Clef.' Aber wenn man bedenkt, über welche Beziehungen und Verbündeten ich auf der ganzen Welt verfüge, dann habe ich das Gefühl, dass ich dieses Land nach vorne bringen kann.“ Er sei nie einer von den Rappern gewesen, die Sätze tönten wie „Shake my booty, pop the champagne, let’s go“. „Wir können definitiv keinen Popstar dieser Sorte gebrauchen, der unser Land regiert.“ Seine Musik, so Jean, sei immer schon politisch gewesen. Er spricht nun von sich in der dritten Person: „Dem Klischee entsprechend landen Hip-Hop-Stars in der Regel im Knast. Doch hier haben Sie nun einen Künstler, der sagt: 'Ich habe nicht vor, ins Gefängnis zu gehen, ich habe vor, mein Land als Präsident zu regieren.' Er entscheidet, dass es Zeit ist, dass aus seiner Musik Politik wird.“

Jean setzt sich seit 2005 aktiv für Haiti ein, damals gründete er die Wohltätigkeitsorganisation Yéle Haiti, die verarmten jungen Menschen dabei hilft, Lesen und Schreiben zu lernen, und Bildungs-Stipendien vergibt. Doch erst das Erdbeben hat ihn davon überzeugt, dass er sich direkt in die Regierungsgeschäfte des Landes einmischen muss. Er kam am Tag nach dem Erdbeben nach Port-au-Prince und erzählt, wie er unmittelbar von der Situation aufgesogen worden sei: „Zwei Tage lang war ich wie verloren. Ich war zwei Tage in den Trümmern unterwegs, habe Leichen aufgesammelt und zur Leichenhalle gebracht. Meinen Freund, [den Rapper] Jimmy O, habe ich tot in seinem Auto gefunden, ein Gebäude war darüber zusammengestürzt. Ich hielt seine Tochter in meinen Armen. Dann wurde einer meiner Männer auf der anderen Seite der Stadt erschossen. Er arbeitete für Yéle Haiti. An diesem Punkt bin ich durchgedreht. Es war, als hätte zwei Tage lang die Apokalypse gewütet.“

Diese Erfahrung habe ihn, den Sohn eines Nazarener-Pfarrers, an seinem Glauben zweifeln lassen: „Die Straßen füllten sich mit den Körpern von Kindern und schwangeren Frauen und in diesem Moment denkst du: Wenn es einen Gott gibt, weshalb ließ er das geschehen? Aber dann siehst du einen Mann mit einem Nagel in der Hand, der sagt: Wir bauen ein neues Haiti. Und so habe ich wieder meinen Weg heraus gefunden.“

Hurrikan-Saison naht

Fast sieben Monate nach dem Beben befindet sich Haiti immer noch in einem apokalyptischen Zustand. Nach wie vor leben Hunderttausende von Menschen unter Plastikplanen, suchen händeringend nach etwas zu essen oder Arbeit – und das, wo die Hurrikan-Saison unmittelbar vor der Tür steht. Würde Jean tatsächlich die Wahlen gewinnen, wo um alles in der Welt würde er anfangen? „In Haiti kann es nur aufwärts gehen, denn gegenwärtig ist die Situation überall katastrophal, egal wo man hinsieht. Also muss man sich zuerst um Ausbildung und Arbeitsplätze kümmern.“ Zweitens wolle er die Menschen dazu anhalten, die zerstörte Hauptstadt zu verlassen und auf dem Land neue Dörfer aufzubauen, um dort Landwirtschaft zu betreiben. „Jedem Dorf würde ein eigenes Lebensmittel zugeschrieben: Mango-Village, Zuckerrohr-Village ... Wenn es gelingt, den Leuten ein Zuhause und eine Arbeit zu geben, könnte man mit der Dezentralisierung von Port-au-Prince beginnen.“ Bildung sei der Schlüssel, denn „solange die Leute nicht lesen und schreiben können, bleibt es moderne Sklaverei.“

Bevor er mit dieser Arbeit anfangen kann, muss er allerdings erst noch eine Wahl gewinnen, und die Wahlkämpfe in Haiti waren schon immer äußerst schmutzig und hart umkämpft. Jean meint, er sei auf alles vorbereitet, was man ihm an den Kopf werfen könnte: „Ach, wissen Sie, Politik ist ein Kampfsport und ich respektiere das. Ich bin ein guter Judoka.“ Einer der größeren Brocken, der ihm sicherlich um die Ohren fliegen wird, ist das Finanzgebaren seiner Stiftung, die nach Berichten in der Washington Post und auf der Website Smoking Gun erhoben wurden. Yéle Haiti, die seit Januar an die neun Millionen Dollar Katastrophenhilfe gesammelt hat, wurde eine Reihe finanzieller Unregelmäßigkeiten nachgesagt, von der verspäteten Steuererklärung bis hin zur Veruntreuung von Spendengeldern für Jeans private Zwecke. 2009 erklärte die Stiftung ihre Steuer für die drei vorangegangenen Jahre – warum so spät? „Wenn man einen Fehler macht, dann muss man auch zugeben, dass es ein Fehler war. Die Steuererklärungen wurden nicht rechtzeitig gemacht. Was also mache ich? Ich sagte: Bringt mir den besten Buchhalter, denn diese Stiftung wird eine Nummer größer. Also haben wir uns RSM McGladrey geholt, und jetzt wird alles rechtzeitig erledigt.“

Auf den Vorwurf, dass eine außergewöhnlich große Summe der Spenden an seine Stiftung für Verwaltungsaufgaben verwendet wird, erwidert Jean, er schäme sich nicht dafür, gute Leute einzustellen. „Wir werden die Verwaltung nicht einstellen, denn wir brauchen sie. Und diese Leute müssen gut bezahlt werden.“ Die heikelsten Vorwürfe betreffen Zahlungen, die von Yéle Haiti an Jeans eigene Firmen geflossen sind. Sie umfassen 250.000 Dollar an die Fernsehgesellschaft Telemax, die Jean 2006 zusammen mit anderen gekauft hat, und nicht weniger als 100.0000 Dollar für ein Konzert, bei dem Jean in Monte Carlo mitwirkte. 75.000 gingen an die Backround-Sänger und -Sängerinnen und 25.000 über seine Plattenfirma an Jean selbst.

In die eigene Tasche?

Was sagt er zu den Vorwürfen, dass Spendengeldern in seinen eigenen Taschen gelandet sein sollen? „Wyclef soll Geld für sich selbst genommen haben? Nein, so etwas hat es nicht gegeben. Wenn das jemand behaupten sollte, macht er sich lächerlich. Nein, das würden wir nie machen. Meine Führung der Stiftung zu jener Zeit kann man infrage stellen, meine Aufrichtigkeit aber niemals. Ich würde niemals mein Land bestehlen.“

Es dürfte noch viele weitere Vorwürfe und Heckenschüsse auf ihn geben, wenn Jean am Donnerstag seinen Wahlkampf in Haiti beginnt. Rechnet er sich also wirklich Chancen aus? „Selbst wenn ich verliere, gewinne ich. Denn die Welt wird dann wissen, dass es in der Geschichte einen jungen Mann aus Haiti gegeben hat, der mehr machen wollte als nur Musik, der sich in die Politik Haitis einbringen und mithelfen wollte, das Land voran zu bringen. In diesem Sinne meine ich, dass ich selbst dann gewinne, wenn ich verliere.“

Übersetzung: Christine Käppeler/Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:00 07.08.2010
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5564
The Guardian

Kommentare