Heilige Johanna der Finanzmärkte

Lehrverkäufe Das Theater beginnt, sich mit der Finanzkrise beschäftigen. Guardian-Autorin Ruth Sunderland zeigt sich mit den bisherigen Bemühungen allerdings nicht zufrieden

Bevor der Energiekonzern Enron zusammenbrach, ließ er Fernsehspots ausstrahlen, die sich um das Firmenmotto „Ask Why“ – „Frag warum“ drehten. Eine gute Frage. Ökonomen und Finanzjournalisten haben uns viel darüber erzählt, wie die Bankenkrise entstanden ist. Über die unendlich schwierigere Frage, warum sie über uns kam, wussten sie uns aber nur recht wenig mitzuteilen. Warum haben die das gemacht? Warum haben wir sie gewähren lassen? Hier tun sich Abgründe auf, die noch dunkler und verwinkelter scheinen als bei der Sache mit den Kredit-Derivaten. Wir wenden uns daher an die Kunst, nicht an die Wirtschaft, um eine Antwort zu erhalten.

Die Krise wandert aus den Finanzberichten in die Buchläden und Theater. David Hares Stück The Power of Yes und Lucy Prebbles Enron setzen sich auf der Bühne mit ihr auseinander. Sebastian Faulks thematisiert sie in seinem jüngsten Roman A Week in December. Alle drei sind beherzt und unterhaltsam. Aus der Verarbeitung der gegenwärtigen Krise ist aber noch nichts hervorgegangen, was dem Tiefblick und der Kraft der Crash-Literatur der Vergangenheit – zum Beispiel Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten (Bonfire of the Vanities) oder Trollopes monströsem Finanzier Augustus Melmotte in The Way We Live Now – vergleichbar wäre.

In satirischer Stimmung hätte Trollope an der Pressevorführung zu Hares Stück wohl durchaus Gefallen gefunden. Von Konfrontation konnte dabei keine Rede sein. Es handelte sich vielmehr um einen milden, selbstkritischen Abend mit Corporate Entertainment. Im Publikum fanden sich jede Menge prominenter Medien- und Wirtschaftsvertreter, unter anderem auch die US-amerikanische Investorenlegende George Soros, der seine Person als eine der Hauptfiguren auf der Bühne bewundern durfte. Robert Peston von der BBC wurde zu Gunsten seines Kollegen Paul Mason vernachlässigt. Tags darauf musste jeder in der City, der etwas auf sich hält, auf einmal mit Hare befreundet sein. Ein Banker versicherte mir, er habe sich ausführlich mit Sir David unterhalten, sei aber nicht persönlich in dem Stück aufgetaucht. Dies wäre ihm auch „unangemessen“ vorgekommen.

Hare hauchte seinem Recherchenblock Leben ein, dramatisierte seine Interviews mit den Granden der britischen und internationalen Finanzwelt. Die düsterere Welt der Menschen, die in Schulden versinken, ihre Arbeitsplätze und Wohnungen verlieren, war jedoch mit dem kurzen Auftritt eines Anwalts aus einem Bürgerbüro stark unterrepäsentiert. Hare ist noch immer zu sehr mit dem Wie beschäftigt, als dass er sich mit dem Warum auseinandersetzen könnte. Er bot eine unterhaltsame Führung durch die technischen Details, die Motive blieben aber im Dunkeln.

Spiegel der menschlichen Seele

Lucy Prebble gräbt ein wenig tiefer. In einer Szene fragt die Tochter von Jeffrey Skilling, dem Hauptverantwortlichen für den Untergang des Enron-Konzerns ihren Vater, warum er die Aktienkurse studiere, warum er wissen wolle, wieviel er wert sei, warum er Profit machen müsse. Jeder Frage hängt sie noch ein zusätzliches kindisches Warum an, bis sie die Bühne Kaugummi-Blasen blasend wieder verlässt.

Am Ende des Stücks gibt Skilling eine Antwort, während er in seiner Gefängniszelle ein Selbstgespräch führt, wo er eine 24-jährige Strafe absitzt. Ein Börsenindex, so sagt er uns, sei ein Spiegel der menschlichen Seele. Spekulationsblasen seien für den menschlichen Fortschritt unverzichtbar. Sie hätten uns die Eisenbahn, den Sklavenhandel und das Internet gebracht. Und wir bräuchten eine weitere, um die Technologie zu erhalten, mit der wir die Umwelt retten können. Die Rede erinnert sowohl an Gordon Grekkos „Gier ist gut“-Ansprache im Film Wall Street als auch an den Brief des heiligen Paulus an die Korinther, in dem er schreibt, wir hätten den Glauben, die Hoffnung und die Liebe und das Größte von den dreien sei die Liebe. Der Erzjünger Skilling verdreht dies zu: „Es gibt Habgier, Angst, Freude, Glaube, ... Hoffnung ... und das Größte von allen ist das Geld.“

Obwohl er von Sam West hervorragend gespielt wird, fehlt es Skilling am dämonischen Charisma eines Melmotte oder auch nur eines Gekkos. Er ist kein auf fatale Weise gescheitertes Genie, sondern, wie einer seiner Arbeitgeber ihn wissen lässt, nur ein gewöhnlicher kleiner Betrüger.

Der von Sebastian Faulks erschaffene widerliche Hedge-Fonds-Manager John Veals hat sich ein zynisches Modell für Leerverkäufe ausgedacht. Dieses wird ihm Millionen einbringen, gleichzeitig aber den Untergang der Allied Royal Bank beschleunigen, die unschwer als Royal Bank of Scotland wiederzuerkennen ist. Veals lebt, wie seine Frau Vanessa erkennt, in einer halb-virtuellen Welt, in der der Profit nichts mehr mit Produktion oder realem Wachstum zu tun hat. In dieser Dystopie sind ein „funktionaler Autismus“ und ein sehr beschränktes Gefühl für den anderen die idealen psychischen Voraussetzungen

Alle Charaktere Faulksens leben in unwirklichen Welten: die U-Bahn-Führerin Jenni Fortune ist abhängig von der fiktiven Second-Life-Variante Parallax und der junge gläubige Muslim Hassan ist der kruden Logik des islamischen Terrorismus erlegen. Der kollektive Wahnsinn wird von der Figur des an Schizophrenie leidenden Adams sowie der düsteren Big-Brother-Parodie und Reality-TV-Show It's Madness unterstrichen, bei der die Insassen eines Irrenhauses um eine Behandlung ihrer Krankheit wetteifern.

Veals ist nicht der einzige Leerverkäufer: Auch die meisten anderen betreiben Leerverkäufe ihrer selbst oder anderer. Selbst die kleinbürgerliche Hausfrau Sophie Topping klassifiziert die Dinner-Partys anderer Gastgeberinnen so leidenschaftslos wie ein Immobilien-Analyst, und stuft sie nach dem Charme der Kinder und der Inneneinrichtung ein.
Für Faulks scheint die Moral darin zu bestehen, dass die anderen Menschen die einzige Realität darstellen und Bücher, obwohl sie Phantasiewelten erschaffen, der Schlüssel zu deren Verständnis sind. Damit hat er sicherlich recht. Die Banker werden es darüber allerdings nicht gerade mit der Angst zu tun kriegen.

Im Auge des Hurrikan

Romanciers und Stückeschreiber sind in Bezug auf die Krise vergleichsweise spät dran. Darstellende Künstler waren da wesentlich hellsichtiger, vielleicht weil sie selbst Teil der Investitions-Blase waren. Damien Hirsts Das Goldene Kalb, ein ausgestopftes Tier mit Hörnern aus 18-karätigem Gold, verkaufte sich für 10,3 Millionen Pfund Sterling just an dem Tag, an dem Lehman Brothers Bankrott anmeldeten. Stücke wie Marc Qinns Siren – eine Gold-Statue von Kate Moss – spielen mit der Schnittstelle zwischen Kunst, Geld und Ruhm sowie mit der Frage, wie wir in unserer Kultur Wert beimessen.

Auf der Frieze-Art-Kunstmesse, die noch bis zum Sonntag im Londoner Regent's Park stattfindet, ist die Notwendigkeit der Selbstprüfung nach der Krise immer wieder Thema. Sie ist eine zu ernste Angelegenheit, als dass man sie den Spezialisten überlassen dürfte. Wir brauchen ein breiteres kulturelles Verständnis und Künstler können ebensoviel zu einem Umdenken beitragen wie jede Aufsichtsbehörde oder jeder Politiker. In Tom Wolfes Einleitung zu Fegefeuer der Eitelkeiten zitiert er „den großen Augenblick des Pferdes“: Während er für seinen großen Roman Germinal recherchierte, fuhr Emile Zola mit ein paar Bergarbeitern unter Tage und sah dort ein großes Arbeitspferd. Er fragte sie, wie sie es jeden Tag hier herunter und wieder hinauf brächten. Die Kumpel antworteten ihm, das Pferd werde nur einmal nach unten gebracht – als Fohlen. Nach ein paar Jahren erblinde es und wenn es zum Arbeiten zu alt sei, werde es sterben und unten begraben werden. Daraus wurde nach Wolfe einer der großen Augenblicke der französischen Literatur. Die Finanzkrise bringt einige faszinierende Arbeiten hervor, bislang hat aber noch niemand den großen Wurf gelandet. Wir warten immer noch auf unseren Zola-Augenblick.


Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

16:40 16.10.2009
Geschrieben von

Ruth Sunderland, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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