Heldin der Affen

Porträt Jane Goodall hat ihr ganzes Leben mit Schimpansen verbracht. Über 40 Filme handeln von ihrer Forschung. Schon als 23-Jährige musste die Britin vor einem Löwen flüchten

In ihrer Kindheit während des Zweiten Weltkriegs bekam Jane Goodall regelmäßig zu hören, dass ihre Träume unrealistisch seien, unerreichbar. „Ich hatte Tarzan gelesen und hatte mich verliebt, obwohl er die falsche Jane geheiratet hat, der miese Kerl“, scherzt sie. „Ich wollte mit wilden Tieren leben und Bücher über sie schreiben. Aber wenn ich davon erzählte, sagten alle immer nur: „Wie willst du das machen? Afrika ist weit weg. Wir wissen nur wenig darüber. Deine Familie hat kein Geld. Und du bist nur ein Mädchen.“

Heute – mit 83 Jahren – reist die gefeierte britische Primatenforscherin um die ganze Welt, hält ausverkaufte Vorträge darüber, was sie während fünf Jahrzehnten Schimpansen- Forschung in Tansania gelernt hat. Angelina Jolie ist einer ihren großen Fans. Michael Jackson habe Heal the World über sie geschrieben, erzählt mir Goodall.

Eigentlich hat sie gar keine Zeit, hier zu sitzen. Am liebsten möchte sie sich ganz auf die Aufgabe konzentrieren, die ihr so wichtig ist: unseren Planeten vor dem Klimawandel und seinen Auswirkungen besser zu schützen. Nur kommt immer wieder etwas dazwischen. Diesmal ist es der National-Geographic-Dokumentarfilm Jane des Amerikaners Brett Morgen – der neueste von über 40 Filmen, die ihr außergewöhnliches Leben zum Thema haben. Jane Goodall wirkt leicht ungehalten darüber, dass sie ihren Einsatz für den Umweltschutz kurz unterbrechen muss, um zur Hollywood-Premiere von Jane zu fahren. „Aber Leute, denen so viel an dieser Sache liegt, muss ich unterstützen.“

Eine Sekretärin im Dschungel

Ihre große Leidenschaft für Schimpansen wurde auf 16-mm-Film von Goodalls (Ex-) Mann festgehalten, dem verstorbenen Tierfilmer Hugo van Lawick. Für seinen Film sichtete Morgen mit Hilfe seines Teams hunderte Stunden Archivmaterial des National Geographic und verknüpfte die sorgfältig restaurierten Szenen für seine Jane-Goodall-Hommage mit einem neuen Interview mit der Forscherin.

Der Film beginnt mit Aufnahmen, die sie 1960 in einem Boot auf dem Weg in den Gombe-Stream-Nationalpark im Westen Tansanias zeigen. Dazu erklärt eine Stimme, sie habe schon immer „den Traum eines Mannes geträumt (...), Träume von großen Abenteuern“. Dass ihr Traum keiner blieb, überließ Jane Goodall nicht dem Zufall. Nachdem sie mit der Schule fertig war, machte sie zunächst eine Ausbildung zur Sekretärin. Mit dem Abschluss in der Tasche nahm sie allen Mut zusammen und rief den bekannten britischen Paläoanthropologen Louis Leakey an. „Es war ein bisschen angsteinflößend, er konnte leicht jähzornig werden“, erinnert sie sich. „Ich sagte zu ihm: ‚Ich würde gerne kommen und mit Ihnen über Tiere sprechen.‘“

Leakey nahm sie mit auf eine Forschungsreise nach Kenia. Goodall erinnert sich noch gut, dass sie eine Schlucht hinaufklettern musste, um einem Löwen zu entkommen, oder an den Moment, in dem sie einem wütenden Rhinozeros gegenüberstand – kein ganz gewöhnlicher Sommer für eine 23-Jährige aus Bournemouth. Mit 26 Jahren und damals noch ohne wissenschaftliche Ausbildung schickte Leakey sie nach Tansania, um das Verhalten von Schimpansen zu beobachten. „Damals hat er mir den Grund dafür nicht gesagt, was eigentlich ein bisschen gemein war. Er wollte jemanden haben, der – wie er es nannte – „frei von der reduktionistischen Wissenschaftstheorie der damaligen Zeit war“, berichtet Goodall lächelnd.

Welche Voraussetzungen braucht man, um über Jahre hinweg Menschenaffen und ihr Verhalten in ihrem natürlichen Lebensraum zu erforschen? Als wichtigste Qualität für das Leben im Dschungel nennt Goodall „Geduld“. Die Arbeit im Dschungel war nicht immer einfach. Manchmal wurden die Schimpansen aggressiv und griffen das Forschungscamp an. Sie musste mit Gewittern, extremer Hitze, Skorpionen in ihrem Zelt und mit der Einsamkeit fertig werden.

Was hat ihr dabei am meisten Schwierigkeiten bereitet? „Das Schrecklichste war, dass die Schimpansen vor mir weggelaufen sind. Ich wusste, dass sie sich mit der Zeit an mich gewöhnen würden, aber die Forschungsgelder, die von der Royal Geographic Society zur Verfügung gestellt wurden, reichten nur für sechs Monate.“

Pionierin ja, Feministin nein

Glücklicherweise hatte sie schon bald Ergebnisse vorzuweisen. Sie machte die bahnbrechende Entdeckung, dass Schimpansen Werkzeuge bauen und benutzen – genau wie Menschen; dass sie Persönlichkeiten besaßen und Bewusstsein – genau wie Menschen. Die Affen führten sogar Kriege untereinander.

Die Arbeit und die Beziehung zu den Tieren hätten auch zu ihrer eigenen Entwicklung beigetragen, erklärt Goodall: „Das Bedeutendste, das ich von den Schimpansen gelernt habe, betrifft Kinderpsychologie. Zum Beispiel, dass das Wichtigste für ein Kind in den ersten drei Lebensjahren ist, ein bis drei Erwachsene zu haben, denen es vollkommen vertrauen kann. Die Schimpansen haben mich gelehrt, wie gut es ist, mit seinen kleinen Kindern Spaß zu haben. Die Ersten, die sich für meine Forschung interessierten, waren nicht die Biologen und Zoologen, sondern die Kinderpsychologen.“

Von den Affen etwas über den Menschen lernen

Feldforschung Den ersten Affen, dem Jane Goodall vor über sechzig Jahren in Tansania begegnete, taufte sie David Greybeard, sein Backenbart war schon grau. Ihre 1960 im Naturreservat Gombe errichtete Station ist weltweit die führende Institution für Schimpansenforschung. Mit Greybeard stellte die berühmte Naturforscherin gängige Lehrmeinungen komplett auf den Kopf: Affen sind keine Vegetarier, sie fressen Fleisch, benutzen und fertigen Werkzeuge. Affen sind Primaten mit Gerechtigkeitssinn, fanden die Forscher Sarah Brosnan und Frans de Waal im Jahr 2015 heraus. Sie ließen Kapuzineraffen erst Spielsteine gegen Gurken tauschen. Dann kamen Weintrauben ins Spiel. Der benachteiligte Artgenosse verschmähte das Tauschangebot, wurde sogar stinksauer, weil sein Kollege für die nächste Weintraube gar nichts eintauschen musste.

Affen können die Gebärdensprache erlernen, das fanden Psychologen in den 1960er Jahren mit dem Affenmädchen Washoe heraus. Es war eine Sensation, auch wenn Kritiker der Meinung waren, das sei Dressur. Washoe paffte gerne eine Zigarette, ihre Signale bedeuteten übersetzt: „Bitte gib mir diesen heißen Rauch.“ Alles nur Nachahmung oder könnten Affen theoretisch sogar kochen? Im Prinzip ja, zeigte eine Studie vor zwei Jahren. Für ihr Experiment packten die Forscher rohe Kartoffelstückchen in einen speziellen Topf mit doppeltem Boden, der durch richtiges Schütteln eine gekochte Kartoffel lieferte. Die Affen waren in der Lage, auf gekochte Kartoffeln zu warten, sie transportierten die Kartoffeln sogar zu einer anderen „Kochstelle“, sie legten rohe Möhren in den Topf. Gekochtes Gemüse finden Affen einfach lecker – wie der Mensch. Katharina Schmitz

Goodalls Forschungsergebnisse wurden lange nicht ernst genommen. Der Tenor war, sie sei nur auf dem Titel des National Geographic, weil sie hübsche Beine habe. „Es war das Bild von der Schönen und dem Biest, das die Medien liebten.“ Das muss schwierig für sie gewesen sein, stelle ich mir vor, aber Goodall sah es pragmatisch: „Es hat mir nichts ausgemacht. Ich muss sagen, dass es nützlich war. Und wenn ich den Film anschaue, sehe ich, warum sie das über meine Beine sagten. Sie waren wirklich sehr hübsch, nicht wahr?“

Damals in Gombe hatte es Vorteile, eine Frau zu sein, erzählt die Primatenforscherin. „Zu dieser Zeit war der schreckliche Kolonialismus in Tansania erst seit kurzem vorbei, weiße Männer wurden als bedrohlich und einschüchternd empfunden. Aber ich war eine Frau. Ich war ,schwach‘ und daher wollten die Leute mir helfen.“

Obwohl Jane Goodall eine furchtlose Pionierin auf einem von Männern dominierten Gebiet war, kann sie sich mit der Bezeichnung „Feministin“ nicht identifizieren. In den 1970ern schickte sie ihren Sohn auf ein Internat in Großbritannien, „das war damals normal“, sagt sie. Sie trennte sich von ihrem Mann, als er seine Berufung als Tierfilmer fand. „Es war keine Option für mich, meine Arbeit aufzugeben, nur um seine Assistentin zu werden.“

Über die Jahre ist Goodalls außergewöhnliches Leben Stoff für Legenden geworden. Es blieb nicht bei der Forschungsarbeit im Dschungel. Sie gründete das Jane- Goodall-Institut mit dem Schwerpunkt auf Artenschutz, in ihrem „Roots & Shoots“- Programm lernen Kinder in fast hundert Ländern über Umweltschutz. Es gibt Berichte, Leonardo DiCaprio würde gerne einen Spielfilm über sie machen.

„Vielleicht könnte Angelina Jolie Sie spielen“, schlage ich vor. Schließlich ist die Schauspielerin eine glühende Verehrerin. „Nein“, widerspricht Goodall, „weil es um die junge Jane gehen muss. Auch wenn man sein Gesicht noch so oft liftet, kann man sich in ihrem Alter nicht in eine 23-Jährige verwandeln.“ Jolie war unter den vielen Berühmtheiten bei der Premiere von Jane. Es war das erste Mal, dass bei einem Dokumentarfilm alle 17.500 Plätze der Freilichtbühne nördlich von Hollywood ausverkauft waren. Warum das Interesse an ihrer Geschichte so groß war? „Vor allem natürlich wegen des Rufs, der dem Film vorausgeeilt ist“, erklärt Goodall. „Aber auch aus dem gleichen Grund, warum die Leute zu meinen Vorträgen kommen. Wir haben eine Trump-Regierung. Wir haben Theresa May und die Konservativen, denen alles egal ist und die fröhlich Fracking zur Erdgasförderung einsetzen. Wir haben eine Welt, die voller Chaos ist – Gewalt, Krieg, häusliche Gewalt –, daher verlieren die Menschen die Hoffnung. Deswegen werden meine Vorträge auch immer ,Grund zur Hoffnung‘ oder so ähnlich genannt. Weil die Welt in einem solch schrecklichen Zustand ist.“ Und damit ist Goodall auch schon wieder unterwegs, um sie zu retten.

Übersetzung: Carola Torti
06:00 26.12.2017
Geschrieben von

Amelia Abraham | The Guardian

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