Hello Kitty des Internets

Anonymous Die Hacker-Gruppe setzt sich mit einer Twitter-Kampagne für ein vergewaltigtes und zum Selbstmord getriebenes Mädchen ein. Damit weicht der negative Ruf einem Heldenimage
Hello Kitty des Internets

Foto: Lionel Bonaventure/ AFP/ Getty Images

Im Jahr 2007 nannte der Fernsehsender Fox News das Hacker-Kollektiv Anonymous wegen dessen Troll-Kampagnen noch eine „Hassmaschine des Internets“. Sechs Jahre später sind sie die weißen Ritter der digitalen Sphäre, die den Tod Rehtaeh Parsons sühnen wollen. Die 17-jährige wurde von mehren Jugendlichen vergewaltigt, ein Bild davon kursierte im Internet. Rehtaeh wurde von ihren Mitschülern gemobbt und erhängte sich in der vergangenen Woche im Bad ihrer Eltern, weil sie dem Druck nicht mehr gewachsen war.

Auch wenn das nur einer von mehreren Fällen ist, mit denen das Kollektiv in der vergangenen Woche in Erscheinung trat, so ist es, was den PR-Effekt angeht, mit ihrem Vorgehen gegen Steubenville vergleichbar.

Gerechtigkeit für Rehtaeh

Auf Twitter nennen sie es #OpJustice4Rehtaeh und alle möglichen Leute – von Journalisten und Teenagern bis hin zu Frauen, die sich normalerweise nicht mit Anonymous einlassen würden – verbreiten seit Dienstag im Namen von Parsons Material, nachdem die Nachricht, dass ihre Mutter die lebenserhaltenden Apparate abstellen ließ, internationale Schlagzeilen machte.

Die Leute, die sich außerhalb Kanadas von dem Fall betroffen fühlen und die Feministen in fernen Ländern, die sich an dem Online-Protest beteiligen, sehen sich selbst nicht als „Hacktivisten“, und haben auch keine Angst vor dem FBI oder dass ihre Freunde sie als Sympathisanten von Terroristen bezeichnen könnten. Das gruselig-kriminelle Image der Gruppe ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit dem Bild von Unbekannten in farblosen Masken gewichen, die leidenschaftlich daran arbeiten, die Gesellschaft zu verbessern – ein Fall nach dem anderen. Da Anonymous sich verschiedener Dinge annimmt und sich von aktuellen Ereignissen inspirieren lässt, war diese Form von Selbstjustiz-Aktivismus – was andere auch als Klicktivismus bezeichnen – nie beliebter als heute – oder wie in Parsons Fall, nie so wirkungsvoll.

Das Ziel von #OpJustice4Rehtaeh besteht darin, Rehtaeh Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem man die kanadische Justiz und Polizei dazu bringt, die Untersuchung des Falles nochmals aufzunehmen. Keiner der vier jugendlichen Angreifer wurde verurteilt, obwohl Bilder von dem mutmaßlichen Verbrechen gemacht und an der Schule des Mädchens sowie im Internet die Runde machten.

Eine Change.org Petition von Parsons' Mutter fand große Verbreitung und wurde innerhalb weniger Tage 100.000 mal unterschrieben. „Um Gottes Willen tut etwas“, schrieb Parsons' Vater am Mittwoch in einem persönlichen Blogpost, in dem er sich an das Justizministerium von Neuschottland wendete. Mithilfe von Presse und sozialen Medien gelang es Anonymous in nur wenigen Stunden, die vier Vergewaltiger zu identifizieren. Daraufhin drohten sie damit, deren Namen zu veröffentlichen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Dieses Mal kam die Gruppe gänzlich ohne Hacking aus und fungierte lediglich als freundliches Hinweistelefon der Polizei.

„Sie konnte diese Informationen so schnell beschaffen“, schrieb Anon auf Pastebin, „weil wir Leuten, die die mutmaßlichen Vergewaltiger persönlich kennen, Dutzende von E-Mails erhielten. Viele erzählten, die Jungen hätten offen über die Vergewaltigung des betrunkenen 15-jährigen Mädchens gesprochen.“ Warum diese Informationen vor einem Jahr nicht der Polizei gemeldet wurden, als diese den Fall untersuchte, ist nicht klar. Anonymous hat das jetzt nachgeholt.

Obwohl der Fall schon zu den Akten gelegt worden war und ein Minister noch vor kurzem erklärte, er werde auch nicht wieder eröffnet werden, hatte sich der Wind vergangenen Donnerstag gedreht und es stellte sich heraus, dass die Bemühungen des Kollektivs nicht vergebens waren. Sie legten der Polizei nicht nur neue Beweise vor und übten Druck auf das Justizministerium aus, sondern organisierten auch eine Kundgebung vor dem Polizeirevier in Halifax. Rund 100 Leute kamen, unter ihnen auch Parsons' Mutter. Ihr Partner Jason Barnes sagte in ihrem Auftrag in einem Interview mit der kanadischen Herald News: „Leah ist sehr glücklich über das, was Anonymous für uns getan hat.“ Von allen Aktionen, die die Gruppe in jüngster Zeit unternommen hat, hat #OpJustice4Rehtaeh in nur wenigen Tagen tatsächlich etwas bewirkt.

Gefährliche Hacker-Terroristen

Bevor man sich darüber lustig macht, dass jemand mit PR und sozialen Medien versucht, die Welt zu verändern, sollte man folgendes bedenken: In seinem 2012er-Wahlkampf stellte Obamas Technikteam sicher, dass ihre Internetseiten gegen Überlastangriffe ausreichend geschützt waren und versuchte um jeden Preis der Aufmerksamkeit von Anonymous zu entgehen. Anonymous-Expertin und Autorin Gabriella Coleman leitete mir einen in Kürze erscheinenden Bericht weiter, der für das Centre for International Governance Innovation bestimmt ist und in dem es heißt:

„Anonymous galt sogar als potenziell gefährlicher als beispielsweise die ausländischen Hacker, die 2008 die Kampagne John McCains infiltrierten. Wenn Anonymous sich Zugang zu Servern beschafft hat oder die Wahlkampf-Seiten durch Überlastungsangriffe zum Erliegen gebracht hätte, hätte die Gruppe vermutlich gewaltige Medienaufmerksamkeit erhalten und dem Ansehen der Kampagne vermutlich schweren Schaden zugefügt.“

Anonymous' größte Stärke besteht auf dem Gebiet von PR-Taktik, nicht im Protest vor Ort oder ihren tatsächlichen Hacker-Künsten. Neben #OpJustice4Rehtaeh haben sie in der vergangenen Woche auch nordkoreanische Social Media Accounts und israelische Internetseiten gehackt. Während beides offenbar folgenlos blieb (Nordkorea ist immer noch eine Diktatur und Israel hat seine Haltung gegenüber den Palästinensern nicht geändert), so wurde doch viel über sie berichtet, was für eine Gruppe, die nun in erster Linie mit der Mobilisierung von Aktivisten durch die Verbreitung von Informationen befasst ist, ein ausreichend großer Erfolg ist. Tatsächlich macht Anonymous jetzt seit über einem Jahr wöchentlich Schlagzeilen.

Der australische Sicherheitsexperte Stilgherrian sieht in dem Engagement für mehrere Fälle, mit dem die Gruppe über ihre ursprüngliche Verteidigung der Freiheiten im Netz hinausgeht, den Beleg dafür, dass die Gruppe zum „Hello Kitty des Aktivismus“ geworden ist. Coleman hingegen bringt Anonymous' gegenwärtige Vorgehensweise mit etwas natürlicherem in Verbindung: einem Pilz. „Sie sterben nicht ab und schießen an Stellen aus dem Boden, an denen sie bislang noch nicht gesehen wurden – sie bilden Sporen und gedeihen auf dem ganzen Globus“, erklärt sie, denn Klicktivismus ist leicht und passt gut zu unseren bereits etablierten digitalen Gewohnheiten.

Es gibt nicht genügend Reinigungsmittel im Internet um die Verbreitung zu stoppen, aber es sieht so aus, als würden die Web-Bürger dies auch gar nicht wollen. Mittlerweile sind wir alle in der ein oder anderen Form infiziert und unsere Beteiligung, wie klein sie auch immer sein mag, hat den Pilz beherrschbarer werden lassen. Im Falle von Rehtaeh Parsons hält Anonymous die Namen der beteiligten Minderjährigen jetzt „aus Respekt gegenüber Rehtaehs Mutter“ zurück. Die Liebesmaschine des Internet wäre eine passenderer Spitzname.

Fruzsina Eordogh abeitet als freie Journalistin. Ihre Themenschwerpunkte sind Onlineentwicklungen und digitale Kultur. Sie schreibt unter anderem für Magazine wie Slate, xoJane, AOL und den Daily Dot. Regelmässig erscheinen auch Beiträge von ihr auf dem Techblog ReadWrite

16:45 17.04.2013
Geschrieben von

Fruzsina Eordogh | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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