Hey Alter, was geht?

Quentin Tarantino Sechs Jahre nach seinem letzten Film meldet sich Quentin Tarantino mit der Nazi-Groteske "Inglourious Basterds" zurück. Größenwahnsinnig oder genial? Ein Treffen

Quentin Tarantino sitzt in einem Zimmer des Londoner Soho-Hotels auf dem Rand eines Sofas. Er redet wie ein Wasserfall, als könne er nur so mit der Geschwindigkeit seiner Gedanken Schritt halten. Meine erste Frage führt zu einer typischen Tarantino-Würdigung von Brad Pitt, dem Star seines neuen Films Inglourious Basterds.

"Das Coole an Brad Pitt ist für mich, dass er nicht mehr der hübsche Junge ist, sondern ein Mann, der eine Rolle ausfüllen kann. Er ist wie ... wie ...", Tarantino überlegt ein paar Sekunden lang und verzieht das Gesicht zu Grimassen, während er sich konzentriert, "er ist wie Robert Redford in Jeremiah Johnson." Während ich überlege, ob das uneingeschränkt positiv ist, spricht Tarantino es für mich aus. "Brad", sagt er ohne jegliche Ironie, "befindet sich auf dem Höhepunkt seines Status als Ikone."

Vielleicht denkt Pitt deshalb, er könne in Inglourious Basterds übertreiben bis zum Gehtnichtmehr. Der Film parodiert die Actionfilme über den Zweiten Weltkrieg in einem Maße, dass dabei jegliche Glaubwürdigkeit verloren geht. Es handelt sich um den lautesten, knalligsten und vielleicht inhaltslosesten Film, den Tarantino je gemacht hat. Und das will schließlich etwas heißen. Vielleicht spiegelt der Film ja aber auch einfach seinen momentanen Gemüts- und Geisteszustand wider – zumindest nach dieser Begegnung zu urteilen, wirkt Tarantino äußerst zerstreut und fahrig.

Hyperaktiver Nerd

Es fällt schwer, Tarantions Erscheinung adäquat in Worte zu fassen. Er ist größer und massiger als ich ihn in Erinnerung habe. Er sieht nicht mehr aus, wie ein ewig pubertierender Nerd, sondern wie ein hyperaktiver Mann in mittleren Jahren, der mit seinem Cowboyhemd und den Salonlöwen-Schuhen als alternder Rockmusiker durchgehen könnte. Er hat gerade zu Mittag gegessen und wirkt, als habe er sich einen Espresso zuviel genehmigt. Wenn er sich richtig für etwas begeistert, was oft passiert, dann fuchtelt er mit den Armen herum und seine Augen bekommen einen wilden Ausdruck.

Der Titel seines lange erwarteten und gehypten Kriegsepos ist orthographisch falsch, damit es von Enzo Castelliaris gleichnamigem Kriegsfilm aus dem Jahr 1978 unterschieden werden kann. Den schätzt Tarantino zwar sehr, beharrt aber darauf, kein Remake gedreht zu haben. Tarantino trug sich zehn Jahre mit der Idee zu dem Film, der usprünglich als Nachfolger von Jackie Brown (1997) geplant war.

"Damals hatte ich genau die gleichen Charaktere, aber eine andere Geschichte. Ich denke, ich war etwas eigen mit dem Script, denn es war mein erstes Originaldrehbuch seit Pulp Fiction. Die Geschichte wurde in meinem Kopf immer größer und größer." Er litt also mehr an einem Schreib-Flash als an einer Schreibhemmung? "Yeah! Wenn ich von etwas zuviel hatte, dann war das Inspiration, klar?" Er kichert in sich hinein. "Auf einmal hatte ich das Gefühl: Alter, was geht mit dir? Bin ich jetzt zu groß für Filme?"

Sollte ihm so etwas noch einmal passieren, wird er einfach eine kleine Serie daraus machen. Inglourious Basterds wurde aus diesem Grund immer wieder aufgeschoben. Kill Bill, ein Film, der ihm ebenfalls zu lang geraten war, musste in zwei Teilen veröffentlicht werden. Seither drehte er noch Death Proof (2007). Die mittelmäßige Hommage an das semi-pornographische Grindhouse-Subgenre, das der ewige Teenager in ihm so sehr liebt, floppte allerdings an den Kinokassen.

Sein neuestes Werk zieht sich über zweieinhalb Stunden und wird von zwei unglaubwürdigen Handlungssträngen vorangetrieben. In dem einen geht es um eine schöne junge Jüdin, Shosanna. Während sie in Paris ein kleines Kino führt, wartet sie gleichzeitig auf eine Gelegenheit, den Tod ihrer von den Nazis ermordeten Familienangehörigen zu rächen. Der zweite Handlungsstrang erzählt die Geschichte der titel­gebenden Bastarde – einer Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten unter der Führung von Leutnant Aldo Reine (Pitt). Sie springen mit Fallschirmen ab, um einen blutigen Guerilla-Krieg gegen die Nationalsozialisten zu entfachen. Sie lauern ihnen auf, überwältigen sie und foltern sie dann zu Tode. Tarantino war noch nie jemand, der sich eine Gelegenheit entgehen lässt, Gewalt in Szene zu setzen. In Inglourious Basterds ersetzt er den wirklichen Schrecken des Krieges durch die billigen Nervenkitzel des Grindhouse-Genres.



Die schnellen Dialoge, die sonst immer Tarantinos Markenzeichen als Drehbuchschreiber waren, opferte er komplizierten Sequenzen, welche die intendierte Spannung zunichte machen. Der Film hat zwar seine großen Augenblicke – die lange, perfekt abgestimmte Anfangsszene ist ein Musterbeispiel in Sachen Spannungsaufbau – und es gibt großartige schauspielerische Leistungen zu bewundern – der Österreicher Christoph Waltz gibt mit SS-Offizier Oberst Landa einen der großen Schurken des zeitgenössischen Kinos.

Führung der Figuren

"Eine der Qualitäten, die mich von anderen Drehbuchschreibern unterscheidet, besteht darin, dass ich die Geschichte nicht führen will", sagt Tarantino, womit er genau den Punkt anspricht, der seine Drehbücher zunächst so revolutionär machte, sie heute aber so ausschweifend erscheinen lässt. "Ich überlasse den Figuren die Führung. Wenn man ihnen auf dem Weg eines bestimmten Szenarios folgt, gibt es zwangsläufig bestimmte Leitplanken. In diesem Fall bestand eine der großen in den historischen Ereignissen selbst. Zunächst wollte ich sie ernst nehmen, dann aber sagte ich mir: Warum eigentlich? Du machst eben etwas anderes."

Das Problem hierbei besteht nicht einmal so sehr in der geringen Plausibilität der Handlungsfolge, sondern im gesamten Ton des Films. Es scheint Tarantino jedenfalls nie in den Sinn gekommen zu sein, die Vorstellung einer Horde psychopathischer, amerikanischer Juden könnte an sich schon als beleidigend und anstößig empfunden werden, nicht zuletzt von jüdisch-amerikanischen Soldaten und der gesamten französischen Resistance.

"Mir egal, wenn sich jemand beleidigt fühlt", blafft er. "Ich mache mein Ding."

Das letzte Interview mit Tarantino führte ich 1994, als er gerade Pulp Fiction gedreht hatte. Sein damaliges Schaffen machte ihn zur Ikone. Der Film-Freak, der im Manhattan-Beach-Video-Archiv im vorstädtischen Kalifornien hinter dem Tresen gesessen hatte, verwirklichte seinen Traum und wurde Regisseur. Sein erster Film, die unbarmherzig gewalttätige Gaunerkomödie Reservoir Dogs, hatte ihn zum heißesten Namen Hollywoods gemacht. Pulp Fiction brachte ihm dann Weltruhm ein.

Mit diesen zwei Filmen hat er das Kino für die Internetgeneration neu erfunden. Er streute freizügig Referenzen in seine Scripts, ließ Genres wie das Heist-Movie oder den Gangsterfilm wieder aufleben. Seine Dialoge waren kenntnisreich, witzig und sprühten vor feinen, popkulturellen Details und Anspielungen. Seine Filme waren laut, schnell und komisch, wurden angetrieben von Momenten äußerster Spannung.



"Ich habe nie nach den Regeln gespielt," sagt er. "Ich breche sie aber auch nicht um des Regelbruchs willens." Bei unserem letzten Treffen war Tarantino ein großartiger Gesprächspartner. Er war – und ist – ein absoluter Filmfreak, der ständig die Titel und Namen obskurer Filme und Regisseure fallen lässt und beiläufig mit seinem enzyklopädischen Wissen über die Höhen und Niederungen der Filmkultur angibt, während er gleichzeitig keinen Zweifel daran lässt, dass er von der Kritik bestimmte Abgrenzungen nicht akzeptiert. Selbst vor der Kamera zu stehen, hat er allerdings aufgegeben: "Ich hab’ einfach nicht die Ausdauer, noch in den blöden Filmen anderer Leute aufzutauchen."

Sein dritter Film Jackie Brown hatte gerade noch genug von jener kreativen Wucht, die ihn auf die A-Liste der Hollywoodregisseure katapultiert hatte. Dann kam sechs Jahre lang nichts mehr von ihm – in Hollywoodmaßstäben ist das eine Ewigkeit. Sein beinahe vollständiges Verschwinden von der Bildfläche ging mit Gerüchten einher, ihn habe die Angst gepackt, er leide an einer anhaltenden Schreibblockade oder komme nicht mit dem Starruhm zurecht.

Jagd der Paparazzi

Ist ihm zu dieser Zeit die Kontrolle über sein Leben entglitten? Tarantino zögert: "Kurz nach Jackie Brown gab es einen schwierigen Punkt. Es ging so weit, dass ich auf der Straße niemandem in die Augen sehen konnte. Zu einem gewissen Grad ist das heute immer noch so." In Tokio, erzählt er, habe er sein Hotel nicht verlassen können. In Peking seien auf der Straße Filmstudenten über ihn hergefallen. "Im verdammten China", schüttelt er mit einer Art verzweifelten Kichern den Kopf. "Dort werden meine Filme noch nicht mal veröffentlicht. Nach und nach fühlte es sich wirklich so an, als gäbe es kein Entkommen."

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, mit dessen Gefräßigkeit er nicht umzugehen wusste, suchte er Rat bei Robert De Niro. Der empfahl ihm, verkleidet aus dem Haus zu gehen. "Bei Bobby mag das klappen", seufzt er betrübt. "Aber wenn ich mir einen Hut und eine Brille aufsetze, sehe ich aus wie Quentin Tarantino mit Hut und Brille." Gibt man bei Youtube den Suchbegriff Tarantino ein, bekommt man eine Ahnung davon, was Paparazzi ihm damals zumuteten. So was nennt man Promijagd. Schön anzusehen ist es nicht. Einmal legt er sich mit einem Typen an, der die Kamera auf ihn richtet, als er ein Café verlässt, schafft es aber gerade noch, sich zu beherrschen, während sein Verfolger ihn zum Einsatz von Gewalt anstacheln möchte. In einem anderen Clip rastet er bei einer Filmpremiere auf dem roten Teppich aus und bespuckt einen Reporter. Seine damalige Partnerin Mira Sorvino wirkt irritiert, Tarantino ist wie von Sinnen.



"Ich musste mich für eine Weile zurückziehen", erinnert er sich. "Ich brauchte eine Pause von meinen Filmen. Mein Leben war leicht außer Kontrolle geraten." Angesichts der Tatsache, dass während unseres Gesprächs hordenweise Fans vor dem Hotel Wache stehen und der Auftritt des Regisseurs bei der London-Premiere am folgenden Abend eine Hysterie auslöst, scheint Tarantinos Ruhm trotz seiner unbeständigen Leistungen immer noch übermäßig zu sein. Noch beunruhigender: Sein unbarmherziger Terminplan legt den Verdacht nahe, dass er diesen Ruhm braucht und gleichzeitig verabscheut.

Wie geht es nun weiter? "Mir geht es nur um die Filmografie", sagt ein plötzlich konzentrierter Tarantino. "Ich will keine Altmänner-Filme machen." Bei der Frage, woran er gerade arbeite, lacht er: "Ich weiß nie, was ich als nächstes machen werde, aber eines kann ich Ihnen verraten: Ich habe nicht vor, lange zu pausieren, besonders da ich nicht vorhabe, mit über Sechzig noch Filme zu machen. Und ich werde nie wieder eine Adaption von etwas drehen. Mir gefällt der Gedanke, dass es mit mir und einem leeren Blatt Papier anfängt und mit mir und einem Film aufhört. Es ist ein Produkt meiner Vorstellung, das vor mir nicht existiert hat."

Dann wirkt er erstmals unsicher: "So langsam mache ich mir ein bisschen Sorgen, wie ich in diesem Gespräch rüber komme", gesteht er zum Schluss. "Aber ich rede hier nicht über Ego, sondern über Integrität. Was ich mache, ist nicht leicht. Man fängt jedes Mal wieder bei Null an." Die Zeit wird zeigen, ob der heute 46-jährige Quentin Tarantino uns wieder mit seiner Brillanz überraschen wird. In jedem Fall bleibt er die kenntnisreichste, obsessivste und unterhaltsamste Quasselstrippe, die derzeit unterwegs ist.

Die Top-Four der besten Tarantino-Dialoge:

Reservoir Dogs (1992)
Mr. Pink: You kill anybody?
Mr. White: A few cops.
Mr. Pink: No real people?
Mr. White: Just cops.

Pulp Fiction (1994)
Jimmie: Im talkin. Now let me ask you a question, Jules. When you drove in here, did you notice a sign out front that said, Dead nigger storage? answer to question. Did you see a sign out in front of my house that said, Dead nigger storage?
Vincent: Naw man, I didnt.
Jimmie: You know why you didnt see that sign?
Vincent: Why?
Jimmie: Cause storin dead niggers aint my fuckin business!

Jackie Brown (1997)
Robbie: AK-47. The very best there is. When you absolutely, positively got to kill every motherfucker in the room, accept no substitutes.

Kill Bill 2 (2004)
Bill: Mommy is still angry at Daddy.
B.B.: Why?
Bill: Well sweety, I love Mommy, but I did to Mommy what you did to Emilio.
B.B.: You stomped on Mommy?
Bill: Worse. I shot Mommy. Not pretend shoot, like we were just doing. I shot her for real.
B.B.: Why? Did you want to see what would happen?
Bill: No, I knew what would happen to Mommy if I shot her. What I didnt know is, when I shot Mommy, what would happen to me.
B.B.: What happened?
Bill: I was very sad. And that was when I learned, some things, once you do, they can never be undone.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 13.07.2009
Geschrieben von

Sean O’Hagan, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14697
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare