Hier baut der Internetgigant

Architektur Apple, Facebook und Google symbolisieren ihre Macht in immer herrschaftlicheren Gebäuden. Es sind Monumente, die unser Zeitalter prägen werden
Rowan Moore | Ausgabe 32/2017 2
Hier baut der  Internetgigant
Apple Park in Cupertino: Ein Ring symbolisiert Unendlichkeit und Ewigkeit
Foto: Mario Aurich/Imago

Mittlerweile wissen wir, dass das Internet ein großer Laufstall ist, voller Spielzeug, Zerstreuung und schnellen Belohnungen – aber auch ein paar hässliche Bestien lauern hier. Die Optik – abgerundete Ecken, Kleinschreibung, Googles Primärfarben, Twitters Vögelchen, Facebooks Blautöne – verstärkt diesen Infantilismus noch. Es handelt sich Jonathan Franzen zufolge um eine Welt, „die so empfänglich für unsere Wünsche ist, dass sie faktisch eine reine Verlängerung des Ich darstellt“ – bis wir zufällig gegen die Stäbe des Laufstalls stoßen und merken, dass es Orte gibt, an die wir nicht gehen können, und dass die Erwachsenen auf der anderen Seite die Grenzen unserer Freiheit festlegen.

Wir sprechen hier über den virtuellen Raum. Doch die Erwachsenen – also die Tech-Giganten Apple, Facebook, Google und so weiter – bauen auch in der analogen Welt milliardenteure Inseln und auch hier erschaffen sie Spaßlandschaften für ihre abertausend Angestellten, die ihnen im Gegenzug ihr Leben, ihren Körper und ihre Seele überlassen. Das geht schon eine ganze Weile so – was sich ändert, sind die Größe und Extravaganz dieser Orte.

Die IT-Giganten sind heute in derselben Position wie die Mächtigen vor ihnen – die Bankiers der italienischen Renaissance, die Hochhausbauer des 20. Jahrhunderts, Kaiser Augustus, die viktorianischen Eisenbahngesellschaften –, und auch ihre Bauwerke werden unser Zeitalter prägen. Sie verfügen über Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, neue Materialien erfinden zu lassen oder alte auf ganz neue Art zu nutzen. Die „Architektur“ haben sie bereits insofern verändert, als dass der Begriff sich heute sowohl auf die Strukturen von Software als auch von Hardware beziehen kann. Nun erfährt auch die herkömmliche Variante von Architektur ein Update. Ein Anzeichen für das sich verändernde Kräftegleichgewicht ist etwa die Tatsache, dass Apple mit dem Entwurf seiner Firmenzentrale das mächtige Architekturbüro Foster and Partners beauftragte, ohne dieses namentlich zu nennen. Die Marke Apple muss immer an erster Stelle stehen.

Der größte Steuerzahler

Die meisten Neubauten entstehen im Silicon Valley. Da ist Fosters Apple Park in Cupertino, über 260.000 Quadratmeter groß und angeblich fünf Milliarden Dollar teuer. Sein Herzstück ist der nahezu fertiggestellte, 1,6 Kilometer lange Ring aus Glas und Metall, der sogar aus dem All zu sehen ist. Facebook hat das New Yorker Büro von Rem Koolhaas’ Office for Metropolitan Architecture (OMA) engagiert, um seinen von Frank Gehry entworfenen Komplex in Menlo Park zu erweitern, der 2015 fertiggestellt wurde. Und dann sind da die geplanten Google-Zentralen in Mountain View und London der hyper-selbstbewussten und hyper-angesagten Architekten Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick.

Am meisten Aufsehen erregt der Apple/Foster-Ring. Zuvor war hier ein Standort des schwindenden Imperiums von Hewlett Packard – das Steve Jobs als Teenager seine erste Chance gab. Dem Magazin Wired zufolge beschäftigte Jobs der Bau in seinen letzten Monaten sehr. Im Juni 2011 erschien er sichtlich angeschlagen vor dem Stadtrat von Cupertino, um diesen von dem Entwurf zu überzeugen. Viel Mühe kostete es ihn nicht.

Jobs sprach von 12.000 Arbeitplätzen und 6.000 Bäumen, ausgewählt von einem „führenden Baumexperten aus Stanford, der sich mit einheimischen Bäumen auskennt“. Als ein Mitglied des Stadtrats meinte, das Wort spektakulär sei „eine Untertreibung“, widersprach Jobs nicht. „Wir haben hier die Gelegenheit, das beste Bürogebäude der Welt zu bauen. Architekturstudenten werden kommen, um es sich anzusehen.“ Die vorsichtigen Fragen nach Berücksichtigung der Wünsche und Bedürfnisse der Stadt (freies WLAN, die Eröffnung eines Apple-Stores, ein Betrag zur Eindämmung des Verkehrsaufkommens) wimmelte er ab und erinnert alle Anwesenden so nett und freundlich wie nur irgend möglich daran, dass Apple der größte Steuerzahler in Cupertino sei und gerne bleiben und weiterhin seine Steuern zahlen wolle. Mit anderen Worten: Wenn die Stadt zu viel verlange, würde Apple in eine andere Gemeinde umziehen müssen.

Der Bürgermeister wedelte mit einem iPad 2 und erklärte, wie sehr seine Tochter es liebte. „Ihre Technologien machen wirklich jeden stolz“, erklärte eine andere Stadträtin. „Vielen Dank“, antwortete Jobs, „wir sind ebenfalls sehr stolz, in Cupertino zu sein.“ „Danke“, gluckste die Dame zurück, wie ein Teenager. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde das Projekt genehmigt.

Kürzlich konnte der Journalist Steven Levy für Wired einen Blick in das fast fertige Gebäude werfen. Am Ende eines makellosen 230 Meter langen, mit extra entworfenen und patentierten Fliesen gekachelten Tunnels entdeckte Levy eine begrünte Welt in Weiß und Silber mit einem über 9.000 Quadratmeter großen Fitnesscenter, einem Café für 4.000 Personen und einem Auditorium mit 1.000 Sitzplätzen. Das sogenannte Steve Jobs Theatre wird von einem 50 Meter breiten Glaszylinder überragt, hier sollen künftig Apples berühmte Produktpräsentationen stattfinden.

Das Gelände ist einem Nationalpark nachempfunden. Bäume aus der Mojave-Wüste wurden dafür verpflanzt. Für das Café wurde ein neuer Pizzakarton entwickelt, der verhindert, dass sein Inhalt pampig wird. Die Türschwellen sind flach, damit die Ingenieure nicht aus dem Tritt kommen und von ihrer Arbeit abgelenkt werden, wenn sie das Gebäude betreten – so berichtete es jedenfalls Reuters unter Berufung auf einen Bauleiter.

Steve Jobs legte allergrößten Wert auf Details. Seine Nachfolger versuchen diesem Geist treu zu bleiben. Jobs legte sogar fest, wie und zu welcher Jahreszeit das Holz für die Vertäfelung geschlagen werden sollte, damit es möglichst wenig Saft enthält. In das Café gelangt man durch Schiebetüren aus Glas, die 26 Meter hoch sind und von denen jede fast 200 Tonnen wiegt. Sie öffnen und schließen sich mithilfe eines geräuschlosen unterirdischen Mechanismus. Apple Park verwendet die größten einzelnen Glaspaneele, die jemals in einem Gebäude verbaut wurden – mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass sie geschwungen sind.

Ohne Zweifel ist es ein Wunderwerk unserer Zeit. Welchem Zweck es dienen soll, ist jedoch eine offene Frage. Foster zufolge soll das Gebäude zukünftige Apple-Mitarbeiter durch seine Perfektion und Liebe zum Detail inspirieren und so einen Standard setzen, an dem sie sich in ihrer Arbeit orientieren können. Apple-CEO Tim Cook nennt es eine „Jahrhundertentscheidung“.

Seit der Entwurf der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stößt er jedoch auch auf Skepsis. Der Architekturkritiker der LA Times sprach von einem „rückschrittlichen Kokon“. Inmitten üppiger Begrünung und abhängig von großen Parkflächen erinnere es merkwürdig an die Firmenzentralen der 1950er und 60er Jahre; etwas, das IBM oder Bell Labs gebaut haben könnte. Abgesehen davon ist ein Ring eine starre Form, die sich nur schwer verändern oder erweitern lässt. Es ist die Form der Unendlichkeit und Ewigkeit, von Mausoleen und Tempeln.

Cooks Jahrhundertvision

Viele große technologische Innovationen der jüngeren Vergangenheit wurden in provisorischen Räumen entwickelt, die leicht anpassbar waren. Es waren Garagen, Wohnzimmer und angemietete Bürotische, in und an denen Apple, Google und andere Unternehmen entstanden sind. Die herausragenden Fortschritte in Linguistik, Atomforschung, Akustik und Programmierung wurden im Building 20 gemacht, der großen Holzhütte am Massachusetts Institute of Technology. Es ist zwar unmöglich für ein Unternehmen von der Größe von Apple, in seinen Arbeitsräumen heute genau diese Atmosphäre zu schaffen. Doch alles in allem wirkt der Ring zu sehr in sich geschlossen und fertig. Zudem ist der Bau äußerst kostspielig und nur langsam realisierbar. Für Innovationen, die einem ständigen Wandel unterliegen, ist das vielleicht nicht die richtige Umgebung. Cooks Jahrhundertvision muted anmaßend an. Wie der Niedergang von Hewlett Packard zeigt, gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass ein IT-Unternehmen 100 Jahre besteht. In diesem Fall wäre der Apple-Ring irgendwann so funktionslos wie die zerfallenden Art-Deco-Wolkenkratzer heute in Detroit.

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die eingeschüchterten, steuerhungrigen Stadträte von Cupertino nicht nachdrücklich genug auf die Hilfe bestanden, die ihre Gemeinde braucht. Apples Anwesenheit sorgt für einen Boom, aber sie setzt auch den Wohnungsmarkt und die Verkehrsinfrastruktur unter Druck, sorgt für Staus und lange Pendelstrecken und treibt den mittleren Preis für eine Wohnung in Cupertino auf fast zwei Millionen Dollar. Die Design-Kritikerin Allison Arieff schrieb vor kurzem in der New York Times, das Projekt zeige „eine krasse Missachtung nicht nur der Bürger von Cupertino, sondern auch der Funktionsfähigkeit der Region“. Man hätte, meint sie, mehr Anstrengungen unternehmen müssen, um die Zentrale an das öffentliche Nahverkehrsnetz anzuschließen, und die Stadt hätte auch hartnäckiger versuchen müssen, die gesteigerte Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt anzusprechen.

Es lohnt sich selten, gegen Apple zu wetten, doch für den Moment wirkt Apple Park wie jene Art von prächtigen Monumenten, die Weltreiche sich selbst erbauen, wenn sie ihren Zenit überschritten habe – man denke nur an die Bungalowsiedlung, die Edwin Lutyens in Delhi kurz vor dem Ende Britisch-Indiens baute oder die Wolkenkratzer, die inmitten des Crashs an der Wall Street in die Höhe ragten. Alle anderen Tech-Unternehmen versuchen jedenfalls, sich von Fosters Entwurf abzugrenzen.

Neue Campusse für Berlin

Internetgiganten zieht es in Berlin nach Friedrichshain-Kreuzberg; dorthin also, wo die jungen, hippen Menschen lebten, als sie es sich noch leisten konnten. Google wollte in Kreuzberg Ende des Jahres nach Tel Aviv, London, Seoul, Madrid, Warschau und São Paulo seinen weltweit siebten Google Campus eröffnen. Einen „Community Hub“, wie Google es nennt, in dem Tech-Unternehmer Ideen austauschen und Start-ups gründen. Die Umbaupläne für das ehemalige Umspannwerk am Landwehrkanal hat das Bezirksamt im April jedoch vorerst gestoppt. Begründet wurde dies unter anderem mit dem Immissionsschutz und der geplanten baulichen Dichte, wie Julian Schwarze, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung, dem Neuen Deutschland sagte. Google bessert nun nach.

Die Anwohnerinitiative Bizim-Kiez („Unser Kiez“) wehrt sich unterdessen nicht nur gegen den Google Campus, sondern auch gegen den Cuvry-Campus, den der Onlineversandhändler Zalando Ende 2019 nur einen Kilometer Luftlinie entfernt auf einer der begehrtesten Brachen der Stadt eröffnen will, vis à vis seiner neuen Firmenzentrale. Die wiederum wird Zalando-Campus heißen und aktuell am anderen Spreeufer neben der Mercedes-Benz-Arena gebaut. Der Entwurf des Berliner Architekturbüros Henn sieht von oben wie ein doppeltes X aus, Höfe nach außen sollen der Anbindung an den Kiez dienen. Die Vorfreude auf eine Zalando-City hält sich dort bisher in Grenzen. Christine Käppeler

Die offizielle Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Facebook und Frank Gehry lautet, dass Mark Zuckerberg wegen der Prominenz des Architekten Bedenken hatte und dieser ihn überzeugen musste, dass er mithilfe seiner firmeneigenen Software in der Lage sei, das Projekt kostengünstiger und effizienter umzusetzen als die Konkurrenz. Das kantenreiche Resultat bedient sich bei der Spielzimmeratmosphäre klassischen Tech-Headquarter-Designs, mit einem Großraumbüro für bis zu 2.800 Angestellte, dazu knallbunte Bilder lokaler Künstlerinnen und Künstler. „Das Gebäude ist schlicht und nicht extravagant. Das ist beabsichtigt“, sagt Zuckerberg. „Wir wollen, dass sich unsere Räume wie ein work in progress anfühlen. Wenn man hereinkommt, soll man spüren, wie viel es noch zu tun gibt für unsere Mission, die Welt zu verbinden.“

Stararchitekt Frank Gehry (r.) musste Mark Zuckerberg überzeugen, dass er günstiger baut als die Konkurrenz
Foto: Facebook/AFP

Shohei Shigematsu ist bei OMA für Facebooks jüngste Erweiterung Willow Campus in Menlo Park zuständig. Er sagt, seine Mission sei, „nicht Ikonen zu errichten, sondern regional und sozial zu denken“. Er und sein Klient wollten „sich in das Gemeinwesen integrieren und Dinge anbieten, die die Leute vor Ort dringend brauchen“ – einen Lebensmittelladen, offenen Raum, 1.500 Wohnungen, von denen 15 Prozent unter Marktpreis angeboten werden sollen, ein Hotel, Grünflächen, Wege für Anwohner und Einkaufsstraßen. „Netzwerk hat für Facebook sowohl eine virtuelle als auch eine physische Bedeutung.“

Shigematsu möchte einen alten Bahn-Korridor am Rande des Geländes für einen Rad- und Fußweg nutzen und für einen möglichen Facebook-Shuttle, der auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen soll. Er will weg von dem „festungsartigen Unternehmensansatz“, auch wenn ihm klar ist, dass ein Konzern immer Geheimnisse haben wird und ein großer Teil des Geländes nicht frei zugänglich sein wird. Die Entwürfe zeigen freundliche Parks und Straßen, wie sie kultivierte Stadtplaner seit drei Jahrzehnten hervorbringen, ohne Provokationen, Überraschungen oder Eigenheiten, die für OMA-Projekte sonst so typisch sind. Shigematsu sagt, er akzeptiere gerne „ein gewisses Maß an Banalität“ – was zähle, sei „in größeren Maßstäben zu denken“.

Google will wieder etwas anderes. Hier hat man definitiv keine Angst vor dem Symbolträchtigen. Nachdem es mehrere Architekten – darunter Zaha Hadid – in Betracht gezogen hatte, brachte Google Thomas Heatherwick und Bjarke Ingels’ BIG dazu, das Projekt gemeinsam zu entwickeln. Die Idee ist bestechend – als würde ein Milliardär sowohl Miley Cyrus als auch Britney Spears für den 18. Geburtstag seines Nachwuchses engagieren. Heatherwick und Ingels gehören zu jener neuen Generation, die ohne die intellektuellen Skrupel der älteren Garde offensiv die neuen What-the-Fuck-Ikonen baut. Einer von beiden hätte es getan – egal für welches Projekt –, aber Unternehmen wie Google spielen nicht nach den normalen Regeln, wenn es um das Engagement von Entwicklern oder sonst irgendetwas geht.

Hippie-Mentalität anpassen

In Mountain View plant Google für sein neues Hauptquartier Bay View ein gigantisches, gebirgsähnliches Dach, aus dessen Fenstern man den Himmel betrachten kann. Darunter werden auf einer offenen Terrasse hunderte, wenn nicht tausende Google-Angestellte ihrer Arbeit nachgehen. Durch die Ebene darunter führt ein öffentlicher Weg, um mit den Anwohnern in Kontakt zu kommen.

Wo Apple Park abgehoben und außerirdisch wirkt, buhlen Facebook und Google um Tuchfühlung. Es gibt aber auch Parallelen. Jeder Campus für sich ist ein in sich geschlossenes Universum, in dem alles vom Management bestimmt wird. Fehlt nur noch, dass sie ihr eigenes Wetter machen. Unter dem Google-Zelt oder im Apple-Ring gibt es kaum etwas, das nicht googlig oder applig wäre. Da ist die Vegetation, die trotz der sorgfältigen Auswahl einheimischer Pflanzen natürlich angelegt und künstlich ist. Es gibt Kunst, aber kein Werk schockiert oder verunsichert, sie dient der Zerstreuung und Beruhigung. Es gibt Architektur, aber so innovativ die Materialien sind, muten die Gebäude wie frisch aus dem Computer gezogener Digistuff an. Selbst wenn die Unternehmen auf ihre Umgebung und die Anwohner zugehen, bleibt der Rest der Welt eine dunstige, unklar definierte Sphäre – der Nebel im Hintergrund der computergenerierten Bilder.

Diese panoptischen Welten sind einerseits der schieren Größe der Unternehmen geschuldet, sie spiegeln aber auch wider, wie diese denken. In Googles großem Dach klingen die geodätischen Kuppeln nach, die die Hippies in ihren Landkommunen aufgestellt haben. Während diese Science-Fiction überholt wirkt, ergibt sie kulturell Sinn. Wie Fred Turner in From Counterculture to Cyberculture schreibt, wurden in Kalifornien die radikalen Ideen der 1960er Jahre durch die Orientierung am Gewinn ergänzt und verändert, was zu den radikalen technischen Innovationen führte. Doch Teilhabe, Gleichheit und Freiheit haben ihre Grenzen, insbesondere wenn es um das geistige Eigentum und die Geschäftsstrategien der IT-Unternehmen geht. Ihre Architektur gibt diesen Widersprüchen eine Form, indem sie Offenheit mit Kontrolle, Freiheit mit Absperrungen vereint. Es handelt sich um perfekte Schaubilder der vermeintlichen Gleich- und tatsächlichen Ungleichheit der Technik-Sphäre, wo undurchlässige Trennwände diejenigen in den inneren Kreisen vom Rest da draußen abgrenzen.

Wenn die Firmenzentralen großer IT-Unternehmen ins Zentrum großer Städte vorrücken, sind sie gezwungen, ihre Hippie-Kommunen-Mentalität anzupassen – ganz aufgeben tun sie diese nicht. Amazon hat sich im Zentrum von Seattle angesiedelt, wo das Unternehmen 15 bis 20 Prozent der verfügbaren Büroräume beanspruchen soll und sich damit brüstet, dass 20 Prozent der Mitarbeiter zu Fuß zur Arbeit kommen. Erst kürzlich hat es den Bürogebäuden ein urbanes Eden Project aus ineinandergreifenden Blasen hinzugefügt, in denen die Angestellten in costa-ricanischen Temperaturen tropische Wälder mit Wasserfällen durchstreifen sollen.

In King’s Cross in London zwang der Platzmangel Google dazu, seinen Campus auf ein elfgeschossiges, fast 93.000 Quadratmeter großes Gebäude zu komprimieren. Innen gibt es eine Promenade, die an den Cafés und Sporteinrichtungen vorbei zu einer Dachlandschaft mit Feldern und Gärten führt. Die äußere Hülle passt sich der grimmigen Gleichförmigkeit der umliegenden Bürogebäude an, nach oben hin bricht die Struktur auf, als ob sie die Energie im Inneren nicht länger kontrollieren könnte.

Für beide Büros – sowohl für BIG als auch Heatherwick – ist es einer ihrer überzeugendsten Entwürfe bisher. Das Zusammentreffen von Campus und Metropole erzeugt Druck und Spannung, Aktion und Reaktion. Das Gebäude wirkt entschlossen und hat keine Angst vor der eigenen Größe. Das tut der Gegend gut. Und doch ist es inwärts orientiert, mit einem konventionellen Büroeingang und einer Ladenzeile zur Straße hin. Hier hätte man gehofft, dass die Kraft von Google zu mehr in der Lage wäre.

Microsoft genügte es zu seinen besten Zeiten vollkommen, in farblosen Flachdachgebäuden am Stadtrand von Seattle zu residieren. Dort hat das Unternehmen seinen Sitz bis heute. Es fällt auf, dass das Silicon Valley trotz seines weltweiten Ruhms im visuellen Bewusstsein kaum Eindruck hinterlassen hat – wer hat schon wirklich eine Vorstellung davon, wie dieser Ort aussieht? Doch so viel Macht und Geld werden sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, unscheinbar zu bleiben. Wir fangen gerade erst an zu sehen, wie sie das Erscheinungsbild unserer Städte verändern werden.

Rowan Moore ist Architekturkritiker des Observer

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 15.09.2017
Geschrieben von

Rowan Moore | The Guardian

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