Hinter der Barrikade

Frauenrechte Welche Rolle finden arabische Frauen unter islamischen Regierungen? Sie fangen an, sich einzumischen, behaupten zwei Journalistinnen im Gespräch. Ist das zu optimistisch?

Ein Jahr nach Beginn des Arabischen Frühlings hat sich das Leben in der Region drastisch gewandelt. Guardian-Autorin Emine Saner hat mit der französisch-algerischen Journalistin Nabila Ramdani und der syrische Autorin und Radiojournalistin Rana Kabbani diskutiert, was die Zukunft den arabischen Frauen bringen mag.

Emine Saner: Was hat der Arabische Frühling für sie persönlich bedeutet?

Nabila Ramdani: Für mich war es ein überragender Augenblick, besonders, weil niemand es hätte vorhersagen können.

Rana Kabbani: Ich war unfassbar glücklich. Ich wurde 1958 geboren und gehöre damit der Generation an, die miterlebt hat, wie aus Syrien, wo man in der Zeit nach der Unabhängigkeit große Hoffnungen hatte, eine Militärdiktatur wurde.

NR: Der Mut, mit dem die Leute auf die Straßen gehen, bedeutet nicht, dass es über Nacht Demokratie geben wird. Tunesien bietet großen Anlass zur Hoffnung, mehr aber auch nicht. In Ägypten kämpfen die Leute immer noch, um das Militär dazu zubewegen, die Macht an die Zivilregierung zu übergeben, in Libyen haben immer noch bewaffnete Milizionäre das Sagen. Die Situation ist chaotisch.

RK:

Ich bin da optimistischer. Selbst Chaos ist besser als das, was wir vorher hatten. Meiner Einschätzung nach wird der Arabische Frühling auch in Jordanien und am Arabischen Golf aufblühen. Die Vorstellung, die arabischen Monarchien seien im Gegensatz zu den Militärdiktaturen immun gegen Revolutionen, ist ein Mythos.

Emine Saner: Frauen haben bei den Revolutionen eine maßgebliche Rolle gespielt, beim jetzigen Wiederaufbau dagegen scheinen sie kaum beteiligt. Im libyschen Nationalen Übergangsrat etwa findet sich nur eine Frau. Eine Enttäuschung?

NR: Allerdings. Im sehr konservativen Libyen haben die traditionelleren Kräfte das Ruder übernommen. Sie haben die Scharia als Rechtsgrundlage in der Verfassung verankert und die Polygamie wieder eingeführt.

RK: Wie kommt es, dass immer wenn westliche Armeen in unserer Region intervenieren, die repressivsten Elemente der arabischen Gesellschaften zum Vorschein gebracht werden und für die Frauen das Schlechteste dabei herauskommt? Der größte Rückschlag für die Geschlechtergleichheit war die anglo-amerikanische Besatzung des Irak. Seit die Revolution in Tunesien ihren Anfang nahm, sind Frauen an allem beteiligt. Die Wahlbeteiligung der Frauen war überwältigend, ganz ohne Zweifel wird es Frauen in der Politik geben. Wenn nun bei den Wahlen islamistische Parteien gewinnen, liegt das daran, dass diese den Widerstand durch den fürchterlichen Arabischen Winter hindurch fortgeführt haben.

NR: Frauen haben an den Revolutionen ebenbürtigen Anteil gehabt – vor allem in Tunesien, Ägypten und Libyen. Auch wenn ich optimistisch bin, was die mögliche Rolle der Frauen in Tunesien betrifft, bin ich skeptischer, wenn es um ihre Einbindung in den politischen Prozess etwa in Ägypten geht. Ich fürchte, dass das, was die ägyptischen Frauen zuvor bereits erreicht hatten, nun wieder zunichte gemacht werden könnte. In der ägyptischen Übergangsregierung haben Frauen nur eine sehr eingeschränkte Rolle gespielt. In dem Komitee, das den Entwurf zur Erklärung der Übergangsverfassung verfasst hat, saß keine Frau. Dabei wollen die Frauen unbedingt bei der Gestaltung der Zukunft des Landes helfen. Die politischen Parteien müssen sich öffnen.

ES: Warum gab es keine Frauen in dem Komitee?

NR: Ich denke, das hat zum Teil mit dem Aufstieg des extremen Islam zu tun. Ägypten ist konservativ in religiöser Hinsicht und politisch moderat. Innerhalb des Islam gibt es aber recht besorgniserregende Tendenzen – die Salafisten

[ultra-konservative Islamisten]

zum Beispiel. Ägypten ist mehrheitlich islamisch, in Bezug auf die Bedürfnisse der Bevölkerung haben die islamischen Parteien meiner Einschätzung nach jahrelang die Rolle des Staates übernommen. Die Partnerschaft zwischen Diktatoren wie Hosni Mubarak und den Amerikanern im Rahmen des sogenannten „Krieges gegen den Terror“ hat dazu geführt, dass der Islam zur Religion der Gewalt gemacht und unterdrückt wurde. Da ist es ganz natürlich, dass er jetzt auf dem Vormarsch ist.

RK: In Ländern wie Tunesien, wo die Frauen über einen vernünftigen Grad an Bildung verfügten und jahrzehntelang in jeden irgendwie existierenden politischen Prozess integriert waren, besteht auch weiterhin der Wille, sie mit einzubeziehen. Die wirkliche Herausforderung für die arabische Zukunft besteht darin, den jungen und größtenteils armen Bevölkerungen eine ausreichende Ausbildung zu ermöglichen.

NR: In Tunesien wird schon lange für Frauenrechte gekämpft – das hat nicht mit dem Arabischen Frühling angefangen. Ich wage zu behaupten, dass der Einsatz für die Frauenrechte Ben Ali zynisches Mittel war, sich dem Westen genehmer zu machen. Im Zuge des Säkularisierungs- und Modernisierungsprozesses mussten Frauen in Schulen und Universitäten den Schleier ablegen, dabei müsste ihnen im Sinne der Frauenrechte eigentlich die Wahl ermöglicht werden. Allerdings durften Frauen sich auch für einen Parlamentsposten bewerben, durften verhüten und abtreiben, Frauen mussten ihrer Heirat zustimmen und hatten die gleichen Scheidungsrechte wie Männer. Polygamie ist verboten. Ich denke nicht, dass wir um diese grundlegenden Rechte fürchten müssen, bloß weil die Ennahda

[die moderate islamistische Partei] sich als sehr populär erwiesen hat.

RK: Wenn ich als Feministin gefragt werde, ob ich von einer islamistischen Partei regiert werden möchte, lautet meine Antwort: Wenn eine solche Partei ihre Macht an den Wahlurnen erhalten hat, ist das die legitime Wahl des syrischen Volkes. Wer hat säkulare Militärschläger wie die Assads gewählt? Absolut niemand! Die haben auf einem Panzer sitzend die Macht übernommen und sie sich mit furchtbaren Repressionen erhalten. Gut möglich, dass in diesem Teil der Welt die nächsten 25 Jahre lang islamistische Parteien die Oberhand haben werden. Nach und nach werden daraus aber politische Pragmatiker werden. Alte, klischeehafte islamische Feinbilder werden sich als inhaltslos erweisen. Der Arabische Frühling hat viele Stereotypen zerstört, auch die rassistische Vorstellung eines gegen politischen Wandel immunen „arabischen Exzeptionalismus“. Wenn wir Araber die Welt etwas gelehrt haben, dann was mutiger Protest ist.

ES: Wie sehen Sie künftig die Frauenrechte unter islamistischen Regierungen?

RK: Betrachtet man etwa den Syrischen Nationalrat, der vor gerade ein paar Monaten als Antwort auf die brutale Unterdrückung einer zivilen Protestbewegung entstanden ist, stellt man fest, dass sich darin viele außergewöhnliche Frauen befinden – Basma Kodmani zum Beispiel, die ohne Probleme mit völlig anders Denkenden zusammenarbeitet. Die Syrer werden die Rückkehr einer Ideologie mit alleinigem Geltungsanspruch nie wieder zulassen. Ein halbes Jahrhundert des Ba'ath-Totalitarismus haben gereicht.

NR: Es gibt keine Garantie, dass die Stellung und die Rolle der Frauen sich in jedem dieser Länder positiv entwickeln werden, aber es gibt Hoffnung. In der Vergangenheit sind die Frauen – wie im Iran - immer wieder von den Revolutionen enttäuscht worden. Deshalb herrscht die Sorge, dass die Frauenrechte nicht respektiert werden. Ich bin mir sicher, dass die Frauen das nicht vergessen haben.

ES: Sind sie optimistisch?

RK:

Übersetzung: Zilla Hofman

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11:53 29.12.2011
Geschrieben von

Emine Saner | The Guardian

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The Guardian

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