Hinter grünen Türen

Nachhaltigkeit Architekten entwerfen auf Teneriffa Öko-Häuser. Touristen können sie mieten – als Versuchskaninchen, die dabei helfen, sie zu perfektionieren

Ein im thailändischen Stil gehaltener Wasserpark, in dem die Besucher auf künstlichen Wellen surfen können, ein Zoo, der seinen Pinguinen mit Hilfe einer Schneemaschine die nötige Kühlung verschafft, überall All-you-can-eat-Buffets: Willkommen auf Teneriffa.

Viele glauben, das einzig grüne auf der Insel sei der Midori-Melonenlikör, mit dem die Mile-Highball-Cocktails zubereitet werden. Dabei ist sie viel nachhaltiger: 47,5 Prozent ihrer Fläche sind als National-, Natur- oder Landschaftsparks ausgewiesen. Es gibt Pläne für eine neue Bahnlinie, die die gesamte Insel befahren soll. Vor allem aber gibt es das zehn Millionen Euro teure Bauprojekt Casas Bioclimáticas.

Es entstand 1995 auf einem Grundstück des Technischen Instituts für erneuerbare Energien (Iter) in der Nähe des Flughafens Reina Sofía an der Südküste. Architekten hatten Ideen für ein Dorf mit „bioklimatischen“ Häusern eingereicht, die an das lokale Klima angepasst sind und ihren Energieverbrauch energieneutral selbst decken. Aus 395 Eingaben wurden 25 Häuser ausgewählt, von denen je fünf auf einmal gebaut wurden, die letzten befinden sich noch immer im Bau.

Die fertigen Gebäude werden als ungewöhnliche Ferienwohnungen angeboten. „Wir brauchen Touristen, die sie ausprobieren“, sagt Miren Iriarte, die die Entwicklung des Projekts leitet. Wir treffen sie am Iter-Hauptsitz neben dem Dorf. Jedes Haus, sagt sie, sei unter Verwendung einer anderen technischen Lösung nachhaltig gebaut worden, von dicken Wänden und Sonnenkollektoren bis hin zu unterirdischen Räumen. Einige sind hochwertig isoliert, in anderen schalten Sensoren das Licht ab, wenn niemand mehr im Zimmer ist.

Dorfeigen entsalztes Wasser

Es gibt Wasserhähne mit Strahlreglern, die den Wasserfluss begrenzen sollen, und windkraftbetriebene Klimaanlagen. Das Wasser kommt aus dem Meer und wird in der dorfeigenen Anlage entsalzt; alle Häuser sind aus natürlichen und wiederverwertbaren Materialien gefertigt.

Hier kommen die Touristen ins Spiel: „Ohne Bewohner“, sagt Iriarte, „werden die Türen, Fenster und Vorhänge nicht auf- und zugemacht, und in den Badezimmern und Küchen entsteht keine Feuchtigkeit.“ Die Häuser aber müssen bewohnt werden, um perfektioniert werden zu können.

Denn nur dann können die Wissenschaftler verlässliche Daten erhalten: Jedes Haus ist mit Sensoren ausgestattet, die Temperatur, Feuchtigkeit und Zirkulation der Luft messen und diese Werte mit den Daten vergleichen, die sie von externen Sensoren erhalten. Diese Messungen sollen Iter helfen, herauszufinden, welche Lösung am besten funktioniert. Und sie sollen so ermöglichen, Häuser für jede Gegend mit vergleichbarem Klima zu entwickeln.

Das erste Haus, das wir uns ansehen, heißt La Estrella. Der sternförmige Bau ist aus matt-gelben Bimssteinen gebaut. „Die Steine kommen von hier“, sagt Miren Iriarte. Einige Materialien, wie etwa das Holz, müssten allerdings eingeführt werden – „auf einer Insel muss man eben Kompromisse machen.“

Die Architekten aus Madrid haben das Haus in Ost-West-Richtung ausgerichtet, um das natürliche Licht optimal nutzen zu können. Die Küchen sind mit Induktionsplatten, energiesparenden Haushaltsgeräten und Mülleimern für Glas, Papier, Plastik und Biomüll ausgestattet. Der Garten ist mit Arten aus der Region bepflanzt.

„Grundsätzlich werden auf Teneriffa 30 bis 50 Prozent der Energie in den Häusern verbraucht“, sagt Iriarte. „Es besteht also Bedarf, hier einzusparen. Ein weiteres Ziel besteht darin zu zeigen, dass nachhaltig gebaute Häuser schön sein können“. Auf Estrella trifft dies ebenso zu wie auf das dritte Haus, das wir besuchen: das französisch gestaltete El Rio, mit hohen Glaswänden, Habitat-Möbeln und einem Wasserlauf, der durch den Lounge-Bereich führt.

Im zweiten Haus, Noche y Día, ist die Schönheit etwas schroffer. Das Innere ist düster, die hohen Wänden aus Spanplatten. Über die Möbel aus Pappe weiß selbst Miren Iriarte kaum etwas Positives zu sagen: „Das ist nicht besonders nachhaltig, die Pappe verbraucht sich schnell, und man muss sie ersetzen.“

Gespenstische Windturbinen

Das im britischen Stil errichtete Casa Bernoulli ist ebenfalls noch verbesserungsbedürftig: Innen sind Holz und Putz feucht vom Regen. „Die Leute denken, hier würde immer nur die Sonne scheinen“, sagt Iriarte. „Wir wollen, dass die Leute, die bei uns wohnen, es genießen, sie sollen uns aber eben auch helfen herauszufinden, welche Häuser perfekt funktionieren und welche noch verbessert werden müssen.“

Vergleicht man das mit Versuchen, die man in anderen Laboren vornehmen muss, hört sich das recht angenehm an. Also fragen wir, ob wir über Nacht bleiben können. Miren Iriarte willigt ein. „Geben Sie mir die Nummern Ihrer Ausweise und eine Kreditkarte, und kommen Sie heute Nachmittag wieder. Ich werde Ihnen den Schlüssel und alle notwendigen Informationen am Tor zurücklassen“, sagt sie. Sie verteilt Küsschen zum Abschied.

In dieser Nacht gibt es keine anderen Gäste, wir haben das Dorf für uns, obwohl wir nur für das im italienischen Stil gehaltene Haus El Caminito die Schlüssel haben. Unter dem Surren und dem etwas gespenstischen Anblick der Windturbinen erkunden wir unsere Umgebung, die uns an den Studioaufbau der Truman Show erinnert.

Von außen ist El Caminito nicht gerade die einnehmendste „architektonische Lösung“. Es ist von unfertig wirkenden lego-artigen Bimssteinblocks umgeben. Im Inneren deutet nichts darauf hin, dass wir überwacht werden. Die Sensoren müssen entweder sehr klein oder sehr gut versteckt sein. Die Ausstattung ist clever. Das Haus verfügt über ein großes kombiniertes Ess- und Wohnzimmer, zwei Bäder und zwei Schlafzimmer mit Doppelbetten; die in Orange-, Weiß- und Brauntönen gehaltene Einrichtung spielt auf die Achtziger an.

Auf dem Esstisch steht ein großer Strauch Wildblumen, in der geräumigen und gut ausgestatteten Küche finden wir Milch, Tee, Kaffee und Bio-Schokoflocken. Die Gäste können einen kleinen Beutel nach draußen hängen, der über Nacht wie von Zauberhand mit frischem Brot gefüllt wird.

Wir streunen in Iters Schulungsgarten umher, in dem sich Windturbinen in den Teichen spiegeln. Dann gehen wir zum Strand – an eine wilde steinige Bucht, an der Ortsansässige campieren, fischen und feiern. Blieben wir länger, könnten wir durch die „Mondlandschaft“ trampen, die das Dorf Vilaflor umgibt, Seevögel im Naturreservat Montaña Roja aufspüren und Windsurfen gehen. So ist nur Zeit für ein Abendessen.

Eine halbe Stunde später sitzen wir in El Médano, einem nahen Dorf, am Hafen, essen gegrillten Fisch und stoßen mit Wein aus der örtlichen Monje-Weinerei auf das nachhaltige Leben an. Am nächsten Morgen weckt uns ein düsenbetriebener Wecker. Unser Aufenthalt in El Caminito hat uns veranlasst, etwas ressourcenschonender zu leben, und die Dunstspuren, die sich über uns am Himmel abzeichnen, beweisen, warum wir dies auch müssen.

Rhiannon Batten ist freie Reisejournalistin. Sie schreibt im Guardian oft über Ökotourismus

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:30 22.06.2011
Geschrieben von

Rhiannon Batten | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 13920
The Guardian

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1