Hochqualifiziert und unterbezahlt

Arbeitslosigkeit Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa hat ein trauriges Rekordhoch erreicht. Junge Menschen aus Italien, Griechenland und Spanien erzählen von ihrer prekären Lage

In der gesamtem Eurozone befindet sich die Jugendarbeitslosigkeit auf Rekordhöhe. Nach Angaben des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) haben in den siebzehn Euroländern 16,3 Millionen Menschen keine Arbeit. Die Geschichte einer verlorenen Generation wächst sich für den Kontinent zum Skandal aus. In Spanien sind 51,4 Prozent der 16- bis 24-Jährigen arbeitslos, in Griechenland sind es 43 Prozent. Und auch in Italien sind über ein Viertel (28 %) in dieser Altersgruppe arbeitslos. Andere schaffen es gerade so, mit unbezahlten Praktika oder schlecht bezahlten Jobs, die nur wenig Sicherheit bieten, über die Runden zu kommen. Die Guardian-Autoren Viola Caon, Helen Smith und Diego Salazar haben sich in diesen drei EU-Ländern junge Männer und Frauen zu ihrer Situation befragt.

Italien

Der neue italienische Premierminister Mario Monti hat zugesichert, der jungen Generation helfen zu wollen. Unter anderem versprach er Hilfe bei der Unternehmensgründung. Gleichwohl blicken viele junge Italiener in Anbetracht der tiefen Spareinschnitte verunsichert und angstvoll in die Zukunft. Denn als Monti sein 30-Milliarden-Euro-Sparpaket vorstellte, sprach er von „notwendigen Opfern“.

Die Schuldenkrise, die 2008 begann, bedroht in Italien die Jobs vieler, die noch in Arbeit sind. Besonders düster stellt sich die Situation für diejenigen dar, denen eigentlich gerade der Berufseinstieg bevorstünde. Der war in Italien, wo es bei der Jobsuche oft auf die richtigen Beziehungen ankommt, nie einfach. Doch nun, wo das Land weitere Sparmaßnahmen erwarten und für die gesamte Eurozone ein Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,5 Prozent hervorgesagt wird, sind die Aussichten um so schlechter.

Martina Rossitto, 26, MA-Student der Humanbiologie

"Ich bin Trainee im Labor für Zystische Fibrose am Bambino Gesù-Krankenhaus in Rom. Ich habe Glück - dort wird ernsthaft geforscht. Ich habe einen Platz bekommen, weil ich einen der Ärzte aus dem Labor kannte. Bezahlt werde ich nicht, noch nicht einmal die Spesen werden mir erstattet. Trotzdem betrachte ich mich als privilegiert – die meisten meiner Mitstudenten arbeiten zwölf Stunden am Tag und haben noch nicht einmal Zugang zu grundlegenden Forschungsinstrumenten. In Italien gilt es als blanker Selbstmord sich für dieArbeit in der Forschung zu entscheiden, weil die Regierung die Fördermittel immer weiter kürzt.“

Elisa Di Pietro Paolo, 25, arbeitslose Verkäuferin
"Als ich vor sechs Jahren die Schule abschloss, habe ich sofort eine Arbeit gesucht. Ich fand eine Anstellung als Verkäuferin in Rom. Mein Vertrag war befristet und wurde von meinem Arbeitgeber jedes Jahr verlängert – eines Tages jedoch nicht mehr. Ein Mädchen, das fünf Jahre dort gearbeitet hatte, wurde gefeuert, weil sie sich mit einer Lungenentzündung krankgemeldet hatte. Seit vergangenem Januar bin ich nun arbeitslos und nehme Gelegenheitsjobs an: Ich habe in einem Ferienlager gearbeitet, Flugzettel verteilt und arbeite jetzt für so eine Non-Profit-Sache. Das Problem ist, dass die Arbeitgeber mir einen ordentlichen Vertrag geben müssten, weil ich eine Ausbildung habe – und das kommt ihnen ungelegen.“

Michela Moretti, 25, Rechtsreferendar

"Ich habe gerade mein Jurastudium abgeschlossen und ein Referendariat in einer Kanzlei in der Nähe meiner Heimatstadt Viterbo begonnen. Natürlich bekomme ich noch nicht einmal die Spesen erstattet. Die einzigen mir bekannten Referendare, die Geld kriegen, sind Kinder von Anwälten. Sie gehen in die Kanzlei ihrer Eltern und werden dort auch bezahlt. Monti sagt, er will die Berufe liberalisieren – das macht die Sache für uns noch undurchsichtiger. Sie wollen sogar das Referendariat abschaffen. Das wird alles sehr chaotisch werden“

Protokolliert von Viola Caon in Civita Castellana

Griechenland

Am härtesten hat die Wirtschaftskrise in Griechenland die Jugend getroffen – sie hat die wirtschaftlichen Boomzeiten zwar nicht bewusst miterlebt, trägt nun aber am schwersten an einem der härtesten Sparprogramme Europas.
Die Arbeitslosigkeit war noch nie derart hoch, das Land steckt tief in Schulden. 2012 ist das fünfte Rezessionsjahr in Folge. Von den 907.953 Griechen zwischen 15 und 24 Jahren sind beinahe 44 Prozent erwerbslos. Zum ersten Mal seit den 1960ern hat die Arbeitslosenrate nach Angaben des griechischen Statistikamtes im vergangenen November die 18,5 Prozent-Marke erreicht. Vier von zehn Arbeitslosen sind Jugendliche.
Angesichts mangelnder Berufsaussichten und fehlender Umschulungs- oder Ausbildungsplätze für diejenigen, die gerade ihren Job verloren haben, schauen sich viele der Klügsten und Besten im Ausland um. Dazu tragen auch dieFurcht vor einem bevorstehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch und Warnungen bei, die dienstleistungsorientierte griechische Wirtschaft könnte zehn Jahre brauchen, um sich wieder zu erholen, Diese Abwanderung ist zu einem „Brain-Drain“ geworden, der sich auf das künftige Wachstum des Landes verheerend auswirken könnte. Man nimmt an, dass in den zurückliegenden zwei Jahren Zehntausende junger Griechen ausgewandert sind. Vor allem Teile der gut ausgebildeten Elite zieht es in andere europäische Länder und bis nach Australien.

Evangelia Hadzichristofi, 26, arbeitslose Innenarchitektin

"Ich bin seit dem vergangenen Jahr arbeitslos. Das ist hart. Meine Branche hat es schwer getroffen. Ich hatte einen Praktikumsplatz am Benaki-Museum in Athen. Aber seit ich dort entlassen wurde, konnte ich keinen Job finden. Ich habe mich als Sekretärin, als Rezeptionistin und als Verkäuferin beworben – immer wurde ich abgewiesen. Jetzt drehe ich jeden Cent um und bin auf die Unterstützung meines Vaters angewiesen, der mit seinem Geschäft selbst schwere Zeiten durchmacht. Ich habe mich gerade in England und Amsterdam beworben – immerhin gibt es ja noch das Ausland.“

Giorgos Dimas, 25, arbeitet als Koch

"Ich war drei Jahre arbeitslos, bis ich in der vergangenen Woche endlich eine Stelle als Koch gefunden habe. Davor bin ich wieder zur Schule gegangen, habe eine Kochausbildung gemacht und Englisch gelernt, aber es war schwer. Im Hinterkopf habe ich immer den Gedanken, dass das Restaurant, in dem ich arbeite, Pleite gehen könnte; weil ja niemand mehr Geld hat. Auch wenn meine Generation vielleicht einige Jahre warten muss, bis es Arbeit für sie gibt, glaube ich, dass die Krise gut war. In Griechenland gab es nur Jobs für Staatsbeamte, sonst nichts. Das musste sich ändern.“

Protokolliert in Athen von Helena Smith

Spanien

Aus den in der vergangenen Woche veröffentlichten Zahlen geht hervor, dass in Spanien inzwischen 51,4 Prozent der Sechzehn- bis Vierundzwanzigjährigen keinen Job haben. Die Gesamtzahl der Arbeitslosen hat derweil fünf Millionen überschritten. Keine Generation junger Spanier sei je so gut ausgebildet gewesen, heißt es. Und für keine waren die Aussichten so schlecht. Selbst von denen, die einen Job ergattert haben, müssen die meisten (60 Prozent) mit einem geringen Gehalt auskommen und damit leben, dass auch ihre Stelle keineswegs sicher ist. In der Regel ist ein Praktikumsplatz oder ein befristeter Vertrag, der dem Arbeitgeber eine Entlassung ohne größere Umstände ermöglicht, das Beste, worauf die jungen Spanier hoffen können. Die Situation habe einen kritischen Punkt erreicht, deutete in der zurückliegenden Woche auch der spanische Premier Mariano Rajoy an und verlangte von Brüssel eine realistische Herangehensweise an die spanischen Bemühungen zur Reduzierung des Haushaltsdefizites. Die Sparpolitik treibt Spanien zurück in die Rezession. Eine ganze Generation droht ihr zum Opfer zu fallen.
Vor ungefähr zehn Jahren entstand in Spanien eine neue Bezeichnungfür junge Leute mit einem Einkommen um die tausend Euro:die „mileuristas“ . Heute stehen die Dinge so schlecht, dass selbst diese einst eher abschätzig betrachtete Situation für die meisten unerreichbar bleibt.

Eduardo Caña, 23, Student

"Ich studiere Journalismus und Wirtschaftswissenschaften und habe schon alle möglichen schlecht bezahlten Jobs gemacht: Ich habe in Strandbars in Valencia Bier ausgeschenkt, Obst entladen und bei Ikea Kundeneinkäufe eingepackt. Dabei lag mein Lohn nie über sieben Euro die Stunde. Ich habe auch ein quasi unbezahltes Praktikum bei einer Zeitung gemacht. Eine Freundin von mir hat für weniger als vierhundert Euro im Monat bei einer Zeitung gearbeitet. Als ihr befristeter Vertrag auslief, wurde ich gefragt, ob ich den Job als unbezahltes Praktikum übernehmen wolle. Das fand ich wirklich beleidigend. Ich bin im kommenden Juni mit dem Studium fertig. Wenn sich dann nichts ergibt, werde ich darüber nachdenken, ins Ausland zu gehen.“

Adriano Justicia, 27, arbeitsloser Fotograf

"Ich bin Fotograf und habe außerdem ein Studium der Filmwissenschaft abgeschlossen, konnte aber bislang in keinem der beiden Bereiche eine Anstellung finden. Ich habe für wenig Geld im Telemarketing und im Kreditkartenverkauf gearbeitet und außerdem Spenden für das Rote Kreuz angeworben. Ich bin gerade an die Uni zurückgegangen, um Fernsehproduktion zu studieren – dabei muss ich auch unbezahlt arbeiten. Wenn ich danach keinen Job finde, werde ich wohl nach Berlin zurückziehen müssen. Dort habe ich einmal ein paar Monate ein Praktikum in einem Fotostudio gemacht. In Anbetracht der Umstände scheint mir das die beste Option, auch wenn es nie einfach ist, sein Land zu verlassen.“

Protokolliert in Madrid von Diego Salazar

16:55 31.01.2012
Geschrieben von

Viola Caon, Helena Smith, Diego Salazar | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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