Hochstapler George Santos: Der Avatar der USA

Porträt George Santos log im Wahlkampf am laufenden Band. Doch die Republikaner sind auf seine Stimme angewiesen – und belohnen den Hochstapler mit zwei wichtigen Ausschussposten. Wird er sich halten können?
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 04/2023
Seine Mutter sei bei den Anschlägen am 11. September umgekommen, 2016 habe er beim Massaker in Orlando vier Mitarbeiter verloren
Seine Mutter sei bei den Anschlägen am 11. September umgekommen, 2016 habe er beim Massaker in Orlando vier Mitarbeiter verloren

Foto: Evelyn Hockstein/picture alliance/Reuters

Es ist schwer, den Überblick darüber zu behalten, was der kürzlich gewählte Kongressabgeordnete George Santos über sein Leben gesagt hat. Unter anderem behauptete der 34-Jährige, bei Citigroup und Goldman Sachs gearbeitet zu haben – was nicht stimmt. Dann erzählte er herum, seinen Studienabschluss am Baruch College gemacht zu haben. Auch das hat er nicht. Und was könnte es dem Republikaner bringen, wenn er verbreitet, ein College-Volleyball-Champion zu sein?

„Was muss dieser Mann tun, um aus dem Kongress geworfen zu werden?“, fragte Leslie Jones, Gastmoderatorin der Daily Show, „er ist ein verdammter Lügner!“ Doch bis zuletzt wurde Santos keineswegs aus dem Repräsentantenhaus ausgeschlossen, sondern mit zwei Posten belohnt: Fortan arbeitet er in den Ausschüssen „Wissenschaft, Raumfahrt und Technologie“ sowie jenem für „kleine Unternehmen“ mit. Der Sprecher des Hauses, Kevin McCarthy, weiß, dass die Republikaner über eine so knappe Mehrheit verfügen, dass selbst der Verlust eines einzigen Sitzes die Verabschiedung von Gesetzen erschweren würde.

Santos’ Versuche, die Lügen zu vertuschen, sind dermaßen dreist, dass es fast schon wieder lustig ist. Im stark jüdisch geprägten Long Island haute Santos raus, er sei „ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft“ und stamme von ukrainischen Flüchtlingen ab. Als sich herausstellte, dass auch das nicht wahr ist, versuchte er sich zu retten: Er habe gemeint, dass er „Jew-ish“ sei, also Juden sehr ähnlich.

Ebenso präsentierte sich Santos im Wahlkampf als die Verkörperung des amerikanische Traums. Er bestand darauf, Sohn brasilianischer Einwanderer zu sein, der in „großer Armut“ aufwuchs und staatliche Schulen besuchte, bevor er zu einem renommierten Finanzhändler und wohlhabenden Philanthropen aufstieg. Doch jeder, der die USA kennt, weiß, dass Goldman-Sachs-Händler nicht, wie Santos von sich behauptet, aus Erdgeschosswohnungen in Queens stammen.

Interessanterweise bekannte sich der notorische Lügner zu Identitäten, die in der Welt der Republikaner dämonisiert werden. So bezeichnete er sich als homosexuell, also als Mitglied einer Gruppe, die zunehmend von der politischen Rechten als „pädophil“ verunglimpft wird. Zudem soll er lateinamerikanischer Einwanderer sein, also Teil einer Gruppe, die in weißen Köpfen mit dunklen Fantasien zu demografischem Wandel und Verbrechen assoziiert wird.

Darüber hinaus neigt Santos zu der Darstellung, sein eigenes Leben habe sich mit zentralen Krisenmomenten des US-amerikanischen Bewusstseins gekreuzt. So behauptete er, seine Großeltern, die angeblich jüdischen, seien Holocaust-Überlebende. Und seine Mutter soll bei den Anschlägen am 11. September ums Leben gekommen sein. Angeblich verlor er auch vier Mitarbeiter beim Massaker von Orlando im Bundesstaat Florida, bei dem ein Schütze 2016 in einem Homosexuellen-Club das Feuer eröffnete und 49 Menschen tötete.

In seiner Erzählung hat Santos eine Forrest-Gump-ähnliche Verbindung zu diesen bedeutsamen historischen Momenten. Demnach veränderte sich sein eigenes Leben genau in jenen Augenblicken, die die Identität der Nation herausforderten. Diese Fiktion machte ihn zu einem regelrechten Avatar der USA.

Doch die Skandale reißen nicht ab. Kürzlich wurde Santos beschuldigt, 2016 den US-Veteranen Richard Osthoff betrogen zu haben. Bei dessen Hündin Sapphire wurde ein Tumor diagnostiziert. Doch der arbeitslose Osthoff, der in einem Zelt lebte, konnte sich die OP nicht leisten. Santos initiierte eine Onlinespendenaktion, doch die 3.000 Dollar daraus soll er dem Veteranen nie überwiesen haben.

Das Phänomen Santos unterstreicht, was der Politikexperte John Ganz „die Herrschaft des Verbrechens“ genannt hat. Denn besonders die Republikanische Partei hat den Einsatz von Betrug und billigen Tricks zum Mainstream gemacht. Oder sind Santos’ Lügen unterm Strich weiter hergeholt als die von Ex-Präsident Donald Trump, wonach ihm die Präsidentschaftswahl 2020 durch eine große Verschwörung gestohlen wurde? Sind Santos’ Lügen darüber, wo er gearbeitet und studiert hat, schändlicher als die von Republikanern vorgetragenen Behauptungen, dass Corona-Impfstoffe Menschen töten und Dragqueens planen, Kinder in Bibliotheken zu belästigen?

Vielleicht ist Santos’ wahre Sünde nicht das Lügen an sich, sondern dass er die falschen Lügen verbreitet: Er käute nicht die gleichen (falschen) Behauptungen wieder wie der Rest seiner republikanischen Kollegen. Stattdessen verbreitete er Lügen über sich selbst. Blöd: Ganz entscheidend log er bei einer Sache, die der republikanischen politischen Führung sehr wichtig ist: Er behauptete, zur Geldelite zu gehören, ohne das wirklich zu tun.

Und so versuchen Santos’ Kolleg:innen aus der Republikanischen Partei in New York, sich von ihm zu distanzieren, indem sie ihn zum Rücktritt auffordern. „Er braucht Hilfe“, meinte Jennifer DeSena, eine Lokalpolitikerin auf Long Island, „das ist keine normale Person.“ Tatsächlich ist es schwierig, nicht zu vermuten, dass mit dem Mann irgendwas nicht stimmt. Steckt eine Neigung zu Wahnvorstellungen dahinter? Oder ein Realitätsverlust, der all diese Fiktionen ausgelöst hat?

Allein, es wäre ein Fehler zu denken, dass George Santos’ Krankheitsbild nur ihn allein betrifft. Seine Lügen sind das Produkt eines politischen Systems, das Unehrlichkeit belohnt, Aufrichtigkeit bestraft und voller Gelegenheiten für kleine Gauner ist. In diesem Sinne ist Santos der Politiker, den die Amerikaner verdienen.

Moira Donegan ist Kolumnistin der US-Ausgabe des Guardian

Geschrieben von

Moira Donegan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9337
The Guardian

Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden