„Houellebecq war mein Ticket“

Interview Da beide nun auch Radio-DJs sind, unterhielt sich Jarvis Cocker mit Iggy Pop über Quellen für gute Musik und den zweiten harten Teil des Lebens
„Houellebecq war mein Ticket“
Zwei Rampensäue im Gespräch: Jarvis Cocker und Iggy Pop

Fotos: C. Flanigan/Filmmagic/Getty Images, Matt Roberts/Getty Images (rechts)

Jarvis Cocker und Iggy Pop verbindet erstaunlich viel: Beide waren lange Subkulturprominenz, erst spät kam die große öffentliche Umarmung und mit ihr der Erfolg. Beide pflegen einen eigenwilligen Stil, und sie teilen den Hang zu konsternierenden Bühnenauftritten. Jarvis Cocker platzte 2006 in eine Show von Michael Jackson, Iggy Pop zeigt öfter mal seine Genitalien. Cocker moderiert schon seit längerem eine wöchentliche Radiosendung auf BBC 6, bei der Pop diverse Male als Vertretung eingesprungen ist. Der bekommt nun seine eigene Show zur besten Sendezeit am Freitagabend. Aus diesem Anlass sprachen die beiden über Rapmusik, Michel Houellebecq und unser Geldsystem. Genauer gesagt: Iggy Pop redete, und Jarvis Cocker gelang es, hin und wieder ein Stichwort einzuwerfen.

Zu Jarvis

Jarvis Cocker, 51, wurde in den 90ern als Sänger von Pulp bekannt, den Kunststudenten unter den Britpopbands. Größter Hit: Common People. Jahrhundertsong, den es noch ausreichend zu würdigen gilt: Cunts Are Still Running the World (Bonustrack des ersten Soloalbums Jarvis). Jarvis Cocker lebt in London

Jarvis Cocker: Wo findest du die Sachen, die du gerne hörst?

Iggy Pop: In der New York Times, im Guardian und in den Playlisten des College Radios der University of Miami. Das sind für mich die großen Drei und dort wiederum bestimmte Autoren. Hier in Miami gibt es außerdem einen Plattenladen names Sweat Records. Es ist einer dieser alternativen Plattenläden, in denen man echtes Vinyl und einen Espresso bekommt und die von Subventionen leben. Das sind also meine Quellen, weniger die klassische Mundpropaganda.

Rap im Radio zu spielen, ist wegen der Blasphemie echt schwer. Aber ein paar Leute gehen. Joey Bada$$ ist einer davon, ich stehe auf diesen Namen. Ich habe sein Video zufällig gesehen, vorher kannte ich ihn nicht. Das ist meine andere Quelle: Ich entdecke vieles zufällig auf Youtube. Ich gehöre zu dieser Generation, die mit dem Computer nicht sehr geschickt ist. Also hacke ich manchmal auf eine Taste um nach A zu gelangen und komme bei Z heraus. So bin ich bei Joey Bada$$ gelandet und sah diese gefährlich wirkenden Teenager, die auf einem vermüllten Platz in New York auf und ab hüpften. Sie waren auffallend dünn, hagerer als die typischen Über-He-Man-Rapper. Sie ließen sich nach allen Rap-Klischees von den Scheinwerfern ihrer SUVs anstrahlen, aber das waren keine Porsches oder Ferraris, sondern SUVs von Chevrolet. Ich dachte: „Das ist rechtschaffen. So läuft das, wenn in den USA jemand an sein erstes bisschen Geld kommt: Du gehst los und kaufst dir einen Chevrolet.“

Ich mochte die Grooves, aber ich glaube, sie könnten auch in Kombination mit Steve Reich oder John Adams gut klingen oder den frühen Sachen von Philip Glass. Es gibt da Gemeinsamkeiten, was die Wiederholungen und die Monotonie betrifft, ehrlich wahr. Ich habe mit Philip Glass vor einiger Zeit mal gearbeitet – für eine Charity Show –, und ich wollte eines seiner Stücke verwenden. Ich hörte mir seinen Soundtrack für den Film Mishima an, und es gab Stellen, da dachte ich: „Das ist doch Heatwave von Martha Reeves and the Vandellas.“ Sorry, erzähl das nicht den großen Opernhäusern.

Zu Iggy

Iggy Pop, 67, eigentlich James Newell Osterberg, war Sänger der Stooges, Berlin-Gefährte von David Bowie und ist seit Jahrzehnten eine Legende. Größter Hit: The Passenger. Jahrhundertsong, den es noch ausreichend zu würdigen gilt: 1969 (das Album The Stooges landete seinerzeit auf Platz 106 der US-Charts). Iggy Pop lebt in Miami

Ich wollte mit dir über eines deiner Alben sprechen. Auf „Preliminaries“ hast du einen Song mit Michel Houellebecq geschrieben, nicht wahr?

Ja, das war vermutlich die beste Single des Albums, A Machine for Loving. Die Idee stammte von mir, aber der Text war im Grunde seiner. Hal Graig, der das Album produzierte, kam mit der Musik an. Ich wusste nicht so richtig, was ich damit anfangen sollte und dachte: Wir sollten einen Song aus einer Szene aus Michels Buch Die Möglichkeit einer Insel machen. Es geht im Grunde um einen älteren Typen, der ein wenig zu lange gelebt und nicht genug geliebt hat. In einem zukünftigen Universum profitiert er von einer Art Super-Klon-Technologie, die von einer französischen Sekte entwickelt wurde. Michel Houellebecq hat sie, so weit ich weiß, an die Raelisten angelehnt, die es tatsächlich gibt. Das sind kuriose Franzosen in flatternden weißen Gewändern, die jedes Frühjahr einen seltsamen Maibaumritus veranstalten. Wie auch immer, in der Zukunft jedenfalls lebt dieser Mann in einer bewachten, umzäunten, keimfreien, durchorganisierten Community, in der keiner mehr stirbt. Du kommst als 18-Jähriger auf die Welt und lebst, bis du 50 bist, immerfort. Die harten Phasen fallen also weg. Ich kann dieser Idee etwas abgewinnen, ich bin jetzt schließlich im zweiten harten Teil angekommen. Du weißt schon, der, in dem einem die Kräfte ausgehen.

Dieser Typ also lebt vor sich hin, und sein bester Freund ist ein kleiner weißer Hund, Fox, der ihm seine ganze Liebe und Freundschaft schenkt. Wenn Fox stirbt oder kurz davor ist, zu verschiedenen Zeitpunkten des gemeinsamen Lebens zu sterben, wird er von einem versteckten Team weggeschafft, und ein neuer Fox taucht auf, der dasselbe Wesen hat und dieselben Dinge gelernt hat. Aber eines Tages reicht es dem Protagonisten. Er hat genug von diesem Leben und will raus und wirklich lebendig sein. Er geht also raus in die Welt, wo die Menschen unhöflich sind und gemein und schlecht ernährt und böse und gerne töten. Er nimmt Fox mit, sie jagen zusammen und haben drei oder vier herrliche Tage. Dann stürzt sich ein Schuft auf Fox und tötet ihn. Die Geschichte hat mich bewegt, also rezitiere ich sie zur Musik.

Diese Platte war mein Ticket raus aus dem Musikbusiness. Sie entstand nur, weil ein Dokumentarfilmer nach Leuten suchte, die für eine Doku über Michel Musik beisteuern würde, und zufällig war dieses Buch gerade aktuell. Ich habe mir dann nach und nach auch seine anderen besorgt; er ist einer meiner Lieblingautoren. Houellebecq ist geistreich, er ist lustig, er liest sich gut, er ist ein Pageturner. Ich schrieb für diese Doku also Musik, die zu seinen Charakteren passte, und einer nach dem anderen der übrigen Teilnehmer an dem Projekt sprang ab, bis nur ich übrig blieb. Ich sagte Michel also, dass ich gerne ein ganzes Album über ihn und sein Buch schreiben würde, über Szenen, die mich in seinem Buch bewegt haben.

Michel Houellebecq hat ja kürzlich mit seinem neuen Buch „Unterwerfung“ wieder für Schlagzeilen gesorgt.

Egal zu welcher Zeit, er hat immer einen Riecher dafür, was los ist. Und er hat eine sehr unterhaltsame Art, den Leser bei jedem Schritt mitzunehmen. Das macht er verdammt gut. Er ist ja ein derart trockener Typ, dass er sich in seinem vorletzten Roman Karte und Gebiet selbst zum Opfer einer Starentführung machte und umbringen lassen hat.

Das letzte Mal sind wir uns bei deiner „John Peel Lecture“ begegnet, die mich sehr beeindruckt hat. Wie war das für dich? War es die erste Rede, die du gehalten hast?

Im Grunde ja. Obwohl, nein, ich habe einmal vor Jurastudenten auf den Cayman Islands gesprochen, das war eine Gefälligkeit. Aber ich habe dort nur über mein Leben gesprochen und über meine Begegnungen mit Anwälten, und ich sagte: „Okay, Kids, wenn ihr euer Türschild habt, benehmt euch nicht wie ein Gauner, das verschreckt die Kunden.“ John Peel war also die erste große Sache.

Ich habe mir die Abschrift heute noch einmal angesehen und mir ein paar Sätze herausgeschrieben: „Wenn es um Kunst geht, ist Geld ein unwichtiges Detail.“

Ist es, und noch weniger geht es darum, wie viel Geld du investierst oder in der Hinterhand hast. Das ist alles Mist; es hat nicht das Geringste damit zu tun, wie gut das Ergebnis ausfällt. Aber wir leben natürlich unter einem Geldsystem, so wie es wohl Menschen in der Wüste gibt, die unter einem Tauschsystem leben, oder die Leute zu Zeiten des Bolschewismus unter einem marxistischen System lebten. Das hat bekanntlich nicht funktioniert, obwohl manche sagen würden, dass wir den Bolschewiken die Mäßigung des Kapitalismus in der sogenannten westlichen Welt des 20. Jahrhunderts verdanken. Weil es die anderen gab – die sagten, Gleichheit für alle, Gesundheitsfürsorge für alle –, mussten die Kapitalisten ihr System etwas runterfahren. Da mag etwas dran sein.

Du hast auch über die Bosse der Plattenfirmen gesprochen, über die Haltung „Dich bezahlen? Wir beten dich an!“

Zu diesem Zitat hat mich ein Mann namens Ahmet Ertegün inspiriert, der Gründer von Atlantic Records. Es gibt eine Menge Typen wie ihn, aber keiner brachte so grandiose Musik heraus wie er, und keiner war so gut darin, die Sache richtig groß zu fahren. Aber es gab eine Ära, in der Leute, die keine nennenswerte Bildung hatten von den Businesstypen übervorteilt wurden. Deren Liebe zur Musik war schon aufrichtig, aber sie hatten keine Skrupel zu sagen: „Dich bezahlen … hä? Sei nicht kleinlich, wir beten dich an!“ Wenn du dir als Musiker die Attitüde zulegst: „Yeah, ich bin der Künstler“ und unbekümmert alles mitnimmst – teure Restaurants, Rumvögeln, Kiffen, Rauchen, Trinken, was auch immer –, dann kriegen viele dieser Typen das Gefühl: „Gut, ich bin hier der fleißige Geschäftsmann, ich stecke mit der Nase nur noch in den Firmenbüchern, ich setze einen Bauch an, und keine will mit mir ins Bett. Ich habe jedes Recht, dich abzuzocken, denn du lotterst herum.“ Auch das ist Teil der Sache. Ehrlich, es ist schon was dran, dass man kriegt, was man verdient. Ich dachte nie: „Wow, ich könnte Schlagzeug spielen und reich werden.“ Sondern: „Ich kann Schlagzeug spielen, und wenn ich daraus etwas mache, kann dabei ein ziemlich cooler Sound entstehen.“ Es ging ums Ganze. Nicht darum, Geld zu verdienen, Immobilien, das alles. Mir wurde nichts geschenkt. Am Ende lernst du immer auf die harte Tour: Du musst etwas abliefern. Aber ich glaube, ein guter Ausgangspunkt ist, sich keine Gedanken um den Scheiß zu machen.

Es ist doch immer so: Je mehr Geld eine Band hat, desto schlechter werden ihre Alben.

Das ist wahr.

Am Ende der Rede sagtest du, es könne sein, dass du die eigene Musik vernachlässigen wirst, wenn du jetzt Radiomoderator wirst und die Musik anderer Leute anhörst.

Es war ein unheimliches Jahr, aber ich habe jetzt wieder Aufwind. Ich werde etwas mit einer guten Band machen, Engländern, die einen abgefahrenen Groove haben. Sie haben sich Ende März das erste Mal getroffen, und mich hat das einfach glücklich gemacht. Das also steht an, und ich befasse mich mit ein paar eigenen Songs und frühen Stooges-Stücken, die ich lange nicht gespielt habe. Und dann arbeite ich auch an neuer Musik. Ja, ich hecke gerade etwas aus, mehr kann ich nicht sagen.

Iggy Confidential wird jeden Freitag um 19 Uhr BST (20 Uhr unserer Zeit) auf BBC 6 gesendet

Jarvis Cocker’s Sunday Service läuft dort sonntags um 16 Uhr BST (17 Uhr unserer Zeit). Beide Sendungen können live gestreamt werden und sind 30 Tage auf bbc.co.uk verfügbar

Übersetzung: Christine Käppeler

06:00 29.04.2015
Geschrieben von

The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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