Hrzl Glkwnsch!

Kommunikation Der Short Message Service wird 20 Jahre alt – und beherrscht noch immer still und leise die Welt
Hrzl Glkwnsch!
Reicht für zwölf Trennungsbekundungen: Soooo kurz sind 160 Zeichen nun auch wieder nicht ;-)

Foto: jimin La/Getty Images

Was ist größer und viel wichtiger als Facebook? Kleiner Tipp: Es ist technisch sehr einfach, erfordert weder ein Smartphone noch einen Internet-Zugang, und es feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag, was im Internet-Zeitalter locker einem Lebensalter von 140 Jahren gleichkommt.

Sie wissen, was gemeint ist: Jeder, der ein Mobiltelefon hat – das sind zwei Drittel der Weltbevölkerung, also mehr als vier Milliarden Menschen –, kann SMS senden und empfangen, denn selbst das billigste und klobigste Handy verfügt über eine Funktion für Textnachrichten.

Das Short Message System hat das Leben der Menschen deshalb weit stärker beeinflusst als alles, was in Silicon Valley je erdacht wurde – und tatsächlich spielte Silicon Valley für diese Entwicklung fast gar keine Rolle. Die SMS erblickte das Licht des Displays nämlich auf der europäischen Seite des Atlantiks: Sie ist ein Kind jener gemeinschaftlichen europäischen Initiativen, die Europaskeptiker heute in den Wahnsinn treiben. Die ersten Mobiltelefone waren analoge Geräte, und der Markt litt an der Inkompatibilität von Technik und Protokollen. Im Jahr 1982 wurde dann auf einer Europäischen Telefonkonferenz beschlossen, den Ausschuss Groupe Spécial Mobile (GSM) einzurichten. Man setzte eine Gruppe von Kommunikationsingenieuren in Paris auf die Sache an.

160 Zeichen mit sieben Bit

Fünf Jahre später unterschrieben 13 europäische Länder ein Abkommen zur Entwicklung und Anwendung eines gemeinsamen Mobiltelefon-Systems in Europa. Dabei kam das GSM heraus – ein einheitliches, offenes, standardisiertes Mobilfunk-Netzwerk, das größer war als das in den USA. Der erste GSM-Anruf wurde 1991 vom damaligen finnischen Premierminister getätigt, die ersten Geräte gingen im Mai 1992 in den Handel.

Im Laufe des GSM-Projektes entstand die Idee, auf den Kanälen, die gebraucht werden, um eine Verbindung aufzubauen und zu erhalten, auch Texte zu verschicken. Die Idee erschien fantastisch, denn es bedeutete, dass der Transport der Nachricht keinen zusätzlichen Aufwand verursachte. Die einzige Beschränkung bestand darin, dass die Nachrichten kurz sein mussten – das heißt nicht länger als 160 Zeichen mit sieben Bit. Das SMS- war dem GSM-System also von Anfang an eingeschrieben.

Merkwürdigerweise interessierte sich am Anfang aber kaum jemand für die neue Form der Kommunikation. Auch ich hatte früh ein Handy, weil ich noch nie verstehen konnte, warum Telefone wie Ziegen an der Wand festgebunden werden müssen. Ich habe die SMS-Funktion damals auch wahrgenommen. Ihre Möglichkeiten erkannte ich aber nicht. SMS kam mir vor wie eine viel zu kurze E-Mail. Und offenbar dachten die meisten Mobiltelefon-Nutzer das gleiche. Jahrelang blieb die Funktion fast ungenutzt, der Grund wurde erst im Nachhinein deutlich: Die ersten Handys wurden von Erwachsenen gekauft. Man musste über 18 sein und einen Vertrag unterschreiben. Und Erwachsene verstanden nicht, wofür Textnachrichten gut sind.

1996 kamen dann Prepaid-Simkarten auf den Markt, und auf einmal konnten auch Teenager sich ein Handy kaufen. Und sie erkannten das Potenzial einer SMS. Das war die Trendwende. Seitdem gehen die Zahlen steil nach oben. Heute ist SMS die am intensivsten genutzte Kommunikationstechnologie. Einer Quelle zufolge wurden 2010 sechs Milliarden Nachrichten verschickt – das wäre mehr als das Dreifache der Zahl von 2007.

Technologie-Politik

Die Geschichte von GSM und SMS lehrt einiges über Technologie-Politik: GSM entstand im Wesentlichen durch Regierungshandeln. Die Etablierung eines europaweiten Standards hat eine gewaltige Industrie geschaffen und Europa zum Spitzenreiter beim mobilen Telefonieren gemacht. Das rechte Mantra, der Staat solle sich aus der Technologie-Politik heraushalten und alles dem Markt überlassen, ist eben oft falsch.

Zweitens zeigt die Geschichte der SMS die Bedeutung der Nutzer für die Entdeckung des wahren Nutzens einer Technologie. Das Telefon war ursprünglich als reines Sende-Medium erfunden worden, das Radio hingegen für den reziproken Gebrauch zwischen zwei Punkten. Es sollte in beiden Fällen genau andersherum kommen. Und es waren Teenager, die die SMS „entdeckt“ haben.

Wir sollten uns also nicht von den neueren technischen Entwicklungen (Facebook, Twitter, Angry Birds, OMGPOP) blenden lassen und unsere Aufmerksamkeit stattdessen etwas Banalem zuwenden, das wirklich funktioniert, jeden erreicht, auch armen Menschen zugänglich ist, niemanden ausbeutet und auf einem nachhaltigen Geschäftsmodell basiert.

Hier also die wichtigste Meldung 4 2day: txt is gr8.

John Naughton lehrt Technikkommunikationan der Open University und schreibt eine Kolumne im Observer

Übersetzung: Holger Hutt
13:00 19.05.2012
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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