Huffington Post hebt ab

Zeitungskrise Nun will der bekannteste Blog der USA auch im Nachrichtengeschäft mitmischen. Können Arianna Huffington und Kollegen die schwächelnde US-Zeitungsindustrie neu bleben?

Über die amerikanischen Medien gibt es zurzeit nicht viel Positives zu berichten. Kaum eine Woche vergeht ohne Ankündigungen weiterer drastischer Personaleinsparungen, Insolvenzen oder Schließungen von Redaktionsstuben in ganz Amerika. In der vergangenen Woche jedoch knallten die Champagnerkorken. Der in New York ansässige liberale Blog The Huffington Post kündigte an, 1,75 Millionen Dollar für die Überbrückung der Lücke zur Verfügung stellen zu wollen, welche die Dezimierung des investigativen Journalismus in Amerika geschlagen hat.

Die Initiative stelle einen Versuch dar, den Qualitätsjournalismus in den USA zu bewahren, sagte die Gründerin der Seite, Arianna Huffington. „Schon viel zu lange berichten wir nur noch von toten Zeitungen, wir brauchen mehr Berichte über die lebenden. Das wollen wir mit dem HuffFund ändern.“ Man will sich intensiv mit großen, gewichtigen Themen beschäftigen, angefangen bei der Wirtschaftskrise. Der Fonds wird aus vier bis zehn Leuten bestehen, die durch freie Mitarbeiter ergänzt werden sollen. Unter ihnen werden viele altgediente Journalisten sein, die ihren Job bei anderen Zeitungen verloren haben.

Der Umstand, dass die Rettungsaktion unter der Flagge der HuffPo betrieben wird, einem Blog, der für seine lebhaften Kommentare und nicht für seine nachrichtliche Berichterstattung bekannt ist, zeigt einmal mehr, wie die Internet-Revolution Grenzen verwischt. Blogs übernehmen die investigative Arbeit von Zeitungen, Zeitungen führen Blogs. Der Fonds macht auch die Ambitionen der Website deutlich, in der amerikanischen Medienlandschaft eine zentralere Position einzunehmen – im vergangenen Jahr begann der Blog damit, sich selbst „Internet-Zeitung“ zu nennen. Der April 2009 könnte sehr wohl zu dem Datum werden, an dem die Huffington Post erwachsen wurde.

Schillernde Herausgeberin

Der Aufstieg der Huffington Post war beeindruckend. Noch keine vier Jahre alt und mit weniger als 60 Mitarbeitern (inklusive sieben Nachrichtenreportern), konkurriert sie nun mit der New York Times, die es auf ein Alter von 158 Jahren und mehr als tausend Journalisten bringt. Nach Angaben der Rating-Website Comscore generierte die HuffPo im Februar mehr als ein Drittel des Traffic der New York Times.

Es ist paradox, dass die HuffPo einerseits ein Teil des liberalen Amerika geworden ist, andererseits aber relativ wenig bekannt ist. Wenn über das Projekt berichtet wird, steht meistens Arianna Huffington selbst und ihr farbenfrohes Leben im Mittelpunkt – geboren in Griechenland, aufgewachsen in England, verheiratet mit einem Öl-Millionär, von dem sie sich dann wieder scheiden ließ, eine Rechte, die sich zur linken Plage George W. Bushs und zu einer Obama-Befürworterin entwickelte.

Aber die Kritik wächst. Kenner der Seite bemängeln, ihre Methoden glichen eher denen eines Startup-Unternehmens, das ein atemberaubendes Wachstum hinlegt, als eines journalistischen Hoffnungsträgers. In den vergangenen 18 Monaten haben zahlreiche erfahrene Journalisten in Schlüsselpositionen das Unternehmen verlassen. Man könnte sagen, dies sei normal in einer so kurzlebig gewordenen Welt wie der unsrigen. Zudem hat die HuffPo in letzter Zeit einige gute Leute geholt, unter anderen den Washington-Post-Reporter Ryan Grim, der schon für die hochangesehene Polit-Seite Politico gearbeitet hat. Dennoch bleiben Schlüsselpositionen mit Leuten besetzt, die mit wenig journalistischer Erfahrung zu der Plattform gekommen sind. So wurde beispielsweise Matthew Palvesky eingestellt, um in Michaels Abwesenheit ein neues Bürgerjournalismus-Projekt zu betreuen, bis sich ein neuer Redakteur finden würde. Er ist erst letztes Jahr mit der Uni fertig geworden und ist zufällig Huffingtons Patenkind.

Mehr Kommunikation

Marc Cooper, der mit Michael an OffTheBus gearbeitet hat, verließ die Seite im Januar. Heute unterrichtet er an der University of Southern California Journalismus und betreibt gleichzeitig ein Online-Journal. Er kennt beide Seiten der neuen Trennlinie, die heute die Medienlandschaft durchzieht, hat er doch schon als Autor und Redakteur für ein Magazin gearbeitet. Er sagt, bei der Huffington Post widersetze man sich der naheliegenden Idee, dass erfahrene Journalisten das Projekt leiten sollten. „Die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten der HuffPo als einer sehr großen und mächtigen Website auf der einen und den im Vergleich hierzu sehr unterentwickelten redaktionellen Abläufen auf der anderen Seite ist meinem Empfinden nach immer größer geworden. Was mir feht, ist eine Beurteilung und Einordnung von Nachrichten. Es wird auch nicht genügend Wert auf die Qualität der Berichte gelegt.“

Arianna Huffington ist sich klar darüber, dass Wachstum neue Herausforderungen bedeutet. „Wir haben alles so eingerichtet, um zu gewährleisten, dass unsere Reporter richtig gebrieft werden, dass ständig Kommunikation zwischen ihnen und den Redakteuren stattfindet. Während wir wachsen und expandieren werden wir dies weiter ausbauen“, sagt sie.

Andere frühere Beschäftige äußerten die Ansicht, dass man mehr in ursprüngliche journalistische Formen investieren müsse, wenn man größer werden wolle. Vor kurzem erklärte die Huff Po gegenüber der Medienwebsite Mediabistro, fast ein Drittel des Seitencontents stamme aus „originären Berichten“. Aber das meiste an Nachrichten-Inhalten schließt im Gegensatz zur Kommentar-Sektion die Aggregation in Form von Links zu anderen News-Providern mit ein.

Während des Wahlkampfes im vergangenen Jahr wurden die Journalisten von Huffington dazu ermutigt, an ihren Schreibtischen zu bleiben und sich öfter mal die Audio-Konferenzen der Kandidaten anzuhören, statt auf die Straße zu gehen. Man sagte ihnen, dies sei produktiver. Anderen fehlte der persönliche Kontakt zwischen Reportern und Redakteuren – es gibt keine regelmäßigen täglichen Konferenzen und nur einen festen Termin pro Woche mit Huffington und der Politik-Redaktion, auch wenn es natürlich stetig E-Mail-Verkehr gibt.

Eingriffe des Verlegers

Schließlich gab es noch Streit um die Art und Weise, wie die Geschichten auf der Startseite präsentiert werden. Der Mitbegründer Kenneth Lerer bestimmt häufig alleine, welche Geschichten dem Blog voranstehen und verfasst die Schlagzeilen dazu. Es stellt sich die Frage, ob man die Eingriffe des Vorsitzenden eines Unternehmens, das noch vor kurzem auf über 200 Millionen Dollar geschätzt wurde, nicht mit den Eingriffen Rupert Murdochs in die Titelseiten seiner Zeitungen vergleichen kann. Den liberalen Lesern des Blogs jedenfalls kann das kaum gefallen.

Dies alles wäre gleichgültig, wäre die HuffPo nicht so mächtig geworden. Während die NYT in einem Kampf um Leben und Tod steckt, um ihre Schulden bezahlen zu können, erhielt die HuffPo im Dezember 25 Millionen neues Risikokapital. Angesichts des Scheiterns von immer mehr traditionellen Nachrichteninstitutionen schaut die gesamte amerikanische Medienwelt auf die Seite. Sie soll den Weg aus der Krise weisen und ein Modell finden, das freien Zugang und Community-Einbindung mit ernsthaftem und seriösem journalistischem Engagement verbindet. Vergangene Woche wurde die Huffinton Post erwachsen. Wie wird sie weiter reifen?

The Huffington Post ging am 9. Mai 2005 online. Gegründet wurde sie von Arianna Huffington und Kenneth Lerer. Aktuell hat sie 7,3 Millionen Unique User

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Ed Pilkington, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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