Hund bleibt Hund

Identität im WWW Das Netz lädt zur manipulierten Selbstdarstellung ein? Ein Mainzer Psychologe hat überprüft, wie User ihre Profile aufpolieren. Tatsächlich sind die meisten: ehrlich

Vor beinahe 17 Jahren erschien im New Yorker der wohl bis heute bekannteste Cartoon über das World Wide Web. Zwei Hunde sitzen vor einem Computer, der eine hackt mit seinen Pfoten in die Tastatur und erklärt seinem Kameraden: „Im Internet weiß keiner, dass du ein Hund bist.“

Auch heute sind viele davon überzeugt, dass das Internet ein Sammelbecken für schamlose Lügner ist. Online-Partnerbörsen ermöglichen es einem Mann von der Gestalt Danny DeVitos sich als ein Arnold Schwarzenegger auszugeben, auf Myspace retouchieren Teenager ihre Pickel mit Photoshop. Und dann wären da noch Online-Stalker wie Peter Chapman, der unlängst für den Mord an der 17-Jährigen Ashleigh Hall verurteilt wurde, die sich im Internet mit ihm angefreundet hatte.

Doch trotz dieser Horrorgeschichten gibt es kaum harte Fakten, die belegen, wie viele der über 700 Millionen User von Netzwerken wie Myspace und Facebook online eine falsche Persönlichkeit vortäuschen. Und so ist der Psychologe Mitja Back von der Johannes Gutenberg-Universität angetreten, um welche zu finden. Am Ende ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass Internetprofile viel ehrlicher sind, als man allgemein annimmt.

Back und seine Kollegen ließen 236 amerikanische und deutsche Studenten, die Mitglieder bei Facebook sind, einen Fragebogen ausfüllen. Die Antworten gaben einen Einblick in die Persönlichkeit der Probanden, wie etwa, ob sie über ein offenes Wesen verfügen, ob sie extrovertiert sind und in diverse andere Wesenszüge. Unabhängige Beobachter studierten dann die Facebook-Seiten der Studenten, wühlten sich durch ihre Fotos, ihre Nachrichten und die Interessen, die sie dort angaben. Was sie fanden war eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen der Selbstdarstellung der Studenten im Internet und ihrer Selbsteinschätzung im echten Leben. Kontaktfreudige Teenager präsentierten sich online nicht als Eigenbrötler, introvertierte gaben sich nicht als Mittelpunkt jeder Party aus.

Allerdings sind zwei Vorbehalte angebracht. Back und sein Team untersuchten ausschließlich das Verhalten von 17- bis 21-Jährigen und ihr Interesse galt nur sehr allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen. Doch für ihn ist entscheidend, dass Internet-Nutzer sich online allem Anschein nach wesentlich ehrlicher verhalten, als man ihnen zutraut. Also denken Sie daran, wenn Ihnen das nächste Mal auf Facebook ein alter Schulfreund begegnet, der es anscheinend zum Millionär gebracht hat und immer noch im Besitz seiner vollen Haarpracht ist.

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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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