Hüter des Absurden

Porträt David Sedaris zählt zu den witzigsten Chronisten alltäglicher Skurrilitäten. Dabei folgt er einfach seinem Tick: Seit Teenager-Tagen schreibt er auf, was ihm widerfährt

Ein Klischee besagt, dass Schriftsteller, was ihr Äußeres angeht, nicht immer zu den imposantesten Erscheinungen zählen. Selbst gemessen an diesem Standard seiner Zunft gibt der Mann, der im Foyer des Restaurants auf mich wartet, ein sonderbares Bild ab. Er ist klein und dünn und trägt eine wirklich abscheuliche Sport-Jacke mit Schachmuster in knallbunten Farben. Die Schultern sind das genaue Gegenteil von gepolstert und sehen aus, als sollten sie schlaff herunterhängen. Seine Stimme klingt schüchtern, als er Hallo sagt, verteilt er die zwei Silben auf drei Noten „Ha-lo-o“. Er geht mit zierlichen Schritten, wie ein Kind, das einen alten Mann imitiert, oder vielleicht auch umgekehrt. Seine körperliche Erscheinung strahlt keinerlei Charisma aus. Niemand dreht sich zu uns um, als wir uns setzen. Ich aber war noch nie zuvor so aufgeregt in Anwesenheit eines Promis. Ich esse mit David Sedaris zu Mittag!

Sedaris gibt seinen Lesern das Gefühl, als sei er ihr ganz persönliches Weihnachtsgeschenk. Wenn Freunde mir sagen, sie hätten noch nie von ihm gehört, schicke ich ihnen seine Bücher zu, wie ein begeisterter Teenager, der Platten tauscht. Bei einer Lesung in London hing das junge und hippe Szenevolk wie ein Groupie an seinen Lippen. Jede seiner fünf Geschichtensammlungen schafften es auf die Bestseller-Liste der New York Times und verkauften sich in 28 Ländern über sieben Millionen Mal.

Sedaris schreibt, was er komische Essays nennt. Es sind mehr oder weniger autobiografische Beschreibungen seiner Kindheit im suburbanen North Carolina, seiner Jahre als Dropout, die er mit Gelegenheitsjobs in Chicago und New York verbrachte – als Elfe im Weihnachtsland eines Kaufhauses, beim Putzen anderer Leute Häuser – und seiner jüngsten Lesereisen rund um die Welt. Sein Material liegt irgendwo zwischen dem von Garrison Keillor, Bill Bryson und Armistead Maupin. Er erzählt Geschichten von alltäglichen Seltsamkeiten, gefiltert durch sein ganz spezielles Gespür fürs Komische, einer Mischung aus scharfzüngiger Ironie und schadenfrohem Entzücken über die Absurdität des menschlichen Lebens und der eigenen Existenz.

Sein jüngstes Buch Schöner wird‘s nicht (When You Are Engulfed In Flames) umfasst Geschichten aus seinen frühen Zwanzigern, als er per Anhalter unterwegs war. Darunter die eines Paares in den mittleren Jahren, das ihn in ihrem Cadillac mitnahm und „eine Meile oder zwei schweigend fuhr, bis der Mann sich in seinem Sitz umdrehte und, als würde er sich nach meiner Gesundheit erkundigen, fragte: ‚Wie hättest du die Möse meiner Frau denn gern?“ Eine andere Geschichte beschreibt eine unflätige, boshafte, ältere Nachbarin in New York namens Helen, die Vergnügen darin fand, den Block zu tyrannisieren. Einmal attackierte sie einen 14-jährigen taubstummen Lieferjungen, weil er „meine Sachen geklaut hat“. Tatsächlich „wollte sie sagen, dass er sich ihren Stift geliehen hatte“.

Sedaris selbst ist tatsächlich mehr als nur ein wenig exzentrisch; bis zum vergangenen Jahr hatte er nie einen Blick ins Internet geworfen und tippte mit einem Finger auf einer Schreibmaschine. „Schließlich merkte ich, dass die Leute in den anderen Hotelzimmern sich über den Lärm beschwerten.“ Meine Fragen rufen oft neugierige Ausrufe hervor, irgendwo zwischen Interesse und Überraschung: ein kurzes, hohes „Hmm!“, das man ausstößt, wenn man falsch abgebogen ist. Sedaris hat lange nur geschrieben, wenn er betrunken war, Alkohol und Drogen aber mittlerweile aufgegeben. Um sich das Rauchen (40 am Tag – „ach, mindestens“) abzugewöhnen, zog er für drei Monate nach Tokio.

„Ich habe immer zur Zigarette gegriffen, wenn das Telefon klingelte, und ich dachte mir, niemand würde mich jemals in Tokio anrufen. Die Zeitverschiebung ist so gewaltig, dass ich dachte, niemand würde sie berechnen können.“

Mit seinem langjährigen Freund Hugh Hamrick verließ er Amerika vor zwölf Jahren, um in Frankreich zu leben. Heute verteilen sie ihre Zeit auf Wohnungen in Paris, der Normandie und London. Aufgewachsen als eins von fünf Kindern einer äußerlich konventionellen amerikanischen Familie – deren innere Exzentrizitäten den Gegenstand so vieler seiner Geschichten liefern – entdeckt er mit 52 Jahren immer noch komische Begebenheiten im Alltagsleben. Wie schafft er es, ein Leben zu führen, frage ich ihn, das so viel mehr Material hervorzubringen scheint als das der meisten anderen Menschen?

„Oh nein“, sagt er sofort. „Ich glaube nicht, dass mein Leben aufregender ist als das anderer Leute. Ich denke, der einzige Unterschied zwischen mir und allen anderen ist ... [er greift in seine Innentasche und holt einen kleinen Notizblock heraus] ... ich schreibe Sachen auf. Das ist alles.“

Husten im Publikum

Sedaris begann Tagebuch zu führen, als er 20 war und mit einem Freund durch die USA reiste. „Ich hatte Briefe an Leute geschrieben, aber ich konnte ihnen keine Adresse geben, um mir zu antworten. Also schrieb ich an mich selbst. Eines Tages drehte ich ein Platzdeckchen um und schrieb Sachen auf die Rückseite. Und ich bin nun mal ziemlich gut darin, genau die gleiche Sache jeden Tag zur selben Zeit zu tun, also tat ich es am nächsten Tag und am Tag danach und am darauf folgenden Tag. Dann dachte ich, was soll ich mit all diesen Platzdeckchen anfangen? Also habe ich mir ein kleines Buch besorgt.“

Sedaris Arbeitsweise ist ungewöhnlich. Er testet sein gesamtes Material, indem er es auf Lesereisen laut vorträgt, sich Notizen von der Reaktion des Publikums macht und entsprechend redigiert, bevor er etwas zur Veröffentlichung frei gibt. „Ich gehe zurück ins Hotel, schaue auf meine Notizen und denke: Da waren die Lacher – und dort haben die Leute gehustet, als ob sie mich am liebsten mit Totenköpfen beworfen hätten. Bei einer Lesung vor einigen Monaten hätte man glauben können, ich wäre Festredner in einer Tuberkulose-Klinik“.

Sedaris verbringt mindestens zwei Monate im Jahr auf Tour, und liest vor Tausenden, die hunderte Dollars für ein Ticket bezahlen können. Das ist schrecklich weit weg von seinen Tagen im Weihnachtsland – und eine Kritik an seinem Werk lautet, der Erfolg habe ihn entfernt vom reichen Flöz der Seltsamkeiten, den ein weniger komfortables Leben ihm einst abzubauen gestattete. Ob er nun, da er sein halbes Leben in der Business Class oder in Fünf-Sterne-Hotels verbringt, nicht fürchtet, dass ihm das Material ausgehen könnte?

„Nein“, sagt er milde, „ich glaube, das stimmt nicht. Das ist wie wenn man in New York lebt. Die Leute fragen, wo man wohnt und wenn man SoHo sagt, antworten sie, nun die richtigen Leute leben in der Lower East Side. Aber ich denke, das sind alles richtige Leute. Bizarres Verhalten findet man in so ziemlich dem gleichen Maße.“

Ich frage, wie er das aufspürt. Die meisten Leute würden sich instinktiv von einer Nachbarin wie Helen fern halten. Wenn er nicht vorgehabt hätte, über sie zu schreiben, hätte er dann mit ihr Freundschaft geschlossen, einfach so?

„Und ob“, sagt er und lächelt ein wenig verschmitzt. „Weil ich immer ein ziemlich nervöser Typ gewesen bin. Ich bin wie meine Mutter. Wenn ihr etwas passiert ist, hat sie es nicht aufgeschrieben, aber im Kopf behalten – und wenn sie dann jemanden getroffen hat, hat sie es ihm erzählt. Und wenn sie jemand anderes getroffen hat, hat sie die Geschichte noch mal erzählt und sie so ein paar Tage bearbeitet, bis sich etwas anderes ergeben hat. Sie hat die Geschichten als eine Art Eisbrecher benutzt. Ich bin genauso. Also hätte ich so oder so meinen Spaß an Helen gehabt, selbst wenn ich nichts geschreiben hätte, einfach weil sie einen Klopper nach dem anderen gebracht hat.“

Eine missglückte Geschichte

Bei Helen, fügt er hinzu, habe er schrecklich viel ausgespart, „weil es gewisse Dinge gab, die der Leser ihr nicht verziehen hätte.“ Seiner Familie wiederum zeigt er stets, was er über sie geschrieben hat, bevor er es veröffentlicht – obwohl sie, sagt er, von ihrem Veto-Recht noch nie Gebrauch gemacht hätte. Nur einmal habe er einen Text bedauert – weil er damit jemanden verletzt habe. Die Geschichte erschien im Esquire, als er gerade nach Paris gezogen war, und handelte von seiner Französischlehrerin. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass sie den Text lesen würde.

„Alles, was ich in dem Artikel geschrieben hatte, entsprach der Wahrheit, aber ich hatte nicht erwähnt, dass wir sie wirklich mochten. Sie hat zwar mit Kreide nach ihren Schülern geworfen, sie hat einer Frau mit einem Stift ins Auge gestochen und zu ihr gesagt, sie solle aufwachen oder zurück nach Korea gehen – aber sie war auch wirklich gut. Wie auch immer, ich habe all das ausgespart, weil ich faul war; es war mir zu anstrengend.“ Besteht darin nicht das Wesen der Comedy?

„Vielleicht, aber die Geschichte hätte gehaltvoller sein können. So habe ich jemanden aus Faulheit verletzt, und daraus habe ich viel gelernt. Das ist jetzt zehn Jahre her, und ich denke immer noch darüber nach.“ Über die Standpauke, die er von ihren Kollegen erhielt, konnte er dennoch lachen. „Sie sagten, wenn das Ihre Lehrerin war und sie wirklich Kreide nach Leuten geworfen hat, warum haben Sie nicht die Klasse gewechselt? Und ich dachte, wenn du als Schriftsteller so eine Lehrerin nicht verwertest, dann bist du verrückt. Das ist Zucker! Wenn jemand nett ist, kannst du nichts daraus machen“.

Es gibt freilich gravierende Zweifel hinsichtlich der Wahrhaftigkeit seines Werks. Vor zwei Jahren erhob der Autor Alex Heard in der New Republic den Vorwurf, Sedaris frisiere die Wahrheit soweit, dass sein Anspruch, ein nicht-fiktionaler Autor zu sein notwendigerweise betrügerisch sei.

„Aber ich bin doch Humorist und kein Reporter. Das habe ich auch nie behauptet. Ich habe immer mit humoristischen Mitteln gearbeitet, wie etwa die Übertreibung. Und dann wirft mir jemand plötzlich genau das vor – das finde ich albern. Ich war mal in einer Nudistenkolonie, und dieser Heard ruft dort an und sagte, er hat über euch geschrieben und behauptet, ihr wärt alle Freaks, – und diese völlig nackte Frau sagte, nein, wir sind wie alle anderen. Aber wenn sie wirklich wie alle anderen gewesen wäre – dann hätte sie Kleidung getragen.“

Doch wenn Sedaris schon keine Lebenserinnerungen schreibe, so der Vorwurf weiter, sollte er seine Werke wenigstens als Dichtung bezeichnen. Er lächelt und seufzt. „Wissen Sie, wenn Sie beim Abendessen zehn Leuten eine lustige Geschichte erzählen, werden neun lachen, und einer wird sagen, das stimmt so nicht. Ich bin keiner von der ‚Das-stimmt-so-nicht-Fraktion‘, wenn jemand eine lustige Geschichte erzählt. Und ich habe solche Leute immer gehasst. Die dann plötzlich Schiedsrichter spielen“ Sedaris hat viele Jahre regelmäßig für den New Yorker gearbeitet, und sein Verhältnis zu den für ihre Pedanterie berühmten Kollegen in der Dokumentation des Magazins war, wenig überraschend, nicht immer einfach.

„Vor ein paar Monaten habe ich im New Yorker eine Geschichte veröffentlicht, wie ich mit meinem Schwager zu Costco ging und eine Packung Kondome kaufte, die ich auf meiner Lesereise als Präsente verschenken wollte. Ich schrieb, die Packung hätte die Größe eines Betonblocks gehabt. Und der Typ von der Dokumentation hat doch glatt bei Costco angerufen und gefragt: Verkaufen Sie wirklich diese Kondome? Ja. Und hat die Packung wirklich die Größe eines Betonblocks? Nein. Aber wenn das die einzige Ware in deinem Einkaufswagen ist und du in einem Hypermarkt von lauter Hetero-Familien umgeben bist, kommt dir die Packung riesig vor. Als humoristischer Autor behalte ich mir das Recht vor, zu sagen, sie hätte die Größe eines Betonblocks gehabt. Wenn ich es Ihnen so erzähle, werden Sie lachen. Aber ich werde es nicht Dichtung nennen, nur weil sie nicht die Größe eines Betonblocks hatte. Diese Dok-Leute“, sagt er traurig, „haben nicht den geringsten Sinn für Humor“.

Ich habe noch eine letzte Frage, als wir aufbrechen. Erzählen Sie mir von Ihrem ­Jackett, sage ich. Er bricht in schallendes Lachen aus. „Toll.“ Dann zückt er seinen Notizblock und schreibt es auf.


David Sedaris begann mit Tagebüchern. Heute sind seine komischen Alltags-Essays Bestseller

Übersetzung: Steffen Vogel

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Geschrieben von

Decca Aitkenhead, The Guardian | The Guardian

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