I am a Woman

Haarstyling In den USA hat die Moderatorin Tyra Banks eine alte Debatte wieder angestoßen: Verleugnen sich Afro-Amerikanerinnen, wenn sie ihr natürlich krauses Haar glätten?

"Das hier bin ich!", verkündete Model, TV-Moderatorin und Geschäftsfrau Tyra Banks Anfang diesen Monats in ihrer nach ihr selbst benannten Show Tyra. "Ich komme gerade aus der Dusche," rief sie ihrem aufgeregt kreischenden (und weitestgehend weiblichen) Publikum zu. "Ich wollte mein echtes , mein unverfälschtes Ich zeigen." Gemessen am Gejohle und der Hysterie ihrer Zuschauer und den Reaktionen, die später auf den Blogs folgten, könnte man annehmen, Banks sei nackt vor die Kameras getreten. Doch tatsächlich war nur ihr Haar "nackt", oder "echt", wie sie es nannte.

Wie viele im Rampenlicht stehende schwarze Frauen - von Sängerin Beyoncé bis Model Naomi Campbell - hat Banks beinahe ihre zwanzigjährige Karriere hindurch Haarverlängerungen, Perücken und Haarteile getragen. Dass sie ohne Extensions zu sehen war, ist bereits so lange her, dass sie sie nun ablegte, um Gerüchte zu widerlegen, sie sei darunter kahl. Doch war dies nicht ihre einzige Motivation. Sie habe die Fälscherei satt gehabt, sagte sie. Nach all der Zeit wollte sie wissen, wie sich ihr echtes Haar anfühle und wie es aussehe. Und sie wollte, dass der Rest der Welt es auch sieht.

Die außerordentlichen Anstrengungen, die schwarze Frauen für langes, glattes Haar unternehmen, sind lange Zeit ein mit schlechtem Gewissen behaftetes Geheimnis gewesen. Sogar schwarze Männer waren oft im im Unklaren darüber, was genau in den Afro-Haar-Salons vor sich geht und wie viel Geld dort tatsächlich gelassen wird. Nun aber tut sich etwas.

Gutes, glattes Haar

Kommenden Monat wird der amerikanische Komiker Chris Rock in seiner neuen Dokumentation Good Hair die Multi-Milliarden-Dollar schwere Industrie um das schwarze Haar beleuchten. Die Idee zu dem Film, der bei seiner Premiere beim Sundance-Filmfestival einen Sonderpreis der Jury gewann, kam Rock, als seine kleine Tochter ihn fragte, warum er kein "gutes Haar" (glattes also) habe.

Rocks Film erscheint zu einer Zeit, da das Thema, teils angestoßen von Tyra Banks, zuvorderst aber von der Person Michelle Obama, immer häufiger von den Mainstream-Medien aufgegriffen wird. "Da Michelle Obama so im Rampenlicht ist, besteht ein gesteigertes Interesse daran, wie schwarze Frauen sich stylen," sagt Ingrid Banks, die an der University of California in Santa Barbara Dozentin für Black Studies ist. „Die Leute begreifen langsam die Komplexität der Rassen- und Genderpolitik, mit der schwarze Frauen es täglich zu tun haben.“

Die Debatte darüber, wie schwarze Frauen ihr Haar tragen, begann im frühen 20. Jahrhundert. Es ist kein Zufall, dass Madam C.J. Walker, die als die erste weibliche Selfmade-Millionärin Amerikas gilt, sich ihren Namen mit dem Verkauf von Haarpflegeprodukten an schwarze Frauen machte. Walker, die als erstes Mitglied ihrer Familie in Freiheit geboren wurde, fing im Jahr 1900 an, ein selbstgemachtes Haarausfallmittel von Haustür zu Haustür zu verkaufen. 1917 führte sie dann bereits das größte, in afro-amerikanischem Besitz befindliche Unternehmen Amerikas. Heute, über 90 Jahre später, geben schwarze Amerikanerinnen im Durchschnitt immer noch drei Mal so viel Geld für Haarpflege aus wie weiße.

Grob lassen sich drei Arten unterscheiden, das Haar zu tragen. Zunächst sind da die natürlichen Frisuren, bei denen das Haar zwar gestylt, aber in seinem Ursprungszustand belassen wird. Hierzu zählen beispielsweise Afros oder Flechtfrisuren (Braids). Darüber hinaus können die Haare – etwa mit Glätteisen, Heißkämmen oder auf chemische Weise – bearbeitet werden (in den allermeisten Fällen wird dabei die Krause mehr oder weniger stark geglättet). Und zu guter Letzt ist da noch die Welt der Extensions und Perücken.

Natürlich greifen nicht nur schwarze Frauen zu Haarverlängerungen. Der große Unterschied ist jedoch, dass niemand den weißen Trägerinnen Selbsthass vorwirft. Bei schwarzen Frauen hingegen wird jede "unnatürliche" Art das Haar zu tragen vielerseits immer noch als politischer Akt betrachtet, als ein Zeichen dafür, sich zu verkaufen oder, noch schlimmer, als Symptom des tief-verwurzelten Wunsches, weiß zu sein. Daher bedeutet es auch etwas, wenn eine Frau wie Tyra Banks sich ihrer Extensions entledigt. Und daher auch die Kontroverse über die Titel-Illustration des New Yorker, die Michelle Obama mit Afro zeigte, um sie als militante Schwarze darzustellen. Und in der Tat wäre Michelle Obama mit Afro eine große Sache, ein Statement.

Glatter Bob für Obama

"Nach all der Zeit lesen die Leute wieder Kommentare darüber, wie wir uns frisieren", berichtet Mikki Taylor, die bei der afro-amerikanischen Monatszeitschrift Essence für das Beauty-Ressort und die Titelseiten zuständig ist. "Das ist bedauernswert. Warum kann es nicht einfach hingenommen werden, wenn wir unser Haar mal lockig tragen wollen. Warum muss es immer heißen: 'Oh, was versuchen die damit zu sagen?'" Taylor stylte Michelle Obama für ein großes Interview im vergangenen Mai, zu dem die Zeitschrift ein Foto auf der Titelseite brachte. Die Frisurwahl fiel auf einen glatten Bob, "um das Bild unangestrengten Chics präsentieren."

Ist Taylor der Ansicht, dass Michelle Obamas Frisuren wirklich von Bedeutung sind? "Eindeutig ja. Sie ist eine Inspiration für Frauen afrikanischen Ursprungs und wird sehr genau beäugt."

"Sollte Michelle sich entschließen, sich einen Afro stehen zu lassen, würden die Leute wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen", meint die Grammy-Award-gekrönte Sängerin Jody Watley, die vergangenes Jahr im Black Issue der amerikanischen Vogue porträtiert wurde. "Sie hat aber das Recht, ihr Haar so zu tragen, wie es ihr gefällt. Es ist schön, dass sie über die Mädchen ein Statement zur Natürlichkeit abgibt. Ich fände es cool und heiß, wenn sie einen Afro tragen würde, aber ich bedauere nicht, dass sie dieses Statement nicht macht. Die Leute machen zu viel Aufhebens um das Thema."

Auch ihre Kollegin Beverly Knight lehnt die Vorstellung ab, schwarze Frauen, die ihr Haar glätten oder Haarteile tragen, schämten sich ihrer Herkunft: "Wenn mich etwas wirklich wütend macht, dann diese Behauptung. Es gibt nichts Beleidigenderes, Herabwürdigenderes und Übelwollenderes, als jemandem das vorzuwerfen", findet sie. "Es ist nur eine Entscheidung für eine Frisur. Nichts anderes."

Nur eine Entscheidung für eine Frisur zwar, aber angesichts des politisierten Hintergrundes, vor dem sie getroffen wird, nicht unbedingt eine einfache. Vergangenen Juli war für mich selbst zum ersten Mal der Augenblick für glattes Haar gekommen. Nach sieben Jahren Afro wollte ich meinen Look ändern. Mit meinem Afro hatte ich alles Mögliche angestellt: Ich hatte ihn wachsen lassen, ihn gestutzt, gefärbt, hoch gesteckt, ausgekämmt, ihn ordentlich und unordentlich getragen. Nun waren mir die Ideen ausgegangen. Er langweilte mich, ich war bereit für etwas Radikales ... und fragte mich plötzlich, ob es nicht vielleicht an der Zeit sei, mein Haar zu glätten.

Das Beste: Das Haar bewegt sich

Schließlich bat ich meine 21-jährige Cousine Showhat, die wie viele junge Frauen eine Meisterin des Glätteisens ist, mir das Haar zu entkrausen. Anders als ich befürchtet hatte, fand ich das Ergebnis ganz und gar nicht furchtbar. Es gefiel mir sogar ziemlich gut. Es fühlte sich geschmeidig und modern an, sah gesund aus. Und das Allerbeste: Es bewegte sich. Es schwang sogar hin und her. Es gab nur ein Problem: Ich fühlte mich schuldig, wie eine Verräterin. Und ich wurde leicht besessen von der Frage, welche Botschaften ich ausstrahlte. Wenn ein Afro sagt: "Ich trage mein Haar mit Selbstbewusstsein", was sagt dann geglättetes Haar aus? Nach ein paar Tagen bemerkte ich allerdings auch ein paar unerwartete Nebenwirkungen. Andere Eritreärinnen und Äthiopierinnen – die im Allgemeinen alle ihre Haare glätten – nickten mir auf der Straße zu, lächelten und erkannten mich so als eine der ihrigen an. Ich fand das wunderbar.

Da meine Haare trocken geglättet sind, muss die Prozedur alle drei bis vier Wochen – wenn es regnet, noch öfter - wiederholt werden. Deshalb arbeite ich mich gerade durch Londons ostafrikanische Frisiersalons. Die heißen Sheba oder Sisay und sind Welten entfernt von den Salons im Londoner Westend, in denen ich vorher Kundin gewesen war und wo ich schon Glück haben musste, jemanden zu finden, der mit afrikanischem Haar umzugehen wusste. Hier sind beinahe alle Kunden ostafrikanischer Herkunft – meist stammen sie aus Äthiopien, Somalia oder Eritrea – und sie heißen mich wie eine langjährige Freundin willkommen. Ich fühle mich nicht verlegen oder beklommen, wenn ich mich in den Frisierstuhl setze (wird man hier wissen, was mit meinem Haar zu tun ist?), sondern als hätte ich in einen exklusiven Club Einlass gefunden.

Zusammengefasst denke ich durch die Erfahrung mit dem Glätten meiner Haare anders über schwarze Frauen mit glatten Haaren. Ich bin immer noch kein Fan von chemischen Glätt-Produkten, weil ich weiß, wie schädlich sie für die Haare sind. Aber ich verstehe, warum so viele schwarze Frauen es machen. Ich weiß nun, wie vielseitig glattes Haar ist und warum es so verführerisch ist. Und trotzdem wünschte ich, mehr schwarze Frauen würden ihre Haare natürlich tragen. Und ich stelle mir immer noch vor, wie Michelle Obama im Weißen Haus einen Afro schüttelt.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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17:15 29.09.2009
Geschrieben von

Hannah Pool, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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