I want to ride my bicycle

Fahrradfreuden Auch wenn der Sommer keiner ist: Wir fahren ständig Rad, oft ohne uns der technischen Errungenschaft bewusst zu sein. Ein Lobgesang auf das - fast perfekte - Fahrrad

Es stimmt nicht ganz, wird aber trotzdem gerne gesagt, dass das Fahrrad die einzige Technologie ohne Nachteil sei. Die Kehrseiten ist: Fahrräder brauchen Platz. Deshalb ist es schwierig, sie zu verstauen, egal ob daheim oder unterwegs. Außerdem ist es furchtbar lästig, sie zu putzen. Als Arbeitsmaschinen hingegen sind Fahrräder annähernd perfekt. Der Mechanismus verschafft dem menschlichen Bein eine enorme dynamische Überlegenheit: Eine Drehbewegung wird effizient in eine gleichmäßige, umweltfreundliche und horizontale Vorwärtsbewegung übersetzt. Es entstehen keine Vibrationen und es wird – vom schwitzenden Fahrer einmal abgesehen – keine verschwenderische Hitze erzeugt. Fahrräder sind leise und langlebig: Mit Ausnahme der Reifen hat ein gut gepflegtes Rad eine unendliche Lebensdauer. Es ist nicht ganz so, dass der Radfahrer ohne Gegenleistung etwas bekommen würde. Das würden weder die Natur noch der Handel zulassen. Aber es ist verdammt nah dran.


In den Grundlagen wurde das Design des Fahrrads vor gut einem Jahrhundert geschaffen. Seitdem hat es zwar kontinuierlich Verbesserungen bei Materialien und Einzelteilen gegeben und auch die Feinheiten der Rahmengeometrie sind ständig weiterentwickelt worden, aber nichtsdestotrotz haben wir hier ein seltenes Beispiel für einen Entwurf, der so annähernd perfekt ist, dass es wirklich radikale Änderungen nie geben wird. Das Fahrrad wird sich weiter entwickeln, doch so lange Menschen Beine und das Bedürfnis haben, ihre Körper über gewisse Distanzen hinweg zu bewegen, wird das Fahrrad überdauern.

Obwohl es viele Anwärter auf diesen Thron gibt, wird allgemein John Kemp Starley (1854-1901) zugeschrieben, den Prototypen des "Sicherheitsfahrrads" geschaffen zu haben. Es war im Großbritannien der 1880er – einer ereignisreichen und von Wettbewerb geprägten Zeit, die nicht nur für Fahrrad-Konstrukteure, sondern für alle Entrepreneure, zu den spannendsten und charakteristischsten Phasen des viktorianischen Kapitalismus zählte. Es war nicht gleich erkennbar, dass Starleys zweirädriger Entwurf ohne Alternativen sein würde – damals bevorzugten viele noch das Dreirad. Doch die asymmetrischen und tückischen Hochräder wurden wegen ihrer gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Nachteile immer weniger akzeptiert, und der Gestaltungswille der Ingenieure verlegte sich mehr auf die zweirädrigen Gefährte.

Explizite Darstellung der wirkenden Kräfte

Das Experiment ein Zweirad zu benutzen, war sowohl sozial gewagt als auch physisch erhebend, wenn nicht gar gefährlich. In einem Essay mit dem Titel "Taming the Bicycle" (dt.: "Wie man das Hochrad zähmt") beschrieb Mark Twain die Fortbewegung auf dem Drahtesel als „schlingernde, torkelnde“ Abfolge vermiedener Unfälle. 1885 hatte Starley dann einen erfolgreichen Entwurf angefertigt, der diesen Unzulänglichkeiten ein Ende machen sollte: Sein Rover hatte einen niedrigen Sitz, Vorderräder von knapp einem Meter Durchmesser, Hinterräder von ungefähr 76 Zentimetern Durchmesser, einen dreieckigen Rahmen und einen Kettenantrieb zum Hinterrad. Die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte, lautete, "die richtige Position im Verhältnis zu den Pedalen" und in "passender Entfernung zum Boden" zu finden. Im September selben Jahres überwand George Smith auf einem Rover 100 Meilen in sieben Stunden und fünf Minuten. Zwar folgten noch konsumentenfreundliche Weiterentwicklungen wie ein gefederter Sitz, doch zweifelsohne war ein zeitloser Klassiker geschaffen worden. In den 1890ern wurde Starleys Geschäft umbenannt zur Rover Cycle Company, einem Vorläufer der unglückseligen Autofirma.


Da das Zweirad ein solch perfektes Beispiel für die Ästhetik der Maschine war – und der vielleicht beste Beleg für die Form-follows-function-These –, übernahmen die frühen modernistischen Architekten und Designer es als Symbol. 1910 erklärte Joseph August Lux, Mitglied des Deutschen Werkbundes, einer wirtschaftskulturellen Vereinigung zur Hebung der Standards von Industrieprodukten, das Fahrrad sei "schön", weil es eine explizite Darstellung der wirkenden Kräfte sei. Diese Vorstellung fand direkten Eingang in die Bauhaus-Philosophie, einer der einflussreichsten Ästhetiken der jüngeren Vergangenheit.

Wilder, globaler Status-Wettstreit

Und da das Fahrrad etwas Befreiendes hatte, stand es schnell im Ruf, nicht nur ästhetisch hoch entwickelt, sondern auch unkonventionell und rebellisch zu sein. Das ging so weit, dass konservative Zeitgenossen Radfahrer aufs Schärfste verurteilten. Die Romancierin Maria Louise Rame schrieb im Jahr 1900: "Hüte dich vor jenen, die da im Velodrom von Sinnen schreien .. und frage dich...ob es je zuvor ein Zeitalter gab, das ...eine so gänzlich niedere und abscheuliche Kreatur geschaffen hat“, wie den Radfahrer (bzw. die Radfahrerin) mit seiner (ihrer) "unerträgliche Einfältigkeit und Rohheit."

Während das Radfahren sich von einer Aktivität für sanfte, höfliche Vegetarier mit einer Vorliebe für Frischluft zu einem wilden, globalen Status-Wettstreit entwickelt, behält es ein wenig dieser Einfältigkeit und Rohheit bei. Was jeder unglückliche Spaziergänger bezeugen kann, der schon einmal von einem behelmten, muskelbepackten, mit gesenktem Kopf und Neonshirt am Wasser entlang rasenden Fanatiker beiseite gefegt wurde. Es waren Radfahrer, die "Fußgänger" zu einem Schimpfwort gemacht haben.

Menschliche Besitzgier macht es so attraktiv

Auch wenn die Manieren der Radler verfallen, verliert das Fahrrad selbst nichts von seiner Faszination. Es ist nicht nur zweckmäßig, sondern bringt seinen Fahrer mit jenem anmaßendenWunsch in Berührung, der auf Ikarus und Daidalos zurückgeht: Schnelle, mit Menschenkraft angetriebene Fortbewegung über die menschlichen Grenzen hinaus. Zudem ist es ein überwältigender Beweis des rastlosen, menschlichen Einfallsreichtums. Innerhalb des von Starley entworfenen Rahmens scheint eine beinahe endlose Innovationsvielfalt möglich.

Doch sollte man auch die harten Konsumentenwünsche nicht vergessen: Unter anderem macht die menschliche Besitzgier das Fahrrad so attrakiv. Für ein paar tausend Euro kann man das beste Rad der Welt erstehen. Das ist in jeder Produktkategorie ungewöhnlich, von einem Auto, Boot oder Flugzeug lässt es sich ganz bestimmt nicht sagen. Das Rad hat also auch wirtschaftliche Vorzüge. Wenn man bloß noch eine gute Möglichkeit zum Parken finden könnte – und jemanden, der es putzt...

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11:30 28.07.2009
Geschrieben von

Stephen Bayley, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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