„Ich bin eine der Überlebenden“

Porträt Rainer Werner Fassbinders Filme sind ohne Hanna Schygulla kaum denkbar. Vor 35 Jahren starb der Regisseur. Die Schauspielerin denkt oft an seine Grausamkeit zurück

Er war ein großartiger, ein monströser Regisseur. Und er starb so, wie man es von einem wie ihm erwarten konnte: an einer Mischung aus Überarbeitung und zu vielen, zu verschiedenen Drogen. Vor 35 Jahren, am 10. Juni 1982, erlitt Rainer Werner Fassbinder einen Herzstillstand, mit nur 37 Jahren und einem Cocktail aus Alkohol, Kokain und Schlaftabletten im Blut. Seine Süchte waren ebenso bekannt wie seine Bisexualität – und die Weise, wie er jeden, der seinen Orbit betrat, manipulierte, oft auf grausamste Art.

Rund 40 Filme hinterließ das Arbeitstier. Und wenn er gerade einmal nicht gemeinsam mit Werner Herzog und Wim Wenders als Speerspitze des sogenannten Neuen Deutschen Kinos agierte, schrieb er Bühnenstücke oder arbeitete an ehrgeizigen Fernsehserien wie der 15-stündigen Verfilmung von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Immer ging es in seinen Arbeiten um die Manifestation von Macht: zwischen Liebenden, in Familien oder zwischen einem Staat und dessen Bürgern.

Zu den berühmtesten Fassbinder-Filmen zählt Angst essen Seele auf, ein Melodrama über eine deutsche Witwe, die sich in einen zwanzig Jahre jüngeren arabischen Immigranten verliebt; oder auch Faustrecht der Freiheit, in dem Fassbinder selbst als tölpelhafter Schausteller auftritt, der von seinem Freund gemein ausgenutzt wird; und natürlich Die Ehe der Maria Braun, die Geschichte einer zielstrebigen Jungvermählten und selbsterklärten „Mata Hari des Wirtschaftswunders“, die sich in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg zu bürgerlichem Wohlstand hochlaviert.

Jener Maria Braun gab Hanna Schygulla ein Gesicht. Und nicht nur dieser Fassbinder-Figur. Schygulla war Fassbinders Muse. Ihre hintergründige, rätselhafte, verletzliche und zugleich stolze Aura prägte insgesamt 23 Kino- und Fernsehproduktionen des Filmemachers. Die heute 73-Jährige hat auch mit anderen großen Regisseuren gearbeitet, mit Jean-Luc Godard, Béla Tarr und Carlos Saura. Und doch wird sie fast immer nur nach diesem einen gefragt, dem Lederjacken tragenden, kettenrauchenden Bayern. „Das liegt daran, dass ich eine der Überlebenden bin“, sagt sie, als wir uns zum Gespräch treffen. Es klingt, als ob Fassbinder eine Art Naturkatastrophe war. Für einige war er das tatsächlich.

Aversion gegen Gehorsam

Zum ersten Mal begegneten die beiden sich Mitte der 1960er Jahre in München. Schygulla, die Schauspielschülerin, und Fassbinder, der Autor, waren Anfang zwanzig und gehörten zu jenen jungen Deutschen, die sich als Nachkriegskinder nicht mit dem verdrucksten, schamvollen bis verlogenen Umgang der älteren Generation mit dem Nationalsozialismus abfinden wollten. Schygulla war in jenen Tagen mit Leuten aus dem Baader-Meinhof-Umfeld befreundet, während Fassbinder sich in seinen Stücken mit dem Alltagsfaschismus in der deutschen Gesellschaft befasste. „Er war dagegen, dass Menschen Befehlen gehorchten. Dass so viele wegen Hitler ausgeflippt waren, legte nahe, dass es in Deutschland grundsätzlich eine starke Tendenz zum Gehorsam gab“, sagt Schygulla.

„Mir wurde plötzlich kristallklar, dass Hanna Schygulla der Star meiner Filme sein würde, vielleicht sogar so etwas wie deren treibende Kraft“, notierte Fassbinder sinngemäß einige Jahre nach dem ersten Aufeinandertreffen. Schygulla fand ihn anfangs etwas merkwürdig: „Mein erster Gedanke war, dass er mongolisch aussah, jedenfalls nicht deutsch. Er war extrem schüchtern, zugleich aber forsch.“ Gleich im nächsten Atemzug kommt sie auf seine Arbeitsweise zu sprechen, die berühmt-berüchtigte Fassbinder’sche Improvisationsmethode: „Er unterschied sich sehr von anderen Regisseuren. Es war eine Herangehensweise frei von Klischees.“

Kritische Nachkriegskinder

Geboren in Trümmern: Rainer Werner Fassbinder kam 1945 im bayerischen Bad Wörishofen zur Welt, Hanna Schygulla 1943 im polnischen Katowice (damals: Kattowitz). Beide waren Einzelkinder. Während Schygulla als Tochter eines einfachen Holzhändlers und einer aus Schlesien geflüchteten Mutter aufwuchs, wurde Fassbinder in einem deutlich saturierteren und gebildeteren Haushalt groß: Sein Vater war Arzt, seine Mutter Übersetzerin. Beide, der spätere Filmemacher und die kommende Schauspielerin, gingen aufs Gymnasium – mit dem Unterschied, dass Fassbinder die Schule mit 16 abbrach und sich fortan selbst weiterbildete, mit der Lektüre philosophischer und psychologischer Schriften. Schygulla machte ihr Abitur in München, wohin ihre Familie nach dem Krieg gezogen war, ging als Au-Pair für ein Jahr nach Paris und studierte dann Germanistik, Romanistik und Schauspiel. In jener Zeit lernten die beiden sich kennen.

Schygulla und Fassbinder betrachteten ihre Elterngeneration und deren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit höchst kritisch. Sie experimentierten im München der 1960er Jahre zunächst auf der Bühne, in verschiedenen Formationen des „Action-Theaters“, aus dem später Fassbinders „Antitheater“ hervorging. 1969 übernahm sie die weibliche Hauptrolle in seinem ersten längeren Film (Liebe ist kälter als der Tod), 1980 arbeiteten die beiden zum 23. und letzten Mal zusammen – für den Film Lili Marleen, der in Nazi-Deutschland spielt und mit seinem Titel an ein damals beliebtes Soldatenlied erinnert. Redaktion

Auf der Leinwand und auf ungezählten, heute fast schon ikonografisch zu nennenden Bildern sieht man Fassbinder selten mal ohne seine Lederjacke, meist mit einer Zigarette oder einem Bier, oft mit all diesen Dingen gleichzeitig. Schygulla rümpft, als sie aus ihrer Erinnerung erzählt, die Nase: „Er hat stark gerochen. Er roch, wie er aussah. Wie ein pickliger Rebell voller Angst.“

Der müffelnde Rebell besetzte die junge Schauspielerin 1969 in dem minimalistischen Gangsterstreifen Liebe ist kälter als der Tod, in dem er einen Kleinganoven und sie dessen puppengesichtige Braut spielte. „Wir hatten keine Ahnung, was wir taten“, sagt Schygulla heute, „wir spielten einfach herum.“ Was Thema und Look angeht, ist die Orientierung am Frühwerk von Godard erkennbar. Doch es kam von Anfang an noch etwas anderes hinzu: der wie betäubt wirkende Stil des Schauspiels, der charakteristisch für Fassbinders Filme ist. „Seine Regiearbeit war nie psychologisch. Er arbeitete eher wie ein Choreograf. Er ließ uns präzise Gesten und Bewegungen ausführen. Wenn man ein bisschen angespannt und nicht ganz bei der Sache war, gefiel ihm das umso besser, denn das wirkte, als ob die Figuren, die man spielte, ein Leben führten, in dem sie sich nicht wohl fühlten, ein Leben, das nicht wirklich das eigene war. So fühlte Rainer sich auch selbst.“

Nur einmal habe er ihr eine ausdrückliche Regieanweisung gegeben: „In einer Szene schlägt er mich. Da ich wusste, was kommen würde, wich ich immer zurück. Also sagte er zu mir: ,Stell dir einfach vor, dass es dir gefällt, geschlagen zu werden.‘“ Das klingt brutal – dennoch gehörte Schygulla zu den wenigen, die nicht explizit vom Regisseur betrogen oder gedemütigt wurden. Fassbinder, der manipulative Menschenkenner: „Er quälte mich nicht. Er wusste, dass er von mir nur etwas bekommen konnte, wenn er mir das Gefühl gab, dass es ihm gefiel, was ich tat.“

Psychoterror als Lektion

Für den kürzlich verstorbenen Michael Ballhaus, der später der Lieblingskameramann von Martin Scorsese werden sollte, war die Arbeit mit beziehungsweise unter Fassbinder hingegen die Hölle. Ihr erstes gemeinsames Projekt: der grelle Western Whity (1970). Die Dreharbeiten waren geprägt von Fassbinders Liebeskummer und Verlangen nach Günther Kaufmann, dem Hauptdarsteller – und Fassbinders Ex-Liebhaber. Am Set drohte der Regisseur, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wenn Kaufmann nicht mit ihm schlafen würde. Zu Beginn jedes Drehtags bestellte er zehn Cuba Libre: neun zum Trinken und einen, um damit nach Ballhaus zu werfen. So berichtete es der Kameramann Jahre später: „Die Arbeit mit Fassbinder war hart, mental und physisch. Er hat nicht nur mich verbal misshandelt, sondern auch meine Frau, die öfters als Artdirektorin mitgewirkt hat. Ich habe sein Verhalten nie verstanden. Aber ich habe viel von ihm gelernt.“

Die Zahl der seelischen Fassbinder-Opfer ist beinahe so groß wie die seiner Filme. Zwei seiner Schauspieler und Ex-Liebhaber, El Hedi ben Salem und Armin Meier, erhängten sich. Auch die Schauspielerin Irm Hermann, die fast zehn Jahre mit Fassbinder zusammenlebte, versuchte dreimal, sich das Leben zu nehmen. Als sie ihm einmal drohte, aus dem Fenster zu springen, soll er „Mach doch“ geantwortet haben. Genüsslich demütigte er seine Partnerin vor allem auch vor anderen. So verkündete er bei einem größeren Essen im Münchner Fassbinder-Kreis, er werde nur mit ihr schlafen, wenn sie ihrem Vegetarismus abschwören und vor aller Leute Augen ein Steak essen würde. Sie folgte dem Befehl – und übergab sich. „Wenn du es mit mir machen willst, musst du das Fleisch in dir drin behalten!“, brüllte der Filmemacher.

Schygulla sagt, dass sie bei diesem legendären Essen nicht anwesend war, dass sie aber sehr viele ähnliche Momente miterlebt hat: „Es tat weh, das zu sehen. Ich habe oft einfach weggeschaut.“ Sie sagt das leise, mit einem Anflug von Scham, wie es scheint. Und auf einmal beginnt die Beschreibung ihrer selbst als „Überlebende“ Sinn zu ergeben. Auch aus einem anderen Grund: Immerhin wurde diese Frau am Weihnachtstag des Jahres 1943 von einem männlichen Helfer entbunden, der sonst in Auschwitz arbeitete. Das sei, als verberge man „ein Verbrechen oder eine Leiche im Keller“, sagt Schygulla. Da ist er wieder – der Generationenkonflikt, der sie und Fassbinder so prägte. Konnten all die malträtierten Schauspieler sich eigentlich Unterstützung bieten? „Ein bisschen“, sagt Schygulla. „Aber niemals vor ihm, nie, wenn er dabei war. Niemand hat je zu ihm gesagt: ,Hör auf damit oder wir gehen.‘ Es war wie in einem Labor, in dem herausgefunden werden soll, wie Menschen sich unter Druck verhalten.“

So wie Fassbinders Partnerin Irm Hermann sich 1975 aus der Beziehung befreite, indem sie von München nach Berlin zog, so floh auch Schygulla eines Tages. 1974, während der Arbeiten am Kostümdrama Effi Briest, schlug Fassbinder ihr vor, sie lebenslang unter Vertrag zu nehmen. „Ich fühlte mich von ihm wie eine Marionette benutzt und sagte: ,Oh, Rainer, gib mir mal eine Pause, ja?‘ Das verletzte ihn, und er distanzierte sich.“ Schygulla distanzierte sich ebenfalls: Kaum war der Film abgedreht, ging sie auf große Tour und reiste als Anhalterin durch Amerika. Erst 1978 versöhnten sich die beiden wieder – und machten den Film Die Ehe der Maria Braun, der zum größten kommerziellen Erfolg des Duos aus Muse und Monster wurde. Doch die Arbeitsbeziehung der beiden erlitt einen weiteren Schlag, als Schygulla entdeckte, dass Fassbinder sich dafür eingesetzt hatte, dass sie für die Hauptrolle in Lili Marleen (1980) eine geringere Gage erhielt als ihre männlichen Co-Stars. „Er muss sich gedacht haben: ,Das reicht schon für sie.‘“

Ein Jahr darauf steht Schygulla gerade für einen anderen Film in Mexiko vor der Kamera, als Fassbinder ihr telefonisch eine Nachricht nach der anderen hinterlässt. „Ich dachte, ich bin ja bald in Paris, dann rufe ich ihn zurück.“ Kurze Zeit später war er tot. „Er wusste, dass sein Herz schwach war. Und dann das ganze Kokain und die vielen Pillen. Er hat die Gefahr einfach ausgeblendet.“ Bei der Trauerfeier sei seine Lieblingsmusik gespielt worden, Schubert, Janis Joplin, Kraftwerk, Pink Floyd. „Aber der Sarg war leer. Man war noch dabei, die genaue Todesursache festzustellen.“

Fassbinder habe die Welt mit den Augen eines Fremden sehen können, viele Filmemacher hätten davon gelernt, ist Schygulla überzeugt. Aktuell etwa Barry Jenkins mit Moonlight (2016/17): Es geht darin um das Stigma, arm, schwarz und schwul zu sein. „Fassbinder war immer fasziniert vom Leben von Außenseitern.“ Und so tyrannisch, wie er sich selbst benahm, so habe er mit seinen Filmen doch eines gezeigt: „Dass wir alle unter der Tyrannei von Werten leben, die gar nicht unsere eigenen sind.“

Ryan Gilbey schreibt als Filmkritiker unter anderen für den Guardian und die Sunday Times

Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 05.07.2017
Geschrieben von

Ryan GilbeyZilla Hofman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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