Ich gegen VW

Gastbeitrag Mein Werk „Soleil Levant“ wurde für eine Autokampagne verwendet. Ich wehre mich vor Gericht dagegen, weil es um mehr als mein Urheberrecht geht

Im Oktober 2017 erfuhr ich von dem Direktor der Kopenhagener Kunsthal Charlottenborg, dass mein Kunstwerk Soleil Levant Teil einer Werbekampagne für den neuen VW Polo war. Ich war extrem überrascht. Soleil Levant ist eine Installation aus 3.500 Rettungswesten, die von Geflüchteten auf dem Weg nach Europa getragen wurden. Viele überlebten dank dieser Westen; einige kamen um. Manche Rettungswesten waren nicht echt, und diejenigen, die sie trugen, sind möglicherweise ertrunken.

Ich schuf Soleil Levant für den World Refugee Day 2017. Das Kunstwerk war vom 20. Juni bis 1. Oktober an der Außenfassade der Kunsthal Charlottenborg zu sehen. Ein Unternehmen, das VWs nach Dänemark importiert, benutzte es ohne mein Wissen als Hintergrundbild, um für einen orangefarbenen VW Polo zu werben. Das ist eine klare Verletzung meiner Urheberrechte. Noch gravierender sind die Fragen zur Macht von Unternehmen und zu deren Verantwortlichkeit in der Ära des globalen Kapitalismus, die es aufwirft.

Deutschland ist eins der europäischen Länder, die eine entschieden humanitäre Haltung in der Flüchtlingsfrage eingenommen haben. Als mir die chinesischen Behörden 2015 meinen Pass zurückgaben, war meine Reisefreiheit wiederhergestellt und ich kam nach Berlin. Viele Geflüchtete aus Afghanistan, dem Irak, Syrien und anderen Ländern kamen im gleichen Zeitraum hier an.

Schädigung meines Rufs

Seit ich in Deutschland bin, habe ich mich eingehend mit Geflüchteten beschäftigt. Ich habe zwei Filme über die Krise gemacht sowie mehrere Kunstwerke und Ausstellungen. Mit meinem Team bereiste ich 23 Länder, um Dutzende Camps zu besuchen und dort Hunderte Interviews zu führen. Eine intensive, ja schmerzhafte Erfahrung.

Die Flüchtlingskrise verkörpert viele Konflikte zwischen den Kulturen. Sie ist das Ergebnis anhaltender Kriege um Ressourcen, regionaler und geopolitischer Konflikte, des ökologischen Wandels und wirtschaftlicher Verarmung. Sie stellt den größten Belastungstest für die europäischen Ideale dar, seit sie von der UN nach dem Zweiten Weltkrieg formuliert wurden.

Vor diesem Hintergrund also erfuhr ich, dass mein Werk über Geflüchtete respekt- und verantwortungslos benutzt worden war, um Autos von Volkswagen zu bewerben, einer Säule des deutschen Unternehmertums. Meine Überraschung verwandelte sich bald in Ärger.

Für mich als Künstler hat dieser Missbrauch meiner Kunst ernste Konsequenzen. Die Werbung vermittelt den falschen Eindruck, ich hätte die Erlaubnis gegeben, mein Werk zu benutzen, um Autos zu verkaufen. Das beschädigt nicht nur meinen künstlerischen Ruf, sondern unterhöhlt auch meinen Einsatz für die Verteidigung der Menschenrechte. Warum sollten Geflüchtete noch etwas mit mir zu tun haben wollen, wenn sie glauben, dass ich ihre Not für kommerziellen Profit ausbeute?

Ich habe über ein Jahr lang versucht, für diese Rechtsverletzung eine gütliche Einigung zu finden. Schlussendlich entschied ich mich für den Rechtsweg. Ich habe das in der Vergangenheit in China versucht, wo mir ein faires Gerichtsverfahren verwehrt wurde. Aber jetzt lebe ich in Europa, in einer Gesellschaft, die auf Rechtsstaatlichkeit basiert. Es geht dabei nicht nur um eine Urheberrechtsverletzung. Der Fall ist eine Chance, unser Verständnis von Gerechtigkeit und die Verantwortlichkeit von Einzelnen und Unternehmen zu überprüfen.

Ai Weiwei ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler, Aktivist und Verfechter politischer Reformen in China. Sein Text erschien in einer Langfassung im Guardian

VW ist das siebtgrößte Unternehmen der Welt und hat einen Jahresumsatz, der etwa dem Output von Ägypten, Finnland oder Vietnam entspricht. In unserem globalisierten Zeitalter können große Unternehmen häufig ungestraft agieren, Rechenschaft legen sie nur gegenüber ihren Anteilseignern ab. In ihrem Streben nach maximaler Rentabilität arbeiten sie mitunter mit Staaten oder politischen Einheiten zusammen, in denen die Verletzung der Menschenrechte eine lange Tradition hat.

Im Januar 2019 erklärte VW-Chef Herbert Diess: „Die Zukunft von Volkswagen wird in China entschieden.“ Im April sagte Diess der BBC, ihm „sei nichts bewusst“ von Medienberichten über Internierungslager in der chinesischen Provinz Xinjiang, in denen bis zu eine Millionen muslimische Uiguren und andere Minderheiten festgehalten werden sollen. Stattdessen erklärte er, er sei „stolz ... in dieser Region Arbeitsplätze zu schaffen“.

Es ist schwer zu glauben, dass Diess nichts wusste. Jede Unternehmensentscheidung basiert auf der Kalkulation, wie sich der Profit steigern lässt.

Meine Erfahrung mit VW zeugt im Kleinen von der großen Gleichgültigkeit gegenüber den Rechten des Einzelnen. Die Tatsache, dass das Unternehmen seine Zukunft an die Partnerschaft mit einem autoritären Regime knüpft, spricht Bände. Ich jedenfalls werde alles tun, damit Chinas Business-Partner verstehen, dass es immer Leute geben wird, die darauf bestehen, es zur Rechenschaft zu ziehen – egal, wie mächtig es wird.

Übersetzung: Carola Torti
06:00 31.05.2019
Geschrieben von

Ai Weiwei | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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