Ich glaub, ich bin im Film

Lieblingsfilme Die Handlung von Kinofilmen? Nicht so wichtig. Wir lieben Filme vor allem aufgrund ihrer Figuren, in denen wir uns wiedererkennen. Oft auch unfreiwillig ...

Wenn es stimmt, dass Filme eine außerordentliche Verführungskraft besitzen (man nennt uns ja wohl nicht umsonst Filmliebhaber), dann sind es zweifellos ihre Charaktere, denen wir am schnellsten und vollkommensten verfallen. Im Moment gehört es zum guten Ton, über Avatar-Fans zu kichern, die Probleme damit haben, fern des Planeten Pandora ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Doch wer von uns hat nicht schon einmal in einem Moment, in dem sich das Gehirn vorübergehend abgeschaltet hat, eine plötzliche Sehnsucht danach verspürt, der fiktionale Hauptdarsteller eines heißgeliebten Filmes zu sein – oder zumindest dessen bester Freund? Und es gibt eine Filmfigur, auf die ein jeder von uns besonders stark reagiert: die, in der wir uns selbst am besten wiedererkennen.

Dieser Gedanke kam mir kürzlich als ich den Blog Some Came Running des amerikanischen Journalisten Glenn Kenny las. Er schrieb dort über eine kostenlose Pressereise – die erste, an der er seit 20 Jahren teilgenommen hat. Für den beißend aufrichtigen Kenny war die Reise alles in allem eine recht ernüchternde Erfahrung. Sein früheres Leben als Chefkritiker des 2002 eingestellten Filmmagazins Premiere erschien ihm Lichtjahre entfernt, als er auf dieser Reise auf die Nanosekunden lauerte, die ihm für ein Interview mit dem aufstrebenden Star gewährt wurden. Er habe sich, so Kenny in seinem Blog, "wie Tyrone Powers in der Schlussszene des Films Nightmare Alley" gefühlt.

Allen, die mit diesem besonders schaurigen Filetstück der Filmgeschichte nicht vertraut sind, kann ich nur empfehlen, diese Bildungslücke bald zu schließen. Wer den Film und die entsprechende Szene kennt, der weiß um die Kraft dieser Selbsteinschätzung. Es kann durchaus verstörend sein, wenn die eigene Persönlichkeit derart bloßgestellt oder die Umstände, in denen man sich gerade befindet, auf der Leinwand dargestellt werden.

Dämlich, aber glaubhaft

Allzu oft passiert das allerdings nicht in einer Welt, die sich im Großen und Ganzen aus guten Jungs und Bösewichten zusammensetzt. Und selbst die Charaktere, die als Normalsterbliche mit Ecken und Kanten angelegt sind, sehen oft viel zu glatt aus, als dass man ihnen ihre Rolle abnähme. Man denke nur an das übertriebene Bild eines desillusionierten jungen Mannes, das Edward Nortons Protagonist in den Neunzigern in dem Film Fight Club abgab. Man kam nicht umhin zu denken, dass er wohl gerade aufgrund dieses Mangels an Authentizität von seiner Zielgruppe mit offenen Armen aufgenommen wurde. Ganz anders verhält es sich da mit glaubhaft dämlichen Figuren wie die des Michael Bolton in Alles Routine.

Doch es gibt sie, die Fälle, in denen wir uns mit einer Filmfigur unweigerlich vollkommen identifizieren. Ich habe in jüngster Zeit ein paar Mal beobachten können, wie es ist, wenn einer, dem die Persönlichkeit einer Filmfigur genau entspricht, einen solchen Film sieht. Mit einem Bekannten, der unmissverständlich Züge des selbstverliebten Therapeuten trägt, den Willem Dafoe in Antichrist spielt, sah ich mir Lars von Triers Opus in der ersten Woche nach dem Filmstart an; mit einem Typen, der zum Risiko neigt, besuchte ich den exzellenten Thriller Brügge sehen ... und sterben, in dem Colin Farrell einen risikofreudigen Typen spielt. Beide hatten einen virtuellen Doppelgänger auf der Leinwand, zumindest was die Persönlichkeit betraf, doch keiner von ihnen schien sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Einem von beiden erzählte ich von meiner Beobachtung, dabei beließ ich es, nachdem er mich ansah, als hätte ich ihm die Krätze an den Hals gewünscht.

Schmerzhaft, aber wahr

Aber ich habe es auch schon am eigenen Leib erlebt. So peinlich es mir ist, das zuzugeben: Als Teenager war ich vollkommen vernarrt in Francis Ford Coppolas Pubertäts-Drama Rumble Fish. Nachdem ich den Film das erste Mal gesehen hatte, lief ich wochenlang schmollend durch Brighton, in der Überzeugung, dass es nur eine Frage der Zeit sein könne, bis die Allgemeinheit auf meine Ähnlichkeit mit Mickey Rourkes düster-charismatischem Motorcycle Boy aufmerksam werden würde. Aber die Wahrheit sah selbstverständlich anders aus.

Irgendwann musste auch ich erkennen, dass ich nie der Motorcycle Boy sein würde. Ich würde nicht einmal sein doofer kleiner Bruder sein (den Matt Dillon spielte). Nein, mir wurde bewusst, dass ich in der Tat Matt Dillons Freund Steve war. Der Typ, der ihm immer hinterhertrottet, laufend seine Brille poliert und seine Gedanken in einem verbeulten Notizbuch festhält.

Als Erwachsener musste ich unweigerlich feststellen, auch wenn es mir bei dieser Erkenntnis eiskalt den Rücken hinunterlief, dass sich ein ziemlich beträchtlicher Anteil meiner Persönlichkeit in Barton Fink, dem verdammten, nervösen Antihelden der Coen-Brüder im gleichnamigen Film wiederfand, der im Hollywood der vierziger Jahre den Boden unter den Füßen verliert.

Auf sein Talent als Autor kann ich keinen Anspruch erheben, aber die Verbindung aus Hochmut und Neurosen, seine masochistische Einstellung zum Schreiben, seine Unfähigkeit, mit heißen Temperaturen klarzukommen und seine übertrieben begeisterten Tanzbewegungen – nun ja, das passte alles.

Und so ist Barton Fink bis heute nicht nur mein liebster Coen-Film, sondern er sorgt auch jedes Mal, wenn ich ihn sehe, dafür, dass ich voll Selbsterkenntnis in meinem Kinositz zusammensacke. Eigentlich bin ich stets auf alles gefasst, wenn ich mich in einen Kinosaal setze – aber ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dort auf der Leinwand einen Blick auf mich selbst zu erhaschen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:30 11.02.2010
Geschrieben von

Danny Leigh | The Guardian

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The Guardian

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