"Ich glaube, wir sind Schöpfer"

Zukunftstechnologien Wohin führt der Mensch sich selbst mit seinem Verstand? Kevin Kelly, unerschütterlicher Prophet des digitalen Zeitalters, im Gespräch.

Kelly zählte zu den Redakteuren des Whole Earth Catalog und war einer der Gründer des Magazins Wired, für das er noch heute gelegentlich tätig ist. Sein einflussreichstes Buch hieß Das Ende der Kontrolle: Die biologische Wende in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft (1995) – Pflichtlektüre für alle Schauspieler des Films The Matrix.

In seinem jüngsten Buch entwickelt er diesen Gedanken weiter. In What Technology Wants betrachtet Kelly die Technologie als eine Erweiterung der Evolution – ein eigennütziges System mit eigenen Trieben und Wünschen. Kelly versteht den Begriff Technologie im weitesten Sinne und subsumiert darunter alle Erfindungen, wie etwa auch die Sprache und die Kultur. Die Technologie strebe nach Diversität, Schönheit und Komplexität. Sie könne „ebenso Abbild des Göttlichen sein wie die Natur“, schreibt er. Kelly ist nicht nur ein Anhänger der Evolutionslehre, sondern auch Christ. Er ist 58 Jahre alt und lebt vor den Toren San Franciscos.

Sie schreiben in Ihrem Buch, „die Technologie ist eine Gewalt, die ebenso groß ist wie die Naturgewalt". Können Sie das erklären?

Nun, mein Punkt ist, dass die Technologie sowohl eine Ausweitung als auch eine Beschleunigung der natürlichen Evolution bedeutet; was ich andeuten möchte ist, dass sie größer als die Organik ist. Werkzeuge und die Technologie treiben uns an. Selbst wenn ein Problem technische Ursachen hat, wird die Antwort darauf immer noch mehr Technologie sein.

Sie haben das Gefühl, dass wir uns an einem besonderen Moment der Reise der Technologie befinden; glauben Sie, dass jede Zivilisation irgendwann dieses Gefühl hatte?

Wir möchten gerne glauben, unser Gehirn sei das großartigste Organ der Welt. Doch wir müssen uns bewusst machen, welches Organ uns das erzählt. Wir haben von Natur aus die Tendenz uns selbst als das Zentrum der Dinge zu betrachten. Aber ich glaube, die Wahrheit ist, dass wir immer am Rande dieses Prozesses stehen, und das seit 10.000 Jahren. Die erste einzigartige Errungenschaft war vor 15.000 Jahren die Sprache. Das war der erste große technische Sprung. Stehen wir erneut an einem Scheitelpunkt? Ich glaube ja. Viele sagen, die Erfindung des Internets sei mit der Erfindung des Feuers vergleichbar. Aber ich gehe weiter – ich glaube, was gerade passiert, lässt sich mit der Erfindung der Sprache vergleichen.

Sie betrachten das als durch und durch positive Tatsache. Liegt das einfach nur daran, dass Sie Optimist sind?

Um ehrlich zu sein, müsste ich wohl sagen, dass all das Teil meines Naturells ist. Als junger Mann reiste ich durch Asien, anstatt auf die Uni zu gehen, und dort steckte ich mich mit dieser Seuche an, die man Optimismus nennt. Ich konnte mit meinen eigenen Augen sehen, wie die Veränderung eines ganzen Kontinents begann, wie er mit Hilfe der Technologien von einem Drittwelt-Land zu einem Erstwelt-Land deluxe aufstieg. Man konnte den Fortschritt tagtäglich beobachten. Als ich ein Kind war, beteten wir für die hungernden Menschen in China; schon bald werden sie vielleicht für uns beten. So kam es, dass ich zu einem geworden bin, der an das Unmögliche glaubt.

Erschafft die Technologie diese Dinge der Unmöglichkeit?

Hätte ich Ihnen vor 20 Jahre gesagt, dass alle Informationen auf der Welt – sekundengenaue Börsenwerte, eine laufend aktualisierte Enzyklopädie, Nachrichten rund um die Uhr – Ihnen einmal kostenlos jederzeit in ihrer Tasche zur Verfügung stehen würden, dann hätten Sie mich wahrscheinlich in die Irrenanstalt einweisen lassen ...

Verändert die Technologie die grundlegende Dynamik dessen, was wir als menschlich ansehen?

Es steht außer Frage, dass die Medien unser Gehirn verändern – in welchem Ausmaß, müssen wir noch herausfinden. Menschen, die lesen und schreiben können, denken anders als Analphabeten und das Internet wird zweifellos ähnliche Auswirkungen haben. Und wenn es unsere Denkweise verändert, dann verändert es auch unsere Identität und kann so auch die Art wie wir leben und lieben beeinflussen. Im Moment sind die Veränderungen minimal. Ich glaube jedoch, dass sich langfristig unausweichlich sehr stark verändern wird, wer wir sind.

Und Ihrer Ansicht nach werden das unausweichlich Veränderungen zum Guten hin sein?

Allgemein geht man davon aus, dass Technologie neutral ist. Ich erkenne an, dass es viele zerstörerische Probleme gibt, die eine technische Ursache haben. Was ich sagen möchte, ist, dass es trotz all dieser Probleme immer einen kleinen Vorteil gibt und wenn man diese kleinen Vorteile schrittweise multipliziert, dann entsteht im Laufe der Jahre und Generationen etwas sehr Positives. Selbst wenn eine neue Technologie nur 0,1 Prozent mehr Gutes als Schlechtes mit sich bringt, dann bedeutet das in der Summe einen Fortschritt für die Zivilisation.

Sollten wir diese zielgerichtete Kraft, diesen Zinseszins des Guten, als Gott bezeichnen?

Ich bezeichne sie als exotropische Kraft. Wir können sie ohne eine übernatürliche Sprache nicht beschreiben. Es ist die Kraft, die der Entropie entgegenwirkt – die Kraft des Lebens, wenn Sie so wollen. Diese Energie ist im Universum nicht gleichmäßig verteilt, aber wir leben in einer kleinen Ecke, in der die Exotropie so beschleunigt ist, dass sie nicht nur Leben erzeugen kann, sondern auch Verstand – und nun die Technologie, die sich dieser Verstand ausdenkt.

Und das Ziel der Technologie ist Verständnis?

Ich würde sagen, dass es der Technologie darum geht, Strukturen zu erschaffen, die Organismen nicht erschaffen können. Dem Leben geht es immer darum, alle Möglichkeiten zu erforschen, mit denen es sich evolutionär fortentwickeln kann. Was wir erleben, ist, dass in diesem Universum vielleicht eine Form des Verstandes möglich ist, die biologisch nicht erreicht werden kann, wohl aber vielleicht technologisch. Wir erschaffen eine Form des Verstandes, die jenseits dessen liegt, was der Biologie möglich ist. Langfristig wird es darum gehen, so viele unterschiedliche Formen des Verstandes wie möglich zu erschaffen, denn nur so können wir das Universum verstehen.

Gibt es in Kalifornien mehr dieser, wie sie es nennen, "exotropischen Energie" als anderswo?

Ein Hotelangestellter aus Delhi sagte einmal zu mir, das Zentrum des Universums sei dort, wo der geringste Widerstand gegen neue Ideen besteht. Die Hippy-Wurzeln der Computer-Revolution sind wohlbekannt. Die Veränderung es Bewusstseins und die Veränderung der Instrumente gehen seit jeher Hand in Hand. Was unsere Gegenwart betrifft, so ist Kalifornien der Ort, an dem dies geschieht.

Wie halten sie es persönlich mit der Religion?

Ich bin Christ.

Ein Christ unter Vorbehalt?

Wir besuchen in San Francisco eine Rock’n’Roll-Kirche. Ich glaube an die Evolutionslehre, aber ich glaube auch, dass Jesus eine Inkarnation Gottes war. Ich habe diese Eingebung gehabt, als ich mir virtuelle Realitäten, sogenannte God Games, angesehen habe. Wer die Regeln solcher Spiele erstellt, der will immer selbst Teil dieser Welt sein, um zu sehen, wie sich das so anfühlt. Und da war sie: Die Geschichte vom Christus. Ich glaube, dass wir Schöpfer sind und dass wir uns bei unseren Schöpfungsakten am Vorbild unseres Schöpfers orientieren. Der Verstand, den wir erschaffen werden, wird schlussendlich einen freien Willen haben. Wenn wir das erreichen, dann werden wir anfangen, die Komplexitäten der Göttlichkeit zu verstehen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:45 26.10.2010
Geschrieben von

Tim Adams | The Guardian

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