"Ich habe keine Angst"

Porträt Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen schon jetzt Geschichte geschrieben. Warum hat er sich gegen das System gestellt, für das er einst gearbeitet hat?
"Ich habe keine Angst"
Für viele ist Edward Snowden zu einem Vorbild geworden. (Foto: Getty Images)

Edward Snowden wird voraussichtlich neben Daniel Ellsberg und Bradley Manning als einer der bedeutendsten Whistleblower Amerikas in die Geschichte eingehen: Schließlich hat er Geheimmaterial der NSA – einer der verschwiegensten Organisationen der Welt – ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.

Obgleich er seine Identität auf eigenen Wunsch öffentlich preisgegeben hat, beteuerte er stets seine Absicht, das Medieninteresse nicht auf seine Person zu ziehen: “Ich will keine öffentliche Aufmerksamkeit. Es soll nicht um mich gehen, sondern darum, was die US-Regierung tut.“

Vor den Folgen der Entscheidung, sich erkennen zu geben, habe er keine Angst, sagt er. Sorgen bereite ihm bloß, dass er dadurch die Aufmerksamkeit vom Gegenstand seiner Enthüllungen ablenken könnte: „Ich weiß, dass die Medien politische Geschichten gerne personalisieren. Und ich weiß, dass die Regierung mich dämonisieren wird.“

Abschied vom bürgerlichen Leben

Sein bisheriges Leben beschreibt er als „sehr angenehm“ – er verdiente rund 200.000 Dollar jährlich, hatte eine Freundin, mit der er auf Hawaii zusammenlebte, eine stabile Karriere, eine Familie, die er liebte. „Ich bin bereit, all das zu opfern. Denn ich kann nicht guten Gewissens zulassen, dass die US-Regierung mit der immensen Überwachungsmaschinerie, die sie im Geheimen aufbaut, die Privatsphäre, die Internetfreiheit und die Grundrechte von Menschen auf der ganzen Welt zerstört.“

Fast zehn Jahre lang hat Snowden für US-Geheimdienste gearbeitet. Die hochentwickelte Technologie, die der NSA und damit der US-Regierung zur Verfügung steht, kennt er also nur allzu gut. Er weiß, wie einfach es für sie ist, ihn ausfindig zu machen. Die Mitarbeiter der NSA und auch Beamte anderer Dienste waren bereits zweimal bei ihm zuhause in Hawaii, auch seine Freundin wurde kontaktiert.

Snowden hat gesehen, dass die Obama-Regierung Whistleblower in beispielloser Weise verfolgt. Er geht deshalb davon aus, dass sie alles daran setzen wird, ihn zu betrafen. Trotzdem sagt er ruhig: „Ich habe keine Angst. Es war meine Wahl.“

Nur ein mittelmäßiger Schüler

Während der vielen Interviewstunden, die er mit den Journalisten vom britischen Guardian verbringt, wird er nur ein einziges Mal emotional: Als er daran denkt, wie seine Entscheidung sich für seine Familie auswirken könnte. Viele seiner Angehörigen arbeiten für die US-Regierung. „Angst habe ich nur vor den negativen Folgen für meine Familie. Ich kann ihr nicht mehr helfen. Das lässt mich nachts nicht schlafen,“ sagt er.

Nicht immer sah Snowden in der US-Regierung eine Bedrohung für seine eigenen politischen Werte. Er wuchs zunächst in Elisabeth City in North Carolina auf. Später zog die Familie nach Maryland, ganz in die Nähe des NSA-Hauptquartiers in Fort Meade. Er selbst bezeichnet sich als nicht gerade herausragenden Schüler. Um die nötigen Leistungen für ein High School-Diplom zu erbringen, besuchte er an einem Community College in Maryland einen Informatikkurs, den er aber nicht zu Ende brachte. Später erreichte er das General Educational Diploma, eine Art Hochschulzugangsberechtigung auf dem zweiten Bildungsweg.

2003 verpflichtete er sich bei der US-Armee und begann ein Ausbildungsprogramm für den Eintritt bei den Spezialeinheiten. Die gleichen Prinzipen, mit denen er nun seinen Leak begründet, nennt er auch als Leitmotive für seine damalige Entscheidung, sich als Soldat zu bewerben: "Ich wollte im Irak kämpfen, weil ich mich als Mensch in der Pflicht fühlte, zu helfen, andere Menschen aus der Unterdrückung zu befreien.“

Sein Glaube an die Rechtmäßigkeit dieses Kriegs sei aber schnell zerstört worden: „Die meisten unserer Ausbilder schienen vor allem darauf aus zu sein, Araber zu töten“, erinnert er sich. „Es ging ihnen nicht darum, jemandem zu helfen.“ Nachdem er sich während der Ausbildung beide Beine brach, wurde er ausgemustert.

Für die CIA nach Genf

Darauf folgte die erste Anstellung bei der NSA. Zunächst arbeitete er als Wachmann für eine der geheimen Einrichtungen der Behörde an der Universität von Maryland. Von dort ging es zur CIA, wo er im Bereich IT-Sicherheit arbeitete. Sein Verständnis des Internets und sein Programmiertalent ließen ihn für jemandem ohne höheren Schulabschluss recht schnell aufsteigen.

2007 wurde Snwoden zur CIA-Station nach Genf geschickt. Da er verantwortlich für die Netzwerksicherheit war, hatte er Zugang zu einer ganzen Bandbreite klassifizierter Informationen.
Der Zugriff auf diese geheimen Daten und die Erfahrungen aus seiner inzwischen dreijährigen Berufszeit  führten dazu, dass er sich ernsthaft fragte, inwiefern das, was er zu Gesicht bekam, rechtmäßig sein konnte.

Ein Vorfall war, wie er sagt, für ihn besonders prägend: CIA-Agenten hätten versucht, einen Schweizer Bankier zu rekrutieren, um geheime Bankdaten zu erhalten. Snowden sagt, sie hätten dies erreicht, in dem sie einen Bänker absichtlich betrunken gemacht und ihn anschließend ermutigt hätten, in diesem Zustand nachhause zu fahren. Als er dann wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet wurde, bot ihm der Agent, dessen Aufgabe es war, sich mit ihm anzufreunden, Hilfe an, so dass ein Vertrauensverhältnis entstand, dass schlussendlich zur erfolgreichen Rekrutierung führte.

"Vieles von dem, was ich in Genf sah, hat mich dahingehend desillusioniert, wie unsere Regierung funktioniert und inwiefern sich dieses Tun auf die gesamte Welt auswirkt", sagt Snowden. "Ich muss feststellen, dass ich Teil von etwas war, das weit mehr Schaden als Gutes angerichtet hat."

Es war während seiner Zeit in Genf, in der er das erste mal darüber nachdachte, Regierungsgheimnis zu veröffentlichen. Er tat es zunächst aus zwei Gründen nicht. Snowdens erster Punkt: "Die meisten der Geheimnisse, die die CIA hat, betreffen Menschen, also keine Maschinen oder Systeme. Insofern hatte ich kein gutes Gefühl dabei, Akten zu veröffentlichen, die Personen gefährden könnten". Zweitens hätte er nach der Wahl Barack Obamas Hoffnung auf Reformen gehabt, die es unnötig gemacht hätten, Geheimakten zu leaken.

Enttäuschung über Obama

Er verließ die CIA im Jahr 2009, um seinen ersten Job bei einer privaten Firma anzunehmen, die ihn in eine NSA-Einrichtung auf einer Militärbasis in Japan versetzte. Zu dieser Zeit, so betont Snowden, hätte er “beboachtet, wie Obama gerade die Methoden, von denen er dachte, er würde sie im Zaum halten, förderte.” Dadurch wäre er in seiner ursprünglichen Überzeugung bestätigt worden.

Die Lehre aus dieser Erfahrung war, dass "man nicht darauf warten könne, dass es jemand anders erledigt. Ich hatte nach einer Leitfigur gesucht, aber stellte schnell fest, dass Führungsstärke gerade etwas damit zu tun hat, zu agieren." Im Laufe der nächsten drei Jahre lernte er, wie allumfassend die Überwachungsmaßnahmen der NSA waren. So behauptet er, dass "die NSA darauf bedacht wäre, jedes Gespräch und jedwede Form von Verhalten in der ganzen Welt zu überwachen".

Aber er glaubt, dass der Wert des Netzes, sowie Privatsphäre an sich, gerade durch allgegenwärtige Überwachung zerstört würde. "Ich bin kein Held", sagt er, "weil das, was ich tue, eigennützig ist: Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es keine Privatsphäre und dementsprechend keinen Raum für intellektuelle Entdeckungsreisen und Kreativität gibt."

Sobald ihm klar wurde, dass das Überwachungsnetz der NSA schon  bald nicht mehr rückgängig zu machen sein würde, war es laut Snowden nur noch eine Frage der Zeit, bis zu seiner Entscheidung, dieses Netz offenzulegen. "Was sie tun, stellt eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar."

So stark diese Überzeugungen auch sein mögen, stellt sich doch auch die Frage: Warum hat er es getan? Warum hat Snowden seine Freiheit und einen privilegierten Lebensstil aufgeben? "Es gibt wichtigere Dinge als Geld. Wenn es mir um Geld ginge, hätte ich die Dokumente an eine beliebige Anzahl von Ländern verkaufen und sehr, sehr reich werden können", sagt er dazu.

Für Snowden ist es eine Frage des Prinzips: "Die Regierung hat sich selbst eine Befugnis erteilt, die ihr nicht zusteht. Es fehlt jegliche öffentliche Kontrolle. Dadurch können Leute wie ich weiter gehen als sie es dürfen".

Sein Glaube an die Freiheit des Internets spiegelt sich in Aufklebern auf seinem Laptop wider: "I support Online Rights: Electronic Frontier Foundation," steht auf einem. Ein weiterer stammt von einer Online-Organisation, die Anonymität verspricht: dem Tor-Projekt.

"Ich habe sorgfältig jedes einzelne Leaking-Dokument geprüft, um sicherzustellen, dass dessen Veröffentlichung im Interesse aller ist", so Snowden. "Es gibt alle möglichen Dokumente, die sicher eine Riesenwelle gemacht hätten. Aber Menschen zu schaden ist nicht mein Ziel. Es geht um Transparenz."

Seine Zukunft betreffend bleibt er vage. Er hoffe, dass die öffentliche Wirkung des Leaks ihm einen gewissen Schutz biete, so dass es "für sie schwieriger wird, sich die Hände schmutzig zu machen". Sicher ist, dass er bereits jetzt Geschichte geschrieben hat. "Das war es wert. Ich bereue nichts."

Glenn Greenwald und Ewen MacAskill haben Edward Snowden über mehrere Tage hinweg in Hong Kong interviewt

18:10 27.06.2013
Geschrieben von

Glenn Greenwald, Ewen MacAskill, Laura Poitras | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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