„Ich konnte Musiker werden oder Bandit“

Porträt Salif Keita kam in Mali als Albino zur Welt. Seinen Traum, Lehrer zu werden, durfte er nicht verwirklichen. Stattdessen erfand er den Afropop – und ist heute ein Star

Salif Keita, Malis berühmtester musikalischer Sohn, kehrt nach Hause zurück. „Ich gehe wieder aufs Land“, sagt er. „Ich war ein Bauernsohn und ich bleibe ein Bauernsohn. Jetzt werde ich anbauen.“ Was werden Sie anbauen? frage ich, nicht zum ersten Mal. Und wieder bekomme ich keine Antwort. Keita schließt die Augen und verstummt. Dann, wenn er seinen Mund öffnet, brechen ein paar Worte aus ihm hervor, seine Antworten wirken ziemlich gestelzt.

Ich befinde mich mit einem der größten musikalischen Talente, die der afrikanische Kontinent je hervorgebracht hat, in einer bescheidenen Hotelsuite im Norden von Paris. Keita, bekannt als die „goldene Stimme Afrikas“, kann auf eine Karriere von mehr als einem halben Jahrhundert zurückblicken.

Der mittlerweile fast 70-Jährige ist nicht nur für seine außerordentlich kraftvolle und leidenschaftliche Stimme bekannt, sondern auch für die Erbkrankheit, die er Albinismus nennt. Und die ihn, so sagt er, „von der Haut her weiß und vom Blut her schwarz“ gemacht habe. Er hat für Nelson Mandela und zugunsten Äthiopiens gesungen, er singt auch weiterhin, um die verzweifelte Lage von Menschen mit Albinismus in ganz Afrika zu den Menschen zu tragen, sie anzuprangern. Er nutzt seine Zeit und sein Talent, um Spenden zu sammeln.

Keita frühstückt: Auf seinem Teller liegen gebratenes Hühnchen und Röstzwiebeln, knuspriges Baguette und Tee mit viel Milch. Seine Antworten sind kurz und so leise, dass es schwerfällt, inmitten der Essgeräusche und dem Klappern des Bestecks hin und wieder ein Wort zu verstehen. Mehr als einmal hält er inne, blickt gequält und reibt sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Er ist in Paris, um sein Album Un Autre Blanc (Ein anderer Weißer)zu präsentieren. Der Name bezieht sich auf die Probleme, die er als Sänger und Songwriter wegen seines Albinismus hatte. Keita sagt, es sei auf alle Fälle sein letztes Album. „Ich werde noch einige Konzerte geben und vielleicht auch noch ein paar Tourneen machen, aber nichts Großes.“ Er schüttelt den Kopf. „Zu viel Arbeit. Ich werde mich ausruhen.“

Zurück aufs Land

„Zurück aufs Land“, das bedeutet die Rückkehr in das Dorf Djoliba, etwa vierzig Kilometer südlich der malischen Hauptstadt Bamako, dessen Namen in der lokalen Mandingue-Sprache so viel bedeutet wie „Niger“, an dessen Ufern es liegt. Hier ist Keita in den letzten Jahren der französischen Kolonialherrschaft als eines von zehn Kindern einer Familie aufgewachsen, die direkt vom Kriegerkönig Sundiata Keita abstammt, dem Gründer des Malireiches aus dem 13. Jahrhundert. Sie waren zwar Adlige, aber arm wie Kirchenmäuse.

Sein Vater sei schockiert gewesen, aber nicht vollkommen überrascht, als sein Sohn mit Albinismus geboren wurde, einer Eigenart, die durch das Fehlen der Melanin-Pigmentierung in der Haut verursacht werde, erzählt der Musiker. Auf mütterlicher Seite hatten schon andere aus der Familie daran gelitten. „Es ist ein Problem an Orten, an denen Cousins und Cousinen heiraten, es ist ein kulturelles Problem“, erklärt Keita.

Als Kind hielt ihn seine Familie von den Feldern fern, wo die Arbeit unter der starken Sonneneinstrahlung nicht in Frage kam, aber als die Schule begann, konnten sie ihn nicht mehr beschützen. „Dort war ich der einzige Weiße unter 500 Schülern. Natürlich wurde mir klar, dass ich anders bin und sie ließen mich das auch nicht vergessen. Ich wurde gemobbt. Körperlich. Es war nicht einfach. Ich lernte schnell, wie man sich zur Wehr setzt.“ Keita gerät ins Erzählen.

„Ich war ein guter Schüler. Mein Traum war es, Lehrer zu werden, aber damals musste man die Regierung bitten, einen Job für einen zu finden. Nachdem ich mit der Schule fertig war, sagte mir ein Arzt, dass ich kein Lehrer werden könne, weil die Kinder sich vor mir erschrecken würden. Sie sagten auch, es würde an meinen Augen liegen, aber ich hatte eine spezielle Brille und konnte ausgezeichnet sehen. Ich wollte kein Musiker sein. Ich komme aus einer Adelsfamilie. In Mali machen Adlige keine Musik – das ist etwas für die Griots“, sagt er, für westafrikanische Troubadoure und Geschichtenerzähler. Keita brach ein bedeutsames Tabu, nur die untere Klasse verdiente damit ihren Lebensunterhalt. „Aber ich hatte keine Wahl. Ich konnte entweder Musiker werden oder ein Krimineller, ein Verbrecher, ein Dieb, ein Bandit.“

Ich würde gern wissen, warum dies die einzigen Möglichkeiten für ihn waren. „Ich bin ein Albino. Was sollte ich sonst tun? Es gab nichts anderes. Meine Familie wollte nicht, dass ich Musiker werde. Sie versuchten, mich aufzuhalten. Also bin ich gegangen.“

Erfinder des Afropop

Salif Keita ging von Djoliba nach Bamako, da war er 18. Und er begann auf der Straße, in Cafés und Restaurants zu singen. Er brachte sich das Gitarrenspiel bei. Zuerst stieg er bei der Rail Band ein und unterhielt die Gäste im Hotelrestaurant am Bahnhof, dann wechselte er zu den Ambassadors, die in einem Hotel mit internationalen Gästen auftraten. „Ich beschloss, Gitarre zu lernen und etwas Musik zu machen. Es war einfach, etwas zu tun, während man darauf wartete, einen anderen Job zu finden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ein professioneller Musiker werden würde, aber am Ende bin ich dabei geblieben. Es war eine große Überraschung, dass ich so viel Erfolg hatte.“

Der Zuspruch brachte auch die Versöhnung mit seiner Familie. „Später, als sie sahen, dass ich berühmt bin, konnten sie es mehr akzeptieren, dass ich Musiker bin.“

In den 1980er Jahren zog Keita dann nach Paris, wo er sein erstes Album Soro veröffentlichte. 1988 wurde er eingeladen, an der Feier zu Nelson Mandelas 70. Geburtstag im Wembley-Stadion teilzunehmen, einer Veranstaltung gegen die Apartheid, die in 67 Länder übertragen und von 600 Millionen Menschen gesehen wurde. London scheint keinen großen Eindruck auf den Sänger gemacht zu haben: „Es regnet immer.“

Wegbereiter für Rihanna

Afropop hat auch in Europa einen Siegeszug angetreten: Stars wie Habib Koité oder Salif Keita aus Mali füllen in ihrer Heimat Stadien und werden weltweit gefeiert.

Andere Musiker nehmen sich in der Diaspora ihrer kulturellen Wurzeln an und entwickeln sie weiter. In der afrikanischen Populärmusik werden traditionelle Rhythmen mit Jazz, Blues, Hip-Hop, Reggae, Elektro, aber auch afrokubanischen Einflüssen vermischt. Seine Ursprünge hat das Genre Ende des 19. Jahrhunderts. Gefeiert werden Sänger wie Salif Keita oder auch Youssou N’Dour für ihre Live-Performances. Salif Keita hat sie sich bei Stevie Wonder, Ray Charles und Tina Turner abgeguckt. Künstler aus Westafrika haben sich in den letzten Jahren in die erste Reihe des Pop gespielt, deren Rhythmen werden von Rihanna oder Justin Bieber aufgenommen.
Salif Keita stammt aus einer Adelsfamilie und ist Nachkomme von Sundiata Keita, der 1240 das Königreich Mali gründete. Der Vater des 69-Jährigen war Landbesitzer im Dorf Djoliba. Weil er als Albino geboren wurde, musste seine Mutter ihn vor Todesdrohungen und Angriffen beschützen. Immer wieder schränkte das politische Klima in Mali ihn und seine Band musikalisch ein, in den späten 1970ern ging er mit seiner Gruppe in die Hauptstadt der benachbarten Elfenbeinküste, Abidjan.

1978 kam der Durchbruch mit Mandjou, später erhielt Keita für sein Album Amen (1991) als erster afrikanischer Bandleader eine Grammy-Nominierung. Diesen Februar erschien das Album Un Autre Blanc (Naive).

Auf seiner Reise nahm er verschiedene musikalische Einflüsse auf, darunter kubanischen Salsa und europäische Bands wie Led Zeppelin und Pink Floyd, er entlieh sich „hier und da das eine oder andere“ und kreierte daraus schließlich den Afropop-Sound, den er gegründet hat. „Aber ich wollte mich nie weit von meinen Traditionen entfernen. In der malischen Musik gibt es eine Melodie, einen Kern, der fast orientalisch ist“, sagt er. Auf die Frage, ob er seinen Ruhestand verwenden wird, um sich stärker politisch zu engagieren, wird er etwas lebhafter. Mali, eines der ärmsten Länder der Welt, befindet sich in Aufruhr, seit Tuareg-Rebellen und lose mit diesen verbündete Islamisten 2012 den Norden des Landes übernommen und den Sturz des Präsidenten herbeigeführt haben. Französische Streitkräfte griffen ein, um sie im folgenden Jahr wieder zurückzudrängen, aber die Islamisten konnten inzwischen im Norden und im Zentrum erneut Fuß fassen und nutzten ethnische Rivalitäten aus, um neue Mitglieder zu gewinnen.

„Es ist schwer, ein guter Mensch zu sein, wenn man korrupt ist, und unsere Politiker sind immer korrupt“, sagt Keita. „Mali ist nach Kamerun das korrupteste Land der Welt.“ Auch wenn sich dort demokratische Strukturen etablieren?

„Demokratie ist keine gute Sache für Afrika. Wir alle waren froh, als die Demokratie nach Afrika kam, aber sie hat das menschliche Empfindungsvermögen zerstört. Um eine Demokratie zu haben, müssen die Menschen verstehen, was Demokratie bedeutet. Wie sollen sie sie verstehen, wenn 85 Prozent von ihnen weder lesen noch schreiben können? Sie brauchen einen wohlwollenden Diktator wie China einen hat, jemanden, der sein Land liebt und für sein Land handelt.“

Salif Keita redet wieder über Albinismus und von einer aktuellen Kampagne zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zur Unterstützung der Betroffenen. Auf dem gesamten Kontinent führen Folklore und Aberglaube dazu, dass die Betroffenen gemieden oder – schlimmer noch – geschlagen, getötet und zerstückelt werden, weil der Glaube existiert, Körperteile von Albinos besäßen magische Kräfte.

Im vergangenen November hat Keita ein Benefizkonzert organisiert, nachdem Ramata Diarra, ein fünfjähriges Mädchen mit Albinismus, in der Stadt Fama, 130 km westlich von Bamako, rituell getötet und geköpft worden war. „Nie wieder“, sagte er bei der Veranstaltung. „Ich habe die große Hoffnung, dass die Menschen verstehen werden, dass wir alle auf die gleiche Weise geboren werden und die gleichen Rechte haben wie jeder andere.“

„Meine Gitarre ist meine Frau“

Salif Keita leitet mittlerweile zwei Stiftungen, die helfen sollen, diese Kampagne fortzusetzen. Neben der Bekämpfung von Vorurteilen möchte er praktische Hilfe für die Betroffenen möglich machen, indem Brillen und Sonnencremes verteilt werden, um das Risiko von Hautkrebs zu verringern.

„Wir müssen unsere Stimme erheben. Menschen mit Albinismus werden getötet, weil ihren Gliedmaßen alten Überzeugungen zufolge Kräfte zugesprochen werden. Diese Art von Glauben ist in Afrika noch nicht überwunden. Es ist wahr, dass Menschen, die anders sind, auf der ganzen Welt schlecht behandelt werden.“

Wie hat sich der Blick der Leute auf ihn verändert? „Für mich ist es jetzt anders. Die Leute merken kaum, dass ich ein Albino bin. Wenn man berühmt ist, bleibt man unbemerkt. Aber diese Arbeit ist eine Verpflichtung, etwas zurückzugeben. Wenn ich beliebt bin, muss ich mich für andere einsetzen, und das tue ich. Ich sage immer wieder: Die Farbe deiner Haut ist kein Handicap.“

Er hat in der letzten Stunde kaum so viel in einem Zug gesagt, aber jetzt ist unsere Zeit abgelaufen. Keita hat noch Termine, er muss weitere Interviews geben, bevor er mit seiner „Frau“ nach Afrika zurückkehrt. Ich will gerade nachfragen, als er in Richtung zweier schwarzer Gitarrenkoffer, die an der Wand lehnen, schaut und nickt.

„Meine Gitarre ist meine Frau. Eine gute Frau. Wenn ich sie dort stehen lasse, ist sie immer noch da und immer noch die Gleiche, wenn ich zu ihr zurückkehre. Wir werden immer zusammen sein. Aber jetzt gehe ich zurück in mein Zimmer, um mich etwas auszuruhen.“

Kim Willsher ist Auslandskorrespondentin mit Sitz in Paris und schreibt für den Guardian, den Observer und die Los Angeles Times

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 01.04.2019
Geschrieben von

Kim Willsher | The Guardian

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