„Ich reiße die Klappe auf“

Porträt Wendy Carlos inspirierte Robert Moog und schrieb Filmmusik für Stanley Kubrick. Warum kennt ihren Namen heute kaum jemand?
„Ich reiße die Klappe auf“
Trans-Frau Wendy Carlos spricht ungern über Genderfragen – wichtig ist ihr vor allem die Musik

Foto: Ebet Roberts/Getty Images

Lange hatte man nichts von ihr gehört, doch plötzlich taucht eine achtzigjährige Synthesizer-Pionierin wieder auf. Weil etwas passiert ist, das sie nicht einfach hinnehmen kann. „Achtung, gerade wurde etwas veröffentlicht, das eine ‚Biografie’ von mir sein soll“, schrieb Wendy Carlos diesen Sommer auf ihrer Homepage, auf der man sie mit einer Siamkatze um den Hals vor einem Synthesizer sehen kann. „Niemand hat mich dafür interviewt oder irgendjemanden, den ich kenne“, stellte sie klar und fragte: „Gibt es keine neuen, interessanteren Zielscheiben?“

Wenn man bedenkt, dass Carlos die wahrscheinlich wichtigste lebende Person in der Geschichte der elektronischen Musik ist, verwundert es, dass Amanda Sewells Wendy Carlos: A Biography das erste Buch ist, das je über sie geschrieben wurde. Sie ist die Musikerin und Komponistin, die Robert Moog angetrieben hat, seinen ersten analogen Synthesizer zu perfektionieren, der enormen Einfluss auf Pop, Progressive Rock, elektronische Musik und Filmmusik hatte. Carlos’ Erfolgsalbum Switched-On Bach aus dem Jahr 1968 machte den Moog-Synthesizer weltberühmt. Es wurde das zweite Klassik-Album, das in den USA Platin erreichte, also fünf Millionen Mal verkauft worden war. Es folgten Carlos’ außergewöhnliche Soundtracks für die Filme A Clockwork Orange, Shining und Tron. Sie machte Jahre vor Brian Eno ein Ambient-Album. Doch während sie bahnbrechende Pionierarbeit leistete, fürchtete Carlos, es könne ihre Arbeit überschatten, dass sie eine der ersten offensichtlichen Transgender-Künstler*innen in den USA war.

Tasten auf Papier gemalt

Carlos habe auf „wiederholte Interview-Anfragen“ nicht reagiert, verteidigte sich die Biografin Amanda Sewell. Auch viele, die mit Carlos zusammengearbeitet hatten, lehnten einen Kommentar ab; einige rieten ihr, das Vorhaben aufzugeben. Fünf Jahre lang hat sie schließlich damit verbracht, in Nischenzeitschriften für elektronische und Computermusik Einzelheiten über Carlos auszugraben, wobei sie „sorgfältig alles dokumentierte und viele Quellenangaben machte, weil ich wusste, das Wendy schnell prozessiert“. Carlos’ spitze, humorvolle Webseite war ebenfalls eine reiche Quelle für Anekdoten. „Stanley Kubrick sagte zu mir, ich sei die unverblümteste und ehrlichste Person, mit der er je gearbeitet hätte“, schrieb Carlos 1999, nicht lange nach Kubricks Tod. „Das bedeutet in meinem Fall nichts weiter, als dass ich die Klappe aufreiße und manchmal immer noch zu viel sage, vielleicht sogar hier.“

Carlos’ hohe Ansprüche und ihr Arbeitsethos waren schon in der Kindheit angelegt. 1939 wurde sie in eine Arbeiterfamilie auf Rhode Island geboren. Die Eltern liebten Musik, konnten sich aber kein Klavier leisten. Der Vater malte eine Klaviertastatur auf Papier, damit sie zwischen den Unterrichtsstunden üben konnte. Später baute sie für ihre Eltern eine Hifi-Anlage aus Holz und zusammengelöteten Drähten. Mit 14 gewann sie einen Wissenschaftswettbewerb mit einem selbstgebauten Computer. Und nachdem sie sich in die frühe elektronische Musik von Pierre Henry und Bebe Barron verliebt hatte, konstruierte sie sich ihre erste Tonbandmaschine, um Musik zu machen.

Als sie Robert Moog 1964 das erste Mal traf, war er auf der New-York-Audio-Konferenz eingenickt. Carlos hatte da bereits das Studium der Physik und Musik an den Elite-Universitäten Brown und Columbia abgeschlossen. Moog sog ihre Vorschläge für Sound-Filterbanks und gleitende Tonhöhenregelung auf, die zu festen Bestandteilen seines Synthesizers wurden; zudem wollte Carlos eine touch-empfindliche Tastatur, die erst in den späten 1970ern zur Standardausstattung des Instruments gehören würde. 1968 folgte das Album Switched-On Bach, dank einer weiteren einflussreichen Freundin, der Komponistin Rachel Elkind, die als Sekretärin für den Chef von Columbia Records arbeitete. Bei Columbia lief gerade eine Marketingkampagne unter dem Motto „Bach to Rock“. Elkind hatte die Idee, ihre Freundin könne ein Album machen, das ins Programm passte. Dabei war man bei Columbia alles andere als scharf auf Carlos’ ambitionierte Synthesizer-Neuinterpretationen der Werke des klassischen Komponisten. In der Erwartung, sie würden sich nicht gut verkaufen, bot man Carlos einen Vertrag mit niedriger Fixsumme und hohen Umsatztantiemen. Und dann stand Switched-On Bach drei Jahre lang an der Spitze der US-Klassikcharts.

Will Gregory – Teil des britischen Duos Goldfrapp, das seit 1999 elektronische Musik produziert, – hörte das Album das erste Mal als Kind im Radio. Heute führt er mit dem Will Gregory Moog Ensemble regelmäßig Carlos’ Werke auf. „Für mich kam nie etwas an diese Platte ran“, erzählt er. „Das Album hat den Synthesizer im Mainstream eingeführt, als ein ausdrucksstarkes Instrument, nicht nur als Science-Ficton-Effektmaschine.“ Das sei Carlos’ Fähigkeit als Komponistin zu verdanken. Sie schuf radikal neue Klänge, um Bachs komplexe Melodien umzusetzen, und dehnte den 20-sekündigen Adagio-Satz von Bachs Brandenburgischem Konzert No 3 auf fast drei Minuten aus. „Das Original basiert nur auf einer Kadenz. Schon im ersten Satz schuf Wendy Klänge, die wie von einer anderen Welt sind. Und im zweiten macht sie dann richtig ernst! Sie versetzte die Musik in 3D.“ Die Komponisten des Soundtracks der Netflix-Serie Stranger Things, Michael Stein und Kyle Dixon, entdeckten Switched-On Bach Anfang der 2000er. Die Musik habe zu ihrer Welt gepasst, erinnerte sich Dixon. Etwa zur gleichen Zeit machten Radioheads Platte Kid A und die Compilations des Labels Warp experimentelle elektronische Musik breiteren Kreisen zugänglich, und Filesharing-Dienste wie Napster befördeten den Austausch ungewöhnlicher Alben. „Ich las dann viel über Wendy und ihre Tricks“, sagt Stein. „Sie lehrte mich, das Instrument voll auszuschöpfen. Sie konnte damit zaubern.“ Dixon bevorzugt Sonic Seasonings, das Album aus dem Jahr 1972, das mit Aufnahmen aus der Natur und Ambient-Sounds durch die Jahreszeiten führt. Es habe ihm gezeigt, „wie Stille und Raum zur Atmosphäre beitragen können“, erklärt er. „Es war das erste Ambient-Album, noch vor Zeit (1972) von Tangerine Dream und Brian Enos Discreet Music (1975). Carlos’ Musik ist größtenteils schwer zu finden; nur zwei Tracks, die sie für The Shining schrieb, sind auf Spotify (ein weiterer begleitet den Original-Trailer). Der Film aber machte sie einem breiteren Publikum bekannt.

Unheimlicher Nachklang

Brillant ist vor allen Dingen die Musik zu A Clockwork Orange. Henry Purcells Music for the Funeral of Queen Mary wird zu einem bedrohlichen Marsch, der ein Frösteln hervorruft, ganz wie ein Omen. Beethovens Ode an die Freude klingt fröhlich, bis ein wahnsinniger Terror sie infiziert. Wegen dieses Soundtracks engagierte Regisseur Steven Lisberger Carlos zehn Jahre später auch für seinen Film Tron. „Wendys Musik erzeugt eine unerwartete Emotion“, sagt er, „einen unheimlichen Nachklang, der genau das richtige Gefühl erzeugt. Auch Kubrick hatte es auf dieses Gefühl abgesehen.“

Lisberger mischte sich nicht in den Entstehungsprozess ein, er vertraute Carlos. „Ein bisschen erschrocken“ war er dann doch von ihrer vibrierenden, digitalen Soundlandschaft „Aber es war genau richtig, etwas Anderes zu machen als das Wagnerhafte John-Williams-Star-Wars-Zeug, das damals vorherrschte. Sie beförderte den Film in eine andere Dimension.“

1981 war Carlos überall als Wendy bekannt. 1972 unterzog sie sich einer Geschlechtsangleichung, sieben Jahre später sprach sie erstmals öffentlich darüber – in einem Playboy-Interview. Der Artikel widmete ihrer Musik nur zwei Spalten, was Wendy als Verrat empfand. Sie offenbarte darin jedenfalls, wie die „erzwungene Heimlichkeit“ ihre Karriere beeinträchtigt hatte. Der Erfolg von Switched-On Bach habe ihr das Leben schwer gemacht. Sie habe „ein ganzes Jahrzehnt verloren“, weil sie Live-Auftritte und Kontakt mit anderen Künstler*innen mied, da sie noch nicht bereit war, ihre Transgeschlechtlichkeit öffentlich zu machen.

Laut Sewells Buch sieht sich Carlos noch immer den Vorurteilen von Plattenfirmen ausgesetzt: Warner Music hat ihren Namen auf dem Soundtrack von A Clockwork Orange bis heute nicht von Walter zu Wendy korrigiert. Lorelei Kretsinger – Mitglied des Queer- und Trans-Musikkollektivs Un/Tuck – war vor der Pandemie Co-Moderatorin eines Wendy-Carlos-Abends, bei dem Künstler*innen von Carlos inspirierte Synthesizer-Musik spielten. Kretsinger betrachtet Carlos als Vorbild. Gleichzeitig versteht sie, dass Carlos ungern über Genderfragen spricht. „Was immer ich als Musikerin mache – sagen wir ein Stück über die Liebe – , ich fürchte, dass jemand es als Aussage über Transidentität überinterpretiert. Ich kann verstehen, was Wendy an solchen Diskussionen stört.“ Für Kretzinger, die unter dem Namen Floraviolet Musik veröffentlicht, gibt es eine interessante Verbindung zwischen elektronischer Musik und Trans- und nichtbinären Geschlechteridentitäten: „Ich spreche natürlich nicht für alle trans Menschen. Aber für mich kann es nervenaufreibender sein, rauszugehen und aufzutreten. Daher verbringe ich viel Zeit zu Hause, um meine Arbeit zu verbessern. Es ist außerdem befreiend, sich online ausdrücken zu können, eine eigene Welt zu schaffen.“

Wie bei Sewell, der Biografin, blieben auch meine Kontaktversuche mit Weggefährten von Carlos meist erfolglos. Nur Laurie Spiegel, ebenfalls Synthesizer-Pionierin und enge Freundin von Carlos, antwortete. „Hohe Standards, starke Meinungen und keine Angst davor, sie zu vertreten ... und sie hat Humor“, sagte sie über Carlos, die neben der Musik auch Tiere liebe. Einmal habe sie um drei Uhr morgens angerufen, als ihre Katze Junge bekam: „Wir telefonierten drei oder vier Stunden lang, bis alles in Ordnung war.“

Carlos habe auch später die Weiterentwicklung der elektronischen Musik unterstützt. Den Machern der Apple-Musiksoftware etwa habe sie „ausführlich sehr detailliertes Feedback“ gegeben. Wegen der Pandemie ist ihr nächstes Treffen mit Carlos ungewiss: „Ich hoffe und ich gehe davon aus, dass Wendy weiter komponiert. Es sind stressige, komplizierte Zeiten. Ich sollte mal nachfragen, wie es ihr geht.“

Schließlich schickte ich Carlos eine E-Mail und war erstaunt, eine Antwort zu erhalten, wenn auch von jemandem mit dem Kürzel „sd“: „Wendy Carlos ist derzeit stark mit einem Projekt beschäftigt. Es ist ihr nicht möglich und sie findet es nicht passend, zu Ihrem Artikel Stellung zu nehmen.“ Ihre Welt nach 2009 bleibt größtenteils ein Geheimnis: Es ist bezeichnend, dass diese Tech-Pionierin sich der Erwartung des digitalen Zeitalters widersetzt, jeder müsse seine Privatsphäre aufgeben.

Jude Rogers arbeitet als Musikkritikerin für den Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 01.01.2021
Geschrieben von

Jude Rogers | The Guardian

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Ausgabe 02/2021

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