„Ich war dabei, völlig den Mut zu verlieren“

Porträt Naomi Watts galt mit 32 als unbesetzbar, dann wollten sie alle. Die Schauspielerin über Chancen, schlechte Kritiken und Therapie

Sessel oder Couch?“ Naomi Watts denkt laut darüber nach, wo wir uns in ihrem Londoner Hotelzimmer hinsetzen. Die 48-jährige Schauspielerin hat einen Großteil dieses und letzten Jahres damit verbracht, für die zehnstündige TV-Serie Gypsy eine Therapeutin zu spielen und dabei wohl oft in Sesseln gesessen. Jetzt nimmt sie die Couch. „So geht’s.“

Als Watts geboren wurde, habe die Hebamme ihrer Mutter zufolge das Baby angesehen und verkündet, es werde einmal berühmt werden. „Über wie viele Neugeborene sie das wohl gesagt hat?“ Watts lächelt. In ihrem Fall hat es eine Weile gedauert – sie bekam ihre Chance erst mit 32 –, doch die Prophezeiung erfüllte sich.

Mittlerweile ist Watts in Hollywood eine feste Größe. Lange genug, um schon wiederholt mit führenden Regisseuren wie David Lynch und Alejandro González Iñárritu gearbeitet zu haben und um zu sehen, wie der schlaksige Junge, der in The Impossible ihren Sohn spielte, zum muskelbepackten Spider-Man dieses Sommers heranwuchs. Wenn man Watts heute gegenübersitzt, fällt es einem schwer zu glauben, dass sie nicht immer noch 32 ist. Ihre Garderobe ist von minimalistischem Chic: knöchellanger, cremefarbener Rock, schwarzes Top, hohe Schuhe.

Wir unterhalten uns über ihre neue Netflix-Serie Gypsy, ihre erste maßgebliche Arbeit für das Fernsehen. Darin spielt sie Jean Holloway, eine New Yorker Therapeutin, die kognitive Verhaltenstherapie praktiziert und plötzlich das Gefühl kriegt, an ihrem Leben zu ersticken, sodass sie neue Identitäten erfindet, um sich in das Leben von Fremden einzuschleusen. „In Gypsy geht es um den Wunsch nach dem, was man selbst nicht hat“, erklärt Watts. Als sie sich auf die Rolle vorbereitete, griff sie auf eigene Therapie-Erfahrungen zurück. „Ich habe definitiv mehrmals Zeiten in Therapie verbracht und in Krisen echte Hilfe bekommen.“ Zusätzlich nahm sie Sitzungen bei einem entsprechend ausgebildeten Therapeuten. „Vierhundert Dollar die Stunde“, sagt sie. Hat sie das Netflix in Rechnung gestellt? Watts lacht leise. „Das hätte ich mal machen sollen, oder? Doch was sie dann sagen ist, man würde nicht wirklich etwas für sich selbst daraus ziehen, wenn man es nicht selbst bezahlt.“

Die permanente Neuerfindung

Wenn es darum gehe, ob sie einen Job annimmt, sei ihr, so Watts, eine Frage am wichtigsten: „Was kann ich durch die Arbeit besser über mich verstehen?“ Und was hofft sie, durch diese Rolle besser über sich zu verstehen? Watts hebt eine Augenbraue. „Nun gut“, sagt sie, und vielleicht liegt es an der Anordnung der Möbel – sie auf dem Sofa, ich auf dem Sessel –, dass sie ohne Umschweife auf ihre Kindheit zu sprechen kommt. „Als ich klein war, sind wir viel umgezogen. Ich bin in England auf neun verschiedene Schulen gegangen. Das bedeutet auch, dass ich mich immer wieder neu erfinden musste. Da gibt es Berührungspunkte zwischen Gypsy und meiner Biografie, die permanente Neuerfindung.“

Ihre Mutter und ihr Vater, Myfanwy Roberts und Peter Watts oder „Miv“ und „Puddy“, waren junge Eltern. Jung und sehr cool. Miv modelte und Puddy war der Toningenieur von Pink Floyd. (Er verpasste die Geburt seiner Tochter 1968 knapp, weil die Band gerade in einem Ford Transit durch Schottland tourte.) Unter den wenigen Bildern, die Watts aus dieser Zeit besitzt, ist eines, das sie und ihre Eltern zusammen mit Pink Floyd am Strand von Saint-Tropez zeigt, mit zerzausten Haaren und Schwimmflügeln. Sie erinnert sich, dass sie sich als Kind nach dem genauen Gegenteil sehnte. „Ich hatte genug von der ganzen Coolness. Ich wollte, dass meine Eltern dreiteilige Anzüge und Tweed tragen, keine Lederhosen und Stiefel mit Platausohlen.“ 1972, als Watts vier war, ließen ihre Eltern sich scheiden. „Und dann starb mein Vater“, sagt sie. Er war erst 31. Miv Roberts sagt, er sei an einer Überdosis Heroin gestorben. Watts spricht darüber, wie die Mitglieder von Pink Floyd auf die Tragödie reagierten. „Ich denke, sie gaben meiner Mutter ein paar tausend Dollar, um zu helfen. Das war sehr nett von ihnen.“

Ab dann ging es mit dem Umziehen richtig los. „Meine Mum musste beruflich Fuß fassen.“ Jedes Mal, wenn Watts auf einen neuen Schulhof kam, habe sie versucht herauszufinden, welche Rolle, welcher Akzent ihr Zugang zu der Gruppe verschaffen würde. „Ich erinnere mich, dass ich immer jemand anderes sein wollte. Ziemlich traurig, oder?“

Als Watts 14 war, wurde entschieden, dass die Familie nach Australien auswandert. „Ich war am Boden zerstört.“ Ihre Mutter versüßte ihr den Plan, indem sie ihr versprach, ihr in Australien Schauspielunterricht zu bezahlen. Obwohl ihr neues Zuhause in der North-Shore-Gegend von Sydney zunächst „ein Kulturschock“ für sie gewesen sei, fand sie sich schließlich zurecht und freundete sich unter anderem mit Nicole Kidman an. Mitte der 1990er zog Watts dann für den Mid-Budget-Hollywood-Film Tank Girl in die USA.

Schichten freilegen

Doch es sollte nicht der Neuanfang werden, auf den sie gehofft hatte. „Unbesetzbar“, so charakterisiert sie sich selbst in jener Zeit. Die Caster riefen sie an und erzählten ihr in gut gelauntem Singsang, dass sie wieder einmal ein Vorsprechen verpatzt hatte, weil sie nicht sexy, witzig oder irgendetwas genug gewesen sei. 2000 flog sie auf eigene Rechnung von New York nach L. A., um bei einem Regisseur vorzusprechen, der während ihres Vortrags merkwürdig still wirkte. Als Watts aufblickte, sah sie, dass seine Augen zu waren.

„Wenn ich zurückblicke, dann weiß ich, warum man mich nicht engagierte. Ich ging mit dem Gedanken in das Vorsprechen: ,Welche Version von mir wollen sie?‘“ Watts war wieder auf dem Schulhof, nur dieses Mal funktionierte der Chamäleon-Trick nicht.

Ageism in Hollywood

In der Filmindustrie sind Frauen insgesamt stark unterrepräsentiert und werden schlechter bezahlt. Für Schauspielerinnen, die älter sind als 40, sieht es besonders schlecht aus. Sie haben mit zunehmendem Alter immer weniger Sprechanteile.

Der Bechdel-Test ist ein einfacher Indikator, um zu sehen, wie viel Raum Frauenrollen in einem Film haben. Um den Test zu bestehen, müssen folgende drei Fragen mit Ja beantwortet werden: Spielen mindestens zwei Frauen mit Namen mit? Sprechen sie miteinander? Über etwas anderes als Männer? Erstaunlich viele Filme bestehen den Test nicht.Viele Frauenrollen in den Filmen Hollywoods beschränken sich darauf, Dekor für männliche Helden zu sein. Die meisten davon entfallen auf Schauspielerinnen unter 30. Vor allem Hauptrollen werden selten mit älteren Frauen besetzt. Meryl Streep berichtete der Washington Post, dass sie, als sie um die 40 war, bei jedem Film dachte, es wäre ihr letzter. Von den 100 am besten gelaufenen Filme im Jahr 2016 hatten nur 34 weibliche Hauptrollen. Nur acht von diesen 34 waren Frauen, die über 45 Jahre alt waren.

Hollywood-Produzenten verteidigen sich gern damit, dass nicht die Filmindustrie sexistisch sei, sondern die Gesellschaft, die eben keine älteren Frauen in Hauptrollen sehen wollen würde. Doch der Sexismus auf der Leinwand spiegelt sich auch hinter der Leinwand. Nur zwölf Prozent der 500 am besten gelaufenen Filme im Jahr 2015 waren von Regisseurinnen. Johanna Montanari

Nicht lange nach dem Vorsprechen bei dem schläfrigen Regisseur erhielt sie einen Anruf. David Lynch wollte Watts für die Hauptrolle in seinem neuen Thriller Mulholland Drive casten. Am Telefon wurde ihr erklärt, Lynch habe ihr Bild aus einem riesigen Stapel ausgewählt und es gebe nur wenige Mitbewerberinnen. „Meine Chancen standen besser als sonst.“ Sie bekam die Rolle der jungen Schauspielerin Betty Elms, die in einem gruseligen, Lynch-typischen Hollywood Karriere machen will. Als der Film 2001 in Cannes gezeigt wurde, überschlugen sich die Kritiker förmlich, und auch kommerziell war er äußerst erfolgreich. Watts erhielt den größten Teil des Lobes, speziell für eine Szene, in der Betty vor einer Gruppe schleimiger Caster vorspricht.

„Von da an kamen die Dinge sehr schnell auf mich zu“, erinnert sie sich. Von Lynch redet sie in höchsten Tönen und würdigt ihn insbesondere dafür, dass er ihr Talent erkannte. „Ich erhielt keine Angebote. Verleugnete mich. War dabei, völlig den Mut zu verlieren. Ich war nie in der Lage, einen Raum zu betreten und ihn auszufüllen, indem ich ich war. David hat das geändert. Er sah mir wirklich in die Augen, war ehrlich interessiert. Er nahm sich die Zeit, mehrere Schichten in mir freizulegen.“ Wie eine Art Therapeut? „Ganz genau!“

Später einmal fragte sie Lynch nach seiner Entscheidung: „Warum hast du mich ausgewählt? Warum mein Bild?“ Sie richtet sich auf dem Sofa auf, um mit ihrem ganzen Körper einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Lynch reagierte. Ihn nachahmend blinzelt sie wie durch Zigarettenrauch hindurch und sagt: „Ich weiß es nicht, Naomi! Ich hab dir einfach in die Augen gesehen!“ Auf meinem Smartphone betrachten wir Watts’ Porträt aus jener Zeit. Sie zoomt an eines ihrer Augen heran. „Können Sie das sehen? Mein Bruder hat das Bild gemacht – und man kann sein Spiegelbild erkennen. Da ist eine echte Person drin, die einer anderen echten Person in die Augen schaut.“

Wie hat sich Watts entschieden, ihre eigene Fernsehserie zu drehen? Liev Schreiber, mit dem sie bis vor kurzem zusammen war, spielte erfolgreich in der Serie Ray Donovan mit. Als sie vor ungefähr einem Jahr das Angebot für Gypsy erhielt, entschloss sie sich zum Teil deswegen dafür, weil „ich aus der Nähe mitbekommen hatte, wie Liev Ray Donovan machte. Für mich machte es Sinn. Das hatte auch viel mit der Logistik zu tun.“ Gypsy wurde in New York gedreht, wo sie mit Schreiber und ihren beiden Söhnen, neun und acht Jahre alt, lebte. So konnten sie alle an einem Ort bleiben.

Vergangenen September gaben sie und Schreiber nach elf Jahren ihre Trennung bekannt. Sie verstünden sich aber nach wie vor gut und kümmerten sich weiter gemeinsam um die Kinder. Versucht sie als Mutter konventioneller zu sein, als ihre Eltern das waren? „Auf jeden Fall.“ Sie kann sich denken, was dem psychologisch zugrunde liegt. „Alles ist eine Reaktion.“ Und dennoch, sage ich, hat sie einen Beruf in der Unterhaltungsbranche gewählt, mit dem man per se nie lange an einem Ort bleibt? Das Rosa ihrer Wangen wird ein wenig intensiver. „Nun, ich bin immer noch ich. Ich kann mich nicht völlig neu erfinden. So bin ich aufgewachsen. Das zieht mich an und fasziniert mich. Aber, wissen Sie, ich möchte meine eigene Version davon finden.“

Ungewöhnliche Selbstkritik

In den letzten Jahren ging es für Watts beruflich auf und ab. „In letzter Zeit hatte ich ein paar Flops! The Book Of Henry. Und es gibt auch ein paar Kritiker, die sich hieran stoßen.“ Sie meint ihre Serie Gypsy, die in den Tagen vor unserem Treffen Verrisse bekommen hat. „Das macht einem auf jeden Fall zu schaffen“, sagt sie. „Man fragt sich: ,Was stimmt nicht? Liegt es an mir?‘ All das.“ Es ist mutig (und selten), dass eine Schauspielerin von alleine auf die Kritik an einem Projekt zu sprechen kommt, für das sie eigentlich Werbung machen sollte. „Nun, ich bin da anders gestrickt. Das ist nicht meine Art.“

Ich frage mich, ob das etwas mit Watts’ ungewöhnlichem Hintergrund zu tun hat, mit den neun verschiedenen Schulen, dem Wechsel zwischen den Kontinenten. Als ich etwas in diese Richtung zu sagen beginne, lacht Watts, als wolle sie mir damit bedeuten, ich wisse noch nicht einmal die Hälfte, und nimmt ihr Telefon in die Hand. Sie geht ihre Bilder durch, um mir die Schwarz-Weiß-Aufnahme eines attraktiven jungen Mannes mit langen Haaren und nacktem Oberkörper zu zeigen. Er sitzt inmitten von Freunden, ein paar von ihnen erkennt man gerade so als Mitglieder von Pink Floyd. Aber nur der junge Mann in der Mitte grinst in die Kamera.

„Das hier habe ich erst vor kurzem bekommen“, sagt Watts. Vor etwa einer Woche habe ihr ein Pink-Floyd-Fan das Bild in einem Umschlag überreicht. „Sie müssen verstehen: Ich habe vielleicht drei Bilder von meinem Vater, und vielleicht zwei Erinnerungen. Und alle Bilder sind entweder unscharf oder er ist ein winziger Fleck im Hintergrund.“ Im Alter von 48 Jahren kann Watts ihren Vater zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit lächeln sehen.

Wir sehen uns die Aufnahme eine ganze Weile lang an, zoomen näher heran, bewundern den schelmischen Ausdruck in seinem Gesicht. Es ist ein seltsames Ende für ein Interview. Als Watts aufsteht, umarmt sie mich unbeholfen. „Ich komme mir vor, als ob ich beim Therapeuten gewesen wäre.“ Die Schauspielerin denkt wohl an die 400 Dollar, die sie für die Stunden bezahlen musste, die sie im Rahmen ihrer Recherchen nahm, dann fügt sie hinzu: „Und das kostenlos. Ähm, ich schätze, ich bin Ihnen etwas schuldig?“

Info

Gypsy ist auf Netflix zu sehen

Tom Lamont ist Autor des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 06.09.2017
Geschrieben von

Tom Lamont | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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