„Ich wollte nur noch sterben“

Irak Seit Monaten werden Regimekritiker entführt, gefoltert, ermordet. Ein Opfer, der Arzt Hayder, erzählt seine Geschichte
„Ich wollte nur noch sterben“
November 2019 in Bagdad: Protestierende sammeln sich am Tahrir-Platz auf einem verlassenen Gebäude

Foto: Sabah Arar/AFP/Getty Images

Als die Sonne untergeht, deutet für den ehemaligen Militärarzt Hayder nichts darauf hin, dass der 14. Dezember für ihn anders enden wird als viele Tage zuvor. Nachdem er das Protestcamp auf dem Tahrir-Platz verlassen hat, in dem Verletzte der Anti-Regierungsproteste behandelt werden, trifft er sich im Bezirk Karrada mit Freunden zum Essen. Wie Tausende junger Iraker ist Hayder zwei Monate zuvor, am 1. Oktober, zum ersten Mal in seinem Leben auf die Straße gegangen. Er hat Parolen skandiert, um eine bessere öffentliche Daseinsvorsorge zu fordern und die korrupten Regierungsparteien anzuprangern. Er hat erlebt, wie Sicherheitskräfte das Feuer eröffnen, und gesehen, wie junge unbewaffnete Männer um ihn herum zu Boden gingen – manche tot, viele schwer verwundet.

Schon bald führt Hayder eine Gruppe von Medizinern, die Opfer von Tränengasgranaten, Plastikgeschossen und scharfer Munition versorgen. Als eine dieser Granaten seinen rechten Arm verletzt, kommt er in ein Hospital und ist drei Tage später – auch wenn sein Arm noch schmerzt – wieder auf der Straße. Das blaue Verbandszelt, das er sich mit Freunden teilt, wird mit den Stapeln verschimmelter Decken fast so etwas wie sein Zuhause.

Schwarze Uniformen

Am Abend des 14. Dezember will Hayder nach Hause, um in einem der östlichen Viertel von Bagdad nach seiner schwangeren Frau und seiner Mutter zu sehen. Kurz nach Mitternacht – er sitzt gerade vor dem Haus, weil dort der Internetempfang besser ist – hält neben ihm ein kleiner Lieferwagen. Drei Männer in schwarzer Militäruniform und mit weißen Turnschuhen steigen aus, kommen auf ihn zu und fragen, ob er Hayder sei. „Nein, ich bin sein Bruder Mohammad“, antwortet der geistesgegenwärtig und gibt vor, ins Haus gehen zu wollen, um den zu holen, nach dem sie suchen. Doch der Trick funktioniert nicht. Die Männer zerren ihn in den Wagen, verbinden ihm die Augen, fesseln ihn und stoßen ihn auf den Boden des Fahrzeugs. Dann hält ihm einer die Pistole an den Kopf und sagt, man werde sofort schießen, sollte er schreien. Als der Van anhält, wird Hayder in einen großen, leeren, bald verschlossenen Raum geführt. Am Morgen betreten zwei Maskierte – in schwarzer Uniform, ausgestattet mit Stöcken und Kabeln – den Raum, verbinden ihm erneut die Augen und beginnen auf ihn einzuschlagen, bis er bewusstlos wird, ohne zuvor auch nur eine Frage gestellt zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt hat die irakische Regierung bereits wochenlang mit brutaler Gewalt auf den Proteststurm gegen Willkür und Misswirtschaft reagiert. Der irakischen Menschenrechtskommission zufolge wurden seit September 2019 669 Zivilisten getötet, über 25.000 verletzt und etwa 3.000 festgenommen. Entführung, Einschüchterung und Mord sollen auch Journalisten zum Schweigen bringen. Im Januar werden ein Fernsehreporter und sein Kameramann in ihrem Jeep ermordet, nachdem sie kurz zuvor die Exzesse der Behörden in einem Facebook-Video thematisiert haben. „Vom ersten Tag an hat die Regierung im Umgang mit den Demonstranten keine Gnade walten lassen“, sagt ein Anwalt der Menschenrechtskommission, der nur unter der Bedingung für ein Gespräch zur Verfügung steht, dass seine Anonymität gewahrt bleibt. „Die Gewalt kam in Wellen, allein in den ersten drei Tagen des Aufstandes wurden 157 Menschen getötet. Anfang November gab es erste Berichte von Entführungen, nicht nur in Bagdad, auch in Ammarah und Nassiriya. Davon betroffen waren Journalisten und Akademiker, die verdächtigt wurden, die Protestbewegung logistisch oder moralisch zu unterstützen.“

Auf dem Tahrir-Platz hängen bis heute die Bilder von Verschwundenen. An Hauswänden, Strommasten oder Zelttüren flattern sie im Wind. Manche Fotos sind inzwischen gelb und verwittert, andere ganz neu. „Entführt wurde nicht willkürlich“, so der Menschenrechtsanwalt, „sondern kalkuliert und mit dem Ziel, die Demonstranten zu terrorisieren.“

Gerettet und gezeichnet

Doch zurück zu Hayders Schicksal. Als er aufwacht, liegt er nackt auf dem Boden in einem kleinen, dunklen Raum, der nach Urin und Fäkalien stinkt. An der Decke sind Haken angebracht, an der Wand steht eine Badewanne, die mit schmutzig-braunem Wasser gefüllt ist. Bald betreten erneut maskierte Männer den Raum. Plötzlich sprechen sie mit dem Gefangenen. Hayder wird aufgefordert, sein Smartphone zu entsperren, er soll Auskunft geben, welche ausländische Botschaft ihn und seine Freunde finanziert. Hayder weint und fleht, sagte ihnen, er sei in keiner Botschaft gewesen, auch habe er das Passwort seines Handys vergessen.

Daraufhin wird er erneut gefoltert, zwei bis drei Stunden lang. Sobald Hayder das Bewusstsein verliert, wird sein Kopf in die Badewanne getaucht. Wacht er auf, hängen ihn die Folterer an dem Haken unterhalb der Decke auf, bringen an Fingern, Zehen und Genitalien Drähte an und versetzen ihm elektrische Schläge. Nach drei Nächten – die Maskierten kommen jetzt nur noch um diese Zeit – entsperrt Hayder sein Telefon. Sie gehen die Bilder durch und fordern ihn auf, die Anführer der Proteste in Bagdad zu identifizieren. Als er ihnen sagt, es gebe keine Anführer, zwingen ihn die Männer, in die Wanne zu steigen. Dann werden Betonklötze auf seiner Brust gestapelt, bis sich einer der Folterknechte ganz oben auf den Stapel hievt, um Hayder unter Wasser zu drücken. Als der sich weiterhin weigert, Namen zu nennen, wird damit begonnen, ihn mit einem elektrischen Stab zu vergewaltigen. Er wird gezwungen, sich auf eine Glasflasche zu setzen, bis diese in ihn eindringt. Man zeigt ihm Bilder seiner schwangeren Frau – die würde mit einer Flasche genauso behandelt, sollte er nicht aussagen. „Am Ende der ersten Woche sehnte ich mich nach dem Tod“, erzählt Hayder. „Ich wollte nur noch sterben, damit das Foltern aufhört.“

In seinen Erklärungen zu der in Bagdad seit einem halben Jahr eskalierenden Gewalt behauptet der frühere Premier Adel Abdul-Mahdi bis heute, es gebe eine „dritte Partei“, die Zwietracht unter dem irakischen Volk säen wolle. Sie sei für die Entführungen und Morde verantwortlich. Diese ominöse Partei habe schon in den ersten Tagen der Proteste Heckenschützen eingesetzt. Einer solchen Version widersprechen sogar Sicherheitsbeamte der Regierung. „In der letzten Septemberwoche erhielten wir erste Geheimdienstberichte, dass die Massenproteste anhalten würden und mit einem Militärputsch zu rechnen sei“, erklärt ein hochrangiger Vertreter der Volksmobilisierungseinheiten, der Al-Haschd asch-Scha‘bī. Dabei handelt es sich um einen vom Staat protegierten Dachverband für Milizen, die 2014 während des Krieges gegen den Islamischen Staat (IS) entstanden sind. Einige von diesen paramilitärischen Einheiten standen stets mit dem Iran in Verbindung. Ein Operationszentrum sei gebildet worden, so der Milizen-Kommandeur. „Premier Abdul-Mahdi trat als Oberbefehlshaber auf. Um ihn herum saßen Kommandeure der Polizei und Milizenführer. Sie alle sahen den Proteststurm als Teil einer Verschwörung, die es mit Gewalt zu unterdrücken gelte. Das ist der Grund, warum immer wieder das Feuer eröffnet wurde. In dieser Phase entschieden sich einige Milizen, Aktivisten ins Visier zu nehmen, von denen man annahm, dass sie mit Botschaften Kontakt haben, von denen der Aufruhr finanziert wurde.“

Abdul-Mahdis Büro weigert sich, die Darstellung zu kommentieren. Aufschlussreich ist die Aussage eines Geheimdienstoffiziers aus dem Innenministerium, der behauptet, er habe den Befehl erhalten, an den Demonstrationen teilzunehmen, um die Bewegung auszuspionieren. „Die Beobachter des Ministeriums waren und sind auf dem Tahrir-Platz präsent. Sie haben ihre Zelte, sie überwachen, wer kommt und geht. Sie haben Kameras und können alle Zugänge zum Platz überwachen. Wir machen uns die mangelnde Erfahrung junger Demonstranten zunutze, wir reden mit ihnen, erfahren Namen und folgen ihnen, um der Anführer habhaft zu werden.“

Am 14. Tag seiner Entführung ziehen die Wärter Hayder eine Schlafanzughose an, verbinden ihm die Augen und führen ihn aus der Zelle. „Ich glaubte, dass sie mich zur Exekution bringen, und ich war glücklich, ich wollte sterben.“ Der Gefangene wird in einem bereitstehenden Wagen auf den Rücksitz gesetzt. Das Fahrzeug fährt einige Zeit. Als Hayder aussteigen muss, spürt er Sand und Schmutz unter den nackten Füßen. Einer der Bewacher führt ihn ein kurzes Stück weit und drückt ihn dann auf die Knie. „Ich wusste, was kommt, und flehte ihn an, wenigstens noch einmal meine Frau anrufen zu können. Er sagte mir, ich solle warten, er besorge ein Telefon. Sollte ich aber die Augenbinde abnehmen, würde er schießen. Ich hörte, wie er ging.“ Hayder wartet eine Weile, aber als der Mann nicht zurückkommt, nimmt er die Binde ab und findet sich auf einer verlassenen Mülldeponie wieder. Er weiß nicht, wie spät es ist und wo er sich befindet. Seine erste Reaktion besteht darin, zu rennen, aber plötzlich spürt er die Qualen von zwei Wochen Folter und beginnt vor Schmerz zu zittern. „Ich dachte, das ist nur noch meine Seele, die hier davonrennt.“ Als Hayder eine Siedlung erreicht, ruft jemand die Polizei. Als die Beamten eintreffen, wollen sie Hayder in ein Krankenhaus oder auf eine Polizeiwache bringen, doch bittet der darum, auf den Tahrir-Platz transportiert zu werden. „Ich glaubte, dort werden mich die Demonstranten beschützen.“

Dass Leute wie Hayder entführt und gequält werden, dient allein dem Ziel, andere Aktivisten in Angst und Schrecken zu versetzen. Das sei, so der Menschenrechtsanwalt, zumeist gelungen. „Wer diesen Horror überstanden hat, der verschwindet. Niemand redet, keiner denkt an Anzeige.“

Ghaith Abdul-Ahad ist ein irakischer Journalist, der für den Guardian und die Washington Post schreibt

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 23.03.2020
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 13/2020

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