Ihre Baustelle

Porträt Camille Cottin ist Star der Serie „Call My Agent!“. Bekannt wurde sie als „Miststück“ mit versteckter Kamera

Im Lockdown habe ich ein paar Schafe gekauft. Keiner sagte mir, dass sie all meine Pflanzen fressen würden. Typisch Pariserin, oder nicht?“ Die Schauspielerin Camille Cottin verließ während des ersten Corona-Lockdowns im vergangenen Frühjahr ihre Wohnung in der französischen Hauptstadt, um ein altes Bauernhaus in der Normandie zu renovieren. Jetzt ist sie zurück in Paris und bereitet sich auf ein großes Jahr vor.

In ihrer Heimat Frankreich bereits ein Star, hat Cottin den Schritt nach Hollywood geschafft. Tom McCarthys Stillwater, in dem sie neben Matt Damon eine Hauptrolle spielt, soll im Sommer ins Kino kommen. Gerade hat sie ihr Englisch für Ridley Scotts Biopic House of Gucci aufpoliert, in dem sie neben Adam Driver als Maurizio Gucci und Lady Gaga als dessen Ex-Frau zu sehen sein wird. Ein weiteres großes Projekt ist unterschrieben, aber noch geheim.

Zuvor ist sie jetzt in der vierten Staffel von Call My Agent! zu sehen. Die Serie war zunächst durch Mundpropaganda erfolgreich geworden, während des Lockdowns machte sie viele geradezu süchtig. Als Andréa – knallhart, rücksichtslos, lesbisch und Agentin einiger der größten französischen Filmstars – ist Cottin die herausragende Figur der Serie, die ihr internationale Aufmerksamkeit einbrachte, unter anderem eine Rolle in der dritten Staffel von Killing Eve.

Die Idee für Call My Agent! – Originaltitel: Dix pour cent, deutsch: „Zehn Prozent“ – hatte der renommierte Agent Dominique Besnehard. Was er in seiner langen Karriere erlebt hat, schien ihm genug Stoff für eine spritzige Komödie über eine Schauspielagentur in Paris herzugeben. Acht Jahre musste die Idee reifen, bis Showrunner Fanny Herrero den richtigen Ton fand, mit geschliffenen Dialogen, flotter Handlung und einem cleveren Gleichgewicht zwischen Unterhaltung und Insider-Anspielungen für Cinephile. Seit 2015 gewann die Serie eine Reihe von französischen TV-Preisen und war 2016 für einen International Emmy als beste Komödie nominiert.

Sigourney Weaver macht mit

In jeder Folge von Call My Agent! hat ein Star des französischen Kinos einen Gastauftritt. Gleich in der Pilotfolge etwa prahlt Cécile de France in einem Interview mit einer Rolle im nächsten Quentin-Tarantino-Film. Ihr Agent blickt besorgt, Tarantinos Bestätigung steht noch aus. „Badaboum“, wie wir in Frankreich sagen: Prompt bekommt der Agent eine SMS mit der Absage. Die Schauspielerin steht dumm da, der Agent muss die Krise managen.

Cottin selbst wird so etwas kaum passieren, nicht zuletzt, weil ihr Agent jetzt Hollywood-Schwergewicht Billy Lazarus ist, der auch Sigourney Weaver managt. Cottin nahm er nach Weavers Gastauftritt in der vierten Staffel von Call My Agent! unter Vertrag. „Es war irgendwie surreal, Sigourney in Paris zu treffen“, erzählt Cottin. „Wir waren alle voller Ehrfurcht, aber dann kam sie zur Probe und sagte uns, wie sehr sie uns bewundert!“

Weaver erzählte der Zeitschrift Variety, dass sie erstmals in ihrem Leben spontan zugesagt habe, ohne zuerst das Skript zu lesen. Auf die Frage, warum sie Fan von Call My Agent! ist, antwortete sie: „Es ist eine Liebeserklärung an die Filmbranche, an die Beziehungen zwischen den Schauspielern, den Künstlern. Die Serie wirft einen Blick hinter die Kulissen, zeigt die Probleme der Schauspieler im Umgang mit verschiedenen Regisseuren und Stimmungslagen. Bei alledem spürt man die Liebe zum Film und zum Agenten-Job. Die Agenten in der Serie brennen für ihre Schauspieler. Mich hat das begeistert.“

Zur Person

Camille Cottin, 1978 in Paris geboren, verbrachte ihre Teenagerjahre in London und arbeitete als Lehrerin, bevor sie als Schauspielerin am Theater anfing. Nach ihrem großen Erfolg mit Call My Agent! – sie ist der Star des französischen Serienhits – befindet sie sich nun auf dem Sprung nach Hollywood: Im Sommer wird sie in Tom McCarthys Thriller Stillwater mit Matt Damon zu sehen sein. Sie lebt mit Mann und zwei Töchtern in Paris und Giverny (Normandie)

Cottin wuchs in Paris und London auf. „Mit zwölf zog ich mit meiner Mutter, meiner kleinen Schwester und meinem Stiefvater nach London. Er arbeitete im Finanzwesen. Das waren noch Zeiten! Mit 17 ging ich zurück nach Paris, um an der Sorbonne Englische und Amerikanische Literatur zu studieren. Meine Eltern wussten, dass ich auf die Schauspielschule wollte, aber sie bestanden auf einem nützlichen Abschluss.“

Später arbeitete sie zehn Jahre für eine Theatertruppe, die ihre Stücke jeden Sommer beim Festival Off in Avignon zeigte. Erst mit 35 wurde Cottin in Frankreich durch Connasse (in etwa „Kleines Miststück“), eine schräge Show mit versteckter Kamera, bekannt. Innerhalb von sechs Monaten drehte sie 70 dieser 90-Sekunden-Comedy-Sketche, in denen sie in der Öffentlichkeit Leute schlecht behandelt. Die Sendung wurde zweimal in der Woche auf Canal+ ausgestrahlt und war das perfekte Format für die sozialen Medien: Regelmäßig gingen Folgen viral und machten Cottin schnell zu einem bekannten Gesicht. Allerdings hatte das einen Haken: Connasse wirkte so real, dass für das Publikum echte Person und Rolle verschwammen, ja viele annahmen, sie sei wirklich so.

Eine typische Folge zeigt sie in einem Schwimmbad, wo sie sich weigert, sich an die Regeln zu halten. „Ich soll mit einer Bademütze schwimmen?“, blökt sie den Bademeister an. „Damit sehen wir doch alle wie Idioten aus.“ Einer, der zufällig dasteht, kriegt den Kommentar ab: „Oh, das Wasser muss eisig sein. Haben Sie gesehen, wie klein Ihr Penis ist?“ Und zu einem kleinen Mädchen: „Ich weiß, dass du ins Becken gepinkelt hast.“

„Wegen der versteckten Kameras war den Leuten nicht klar, dass ich eine Schauspielerin bin“, erzählt Cottin. „Selbst in der TV- Branche dachten sie, ich sei wirklich ein unsensibles Miststück. Es war, als wüsste nur ich allein, dass ich eine professionelle Schauspielerin bin, die einen Clown mimt.“ Immerhin führte der zickige Clown zu Call My Agent! – in der resoluten Andréa finden sich Aspekte des mitleidlosen Miststücks wieder, aber Cottin spielt sie mit so viel Charme, dass man mit ihr sympathisiert.

Cottin und ich treffen uns via Zoom. Sie sitzt vor einem Fenster in einem typischen Pariser Altbau in einem typischen Pariser Stadtteil. Der Raum wirkt winzig: Hat Cottin einen großen Schrank in ein Büro verwandelt? „Fast! Ein Teil des Flurs ist zum Mini-Büro geworden, mit Regalen und einer Schiebetür.“ Sie trägt einen hellgrauen Kaschmir-Pulli, kein Make-up, das lange, dunkelblonde Haar offen, im Pariser Stil – „effortlessly chic“, wie die Briten sagen.

Dersehr „gallische“ Charme von Call My Agent! ist einer der Gründe für den Erfolg der Serie im Ausland. Die Energie und die Leidenschaft für den Film sind durch und durch französisch. Überhaupt macht die Serie auch aus, dass sie in Paris spielt. Die Agentur liegt in der Rue Saint-Honoré, in einem imposanten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, einen Steinwurf vom Louvre und vom Palais Royal entfernt. Einer der Agenten, Gabriel (gespielt von Grégory Montel), fährt mit einem roten Motorroller durch die Stadt, berühmte Klienten wie Monica Bellucci setzen sich schon mal zu ihm auf die Sitzbank. „Das war eine künstlerische Entscheidung“, erzählt Cottin. „Die Hälfte der Szenen wurde vor Ort gedreht. Das ist viel für eine TV-Serie.“

Als Sigourney Weaver in der vierten Staffel ihren Auftritt hat, haben vor ihr bereits Charlotte Gainsbourg, Isabelle Huppert, Juliette Binoche, Béatrice Dalle, Julie Gayet, Jean Reno und viele andere französische Stars ein Cameo in der Serie absolviert. Für die ersten Folgen war es noch schwierig, Stars zu finden, die mitmachen wollten. „So etwas hat in Frankreich keine Tradition“, erklärt Cottin. „Wir halten uns tendenziell für ernst zu nehmende Künstler, da passen Selbstironie und Selbstparodie nicht unbedingt dazu. Aber als sie die Drehbücher lasen und merkten, dass es ironisch und behutsam, fröhlich und optimistisch zugeht, liebten sie es.“

Abschied von der Rolle

Die Dreharbeiten für die vierte Staffel von Call My Agent! endeten kurz vor dem ersten Lockdown im vergangenen März, als Cottin mit ihrem Mann und den fünf- und zehnjährigen Kindern in ihr Haus in der Normandie bei Giverny zog. Sie hatten es gemeinsam mit ihrer Schwester und Mutter gekauft und waren mitten in der Renovierung. „Es kam auch noch eine Freundin mit ihrer Familie dazu, Stand-up-Comedienne Camille Chamoux. Wir lebten alle auf dieser Baustelle, machten Homeschooling, bauten Gemüse an, Camille schrieb.“

Trotz des idyllischen Ortes und des Zusammenseins mit Familie und Freunden durchlebte Cottin in der Zeit wahre Todesängste. „Ich war total erschrocken über das, was ich hörte, las und jeden Tag in den Nachrichten sah: lange Schlangen an den Essenstafeln, starker Anstieg häuslicher Gewalt, Schulschließungen ... es war schrecklich.“

Den zweiten Lockdown ab Ende Oktober erlebte Cottin ganz anders. Sie musste sich von einer Corona-Erkrankung erholen, nachdem sie sich einen Monat zuvor beim internationalen Serienfestival in Cannes angesteckt hatte. „Ich verbrachte die Tage zu Hause und schaute eine Serie nach der anderen, während mein Partner sich um die Kinder kümmerte. Ich hab beide Staffeln Succession geschaut, es war grandios.“

Es ging ihr schnell wieder besser, aber dann erkrankten auch ihr Mann und die Kinder. „Wir hatten Glück. Alle hatten einen milden Verlauf.“ Doch auch drei Monate später ist ihr Geruchssinn nicht voll zurück. „Als wenn mein Gehirn die Verbindung nicht mehr automatisch herstellt. Wenn jemand mich auf einen bestimmten Geruch im Raum hinweist, kann mein Gehirn das erfassen, und irgendwann rieche es auch. Bizarr, oder?“

Sorgen macht sie sich um viele Kollegen, von denen die meisten derzeit nicht arbeiten oder auftreten können. „Wir haben Glück in Frankreich mit seiner sehr großzügigen staatlichen Unterstützung. Aber die ganzen Filmstarts, die verschoben wurden, die langen Schließungen von Theatern, Kinos, Konzerthallen ... Werden sie wirklich alle wieder aufmachen? Wird das Publikum von seinen kleinen Bildschirmen weg und zurück in die Kinos kommen? Brauchen wir Kultur nicht viel mehr als Shopping?“

Stillwater hätte schon im November 2020 in die Kinos kommen sollen, wurde jetzt aber auf Sommer 2021 verschoben. „Ich bin froh, dass er nicht auf einer Streaming-Plattform veröffentlicht wird. Wenn etwas als Kino und für das Kino konzipiert wurde, sollte es auch auf einer großen Leinwand in einem Kino gezeigt werden.“ Aus ihrer Teenagerzeit in London habe sie sich „ein paar englische Eigenschaften bewahrt“, sagt Cottin: „Die Liebe zur Natur und zu ländlichen Gegenden, ich mag Bier und eine bestimmte Form von Freiheit, die keine Kategorisierungen kennt.“ Zu dieser Liste könnte man einen ironischen, sehr britischen Sinn für Humor hinzufügen, der zu Cottins Markenzeichen wurde. Kein Wunder also, dass sie vor ein paar Jahren die Hauptrolle in der französischen Fleabag-Adaption Mouche bekam, auch wenn „die eigentlich gar nicht nötig war. Aber die Rechte waren schon gekauft, bevor Phoebe Waller-Bridges TV-Serie ein Hit wurde. Bis wir so weit waren, hatte das Publikum schon das Original mit Untertiteln geguckt.“ Und Mouche war nicht mehr relevant. „Wenn eine Original-TV-Serie mit Untertiteln weltweit verfügbar ist, erübrigen sich Remakes.“ Das könnte auch auf die Remakes von Call My Agent! zutreffen, die in der Türkei, Indien, Kanada und Großbritannien vorbereitet werden. Cottin ist wenig überzeugt davon. „In der Türkei ist meine Figur plötzlich heterosexuell, was jammerschade ist. Dass sie lesbisch ist, macht sie doch zu der, die sie ist.“

Info

Call My Agent! Fanny Herrero Frankreich 2015, alle 4 Staffeln bei Sony (buchbar über Amazon Prime Video). Mitte April wurde bekannt, dass ein Fernsehfilm und eine fünfte Staffel folgen sollen

Agnès Poirier berichtet für den Guardian aus Paris über Kunst und Kultur

Übersetzung: Carola Torti

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 02.06.2021
Geschrieben von

Agnès Poirier | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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