Im Auge des Sturms

Saudi-Arabien Die Elite des am wenigsten demokratischen Staates der Region schaut nervös auf die Nachbarschaft. Der Widerspruch zwischen moderner Urbanität und Theokratie ist groß

Diese Monarchie muss derzeit Ungewohntes hinnehmen – im Westen wird in Ägypten mit Hosni Mubarak ein wichtiger Alliierter entbehrt. Im Norden bleibt Syrien einer Protestwelle ausgesetzt, die keine Anzeichen von Ermüdung zeigt. An der saudischen Südgrenze tobt der Aufstand im Jemen. Nach Bahrain hat Riad sogar Soldaten entsandt, um den Einfluss auf das winzige, vom Khalifa-Clan beherrschte Königreich nicht zu verlieren und zu verhindern, dass ein revolutionärer Funke auf die saudischen Ost-Provinzen überspringt, in denen sowohl die größten Ölreserven liegen als auch die meisten Schiiten leben.

Die Regierung Saudi-Arabiens reagiert auf Unwägbarkeiten, wie man es von einem Land erwartet, das im Demokratie-Ranking des Economist Intelligence Unit (einem Institut, das bei seinen Analysen die Daten von 185 Staaten auswertet) als das am wenigsten demokratische der Nahost-Region geführt wird. Die Forderungen nach einem Wandel reichen bis zum Advice Memorandum von 1992 zurück – einer Petition, die seinerzeit Wissenschaftler beim König einreichten – und haben durch die Umbrüche in Tunesien und Ägypten neuen Auftrieb erhalten.

Prompt verschwunden

Das bisher Unvorstellbare ist geschehen, seit sich eine Gruppe von Intellektuellen über das offizielle Verbot politischer Organisationen hinweggesetzt und die erste Partei des Königreiches ausgerufen hat, was zur Verhaftung aller zehn Initiatoren führte. Selbst aus der königlichen Familie kommen jedoch mittlerweile Rufe nach Reformen: Prinz Turki Al Faisal plädiert dafür, die Mitglieder des Parlaments – der Shura – zu wählen, anstatt wie bislang zu ernennen. Was man jahrelang selbst hinter verschlossenen Türen nur leise auszusprechen wagte, wird nicht mehr nur in Internet-Foren diskutiert, sondern vor laufenden Kameras. Wie das der Journalist Khaled al-Johani gegenüber einem Team der BBC tat und kurz darauf verschwand. Obwohl das Regime versucht, die Konfessionen gegeneinander auszuspielen und die iranische Gefahr heraufzubeschwören, um den Protest zu delegitimieren, zieht sich die Unruhe in Wahrheit quer durch die saudische Gesellschaft. Die Menschen haben genug von Repression und Korruption oder der Verschwendung von Milliarden Dollar für Waffenkäufe. Man braucht sich nur das verwüstete Jeddah nach den Überschwemmungen von 2009 und 2011 anzusehen, um zu begreifen – es ist nicht die schiitische Minderheit allein, die marginalisiert wird.

Die Herausforderungen, denen sich das Regime gegenübersieht, sind die Folge fortschreitender Modernisierung und Urbanisierung, der Rückkehr im Ausland ausgebildeter Studenten und der Verbreitung neuer Kommunikationsmedien. Letzteres führt dazu, dass es in Saudi-Arabien den höchsten Anteil an Internetnutzern der Region gibt (mit 40 Prozent der Bevölkerung doppelt so viel wie in Ägypten). Der Ölreichtum hat das Land aus einer anspruchslosen Wüstenexistenz gerissen und innerhalb weniger Jahrzehnte in Richtung Konsumgesellschaft bugsiert. Da aber diese Zäsur keine Entsprechung auf kultureller Ebene findet, klafft eine Lücke zwischen der sozialen Realität und der offiziellen konservativen Ideologie, die durch das wahhabitische Establishment mit seiner rigiden Hanbali-Interpretation des Islam geprägt wird. Dies heißt freilich nicht, dass der Geistige Rat und seine Religionspolizei in Saudi-Arabien die Entscheidungen treffen. Sie bleiben Angestellte der Regierung, um Entschlüsse des Königs und seiner Entourage mit göttlichem Siegel zu versehen. So geschehen, als der Rat 1990 die „Bitte um Hilfe für die Ungläubigen“ und die Präsenz von US-Truppen im eigenen Land sanktionierte, um Saddam Hussein nach dem Einmarsch seiner Armee in Kuwait zur Räson zu bringen.

Zur Belohnung für ihre quietistische Auslegung des Islam lässt man den Klerikern in der gesellschaftlichen Sphäre freie Hand. Hier wird ihnen unbegrenzte Autorität gewährt, wenn es um die Überwachung individuellen Verhaltens geht.

Drakonische Verordnungen

Niemand zahlt einen höheren Preis für diesen Pakt zwischen Herrschenden und Klerus als die Frauen. Während man gegenüber dem politischen Autoritarismus des Monarchen und seiner Elite sowie der Unterordnung unter Diktate der USA beide Augen zudrückt, lassen die Gottesfürchtigen gegenüber den Frauen ihre Muskeln spielen. Jede Minute ihres Lebens sind saudische Frauen dem wachsamen Augen von Geistlichen ausgesetzt und werden von drakonischen Verordnungen gemaßregelt: Sie dürfen nicht Auto fahren, keine wie auch immer gearteten Verträge schließen, nicht wählen – nicht einmal medizinische Hilfe erhalten, falls ein Vormund das Einverständnis verweigert.

Jetzt, da sich Saudi-Arabien im Auge des revolutionären Sturmes wiederfindet, werden alle religiösen und finanziellen Mittel mobilisiert, um den Status quo zu konservieren. Neben passgenauen Fatwas, die Widerspruch als Fitna (das Säen sozialen Unfriedens) und Demonstrationen als Auflehnung gegen die Regierenden verurteilen, versucht das Regime, sich die Loyalität der Untertanen durch Bestechung zu erkaufen. Als er von seinem dreimonatigen Aufenthalt in den USA zurückkehrte, wo er sich medizinisch behandeln ließ, verkündete der kränkliche König Abdullah, die Bevölkerung mit – sage und schreibe – 129 Milliarden Dollar beschenken zu wollen. Das ist mehr als die Hälfte der jährlichen Öleinnahmen, die unter anderem für eine halbe Million Wohnungen zu erschwinglichen Preisen ausgegeben werden sollen. Ganz zu schweigen von einem größeren Budget für die Religionspolizei.

Außenpolitisch hält sich das Regime durch „special relationship“ mit den USA am Leben. Der Schutz durch die Amerikaner ist die Gegenleistung dafür, dass Saudi-Arabien den Ölnachschub garantiert und dem US-Finanzministerium durch Waffenkäufe jedes Jahr Milliarden in die Kassen spült. Doch ist dieser Zustand nicht gottgewollt und gegen den notwendigen Wandel nicht ewig immunisiert. Die Frage ist nicht so sehr, ob eine Eruption Saudi-Arabien erfasst, sondern vielmehr, in welcher Gestalt und in welchem Umfang dies geschehen wird.

Soumaya Ghannoushi arbeitet an der Londoner School of African and Oriental Studies und schreibt für die Meinungsseite des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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15:00 17.06.2011
Geschrieben von

Soumaya Ghannoushi | The Guardian

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Ausgabe 38/2020

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