Im Augenblick der Krise

Orlando Die politischen Reaktionen nach dem Massaker sind breit gestreut und Demagogen nutzen die Angst für sich. Um was es auch gehen mag – mit Einwanderung hat es nichts zu tun
Im Augenblick der Krise
Menschen trauern um die Toten und Verletzten
Foto: Jessica Kourkounis/AFP/Getty Images

Während die Angehörigen trauern und eine ganze Nation unter Schock steht, wird die politische Klasse Amerikas versuchen, die abscheulichen Ereignisse in Orlando so zu deuten, dass sie am besten in ihre jeweilige Agenda passen. Wer gehofft hatte, eine Tragödie wie diese würde nicht parteipolitisch ausgeschlachtet, dürfte enttäuscht werden.

Die Fakten sind spärlich und vieles noch nicht endgültig: Das Blutbad wurde als Fall von inländischem Terrorismus klassifiziert; der Täter Omar Mateen war offenbar Moslem und hatte mehrere Schusswaffen waren, einschließlich einer Sturmgewehr-ähnlichen Waffe; Ort des Geschehens war ein Club für Schwule und Lesben; mindestens 50 Menschen wurden bei dem Überfall getötet und weitere 50 verletzt; das Ganze ereignete sich in einem Wahljahr in einem Swing State. Damit berührt er gleich mehrere wunde Punkte, und das in einem für die politische Lage in den USA besonders brisanten Augenblick. Alle werden danach beurteilt werden, wie sie auf den Anschlag reagieren; manche werden versuchen, politisches Kapital aus der Tragödie zu schlagen. Alle sind in irgendeiner Weise angreifbar; aber natürlich wird keiner das bereitwillig zugeben.

Präsident Barack Obama beschrieb die Tat als einen „Akt des Terrors und des Hasses“ und sagte, das FBI untersuche sie auch als terroristische Tat. „Wir werden dort ermitteln, wo uns die Fakten hinführen“, sagte er. Dies könnte manchen nicht genug sein.

Wenige Minuten bevor Obama sich an die Öffentlichkeit wandte, hatte der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, getwittert: „Wird Präsident Obama endlich die Worte radikaler islamistischer Terrorismus in den Mund nehmen? Wenn nicht, sollte er sofort in Schimpf und Schande zurücktreten!“

Am zurückhaltendsten äußerte sich die demokratische Spitzenkandidatin, Hillary Clinton: „Während wir auf weitere Informationen warten“, twitterte sie, „sind meine Gedanken bei denjenigen, die von dieser schrecklichen Tat betroffenen sind.“

Eingebetteter Medieninhalt

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Ihr Herausforderer, Bernie Sanders, stellte die Bedeutung der Waffenkontrolle heraus: „Wir müssen alles tun, was in unserer Macht steht, um sicherzustellen, dass Gewehre nicht in die Hände von Leuten gelangen, die sie nicht haben sollten: Kriminelle, Menschen mit psychischen Störungen. Dieser Kampf geht also weiter.”

Die Bandbreite der unmittelbaren Reaktionen macht deutlich, wie verworren die politische Reaktion ausfallen könnte. Um was auch immer es hier gehen mag, mit Einwanderung hat es nichts zu tun. Omar Mateen, der mutmaßliche Mörder, wurde in den USA geboren. Was auch immer in dazu veranlasst hat, eine solch grausame Tat zu verüben, kann nicht an der Grenze eines anderen Landes abgelegt werden. Sein Hass war home-grown.

Manche werden sagen, es habe mit dem Islam zu tun. Mateen war Moslem. Aber Massenerschießungen sind nicht muslimischen Tätern vorbehalten und in den USA nicht etwa etwas völlig Neues. Allein im vergangenen Jahr gab es 330 davon.

Manche werden sagen, es handle sich um eine Sicherheitsfrage. Mateen bekannte sich zum sogenannten Islamischen Staat. Inzwischen hat die IS-nahe Nachrichtenagentur Amaq die Verantwortung für den Anschlag übernommen, gleichzeitig aber bestritten, der IS habe sich zu dem Blutbad bekannt. Wie es scheint, wurde der Mann diesbezüglich noch nie belangt. Er mag von der Brutalität des IS inspiriert gewesen sein, aber man kann niemanden für das verhaften, was er im Kopf mit sich herumträgt.

Manche werden sagen, es gehe um religiöse Integration. Interviews mit seinem Vater und seiner Ex-Frau legen nahe, dass er zutiefst homophob und gewalttätig war. Vor diesem Hintergrund war es sicher kein Zufall, dass er sich einen Gay Club als Ziel aussuchte.

Sein Vater sagte gegenüber NBC, er habe sich einmal schrecklich aufgeregt, als er gesehen habe, wie zwei Männer sich öffentlich küssten. Seine Ex-Frau erklärte gegenüber der Washington Post, er sei immer wieder ausfallend geworden und sehr instabil gewesen. „Er hat mich geschlagen“, erzählte sie. „Er kam nach Hause und fing einfach an, mich zu schlagen, nur, weil die Wäsche noch nicht fertig war.“ All dies könnte dazu führen, dass die liberale Gesellschaft zum Generalangriff auf den Islam und die Gefahren des Multikulturalismus bläst.

Muslime haben häusliche Gewalt und Homophobie aber nicht erfunden und die Entschlossenheit, mit der manche auf der Rechten die Ehe für alle bekämpfen, lässt vermuten, dass Toleranz und Akzeptanz auch in weiten Teilen des christlichen Amerika noch immer kein Zuhause gefunden haben. Nur wenige Stunden nach dem Überfall schien Texas‘ stellvertretender Gouverneur, Dan Patrick, andeuten zu wollen, die Opfer seien selbst für ihren Tod verantwortlich: „Irrt euch nicht!“, schrieb er, Galater 6, 7 zitierend: „Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“

Nur 48 Stunden, nachdem Amerika seinem berühmtesten moslemischen Bürger feierlich und würdevoll die letzte Ehre erwiesen hat, findet sich die gesamte islamische Community unter Kollektivverdacht, nicht nur des Terrorismus, sondern auch der Schwulenfeindlichkeit.

Manche werden sagen, es gehe um Waffen. Berichten zufolge hat der mutmaßliche Täter seine Schießwaffe legal erworben. Homophobie und Geisteskrankheit existieren in jedem Land; aber in keinem anderen Land der westlichen Welt hätte Mateen diese Waffen so einfach erstehen können. Andererseits: Frankreich verfügt über äußerst strenge Waffengesetze und man muss sich nur ansehen, was dort in den letzten Jahren passiert ist.

In Wahrheit geht es wahrscheinlich um viele dieser Dinge. Und je dreister behauptet wird, es habe lediglich eine einzige Ursache, desto leichter kann dies widerlegt werden. Während die Tat selbst grob und brutal war, sind die ihr zugrundeliegenden Faktoren komplex.

Aber in Augenblicken der Krise wie diesen wird Komplexität nur allzu leicht mit Schwäche verwechselt und als solche verspottet. Trumps Zustimmungswerte im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zogen nach den Anschlägen von Paris und San Bernardino an.

Angst spielt dem Demagogen in die Hände. Die Geschichte ist allerdings auf der Seite der Vorsichtigen.

Gary Younge ist Autor und Kolumnist des Guardian

15:45 13.06.2016
Geschrieben von

Gary Younge | The Guardian

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