Im Gefängnis Gaddafis

Weggesperrt Ein Guardian-Reporter wollte über den Krieg in Libyen berichten. Dann nahmen ihn Gaddafis Truppen fest. Ein Bericht über 14 Tage in libyscher Haft

Wir stießen auf Gaddafis Truppen in den Außenbezirken der Stadt Zawiya. Das letzte Anzeichen für Rebellenaktivitäten hatten wir vor einem Kilometer gesehen: ein zerstörter Kontrollpunkt, ein mit Kugeln übersätes Gebäude, fünf ausgebrannte Autos. Nun blockierten Gaddafis Soldaten die zur Küste führende Schnellstraße mit ihren Pickup-Trucks und Panzerfahrzeugen. Unser Fahrer verließ die Fahrbahn und machte im Sand einen weiten Bogen um die Barrikade, bevor er wieder auf die Straße zurückkehrte. Danach war er so nervös, dass er sich sogar vor dem Anblick eines verlassenen Autos fürchtete, das in großer Entfernung mitten auf der Straße stehengelassen worden war.

Wir – der brasilianische Journalist Andrei Netto und ich, die wir im Gefolge von Rebellen aus dem Westen Libyens unterwegs waren – sollten in dieser Nacht nicht wie ursprünglich geplant bis ins Zentrum Zawiyas kommen. Stattdessen steuerten wir das 20 Kilometer westlich gelegene Sabratha an, von dem wir wussten, dass es von Gaddafi-loyalen Truppen zurückerobert worden war. Die Gebäude von Polizei und den Nachrichtendiensten waren zwar verkohlt, aber sie trugen neue grüne Flaggen – die Flaggen des Regimes.

Wir trennten uns also von unserer Rebelleneskorte und verbargen uns in einem leerstehenden, halbfertigen Haus. Leider dauerte es nicht lange, bis sich vier Männer in dunklen Trainingsanzügen näherten. Drei von ihnen waren mit Stöcken bewaffnet, einer trug ein Gewehr. Als sie das Haus umstellten, war klar: Es gab keine Möglichkeit, zu entkommen. Sie nahmen uns unsere Mobiltelefone ab und führten uns im Polizeigriff mit dem Kopf nach unten zu einem Geländewagen. Währenddessen beschimpften sie uns: „Ihr Hurensöhne! Ihr Juden und Zionisten! Ihr arabischen Verräter! Ihr wollt Gaddafi stürzen? Wir ficken eure Mütter! Gaddafi wird es euch zeigen!“

Erst wurde ich in den Pickup gesetzt, dann Netto. Als er einstieg, holte einer der Milizionäre mit einem Metallrohr aus und schlug ihn damit auf den Kopf. Sie brachten uns zu einem nahe gelegenem Anwesen. Dort verhörte man uns, verband uns die Augen und fuhr uns dann zwei Stunden lang zu einem Gefängnis, von dem ich heute weiß, dass es sich in Tripolis befindet. Dort wurden wir getrennt. Ich habe Netto seitdem nicht mehr gesehen.

„Steh auf!“ – Dann klatschte es

Immer noch mit verbundenen Augen wurde ich vier Stunden lang über meine „Kollaboration“ mit dieser gottlosen britischen Zeitung verhört. Dann brachten sie mich eine Treppe hinunter. Sie nahmen mir die Augenbinde ab und ich sah einen Gang im Neonlicht, in dem sich 20 mit Riegeln und weißen Nummern versehene Eisentüren aufreihten. Jede Tür hatte zwei Luken – eine oben, eine unten. Vor den Türen stapelten sich leere Saftkartons, Plastikverpackungen und weiterer Müll. Ich wurde in Zelle 11 geschoben, eine fensterlose Schachtel, 2,5 mal 1,5 Meter groß, dunkelgrau gestrichen und von einer schwachen Glühbirne beleuchtet. In dem Raum lag eine schmutzige Matratze, eine Decke und ein dreckiges Kissen. Eine niedrige Mauer trennte eine Ecke ab. Darin befand sich eine zerbrochene Kloschüssel, die mit einer dicken braunen Kruste bedeckt war, ein Wasserhahn und ein Eimer.

Das geschah am Mittwoch, dem 2. März 2011. Das nach Abwasser stinkende Gefängnis sollte für zwei Wochen mein Zuhause werden. Tag und Nacht wurden Riegel auf- und zugeschoben, Türen geschlagen und mit Armeehosen, T-Shirts und Turnschuhen bekleidete Wachen schoben gefesselte Gefangene in und aus den Zellen. Einer der Wärter – ein großer Mann mit randloser Brille, dessen Zivilkleidung auf einen gewissen Rang schließen ließ – sprach mehr als die anderen. „Alle, die wir gefangen nehmen, sind al-Qaida-Leute“, sagte er einmal. „Die hacken Zivilisten den Kopf ab, verbrennen sie und fressen ihre Herzen.“

Ein anderes Mal stimmte er ein Loblied auf Muammar al-Gaddafi an: „Wir lieben ihn“, sagte er und verdrehte die Augen bis nur noch zwei weiße Schlitze zu sehen waren. „Wir lieben, lieben ihn! Wir Libyer haben uns für ihn entschieden, nicht der Westen. Mit ihm haben wir Krisen durchgestanden. Uns verbindet eine Geschichte. 42 Jahre! Ich kenne nichts außer ihm und jetzt wollen sie, dass wir uns gegen ihn wenden. Er ist nicht nur unser Führer, er ist ein Philosoph, ein Denker. Er ist alles.“

Schlimmer noch als die Wärter, die Angst und der Gestank war ein verrückt gewordener Gefangener auf meinem Gang. Seine Schreie hallten durch das ganze Gefängnis, ohne dass man verstehen konnte, was er schrie. Manchmal hörte er plötzlich auf, um nach einem Moment der Stille wieder anzufangen zu kreischen. Wenn ein Wärter vorbeikam, fragte er ihn in höflichem Ton: „Servieren Sie heute keinen Tee oder Kaffee? Bekommen wir heute keine Zeitungen?“ Tage später fand ich heraus, dass er, wie viele andere, regelmäßig verhört und geschlagen wurde.

Am frühen Sonntagmorgen, dem 6. März, gab es vor dem Gefängnis eine Schießerei. Es begann mit ein paar Salven aus Handfeuerwaffen, dann kam der tiefere Ton von Flugabwehrgeschützen hinzu, der sich zu einem kontinuierlichen Trommeln steigerte. Die Insassen wurden unruhig. Stürmten die Rebellen das Gefängnis? Hatte der Aufstand Tripolis erreicht? Wurden wir gerettet? Der Wahnsinnige stieß einen langen, heulenden Siegesschrei aus, während der Gefangene in Zelle 12 immer wieder wiederholte: „Oh mein Gott. Oh mein Gott“. Die Gefechtsgeräusche schwollen über eine halbe Stunden lang an und wieder ab, bevor sie schließlich verstummten und von dem Geräusch zweier über dem Gefängnis kreisender Helikopter abgelöst wurden.

Als der Kommandant mit der randlosen Brille später durch den Gang ging, um das Frühstück durch die Luken zu schieben, kochte er: „Diese dreckigen Europäer, wir werden sie mit unseren Schuhspitzen zerdrücken. Wenn diese Hunde von Rebellen hierherkommen, werden wir alle zusammen sterben. Die Söhne Gaddafis werden niemals davonrennen. Ein Mann lebt einmal und stirbt einmal, also ist es besser, kämpfend zu sterben.“

Am Abend nach dem Gefecht füllten sich die Zellen. Einer der Männer kam aus Zwara, ein anderer aus Zawiya und dann war da noch ein dicklicher, grauhaariger namens Richard, der Englisch mit einem amerikanischen Akzent sprach. Am Montag waren einige Zellen mit drei Leuten belegt. „Warum werde ich hier festgehalten?“, fragte einer der Männer.

„Ich habe mich freiwillig gestellt, als die Amnestie verkündet worden war.“

„Klar“, lachte ein Wärter. „Wir bringen dich bald in ein Fünf-Sterne-Hotel.“

Ich wurde in eine größere Zelle nach oben gebracht. Auch sie hatte kein Fenster, war aber gekalkt und wurde Tag und Nacht von einer Neonlampe beleuchtet. Die Schreie des Wahnsinnigen und das Türenschlagen konnte ich auch hier vernehmen.

Später hörte ich die erste Stimme durch die Wand dringen – die Zelle lag neben zwei Verhörräumen. Ich hörte Fetzen geschriener Fragen und Anschuldigungen aus den Verhören – „Qaida“, „Libyen angreifen“, „Muammar“, „Wer sind sie?“ – unterbrochen von leichtem Klatschen und dumpfen Schlägen als würden Reissäcke gegen eine Wand geworfen. Und dann waren da noch die Geräusche bittender, schreiender und weinender Häftlinge.

Ein Verhör am Mittwoch verlief wie folgt:

„Steh auf!“

Ein klatschendes Geräusch. Klatsch. Klatsch.

„Ich sagte: Steh auf!“

Klatsch. Klatsch.

Dies wiederholte sich fünf Mal. Irgendwo im Flur dröhnten Pro-Gaddafi-Lieder aus einem Fernseher.

Am Donnerstag, den 10. März wurde ich aus der großen Zelle geholt und in Zelle 18 im Keller gesteckt. Sie war klein und schmutzig. Dieses Mal musste ich sie mir mit einem anderen Gefangenen teilen. Er saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf einer zerrissenen Matratze und bedeckte seine Beine mit einer schmutzigen gelb-roten Decke. Sein Haar war zurückgekämmt, aus seinem Kinn standen ein paar Tage alte Bartstoppeln heraus. „Bangladesch“, sagte er und zeigte auf sich. Er hatte nur ein dünnes Hemd an und zitterte. Nach ein paar Minuten des Schweigens fügte er auf Arabisch hinzu: „Kalt. Alle Kleider bei ihnen.“

Zahnbürsten gab es am 12. Tag

Er erzählte mir in gebrochenen Sätzen seine Geschichte. Er hatte mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Dhaka gelebt. Vor ein paar Jahren war er zu einem „großen Chef in einem großen Gebäude aus Glas mit einem großen Büro“ gegangen, um diesem Geld für ein Visum für Saudi Arabien zu zahlen, wo er auf dem Bau arbeiten wollte. Aber das Visum war nie bei ihm angekommen. Nach fünf Monaten sagte man ihm, es gebe kein Visum für Saudi Arabien, er könne aber eins für Dubai bekommen. Also bezahlte er noch mehr Geld und wartete weiter. Zwei Monate später sagte man ihm, es gebe kein Visum für Dubai, dafür aber eines für Libyen. „Der Chef meinte, Libyen sei wie Dubai – viel Öl und gute Bezahlung.“ Mit einem Touristenvisum kam er dann schließlich ins Land. Das Visum war schnell abgelaufen und die Arbeitserlaubnis und der Job, die ihm versprochen worden waren, bekam er nie zu sehen. Also arbeitete er schwarz auf Baustellen in Bengasi und Tripolis.

Als die Proteste ausbrachen und die Ausländer begannen, das Land zu verlassen, bat er seinen libyschen Chef, ihm das Geld auszuzahlen, das er ihm schuldete, damit auch er gehen könne. „Er sagte: später, später.“ Während alle seine Freunde nach Tunis gingen, blieb er und wartete auf seine 800 Dinar, was in etwa 450 Euro entspricht.

„Vor vier Tagen“ – er zählte sie mit den Fingern ab – „hielt mich ein Soldat an und fragte mich nach meinem Visum. Ich sagte ihm, dass ich keines habe. Da schlugen sie mich und brachten mich hierher.

Am darauf folgenden Tag wurde ich wieder in eine Einzelzelle gebracht. Gegen Ende der zweiten Woche bemerkte ich kleine Veränderungen in der Art und Weise meiner Behandlung. Am 12. Tag beispielsweise brachte ein Wärter eine Zahnbürste. Am 13. Tag erreichten mich ein Stück Seife und Shampoo. An Tag 14 brachten sie mir eine Tasse Kaffe und boten mir sogar eine Zigarette an.

Es gab keine Informationen, was draußen vor sich ging oder warum ich überhaupt festgehalten wurde. Wann, überlegte ich, würden sie kommen und mich in eine der Verhörzellen bringen? Dienstagnacht kam dann ein lächelnder Offizier, um mir die Nachricht zu überbringen, dass ich entlassen würde. Mir wurden die Augen verbunden und ich wurde in ein Badezimmer mit Spiegel gebracht. Man gab mir einen Rasierapparat und sagte mir, ich solle mich rasieren. Aber das wollte ich gar nicht. Ich bettelte und er gab nach. Eine Stunde später sagte man mir, meine Freilassung sei verschoben worden.

Am nächsten Morgen, Mittwoch, den 16. März, gab man mir mein Notebook und meine Kamera zurück und verband mir erneut die Augen. Ich musste mich hinten in einen Laster legen. Man würde mich vor Gericht stellen, sagte mir der Beamte. Als der Laster anhielt, sagte der Wärter mir, ich solle näher an ihn heranrücken. Er nahm mir die Binde ab und ich sah, dass wir uns vor einem großen Gebäude befanden. Ein zweiter Mann kam und führte mich einige Stufen aus Marmor empor. Oben erwarteten mich drei Kollegen vom Guardian, um mich außer Landes zu bringen. Sie sagten, mein brasilianischer Kollege, Andrei Netto, sei schon sechs Tage vor mir entlassen worden.

Ghaith Abdul-Ahad ist Träger des British Press Awards.

Im (3/2011) schrieb er zuletzt über Teilzeit-Taliban in Afghanistan.

Übersetzung: Holger Hutt
15:00 08.04.2011
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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