Im Kampf mit uns selbst

Desinformation Wir müssen unsere Privatsphäre schützen, wenn wir uns gegen Länder und Firmen verteidigen wollen, die versuchen, uns zu manipulieren
Im Kampf mit uns selbst
Ungefilterte Propaganda, wohin das Auge reicht

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Kommunikation wird eingesetzt, um zu provozieren und die Öffentlichkeit auf vielerlei listige Art und Weise zu beeinflussen. Desinformation war lediglich das erste Stadium eines sich entwickelnden Trends der Verwendung von Informationen zur Untergrabung der Demokratie, um einen konkurrierenden Staat zu verwirren, Narrative zu bestimmen oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Mit den großen, unregulierten und offenen Netzwerken, von denen die Tech-Unternehmen einst versprachen, sie würden die gewöhnlichen Leute „ermächtigen“, hat sich die Desinformation schnell über den ganzen Globus verteilt. Die Macht, die Tech-Unternehmen uns boten, ist in den Händen von Propagandisten zu deren wertvollster Waffe geworden. Sie lagen richtig, als sie sich dachten, dass eine überforderte, zu schnell globalisierte Welt anfälliger für das formbare Monster der Desinformation ist als für einfache Propaganda. Was auch immer wir tun, wie viele Initiativen zur Überprüfung von Fakten wir auch ergreifen, die Desinformation wird bleiben – sie verändet sich lediglich.

Während zunächst Länder, die für den Einsatz staatlicher Propaganda bekannt waren – wie Russland und Nordkorea –, als die Hauptschuldigen identifiziert wurden, nimmt die Liste der Staaten, die Desinformationen einsetzen, kontinuierlich zu. China setzt gegenwärtig offenbar auf Desinformation, um die Demonstranten in Hongkong als Büttel niederträchtiger Westmächte oder gewalttätige Randalierer darzustellen, um damit potenziell den Boden für ein gewaltsames Eingreifen zur Unterdrückung der Bewegung vorzubereiten. Von Indien gehen ständig Desinformationskampagnen aus – sei es vor den letzten Wahlen oder während der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit Pakistan um Kaschmir. Lobby- und PR-Unternehmen haben die Desinformation im Internet mittlerweile professionalisiert, wie die Fälle von Sir Lynton Crosby, dessen Firma CTF für Boris Johnson Wahlkampf machte, oder den Troll-Farmen auf den Philippinen zeigen.

Die nächste Stufe in der Verwendung von Informationen als Waffe besteht in der zunehmenden Bemühung, Informationsflüsse und damit die öffentliche Meinung zu kontrollieren. Recht häufig, indem – paradoxerweise – das umhergehende Gespenst der Desinformation als Vorwand genommen wird, eben genau dies zu tun. Internet-Abschaltungen haben vor kurzem während Indiens Kommunikationssperre in Kaschmir Schlagzeilen gemacht, in Afrika sind sie längst Alltag. Access Now berichtet darüber, dass Internetabschaltungen sich zwischen 2016 und 2018 mehr als verdoppelt haben. Einigen Berichten zufolge wurde die App Telegram, die von den Demonstranten in Hongkong zur Koordination verwendet wird, ebenfalls mit einem „Distributed Denial of Service“-Angriff aus China attackiert.

Nicht im öffentlichen Interesse

Die Kontrolle von Informationen kann auch harmlosere Formen annehmen, wie zum Beispiel das Aussterben der regelmäßigen Presse-Briefings des Weißen Hauses, das Donald Trumps Twitteraccount de facto zum Sprachrohr der US-Exekutive gemacht hat, oder der Versuch Boris Johnsons, über Facebook einen direkten Kommunikationskanal mit seinem Publikum zu etablieren. Die Streichung von professionellen und erfahrenen Journalisten aus der Gleichung kann nicht im öffentlichen Interesse liegen. Die vierte Gewalt ist ein wesentlicher Teil unseres politischen Systems. Die nie endende Serie von Social-Media- und politischen Skandalen belegt, dass Tech-Unternehmennicht in der Lage sind, diese Rolle zu spielen – oder es gar nicht wollen.

Die dritte Stufe des Missbrauchs von Informationen als Waffe kann noch schlimmer sein. Da invasive und unsichtbare Data-Mining-Praktiken immer verbreiteter werden, könnten wir es schon bald nicht nur mit Desinformation oder Kommunikationssperren zu tun haben, sondern auch mit heimlicher Manipulation durch sogenanntes Nudging im großen Stil. Karen Yeung von der Birmingham Law School verwendet den Begriff „Hypernudges“, um anpassungsfähige, kontinuierlich aktualisierte und allgegenwärtige algorithmisch gesteuerte Systeme zu definieren, die ihren Probanden – also uns – eine hochpersonalisierte Umgebung liefern, die unsere Wahlmöglichkeiten definiert, indem sie ein maßgeschneidertes Bild der Welt schaffen.

IBM zufolge werden jeden Tag Daten im Umfang von 2,5 Trillionen Bytes erstellt. Datensätze mit persönlichen Informationen – an die man über unsere Online-Verträge mit Einzelpersonen oder Unternehmen gelangt – werden immer aufwendiger und umfangreicher. Auch wenn die Analyse, die notwendig ist, um nützliche Erkenntnisse aus ihnen zu gewinnen, das menschliche Fassungsvermögen übersteigen kann, laufen Systeme künstlicher Intelligenz und ihre Algorithmen mit ihnen weitaus besser.

Personalisierte Propaganda wirkt

Kommunikation, die durch Hypernudging vermittelt wird, kann unsere moralischen Wertvorstellungen, Normen und Prioritäten schrittweise verändern. YouTube-Empfehlungen mit rechtsradikalen Inhalte in Brasilien, die zur Radikalisierung bestimmter Nutzer geführt haben soll, stellen so eine Form des Nudging dar – unabsichtlich, wie das Unternehmen behauptet. Doch absichtliches Nudging mithilfe von Modellen, die auf unsere individuellen Präferenzen und Schwächen abzielen, werden in Zukunft wesentlich größeren Einfluss gewinnen. Auch wenn die Wirkung von personalisierter Propaganda wie derjenigen, die von Cambridge Analytica eingesetzt wird, noch fraglich sein mag, besteht kein Zweifel, dass langanhaltendes Nudging einen starken Einfluss ausüben kann – selbst wenn es nicht gerade eine enge Wahl entscheiden mag, so kann es doch die Apathie erhöhen oder Dissens und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen schüren. Die Möglichkeiten zur Manipulation scheinen endlos.

Dennoch könnte die Bezeichnung „Informationskrieg“ von der Tatsache ablenken, dass die Wurzel des Problems nicht in der Information an sich liegt. Wir müssen darüber reden, dass politische Akteure Informationen manipulieren und sich dabei regulatorische und rechtliche Freiräume zunutze machen, um Machtdynamiken zu verändern. Sie verwenden die Technologie von Unternehmen, die man so lange unbeaufsichtigt ließ, dass sie genügend Marktmacht erlangen konnten, um sich selbst durch geschickte Lobbyarbeit staatliche Regulierung wiederum vom Leib halten zu können – während traditionelle Medien machtlos dagegen scheinen, dass die Nachrichtenströme durch spalterische und polarisierende Akteure gekidnappt werden, die versuchen, ihre Ziele via Clickbait und Fake News zu verwirklichen.

Inmitten all dessen bleiben die Menschen zu überfordert, demotiviert und gelähmt, um ihre Handlungssouveränität zurückzufordern und sich diesem Angriff auf unseren Informationsraum und unsere digitalen Rechte entgegenzustellen. Der erste Schritt bestünde darin, unsere Privatsphäre einzufordern. Wir werden sie brauchen, wenn wir eine Chance haben wollen, uns unseren eigenen Informationen zu widersetzen, die als Waffe gegen uns selbst gerichtet werden, um uns zu disziplinieren und zu kontrollieren.

Sophia Ignatidou ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Chatham House und beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz, digitaler Kommunikation und Überwachung

Übersetzung: Holger Hutt
12:44 20.08.2019
Geschrieben von

Sophia Ignatidou | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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