Im Kryptohype

NFTs Knapp 58 Millionen Euro für ein JPEG-Bild, also ein rein digitales Kunstwerk – das ist astronomisch! Doch was hat das alles mit der Blockchain-Technologie zu tun?
Im Kryptohype
Zuvor hatte der Künstler Mike Winkelmann alias Beeple keinen Druck für mehr als 100 US-Dollar verkauft

Foto: Beeple/Christie’s

Kürzlich machte diese Auktion weltweit Schlagzeilen: Ein rein digitales Kunstwerk wurde für mehr als 69 Millionen US-Dollar (rund 58 Millionen Euro) verkauft. Das ist der dritthöchste Preis, der je für ein Kunstwerk bei einer Auktion bezahlt wurde. Es handelte sich um eine digitale Foto-Collage des Künstlers Mike Winkelmann, bekannt als Beeple, der bis Oktober noch keinen Druck für mehr als 100 US-Dollar verkauft hatte.

Die spektakuläre Christie’s-Auktion ist eine Folge des wachsenden Interesses an digitalen Echtheitszertifikaten namens NFT (Non-Fungible Tokens). NFTs werden mittels Blockchain-Technologie mit digitalen Unikaten verbunden. Wie bei einer Kryptowährung schreiben sie in einer Art dezentralisiertem öffentlichen Register fest, wem was gehört. Sie dienen daher als digitales Echtheitszertifikat für alle möglichen virtuellen oder tatsächlich existierenden Dinge. Meist werden sie derzeit dazu genutzt, digitale Güter wie Audiodateien, Videos, GIFs, Tweets und sogar virtuelle Sportschuh-Versionen zu Geld zu machen: 621 davon wechselten zuletzt für insgesamt 3,1 Millionen Dollar den Besitzer.

Zunehmend nutzloser Mist

Dabei bedeutet der Kauf eines NFT nicht unbedingt, dass man das Copyright für etwas erwirbt oder die einzige digitale Kopie: Viele NFTs werden für Videos oder Bilder vergeben, die anderswo im Internet leicht zugänglich sind (sogar Bilder von Beeples Rekord-Werk sind überall im Web zu sehen). Mit einem NFT erwirbt man nicht eine bestimmte Sache, sondern ein bestimmtes Eigentumsrecht daran.

Der NFT-trifft-Kunstwelt-Hype ist das neueste in einer Reihe von Blockchain-basierten Experimenten rund um die Echtheitsbestätigung von Eigentum und digitaler Kunst im Internet. Künstler*innen, die mit neuen Technologien arbeiten, bieten NFTs die Möglichkeit, in einem Bereich zu verdienen, der in der Vergangenheit schwer zu Geld zu machen war. Weniger wohlwollend betrachtet, ist das Ganze ein Hype für Reiche, die mittels Kryptowährungen mit Dingen spekulieren, die niemand braucht oder vielleicht sogar keiner wirklich will. Oder, wie Jacob Silverman es in der New Republic ausdrückte: „NFTs sind Besitzurkunden für zunehmend nutzlosen Mist.“

Mich fasziniert der NFT-Hype vor allem als Fortsetzung der merkwürdigen Praxis des Kunstsammelns in neuer Form. In der Kunstwelt – und in der Literatur über Kunst – wird der Sammler oder die Sammlerin fetischisiert. Sie werden als disziplinierte Figuren mit scharfem Blick dargestellt, jemand, der gleichzeitig Kenner und eine Art Unternehmer ist. Dabei treiben die Impulse von Sammler*innen viele der Mechanismen der sogenannten „Kunstwelt“ an: Auktionen und Kunstverkäufe, Messen und Biennalen, Leihgaben und Schenkungen an Museen. Tatsächlich befindet sich ein Großteil der Kunst der Welt in privaten Sammlungen. Dabei haben wir keine Ahnung, wie viel dort existiert. Sammler*innen tragen ihre Funde an Gemälden, Skulpturen und Fotografien aus ganz verschiedenen Gründen zusammen: Liebe zur Kunst, Liebe zum Spiel des Sammelns, Liebe zum Geld. Häufig wird Kunst als gute Investition bezeichnet, eine, die immer an Wert gewinnt. Dabei ist der vielleicht ausschlaggebende Aspekt des Sammelns das Besitzen: das Gefühl, etwas zu erwerben, das nur einem ganz allein gehört.

Das Eigentumsprinzip ist so stark Teil unserer Vorstellung von einem Kunstwerk geworden, dass die Idee des digitalen Sammelns lange strittig war. Ist eine digitale Sammlung nur eine Reihe von Bilddateien online, die verpixelt sind? Könnte jemand Ihr JPEG-Bild nicht sehr leicht „stehlen“, indem er einfach woanders eine Kopie herunterlädt? Bringt es überhaupt etwas, wenn Sie Ihr wertvolles Gemälde nicht an Ihrer realen Wand zeigen können?

NFTs beantworten zwar kaum all diese Fragen, aber sie schaffen es, digitalen Besitz klar genug zu kommunizieren, um das Interesse von interessierten Sammlern und Spekulanten zu wecken. Das neue Konzept von digitalem Eigentum, so nebulös es auch sein mag, ist eine Menge Geld wert.

Damit hat der Sammler-Impuls seinen Weg in den virtuellen Raum gefunden. Manche kaufen im Hinblick auf Kryptogewinne, andere wegen des Neuigkeitsfaktors und einige vielleicht auch wegen der Kunst selbst. Künstler*innen eröffnet das die Chance, mit neuen Formen zu experimentieren oder sich vielleicht sogar über die absurde Dynamik des Marktes lustig zu machen (wie etwa Yves Klein, der gegen Gold das Eigentum an einem Teil der Zone de Sensibilité Picturale Immatérielle – oder leeren Raum – verkaufte. Käufer*innen konnten die erhaltene Quittung verbrennen, woraufhin Klein in einer Art Ritual die Hälfte des Goldes in die Seine warf).

Das eigentlich Interessante an der Dynamik der NFTs in der Kunstwelt ist, dass sie bisher überhaupt keine große Abweichung vom normalen großen Geschäft mit der Kunst darstellen. NFTs sorgen dafür, dass sich die Mechanismen der Kunstwelt wieder einmal dem Sammler-Impuls unterordnen.

Sophie Haigney schreibt über Technologie und Kultur, unter anderem für die New York Times, den New Yorker und den Atlantic

Übersetzung aus dem Guardian: Carola Torti

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06:00 29.03.2021
Geschrieben von

Sophie Haigney | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 15/2021

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