Im Rausch des grünen Goldes

Drogen Kalifornien überlegt, seinen Haushalt mit einer Cannabis-Steuer zu sanieren. Im November könnte der industrielle Anbau beginnen

Wenn Jim Hill die Tür seines Gewächshauses öffnet, ist es für ihn, als würde er in einen Stall voller Kühe gucken. „Ich sehe eine Menge Arbeit vor mir“, sagt er, als wir eintreten. Im Inneren wächst in feuchtwarmer Luft ein Cannabis-Wald, der einen zugleich beißenden wie berauschenden Duft verströmt.

Von Hills Gewächshaus aus sieht man Weinberge und sonnenüberflutete Wiesen, auf denen Pferde grasen. Die fruchtbaren Hänge in der Nähe der nordkalifornischen Stadt Potter Valley liegen in einem Gebiet, das als Emerald Triangle bekannt ist: Drei Bezirke werden hier im Osten von den Bergen und im Westen vom Pazifik begrenzt. Es ist ein atemberaubend schöner Flecken Erde – und die Marihuana-Metropole der westlichen Hemisphäre. Diesen Status verdankt das Emerald Triangle drei Faktoren: dem perfekten Klima, dem Geist, der hier herrscht und seiner Topographie. Das Gebiet besteht aus einem Labyrinth aus erdigen Wegen, verschlossenen Toren, einsamen Dörfern, abgeschiedenen Hängen und Waldlichtungen. Vor neugierigen Blicken ist man hier sicher.

Jim Hill jedoch ist weder ein alter Kiffer noch ein Krimineller – und der Mann im gelben Polohemd hat keine Scheu, mit seiner Arbeit zu prahlen. „Sie müssen nur damit klarkommen, dass sie für den Rest der Woche nach Gras riechen werden“, sagt er während wir durch sein Gewächshaus klettern. „Zerdrücken Sie das hier mal zwischen Ihren Finger. Riechen Sie! Spüren Sie die volle, ölige Konsistenz!“

Hill hat genau ausgetüftelt, wann er was pflanzt. Er spricht gern darüber, wieviele Stunden Tageslicht man zu welcher Jahreszeit in diesen Breitengraden hat, über „Pflanz-Effizienz“ und vor allem über Fremdbestäubung. „Wir entwickeln und kreuzen verschiedene Marihuanasorten“, sagt er. Dann spricht er über Cannabis indica und sativa, über Kush und seine eigene Spezialität: Scarecrow. „Schauen Sie sich nur diese violetten Blätter an“, sagt er. „Sie sollten einmal die Dankesbriefe sehen, die ich von meinen Patienten bekomme.“

Arnie gefällt die Hasch-Abgabe

Hill baut sein Cannabis legal an, auch wenn die Gesetze hierzu verworren sind. 1996 verabschiedete Kalifornien den Compassionate Use Act, nachdem sich eine satte Mehrheit der Bürger bei einer Volksabstimmung dafür ausgesprochen hatte, dass Patienten auf „Empfehlung“ eines Arztes Cannabis zum Eigenkonsum anbauen und besitzen dürfen. Später wurde das Gesetz gelockert, um den Aufbau eines Netzwerkes von genossenschaftlichen Abgabestellen zu ermöglichen. Am Anfang gab es nur eine Handvoll dieser Stellen, heute sind es mehrere tausend, von der kleinen, schäbigen Klitsche bis hin zur Edel-Apotheke. In Oakland gibt es ein ganzes Viertel, das ­Oaksterdam genannt wird. An der dortigen Universität kann man Cannabisanbau studieren, zu den zahlreichen Abgabestellen im Stadtteil zählt auch das legendäre Blue Sky, das weltweit die größte Auswahl an Sorten im Angebot haben soll.

Jim Hill begann Cannabis wegen seiner medizinischen Eigenschaften zu züchten. Seine Frau Trelanie litt unter einem gestörten Serotonin-Haushalt und Hill war überzeugt, ihr auf diese Weise helfen zu können. Heute ist seine Ernte für Abgabestellen in San Diego und Los Angeles bestimmt. „Die Schikanen der Regierung haben mich zu einem Kämpfer für die Sache gemacht“, sagt er.

Selbst in Mendocino County ist es nicht gestattet, mit Cannabis Profit zu machen. Hills Gewächshaus ist nur deshalb legal, weil nicht er, sondern eine Genossenschaft, die „First Choice Collective“, Eigentümerin der Pflanzen ist. Die 1.200 Genossenschaftsmitglieder haben Marihuana von ihren Ärzten empfohlen bekommen. Die Geschäfte zwischen ihnen müssen innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs ablaufen, damit sie legal bleiben. „Ich verkaufe nur Dienstleistungen“, sagt Hill. In Übereinstimmung mit dem Gesetz „entschädigen“ die Genossenschaftler ihn für seinen Aufwand. Hill kann ganz gut davon leben.

Anfang des Jahres hat Gouverneur Arnold Schwarzenegger erklärt, er würde eine Debatte über die Legalisierung und Besteuerung von Marihuana begrüßen. Schließlich könnte eine Cannabis-Steuer helfen, manches Loch im kalifornischen Haushalt zu stopfen.

Heute ist Cannabis die profitabelste Nutzpflanze in dem Bundesstaat, der sich früher einmal „Orange State“ nannte. Schon eine Steuer alleine auf den Verkauf von medizinischem Marihuana könnte den öffentlichen Kassen bis zu 200 Millionen Dollar bringen. Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was Kalifornien bald einnehmen könnte. Im November wird dort nämlich über eine generelle Legalisierung von Marihuana abgestimmt, nachdem eine Bürgerinitiative dafür genügend Unterschriften gesammelt hat.

Die Züchter in Mendocino County sprechen bereits über die Einführung eines Herkunftssiegels, vergleichbar mit denen von Wein. Hill hat das wirtschaftliche Potenzial der Hanf-Pflanze erkannt: „Was Kalifornien tut, ahmt die Welt 20 Jahre später nach. Die Keime der alternativen Bewegung und der digitalen Technologien wurden hier gelegt – heute ist es das Marihuana.“

Die Tabakkonzerne mischen mit

In Mendocino County kandidiert der Ex-Abgeordnete Dan Hamburg mit ganz passablen Erfolgsaussichten für den Posten des Supervisors, was in etwa einem deutschen Kreisratsvorsitzenden entspricht. Das Krebsleiden seiner Frau Carrie, das durch das Pot „immerhin erträglich wurde“, überzeugte Hamburg davon, sich für die medizinische Verwendung von Marihuana stark zu machen.

Hamburg wohnt in Hanglange, sein Holzhaus wird von Solarzellen mit Strom versorgt. Von 1992 bis 1994 saß er als Vertreter Nordkaliforniens im Kongress in Washington. Damals versuchten Hamburgs politische Gegner immer wieder, seinen kalifornischen Look und seine intelligente, aber entspannte Art gegen ihn zu verwenden, ebenso wie seinen Einsatz für die Entkriminalisierung von Marihuana – selten jedoch mit Erfolg. „Ich werde gefragt, ob ich der Kandidat der Cannabis-Züchter sei“, erzählt er. „Ich antworte dann: ,Das hängt von den Züchtern ab.‘ Ich sehe mich selbst als der Kandidat der kleinen, legalen, medizinischen Züchter, aber nicht als der Kandidat der großen Hallen-Anbauer. Ich bin der Meinung, dass Cannabis ökologisch korrekt unter der Sonne angebaut werden sollte und nicht unter Leuchtstoffröhren.“ Hamburg ist von Beruf Umweltberater: „Ich habe etwas gegen den Lärm und gegen die Diesel-Lachen, die der Anbau in großen Gewächshäusern verursacht. Ich habe extreme Vorbehalte gegen den Einstieg der Tabakkonzerne ins Marihuanageschäft, denn das würde die Qualität drücken. Wir haben gehört, dass die Konzerne sich darauf vorbereiten, Land in der Gegend zu kaufen. Ihr Kandidat bin ich ganz sicher nicht.“

Zu Hamburgs Gegnern zählen auch einige, die mit dem Cannabis-Anbau selbst gar kein Problem haben. Und dennoch: „Die Marihuana-Pflanze ist so erfolgreich, dass sie die Löhne hochtreibt. Wenn ein Pot-Erntehelfer 20 Dollar und mehr in der Stunde verdient, dann können auch andere Landwirte ihren Arbeitern nicht mehr nur den Mindestlohn bezahlen.“

Hamburg will klar zwischen Legalisierung und Entkriminalisierung unterscheiden: „Ich bevorzuge letzteres. Ich bin nicht der Ansicht, dass Schulkinder kiffen sollten. Unser Ziel ist, dass die Leute die Möglichkeit haben, Marihuana anzubauen, dass sie dessen Qualität testen lassen können und dass davon sowohl die Konsumenten als auch die Bauern profitieren.“

Eklatante Preisunterschiede

Tom Allman wiederum, der Sheriff von Mendocino County und seit 28 Jahren im Dienst, sagt: „Das Problem sind nicht die Alt-Hippies. Sie sind harmlos. Aber wir haben es auch mit Mexikanern, Russen und Bulgaren zu tun – und die sind bewaffnet. Sie sind bereits organisiert, zusätzlich steigen Italiener, Briten und Deutsche ins Geschäft ein. Sie kommen, bleiben für ein Jahr, dann ziehen sie ins nächste County weiter. Wo Drogen sind, da gibt es auch Gewalt. Das ist das Problem.“

Allman erinnert sich daran, wie er einmal einen „Typen hochnahm“: „Kennen Sie diese Frachtcontainer, die Laster in der Gegend herumfahren? Nun, dieser Typ hatte acht davon in der Erde verbuddelt, in der Mitte eine Wasserzufuhr“. Allman zeichnet eine Skizze, die den Blütenblättern einer Blume gleicht. „Er hatte 8.000 Pflanzen. So etwas passiert hier überall – groß angelegte Hydrokulturen in einem County mit gerade mal 90.000 Einwohnern. 2009 haben wir 541.000 Pflanzen zerstört, was bedeutet, dass uns rund fünf Millionen illegale Pflanzen durch die Lappen gegangen sind, die etwa 15 bis 20 Millionen Liter Wasser am Tag benötigen. Erklären Sie das mal den Umweltschützern.“

Allman sorgt sich auch um den „Tourismus“, den das neue Gesetz ab November befördern könnte. „Wenn dieses Ding durchkommt, dann bekommt Amerika eine Schieflage und alle heruntergekommenen Menschen des Landes wird es hierher treiben.“ In Mendocino County sei ein Pfund Marihuana für nur 1.500 Dollar zu haben. „In Georgia kostet ein Pfund 4.200 Dollar. Stellen Sie sich das mal vor!“

Einen wie Allman kann die gegenwärtige, ständig wechselnde Gesetzeslage schon frustrieren. „Manche meiner Leute quittieren den Dienst, weil sie sagen, dass sie einfach keine Polizisten mehr sein können, wenn sie all diese Häuser unverrichteter Dinge verlassen und die Pflanzen zurücklassen müssen“, sagt er. „Selbst ich bin es etwas müde, verklagt zu werden. Die Leute kommen dann mit Gerichtsbeschlüssen her und ich muss ihnen ihr Marihuana wiedergeben. Ich habe noch nie einem Menschen im Rollstuhl etwas zurückgeben müssen, aber schon oft irgendeinem Jugendlichen.“

Freibrief für 200 Dollar

Allman geht zu seinem Computer und ruft die Seite potdoc.com auf, nicht ohne deren Geschäftsgebaren mit Verachtung zu kommentieren: „Du gehst zu einem Doktor, der dich fragt, ob du 200 Dollar dabei hast. Und von diesem Zeitpunkt an kannst du dich selbst therapieren, welches Leiden du auch immer angegeben hast.“

Am Nachmittag dann schließt sich Sheriff Allman 200 Bürgern an, die meisten von ihnen Cannabis-Bauern, die sich auf Geheiß des Mendocino Medical Marijuana Advisory Board und des Cannabis Law Institute zu einer ungewöhnlichen Veranstaltung treffen. Sie wollen darüber diskutieren, was alles geschehen könnte, wenn Kalifornien für die Legalisierung stimmt.

Allman plaudert mit ein paar Bekannten. Dann erscheint plötzlich sein Gesicht auf einer Leinwand im Raum. Es ist ein Dokumentarfilm, der dem Publikum gezeigt werden soll. Im Film erklärt der Sheriff: „Ich sage nicht, dass Marihuana ein harmloses kleines Kraut ist, das den Menschen nicht schadet. Aber in unserer Gesellschaft gibt es ernsthaftere Probleme. Ich verwende 30 Prozent meiner Zeit für Marihuana. Ich habe andere Dinge zu tun.“ Das Publikum, das Allman dabei betrachtet, wie er sich selbst auf der Leinwand beobachtet, bricht in Applaus aus und einer der Zuschauer flüstert: „Wir werden ihn beim Wort nehmen.“

Ed Vulliamy schreibt für den Guardian und den Observer, dem auch dieser Text entstammt

Übersetzung (gekürzt): Christine Käppeler

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11:50 14.06.2010
Geschrieben von

Ed Vulliamy | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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