Im Rausch des Paternalismus

Schottland Die schottische Regierung will Alkohol drastisch verteuern – und so Krankheit und Gewalt verhindern: der vorläufige Höhepunkt einer Reihe absurder Bevormundungsversuche

Bei allen drei Kabinetten, von denen Schottland seit der Dezentralisierung Großbritanniens bislang regiert wurde, ist ein Paradox immer wieder zutage getreten: Ein jedes hat sich darum bemüht, das Land zu einer Vorzeige-Demokratie zu machen, in der die Armen und Hilfebedürftigen Beistand finden. Wo zwei oder drei von uns zusammenkommen, da ist auch die schottische Regierung nicht weit, um uns als Minderheit vor Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung zu beschützen. Diese zutiefst humanistische Grundhaltung äußert sich in kostenloser Seniorenbetreuung und freien Kindergartenplätzen oder dem Recht von Gefangenen, für Verletzungen ihrer Menschenwürde entschädigt zu werden. Wegen geringerer Vergehen kommt bei uns niemand ins Gefängnis. Wir heißen Wirtschaftsflüchtlinge und Asylbewerber willkommen und trafen die weise Entscheidung, dem Lockerbie-Attentäter Abdelbasat al-Megrahi einen Tod unter seinen Angehörigen zuzugestehen. Das alles sind Dinge, die mich mit Stolz erfüllen, ein Schotte zu sein.
Das angesprochene Paradox zeigt sich nun aber darin, dass die politische Klasse inmitten all dieser vom Geist der Aufklärung beseelten Entscheidungen von einem geradezu wahnhaften Zwang besessen ist, zu ächten, zu verbieten und zu kriminalisieren. Man könnte vom John-Knox- Syndrom sprechen. Ein flüchtiger Blick auf den Index genügt: Wir haben das Rauchen in allen öffentlichen Räumen verboten und versucht, Trinkgläser und Happy Hours aus unseren Kneipen und Clubs zu verbannen. Es wird sogar ernsthaft darüber nachgedacht, die Kneipiers in den städtischen Problembezirken mit sanfter Gewalt davon zu überzeugen, in der letzten Stunde vor Schließung des Etablissements keine alkoholischen Getränke mehr auszuschenken.

Unhappy Hours

Wenn das so weiter geht, wird bald jede Schankstube im Land zur Einführung einer Unhappy Hour verdonnert, in der die Gäste Wiederholungen des 1978er WM-Spiels Peru gegen Schottland ansehen müssen und Flirts mit dem Personal streng verboten sind. Es wurde auch schon darüber nachgedacht, Ausgangssperren in den Gegenden zu verhängen, die unsere Entscheidungsträger aus der Mittelschicht nachts für gefährlich halten. Zu Beginn der ersten Sitzung des Schottischen Parlaments 2001 brachte der Abgeordnete für Castlemilk einen Gesetzesentwurf zum Verbot der Fuchsjagd ein. Offenbar hatte er völlig vergessen, dass Füchse in seinem Distrikt im Süden Glasgows ungefähr so zahlreich anzutreffen sind wie Fischadler. Mein Lieblingsverbot galt allerdings den Nerzfarmen: Kurz bevor das Gesetz in Kraft trat, stellte man fest, dass es in ganz Schottland kein einziges dieser abscheulichen Beinhäuser gibt. Ein Politiker schlug vor, man sollte die Kühlanlagen in den Haushalten der Armen regelmäßig untersuchen, um sicherzustellen, dass diese keine ungesunden Lebensmittel bunkern. Der nächste Schritt wäre vermutlich eine drakonische „Drei Pizzen und du bist draußen!“-Doktrin gewesen, nach der die Kinder der Gesetzesbrecher in öffentliche Fürsorge gegeben worden wären.

Immer wieder hört man Gerüchte, es gebe unter dem Parlamentsgebäude in Holyrood einen geheimen Raum, in dem eine parteiübergreifende Star-Kammer permanent tagt. Ihre bohrenden Blicke ständig auf die Untertanen gerichtet, beraten diese Herren und Damen darüber, welche menschliche Tätigkeit sie als nächstes beschränken könnten. Seit dem Ende der Sommerferien haben sie sich nun mit heiligem Eifer zum Ziel gesetzt, die Schotten an einen gesunden und verantwortungsvollen Lebensstil heranzuführen. So hörte man in der vergangenen Woche von Plänen, Kinderspielplätze aus Gründen der Gesundheitsprävention und Sicherheit zu schließen. In den fünf Schlafzimmer umfassenden Fertighäusern der schottischen Sauvignon-Klasse traut man seinen Kindern nicht mehr zu, alleine zur Schule zu gehen. In den Straßen rund um die Grundschulen kann man oft auf Dutzende Konvois schwarzer allradbetriebener SUVs treffen und fragt sich dann immer wieder verunsichert, ob nicht etwa gerade ein G12 Gipfel stattfindet, von dem man nichts mitbekommen hat.

Am vergangenen Donnerstag nun hat Gesundheitsministerin Nicola Sturgeon den Masterplan für diesen Herbst vorgestellt: Mindestpreise für Alkohol. Die Schottischen Nationalisten sind nahezu besessen von der Idee, Alkohol für die Armen unbezahlbar zu machen: Sollten die Pläne wirklich umgesetzt werden, würde sich der Preis für eine Zwei-Liter-Flasche Cider im Supermarkt verdreifachen. Gesundheitsministerin Sturgeon – ansonsten eine trittsichere und verantwortungsvolle Politikerin – will uns allen Ernstes weismachen, dass eine solche Maßnahme zu weniger Krankenhauseinweisungen wegen alkoholbedingter Gewalt führen und die Zahl der Patienten mit alkoholbedingten Krankheiten zurückgehen würde. Wenn sie auf derlei Rabulistik insistiert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die normalerweise eher schweigsame und elegante Miss Sturgeon selbst ein Gläschen zur Brust genommen hat.

Nutzlose Effekthascherei

Charakteristisch für diese Doktrin ist die ihr zugrunde liegende Annahme, dass nur die Armen und Unterprivilegierten Züge negativen Verhaltens an den Tag legen, wenn sie mit Alkohol in größeren Mengen in Berührung kommen. Dabei sind die Mittelschichten ganz genauso anfällig für alkoholbedingte Entgleisungen, sie verbergen sie nur etwas diskreter und feiern zuhause, anstatt ihr Geld in den Kneipen und Bars auf den Kopf zu hauen. Bei den Armen, die kein Gesicht zu verlieren haben, treten die Alkoholprobleme lediglich in offensichtlicherem asozialen Verhalten zutage. Wenn die Problemtrinker sich im Supermarkt keinen billigen Alkohol mehr kaufen können, werden sie direkt oder indirekt zu illegalen Mitteln greifen und kriminell werden, um sich ihren Stoff zu beschaffen.

Zu viele Schotten sterben vorzeitig an alkoholbedingten Krankheiten, und in unseren Gefängnissen sitzen zu viele ein, die ihr Leben unter dem Einfluss von Alkohol ruiniert haben. Erst wenn wir damit anfangen, die zunehmende Entfremdung der Jugendlichen, die in extremer Armut leben, ernsthaft anzugehen, werden wir die Alkoholprobleme dieser Leute in den Griff bekommen können. Die Regierung muss wesentlich mehr Geld in die Schulen der Problembezirke stecken und die Banken dazu zwingen, den Kleingewerbetreibenden in strukturschwachen Gebieten unter die Arme zu greifen. Verfügt die SNP über den Mut, im Sinne der Armen zu handeln? Oder werden die Nationalisten an der nutzlosen, kurzsichtigen Effekthascherei festhalten?

Übersetzung: Holger Hutt

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16:45 07.09.2010
Geschrieben von

Kevin McKenna | The Guardian

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The Guardian

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