Im Reich der vielen Märtyrer

Nordirak Die Kämpfer des IS sind aus Sindschar vertrieben. Zurück bleiben Zerstörung, Misstrauen und nur wenig Hoffnung
Ausgabe 45/2016
| The Guardian

Hinweg über ausgeblichene Knochen, Haarbüschel und Kleiderfetzen flattert ein Flugblatt der irakischen Armee im Wind. „Wir kommen, um euch vor dem IS zu retten!“, heißt es darauf – zwei Jahre zu spät für die Toten in diesem Massengrab. Zehn Minuten Autofahrt entfernt liegt die Stadt Sindschar oder das, was von ihr übrig blieb. Ganze Straßen sind immer noch reine Trümmerfelder. Die Rollläden der Geschäfte tragen weiterhin die Markierungen der Besatzer: zum Plündern freigegeben, wenn die Eigentümer Jesiden waren. Unter jedem Schutthaufen können Bomben versteckt liegen.

Die Stadt und der Distrikt Sindschar im Nordirak gelten als Symbole für das Leid der jesidischen Minderheit unter der Herrschaft des sogenannten Islamischen Staates (IS). Vor einem Jahr wurde die Region befreit. Seither jedoch ist wenig weggeräumt oder aufgebaut worden, auch eine offizielle Untersuchung der Massengräber sowie die dazu nötigen Exhumierungen stehen aus. Die Versorgungsbetriebe arbeiten nach wie vor nicht. Außerdem hat es bisher keinen Aufruf irgendwelcher Behörden zur Rückkehr von Flüchtlingen gegeben. Überall die gleichen Bilder erstarrter, lebloser Dörfer.

Verlassen und geisterhaft wirkt auch die Gegend ringsherum. Die einzigen Bewohner sind gut genährte Katzen und Ratten so groß wie Katzen, dazu ein paar argwöhnische Soldaten und eine Handvoll Ladenbesitzer, die sie versorgen, ohne davon wirklich leben zu können. Die Stadt Sindschar ist derart zerbombt, dass örtliche Autoritäten angeblich erwägen, die Ruinen als Mahnmal für das Leiden ihres Volkes einfach zu lassen, wie sie sind.

„Gut 70 Prozent der Gebäude sind zerstört“, sagt Nasir Pascha Chalaf, Sprecher der Bezirksregierung. „Das alles wieder instand zu setzen wäre aufwendiger, als ganz von vorn anzufangen. Daher die Idee, ein neues Sindschar zu bauen und das alte als Mahnmal stehen zu lassen.“

Nun, da der IS aus dem nahen Mossul gleichfalls vertrieben werden soll, wirkt die Lage in Sindschar wie eine düstere Prophezeiung: Die IS-Kämpfer loszuwerden, ist bloß der Anfang, Garantien dafür, den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen, gibt es nicht.

Zum Teil liegt es daran, dass die Besatzer den Bewohnern nicht nur körperliches Leid und materiellen Schaden zugefügt haben. Sie sprengten Straßen, Wohnhäuser und Kirchen, ebenso zerstörten sie das fein gesponnene Netzwerk der privaten Beziehungen, das diesen von religiöser Vielfalt geprägten Raum zusammenhielt. Das gegenseitige Vertrauen, aus dem heraus Jesiden und Muslime einander zu Paten ihrer Kinder ernannten, ist dahin. Flüchtlinge beschuldigen einstige Nachbarn, sie hätten sich der IS-Terrormiliz angeschlossen und bei deren Verbrechen mitgemacht. Ein IS-Kommandeur im Distrikt soll aus Sindschar gewesen sein.

„Es waren alles Leute von hier, die uns mit Füßen traten, uns mit Kabeln schlugen, uns zwingen wollten, zum Islam überzutreten“, berichtet eine Frau Ende 50, die fast ein Jahr lang vom IS gefangen gehalten wurde. Sie wünsche, anonym zu bleiben. Einige Familienangehörige seien noch immer in der Gewalt der Terrormiliz. Und man wisse doch, was ihnen alles passieren könne.

Die gleiche Ödnis

Dass Gebäude, die Jesiden gehörten, mit dem arabischen Buchstaben „J“ markiert wurden, beweist ebenfalls, dass die Peiniger ihre Opfer kannten. Besonders grausam gingen sie mit denen um, die sie „Teufelsanbeter“ nannten, weil sie einen Engel in Pfauengestalt verehren. Viele jesidische Flüchtlinge sagen, sie könnten nie wieder mit irakischen Sunniten zusammenleben, seit einige davon an den Gräueln der IS-Kämpfer beteiligt waren, an den Bluttaten, von denen die Massengräber zeugen, an Plünderungen ebenso.

Die Araber in der Gegend plagt ihrerseits die Furcht davor, pauschal als Kollaborateure angesehen und bestraft zu werden. Aus einigen arabischen Dörfern an der Straße zum Sindschar-Höhenzug sind sämtliche Bewohner geflohen. Von diesen Orten geht die gleiche Ödnis aus, wie sie für Gegenden typisch ist, die von den Dschihadisten vollends verwüstet wurden. Die alte Ordnung, wie sie bestand, bevor der IS einrückte, scheint unwiederbringlich verloren. Trümmer werden zur nicht nur vorübergehenden Verpackung des Nichts. Und die schwere Aufgabe, für verängstigte Gemeinschaften wieder ein Zusammenleben zu ermöglichen, stellt sich inzwischen in der gesamten Ninive-Ebene rings um Mossul.

Als schiitische Milizen mit dem Segen der irakischen Regierung dieser Tage verkündeten, sie hätten 5.000 Kämpfer in die Schlacht um Mossul geschickt – zunächst in die Stadt Tel Afar, südöstlich von Sindschar –, flammten Befürchtungen wieder auf, die konfessionellen Spannungen in der Region könnten außer Kontrolle geraten. Entsprechend ungehalten reagierte die Türkei. Tel Afar sei eine ganz und gar turkmenische Stadt, meint Präsident Recep Tayyip Erdoğan. „Wenn die Schiiten anfangen, sie zu terrorisieren, wird unsere Antwort deutlich sein.“

Es ist ein großes Hindernis für den Wiederaufbau Sindschars, dass die Front immer noch nur wenige Kilometer entfernt verläuft. Die Straßen liegen in Reichweite der Granatwerfer. Kürzlich erst führte der IS zwei gescheiterte Selbstmordangriffe auf die Stadt, wohl um die Aufmerksamkeit von Mossul abzulenken. Bei einer der Attacken versuchte ein IS-Kommando mit gepanzerten Bulldozern die Verteidigungslinien der kurdischen Peschmerga zu durchbrechen. Zwar wurde der Trupp in einiger Entfernung von der Stadt aufgehalten, doch auch solche Gefechte wirken zermürbend auf die Bevölkerung.

„Wir sind wegen unserer Schafe zurückgekommen“, erzählt die 56-jährige Laila, die zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem leeren Gebäude unweit ihres zerbombten früheren Wohnhauses eine kleine Olivenernte sichtet. „Aber die Sicherheit für uns wird ja nicht besser. Also werden wir uns wohl dafür entscheiden, unser Glück woanders zu suchen.“

Selbst jenseits des gewaltigen Sindschar-Höhenzugs, wo im August 2014 Hunderttausende Zuflucht vor den IS-Kämpfern suchten und bis heute noch über 2.000 Flüchtlinge ausharren, herrschen Angst und Argwohn. Die Jesiden trauen selbst den Peschmerga-Kämpfern nicht mehr über den Weg, seit diese sie den Massakern und der sexuellen Versklavung überließen, anstatt sich dem anrückenden IS entgegenzustellen. In die irakische Armee setzen sie ebenfalls keine übermäßigen Hoffnungen. „Wir wollen internationale Truppen“, lautet ein Graffiti in englischer Sprache auf einem Rollladen im Dorf Snuni auf der anderen Seite der Berge. Und obwohl Snuni äußerlich nicht sonderlich stark beschädigt zu sein scheint, weil der IS hier nur wenige Monate blieb, blockieren auch in diesem Dorf die Nachwirkungen der Kämpfe eine Rückkehr zur Normalität.

Verblassende Inschrift

Syrisch-kurdische Einheiten, die sich in der Gegend festzusetzen suchten, ehe der IS vordrang, waren die Ersten, die zur Verteidigung der Jesiden zu den Waffen griffen. Das verschaffte ihnen zwar viel Zuspruch in der Bevölkerung, führte aber zum Zerwürfnis mit der irakisch-kurdischen Selbstverwaltung. Seither werben beide Milizgruppen, die der syrischen wie die der irakischen Kurden, in großem Stil um die Gunst der Jesiden und stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im Gebirge fehlt es nicht an rivalisierenden Checkpoints mit nervösen Wachposten – und mit Bildern konkurrierender Märtyrer.

Das so entstandene Patt vereitelt bisher jeden Versuch, etwa Strom- und Wasserleitungen zu reparieren, die Schulen wieder zu eröffnen oder die zu Hunderttausenden in Lagern gestrandeten Flüchtlinge zur Rückkehr zu ermuntern. Manche Jesiden glauben, das ohnehin spartanische öffentliche Leben werde mit Absicht weiter lahmgelegt.

„Alle würden wiederkommen, gäbe es Wasser und Strom“, sagt der 24-jährige Saoud Fahad, der eine Geldwechselstube betreibt. „Wir sind in die Berge gegangen, als der IS gegen uns marschierte, aber sobald der wieder verschwunden war, habe ich mich nicht länger versteckt und diesen Laden gemietet. Ich dachte, wenn wir alle wegbleiben, gibt es hier bald gar keine Jesiden mehr.“

In Sindschar-Stadt verheißt ein verblassender Schriftzug an einem Gebäude, das dem IS offenbar als Stützpunkt diente: „Das Kalifat wird bleiben.“ Was soll man daraus schließen? Auch wenn der „Islamische Staat“ hier besiegt ist und der Irrsinn nicht länger grassieren darf – das Regime des religiösen Obskurantismus und der Gewalt wirft einen langen Schatten.

Emma Graham-Harrison ist Nahost-Reporterin für die Zeitungen Guardian und Observer

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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Emma Graham-Harrison | The Guardian

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